zuletzt aktualisiert: 12.04.2007
Initiative Kirche von unten

 

 


"Die befreiende Kraft des Evangeliums"

Initiative Kirche von unten zum Tod von Dorothee Sölle und Horst Goldstein

Oscar-Romero-Haus / Bonn, 27.04.2003. Dorothee Sölle und Horst Goldstein sind tot. Das zeitliche Zusammentreffen ihres Todes vergrößert unsern Verlust, verstärkt unsere Betroffenheit. Noch kann niemand die ganze Tragweite ihres Todes ermessen - beide haben große Bedeutung für die Theologie der Befreiung und die neue politische Theologie. Die IKvu verliert zwei ihrer wichtigsten Vordenker, Wegbereiter und kritischen Mahner.


DOROTHEE SÖLLE (*1929 in Köln) hat durch ihre Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann eine Theologie entwickelt, die den Plausibilitäten der bürgerlichen Welt und der darin verankerten bürgerlichen Theologie widerstand. So trug sie zur Entstehung einer neuen politischen Theologie in der Bundesrepublik Deutschland bei, die sich dem Kampf um Gerechtigkeit verpflichtet weiß. In ihrem literarischen Werk verband sie theoretisches Nachdenken über den Glauben Jesu mit poetischen Texten, die eine Hoffnung auf ein Leben durch den Tod hindurch aufscheinen lassen. Indem sie an der Hoffnung auf Auferstehung der Toten festhielt, zeigte sie die Möglichkeit auf, dem Tod, den die bürgerliche Welt tagtäglich in Gestalt von Armut, Elend und Krieg hervorbringt, zu widerstehen und einen neuen Weg zu gehen, der Gerechtigkeit und Frieden bringt und das Zelt Gottes unter den Menschen aufstellt.

Insbesondere als feministische Theologin forderte sie den deutschen Protestantismus immer wieder heraus. Dorothee Sölle verband in ihrem Leben theologische Reflexion mit praktischem Tun. Sie gehörte 1973 zu den GründerInnen der ChristInnen für den Sozialismus (CfS) in der BRD. Als Professorin am Union Theological Seminary in New York von 1975-87 entwickelte sie ein "Gott denken", das den universitären Rahmen sprengt und beispielhaft das Ineinandergehen von "Mystik und Widerstand" artikuliert.

Der IKvu ist Dorothee Sölle - zuletzt als Predigerin beim inkriminierten ökumenischen Mahlgottesdienst 2000 in Hamburg und in Vorbereitung für den Ökumenischen Kirchentag in Berlin - vielfach verbunden.


HORST GOLDSTEIN (*1939) verbrachte viele Jahre in Lateinamerika, besonders in Brasilien. Im Zentrum seiner theologischen Arbeit steht die Theologie der Befreiung - jene prophetische Bewegung, die seit den 60er Jahren konsequent aus der Sicht der Armen und Unterdrückten neue Zugänge zur Bibel und neue Erklärungsmuster zum Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Abhängigkeiten lieferte.

Mit viel Engagement übersetzte Horst Goldstein die Autoren der Befreiungstheologie aus dem Spanischen und Portugiesischen ins Deutsche, allen voran die Schriften von Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff. So hat er dazu beigetragen, diese neue Art, Theologie zu treiben, im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Dabei galt seine Solidarität stets denen, die um Befreiung aus Unterdrückung und Armut kämpfen. Dies ermöglichte erst die Entstehung einer von dieser Theologie inspirierten, basiskirchlichen Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland, zu deren Entwicklung er auch mit eigenen Arbeiten beitrug.


Diese beiden Stimmen der Gerechtigkeit sind nun für immer verstummt. Ohne Dorothee Sölle und Horst Goldstein wäre die Theologie der Befreiung hierzulande weitgehend ein Fremdwort geblieben. Beide solidarisierten sich ohne Vorbehalt mit den Armen und Unterdrückten, beide verbanden die Analyse von Armut und Unterdrückung mit Forderungen nach Veränderung und Umkehr - auch für die politische Praxis in der westlichen Welt. Durch ihre Inspiration werden sie bei uns bleiben. Die Samen, die sie ausgesät haben, werden zu einem Garten werden, worin die Menschen leben und in Fülle leben können.

Der Tod von Dorothee Sölle und Horst Goldstein bedeutet für die IKvu einen unersetzlichen Verlust, er ist uns Anlaß für tiefe Trauer und auch Dankbarkeit und zugleich Mahnung und Auftrag, in ihrem Sinne weiterzuarbeiten und die befreiende Botschaft der Bibel in unsere Kirchen und in unsere Gesellschaft hineinzutragen.

Bernd Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer