Horst Goldstein (†):
Brot des Lebens zur Ehre Gottes
Ein theologischer Merkzettel zum
Ökumenischen Kirchentag
Zumindest offiziell werden katholische und evangelische Christen und Christinnen beim ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin kein gemeinsames Abendmahl feiern. Dogmatische Setzungen in Berlin und Rom verhindern so Kommunion, das heißt Gemeinschaft. Unser Autor empfiehlt den Gegnern einer ökumenischen Eucharistie einen Besuch im brasilianischen Crateús. Dort könnten sie einiges über die Hierarchie der Wahrheiten lernen.
"Bitte, Herr Pfarrer, geben Sie diesem Kind und mir etwas zu essen!", so habe ihn - erzählte vor einigen Jahren der damalige katholische Bischof von Crateús im ausgedörrten nordostbrasilianischen Bundesstaat Ceará, Dom Antônio Batista Fragoso - eine Frau nach dem Gottesdienst in der Sakristei angefleht. Die ausgemergelte Frau mit dem rachitischen Säugling auf dem Arm war ihm schon beim Austeilen der Kommunion in der Kirche aufgefallen. Jetzt war sie ihm in die Sakristei nachgekommen: "Bitte, seu padre, seit drei Tagen habe ich nichts mehr gegessen, außer dem Stückchen Brot der Eucharistie eben. Das Kind saugt mir meine Brustspitzen blutig, aber es kommt keine Milch mehr, meine Brüste versagen."
Missstände beim
Abendmahl in Korinth
An die offensichtlich in Arme und Wohlhabende zerrissene Gemeinde in
Korinth schreibt Paulus Mitte der fünfziger Jahre des ersten
nachchristlichen Jahrhunderts: "Wenn ihr zusammenkommt, dann feiert ihr
überhaupt nicht mehr das Mahl des Herrn. Denn noch bevor das Mahl beginnt,
fängt jeder schon an zu essen, was er mitgebracht hat; und wenn dann später
die anderen hungrig kommen, sind die einen schon betrunken. ... Wollt ihr
etwa die unter euch beschämen, die nichts haben? ... Denn wenn ihr esst und
trinkt ohne Rücksicht darauf, dass ihr es mit dem Leib des Herrn zu tun
habt, zieht ihr euch durch euer Essen und Trinken das Strafgericht Gottes
zu" (1 Kor 11,20-22.29). Offensichtlich, will Paulus sagen, gebe es auch bei
Christen und Christinnen ein menschliches Verhalten, das - indem es andere
auf der ganz materiellen Ebene von Essen und Trinken vor den Kopf stößt -
die zentrale Wahrheit der Präsenz des Herrn in Brot und Wein in Abrede
stellt.
Kein ökumenisches
Abendmahl in Berlin
Auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin vom 28. Mai bis zum 1. Juni wird
es wohl von offizieller Seite der katholischen Kirche und in deren Folge
auch der evangelischen Kirchen keine ökumenische Gemeinschaft bei der
Eucharistie beziehungsweise beim Abendmahl geben. Sei auch Gott sei Dank,
heißt es, die alte Kontroverse um die Rechtfertigungslehre seit dem 31.
Oktober 1999 zwischen katholischer und lutherischer Theologie zufrieden
stellend geklärt, griffen doch im katholischen Verständnis die weiter
offenen Fragen von Amt und Kirche so tief in die Sakramententheologie ein,
dass ein ökumenisches Abendmahl und eucharistische Gastfreundschaft noch
nicht möglich seien. Das zumindest gelte für eine eventuelle Teilnahme von
Protestanten am katholischen Eucharistiemahl. So weit, so traurig.
Hierarchie der
Wahrheiten
Wie, frage ich ziemlich ratlos, lassen sich denn bloß die drei
Situationen um die Eucharistie auf einen gemeinsamen Nenner bringen: die
menschlichen Gegebenheiten in Korinth und Crateús zum einen und die
dogmatischen Setzungen in Berlin und im Hintergrund in Rom zum anderen -
wenn Abendmahl für Protestanten wie Katholiken doch vor allem Kommunion, das
heißt Gemeinschaft bedeutet?
Als Antwort fällt mir der Satz des Zweiten Vatikanischen Konzils ein: dass es "eine Rangordnung oder ‚Hierarchie’ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt", je nachdem, übersetze ich mit meinen Worten weiter, wie dicht sie mit dem Fundament des christlichen Glaubens zusammenhängen (Unitatis Redintegratio, Nr. 11). Für eines der Fundamente des christlichen Glaubens aber halte ich den Satz des johanneischen Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Die Wahrheit besteht mithin darin, dass Jesus mitsamt allen, die sich auf ihn einlassen, Leben vermittelt und dass sich diese Leben schaffende Wahrheit auf dem Weg befindet, will sagen: sich fortwährend neu zu bewähren hat. Leben, ja, geschenktes Leben ist also das Kriterium. Glora Dei vivens homo, formuliert der gegen 200 n. Chr. gestorbene Kirchenlehrer Irenäus von Lyon - zu deutsch: Gott wird dann verherrlicht, Gott wird dadurch verherrlicht, dass beziehungsweise wenn Menschen ermöglicht wird zu leben. Und auch diesmal dieselbe Erkenntnis: Auf Leben kommt es an! Eine Kirche, die sich - so gesehen - als Anwältin der Lebensmöglichkeiten der Menschen versteht, erweist sich dann in der Tat als "Expertin in Sachen Menschlichkeit", wie die Lateinamerikanische Bischofskonferenz in der mexikanischen Stadt Puebla 1979 festhält.
