zuletzt aktualisiert: 12.04.2007
Initiative Kirche von unten

Horst Goldstein (†):

 


Brot des Lebens zur Ehre Gottes
Ein theologischer Merkzettel zum Ökumenischen Kirchentag

Zumindest offiziell werden katholische und evangelische Christen und Christinnen beim ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin kein gemeinsames Abendmahl feiern. Dogmatische Setzungen in Berlin und Rom verhindern so Kommunion, das heißt Gemeinschaft. Unser Autor empfiehlt den Gegnern einer ökumenischen Eucharistie einen Besuch im brasilianischen Crateús. Dort könnten sie einiges über die Hierarchie der Wahrheiten lernen.

"Bitte, Herr Pfarrer, geben Sie diesem Kind und mir etwas zu essen!", so habe ihn - erzählte vor einigen Jahren der damalige katholische Bischof von Crateús im ausgedörrten nordostbrasilianischen Bundesstaat Ceará, Dom Antônio Batista Fragoso - eine Frau nach dem Gottesdienst in der Sakristei angefleht. Die ausgemergelte Frau mit dem rachitischen Säugling auf dem Arm war ihm schon beim Austeilen der Kommunion in der Kirche aufgefallen. Jetzt war sie ihm in die Sakristei nachgekommen: "Bitte, seu padre, seit drei Tagen habe ich nichts mehr gegessen, außer dem Stückchen Brot der Eucharistie eben. Das Kind saugt mir meine Brustspitzen blutig, aber es kommt keine Milch mehr, meine Brüste versagen."

Missstände beim Abendmahl in Korinth
An die offensichtlich in Arme und Wohlhabende zerrissene Gemeinde in Korinth schreibt Paulus Mitte der fünfziger Jahre des ersten nachchristlichen Jahrhunderts: "Wenn ihr zusammenkommt, dann feiert ihr überhaupt nicht mehr das Mahl des Herrn. Denn noch bevor das Mahl beginnt, fängt jeder schon an zu essen, was er mitgebracht hat; und wenn dann später die anderen hungrig kommen, sind die einen schon betrunken. ... Wollt ihr etwa die unter euch beschämen, die nichts haben? ... Denn wenn ihr esst und trinkt ohne Rücksicht darauf, dass ihr es mit dem Leib des Herrn zu tun habt, zieht ihr euch durch euer Essen und Trinken das Strafgericht Gottes zu" (1 Kor 11,20-22.29). Offensichtlich, will Paulus sagen, gebe es auch bei Christen und Christinnen ein menschliches Verhalten, das - indem es andere auf der ganz materiellen Ebene von Essen und Trinken vor den Kopf stößt - die zentrale Wahrheit der Präsenz des Herrn in Brot und Wein in Abrede stellt.

Kein ökumenisches Abendmahl in Berlin
Auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin vom 28. Mai bis zum 1. Juni wird es wohl von offizieller Seite der katholischen Kirche und in deren Folge auch der evangelischen Kirchen keine ökumenische Gemeinschaft bei der Eucharistie beziehungsweise beim Abendmahl geben. Sei auch Gott sei Dank, heißt es, die alte Kontroverse um die Rechtfertigungslehre seit dem 31. Oktober 1999 zwischen katholischer und lutherischer Theologie zufrieden stellend geklärt, griffen doch im katholischen Verständnis die weiter offenen Fragen von Amt und Kirche so tief in die Sakramententheologie ein, dass ein ökumenisches Abendmahl und eucharistische Gastfreundschaft noch nicht möglich seien. Das zumindest gelte für eine eventuelle Teilnahme von Protestanten am katholischen Eucharistiemahl. So weit, so traurig.

Hierarchie der Wahrheiten
Wie, frage ich ziemlich ratlos, lassen sich denn bloß die drei Situationen um die Eucharistie auf einen gemeinsamen Nenner bringen: die menschlichen Gegebenheiten in Korinth und Crateús zum einen und die dogmatischen Setzungen in Berlin und im Hintergrund in Rom zum anderen - wenn Abendmahl für Protestanten wie Katholiken doch vor allem Kommunion, das heißt Gemeinschaft bedeutet?

Als Antwort fällt mir der Satz des Zweiten Vatikanischen Konzils ein: dass es "eine Rangordnung oder ‚Hierarchie’ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt", je nachdem, übersetze ich mit meinen Worten weiter, wie dicht sie mit dem Fundament des christlichen Glaubens zusammenhängen (Unitatis Redintegratio, Nr. 11). Für eines der Fundamente des christlichen Glaubens aber halte ich den Satz des johanneischen Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Die Wahrheit besteht mithin darin, dass Jesus mitsamt allen, die sich auf ihn einlassen, Leben vermittelt und dass sich diese Leben schaffende Wahrheit auf dem Weg befindet, will sagen: sich fortwährend neu zu bewähren hat. Leben, ja, geschenktes Leben ist also das Kriterium. Glora Dei vivens homo, formuliert der gegen 200 n. Chr. gestorbene Kirchenlehrer Irenäus von Lyon - zu deutsch: Gott wird dann verherrlicht, Gott wird dadurch verherrlicht, dass beziehungsweise wenn Menschen ermöglicht wird zu leben. Und auch diesmal dieselbe Erkenntnis: Auf Leben kommt es an! Eine Kirche, die sich - so gesehen - als Anwältin der Lebensmöglichkeiten der Menschen versteht, erweist sich dann in der Tat als "Expertin in Sachen Menschlichkeit", wie die Lateinamerikanische Bischofskonferenz in der mexikanischen Stadt Puebla 1979 festhält.

Das Letzte Abendmahl und die Speisungen davor
Dass Jesu letztes Mahl am Abend vor dessen Ermordung seine Sinnspitze findet in der Ermöglichung von Leben für die Menschen zur Ehre Gottes, wird auch dadurch erhärtet, dass es nicht abgespaltet werden darf von der Kette der verschiedenen Gelegenheiten, bei denen Jesus zu Lebzeiten mit unterschiedlichen Menschen gegessen hat: mit Zöllnern und Sündern (Mk 2,13-17 par; Mt 11,19 par; Lk 19,1-10 [Zachäus]), mit Simeon dem Aussätzigen (Mk 14,3-9; Mt 26,6-13), mit einem Pharisäer, bei dem er einer stadtbekannten Hure begegnet (Lk 7,36-50), sowie mit der hungrigen Menge, die - ohne Frauen und Kinder zu berücksichtigen - einmal auf fünf- (Mk 6,30-44) und das andere Mal auf viertausend Männer (Mk 8,1-10) beziffert wird. In der Regel handelt es sich dabei nicht nur um Kleine und Namenlose, mit denen Jesus zusammen isst, sondern auch um regelrechte Randexistenzen und zwielichtige Gestalten. All diese Speisungen stellen den Hintergrund dar, vor dem das eucharistisch-göttliche Mahl horizontal-menschliche Greifbarkeit gewinnt.

Eucharistie und Ökonomie
Im Brot der Eucharistie darf das Brot der Ökonomie nicht übersehen werden. Brot ist materielle Verdichtung von Arbeit und Schweiß, von Produktion und Vermarktung, von Geschichte und Gerechtigkeit, von Ungerechtigkeit und Aktienkurs. Der spanische Kämpfer für die Rechte der von frühkapitalistischer Globalisierung versklavten Indianer Bartolomé de las Casas (1484-1566) stößt beim Lesen des (zu den so genannten Spätschriften gehörenden) Buches Jesus Sirach auf den Satz: "Kärgliches Brot ist das Leben der Armen". Auf Grund seiner bitteren Erfahrung sieht er auch den gleich folgenden Satz bestätigt: "Wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger" und ein Mörder (34,25-26). Umgekehrt gibt das Abendmahl den sichtbaren, täglichen Phänomenen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens im 16. Jahrhundert wie heute, im Sinne einer zwischen diesseitiger Immanenz und jenseitiger Transzendenz vermittelnden Transparenz, eine sakramentale Tiefenschärfe. Das Brot auf dem Tisch einer Familie verweist auf das Brot auf dem Altar in der Kirche. Jede Mahlzeit hat sakralen Charakter - vorausgesetzt, wir lassen ihn uns nicht kaputt machen durch Fast Food und McDonald's. Und von der anderen Seite her betrachtet: Wer in der Feier der Eucharistie Gott Brot darbietet, an dem die Tränen von Entrechteten oder Hungernden haften, schickt sich an, Gott deren Leben zu opfern und treibt damit Götzendienst (vgl. Mt 5,23-24). Auf eine Formel gebracht kann man auch sagen: Zwischen Eucharistie und Ökonomie herrscht eine wechselseitige Dialektik.

Präsenz des Herrn im Brot und im Armen
Evangelische, zumindest lutherisch inspirierte, wie auch katholische Christen und Christinnen stimmen darin überein, dass in Brot und Wein auf dem Altar der Herr wirklich anwesend ist. Auf welche Weise er zugegen wird, gehört in die Kategorie der Fragen, die keine Ausladung der je anderen Seite mit sich bringen dürfen. Doch die Realpräsenz Christi ist nicht auf die eucharistischen "Gestalten" von Brot und Wein begrenzt. Bei Matthäus sagt Jesus: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (18,20). Nun ist aber eine der zentralen Aussagen der Befreiungstheologie, dass gerade die Armen die "Lieblingskinder Gottes" sind. Verbirgt sich also der Herr in allen Menschen, ist seine Präsenz umso greifbarer in den Armen. Fachtheologen werden - zugegeben - die Anwesenheit Christi und Gottes in den Opfern von militärischer Macht und globalisierter Ausbeutung zu unterscheiden wissen von der sakramentalen Präsenz des Herrn im eucharistischen Brot und Wein. Doch begäbe sich in meinen Augen auf einen Irrweg, wer der einen Form von Gegenwart eine größere Relevanz beimessen wollte als der anderen.