Das Letzte Abendmahl und
die Speisungen davor
Dass Jesu letztes Mahl am Abend vor dessen Ermordung seine Sinnspitze findet
in der Ermöglichung von Leben für die Menschen zur Ehre Gottes, wird auch
dadurch erhärtet, dass es nicht abgespaltet werden darf von der Kette der
verschiedenen Gelegenheiten, bei denen Jesus zu Lebzeiten mit
unterschiedlichen Menschen gegessen hat: mit Zöllnern und Sündern (Mk
2,13-17 par; Mt 11,19 par; Lk 19,1-10 [Zachäus]), mit Simeon dem Aussätzigen
(Mk 14,3-9; Mt 26,6-13), mit einem Pharisäer, bei dem er einer
stadtbekannten Hure begegnet (Lk 7,36-50), sowie mit der hungrigen Menge,
die - ohne Frauen und Kinder zu berücksichtigen - einmal auf fünf- (Mk
6,30-44) und das andere Mal auf viertausend Männer (Mk 8,1-10) beziffert
wird. In der Regel handelt es sich dabei nicht nur um Kleine und Namenlose,
mit denen Jesus zusammen isst, sondern auch um regelrechte Randexistenzen
und zwielichtige Gestalten. All diese Speisungen stellen den Hintergrund
dar, vor dem das eucharistisch-göttliche Mahl horizontal-menschliche
Greifbarkeit gewinnt.
Eucharistie und Ökonomie
Im Brot der Eucharistie darf das Brot der Ökonomie nicht übersehen werden.
Brot ist materielle Verdichtung von Arbeit und Schweiß, von Produktion und
Vermarktung, von Geschichte und Gerechtigkeit, von Ungerechtigkeit und
Aktienkurs. Der spanische Kämpfer für die Rechte der von
frühkapitalistischer Globalisierung versklavten Indianer Bartolomé de las
Casas (1484-1566) stößt beim Lesen des (zu den so genannten Spätschriften
gehörenden) Buches Jesus Sirach auf den Satz: "Kärgliches Brot ist das Leben
der Armen". Auf Grund seiner bitteren Erfahrung sieht er auch den gleich
folgenden Satz bestätigt: "Wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger" und
ein Mörder (34,25-26). Umgekehrt gibt das Abendmahl den sichtbaren,
täglichen Phänomenen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens im 16.
Jahrhundert wie heute, im Sinne einer zwischen diesseitiger Immanenz und
jenseitiger Transzendenz vermittelnden Transparenz, eine sakramentale
Tiefenschärfe. Das Brot auf dem Tisch einer Familie verweist auf das Brot
auf dem Altar in der Kirche. Jede Mahlzeit hat sakralen Charakter -
vorausgesetzt, wir lassen ihn uns nicht kaputt machen durch Fast Food und
McDonald's. Und von der anderen Seite her betrachtet: Wer in der Feier der
Eucharistie Gott Brot darbietet, an dem die Tränen von Entrechteten oder
Hungernden haften, schickt sich an, Gott deren Leben zu opfern und treibt
damit Götzendienst (vgl. Mt 5,23-24). Auf eine Formel gebracht kann man auch
sagen: Zwischen Eucharistie und Ökonomie herrscht eine wechselseitige
Dialektik.
Präsenz des Herrn im
Brot und im Armen
Evangelische, zumindest lutherisch inspirierte, wie auch katholische
Christen und Christinnen stimmen darin überein, dass in Brot und Wein auf
dem Altar der Herr wirklich anwesend ist. Auf welche Weise er zugegen wird,
gehört in die Kategorie der Fragen, die keine Ausladung der je anderen Seite
mit sich bringen dürfen. Doch die Realpräsenz Christi ist nicht auf die
eucharistischen "Gestalten" von Brot und Wein begrenzt. Bei Matthäus sagt
Jesus: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten
unter ihnen" (18,20). Nun ist aber eine der zentralen Aussagen der
Befreiungstheologie, dass gerade die Armen die "Lieblingskinder Gottes"
sind. Verbirgt sich also der Herr in allen Menschen, ist seine Präsenz umso
greifbarer in den Armen. Fachtheologen werden - zugegeben - die Anwesenheit
Christi und Gottes in den Opfern von militärischer Macht und globalisierter
Ausbeutung zu unterscheiden wissen von der sakramentalen Präsenz des Herrn
im eucharistischen Brot und Wein. Doch begäbe sich in meinen Augen auf einen
Irrweg, wer der einen Form von Gegenwart eine größere Relevanz beimessen
wollte als der anderen.
Wahrheit der Begegnung
bei den Armen
Ich weiß: Es kann nur ein Traum bleiben, sich zu wünschen, dass alle zu
Behutsamkeit und Geduld mahnenden Theologen der einen wie der anderen
Rechtgläubigkeit auf ihrem Weg nach Berlin dort Station machten, wo überall
in der Welt Crateús ist. Die Begegnung mit der ausgehungerten
Gottesdienstbesucherin mit dem vom Tod bedrohten Kind auf dem Arm würde für
sie, hoffe ich, auch ein Ort der theologischen Wahrheitsfindung. Die Armen
tragen nämlich, wie die lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla sagen, ein "evangelisatorisches
Potential" in sich, das ich in unserem Fall auch als "theologiekompetentes
Potential" umschreiben würde. Schon Martin Buber bestand auf der "Wahrheit
der Begegnung".
Zum Abschluss eine weitere Anregung. Fragte jemand unlängst: Ist denn das, was sich die offiziellen Kirchen angesichts der sozialen Lage in der Welt - und auch der kulturell-religiösen Situation in diesem Land, füge ich hinzu - leisten, nicht so etwas wie ein Luxusstreit? Schauen wir noch einmal nach Lateinamerika, nach Crateús näherhin! Da es in zahlreichen Pfarreien und insbesondere in den allermeisten kirchlichen Basisgemeinden dort keinen ordentlich geweihten Priester gibt, fühlen sich viele Christinnen und Christen herausgefordert, zu besonderen Anlässen - wie etwa am Gründonnerstag - das Geschehen im Abendmahlssaal mit ihren kreativen Möglichkeiten szenisch nachzugestalten. Manchmal sitzen dabei neben den katholischen auch evangelische Gläubige. Niemand zerbricht sich den Kopf, ob das, was denn da passiert, eine vollgültige Eucharistiefeier sei. Klugen Theologen ist indes klar: Mit Sicherheit ist die geschilderte celebração nicht nichts.
Der liebe Gott wird wohl wissen, was denn da positiv geschieht. Was ich mir auf dem Berliner Kirchentag also gewünscht hätte, wäre ein ökumenisches Festmahl mit dem Verweis auf 1 Kor 11,23-25: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Ohne den Anspruch zu erheben, eine römische Messe oder ein evangelisches Abendmahl zu feiern, fänden sich um Brot und Wein Priester und Pastorinnen, Laien und Bischöfe beiderlei Geschlechts zusammen. Meinetwegen könnten statt Brot und Wein auch Reis und Traubensaft, Maisfladen und Chicha-Bier, Maniok und Wasser gereicht werden. Dank ihrem Glauben und Beten, ihrem Singen und Hoffen könnte sich die versammelte Gemeinde, einschließlich der Gäste aus der weltweiten Ökumene, der Realpräsenz des Herrn sicher sein. Ob simple Andacht oder liturgisches Fest, ob Eucharistie oder Abendmahl oder keines von alledem, der menschenfreundliche (Tit 3,4) Gott würde die Feier schon richtig einordnen. Und der Ökumenische Kirchentag hätte Kirche und Welt einen großen Dienst getan.
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Für den ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin hatte Horst Goldstein für mehrere Veranstaltungen als Referent zugesagt und auch die Anfrage, diesen Beitrag für den "INKOTA-Brief" zum Kirchentag beizusteuern, hat er umgehend mit diesem schönen Artikel beantwortet. Horst Goldstein konnte am Kirchentag nicht mehr teilnehmen, er ist am 22. April 2003 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mit seinem Tod verliert die ökumenische Bewegung einen engagierten Mitstreiter (vgl. Pressemitteilung der IKvu).
Für die freundliche Abdruckgenehmigung dieses Textes, der im Juni 2003 im "INKOTA-Brief" erschien, herzlichen Dank an das INKOTA-netzwerk (Berlin), Website: www.inkota.de |


Der katholische Theologe lebte
mehrere Jahre in Lateinamerika und hat sich unter anderem als
Übersetzer der Werke von Gustavo Gutierrez und Leonardo Boff darum
verdient gemacht, die Theologie der Befreiung auch in Deutschland
bekannt zu machen. Seit gut zehn Jahren lebte er in Berlin. Nachdem er
einige Jahre das Bildungswerk der Franziskaner leitete, arbeitete er
zuletzt als Referent, Übersetzer und Publizist. Sein letztes Buch
"Genieß das Leben alle Tage - Eine befreiende Theologie des
Wohlstandes" erschien 2002.