Wahrheit der Begegnung bei den Armen
Ich weiß: Es kann nur ein Traum bleiben, sich zu wünschen, dass alle zu Behutsamkeit und Geduld mahnenden Theologen der einen wie der anderen Rechtgläubigkeit auf ihrem Weg nach Berlin dort Station machten, wo überall in der Welt Crateús ist. Die Begegnung mit der ausgehungerten Gottesdienstbesucherin mit dem vom Tod bedrohten Kind auf dem Arm würde für sie, hoffe ich, auch ein Ort der theologischen Wahrheitsfindung. Die Armen tragen nämlich, wie die lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla sagen, ein "evangelisatorisches Potential" in sich, das ich in unserem Fall auch als "theologiekompetentes Potential" umschreiben würde. Schon Martin Buber bestand auf der "Wahrheit der Begegnung".

Zum Abschluss eine weitere Anregung. Fragte jemand unlängst: Ist denn das, was sich die offiziellen Kirchen angesichts der sozialen Lage in der Welt - und auch der kulturell-religiösen Situation in diesem Land, füge ich hinzu - leisten, nicht so etwas wie ein Luxusstreit? Schauen wir noch einmal nach Lateinamerika, nach Crateús näherhin! Da es in zahlreichen Pfarreien und insbesondere in den allermeisten kirchlichen Basisgemeinden dort keinen ordentlich geweihten Priester gibt, fühlen sich viele Christinnen und Christen herausgefordert, zu besonderen Anlässen - wie etwa am Gründonnerstag - das Geschehen im Abendmahlssaal mit ihren kreativen Möglichkeiten szenisch nachzugestalten. Manchmal sitzen dabei neben den katholischen auch evangelische Gläubige. Niemand zerbricht sich den Kopf, ob das, was denn da passiert, eine vollgültige Eucharistiefeier sei. Klugen Theologen ist indes klar: Mit Sicherheit ist die geschilderte celebração nicht nichts.

Der liebe Gott wird wohl wissen, was denn da positiv geschieht. Was ich mir auf dem Berliner Kirchentag also gewünscht hätte, wäre ein ökumenisches Festmahl mit dem Verweis auf 1 Kor 11,23-25: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Ohne den Anspruch zu erheben, eine römische Messe oder ein evangelisches Abendmahl zu feiern, fänden sich um Brot und Wein Priester und Pastorinnen, Laien und Bischöfe beiderlei Geschlechts zusammen. Meinetwegen könnten statt Brot und Wein auch Reis und Traubensaft, Maisfladen und Chicha-Bier, Maniok und Wasser gereicht werden. Dank ihrem Glauben und Beten, ihrem Singen und Hoffen könnte sich die versammelte Gemeinde, einschließlich der Gäste aus der weltweiten Ökumene, der Realpräsenz des Herrn sicher sein. Ob simple Andacht oder liturgisches Fest, ob Eucharistie oder Abendmahl oder keines von alledem, der menschenfreundliche (Tit 3,4) Gott würde die Feier schon richtig einordnen. Und der Ökumenische Kirchentag hätte Kirche und Welt einen großen Dienst getan.


Horst Goldstein

Für den ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin hatte Horst Goldstein für mehrere Veranstaltungen als Referent zugesagt und auch die Anfrage, diesen Beitrag für den "INKOTA-Brief" zum Kirchentag beizusteuern, hat er umgehend mit diesem schönen Artikel beantwortet. Horst Goldstein konnte am Kirchentag nicht mehr teilnehmen, er ist am 22. April 2003 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mit seinem Tod verliert die ökumenische Bewegung einen engagierten Mitstreiter (vgl. Pressemitteilung der IKvu).

Jetzt bestellen bei amazon.deDer katholische Theologe lebte mehrere Jahre in Lateinamerika und hat sich unter anderem als Übersetzer der Werke von Gustavo Gutierrez und Leonardo Boff darum verdient gemacht, die Theologie der Befreiung auch in Deutschland bekannt zu machen. Seit gut zehn Jahren lebte er in Berlin. Nachdem er einige Jahre das Bildungswerk der Franziskaner leitete, arbeitete er zuletzt als Referent, Übersetzer und Publizist. Sein letztes Buch "Genieß das Leben alle Tage - Eine befreiende Theologie des Wohlstandes" erschien 2002.

Für die freundliche Abdruckgenehmigung dieses Textes, der im Juni 2003 im "INKOTA-Brief" erschien, herzlichen Dank an das INKOTA-netzwerk (Berlin), Website: www.inkota.de