zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Zum Ausschluss von Paulo Suess aus der Theologischen Fakulät von Sao Paulo 2002

Paulo Suess, Erklärung der Zusammenhänge meines Ausschlusses

Sehr geehrte Leserinnen und Leser dieser Zeilen,

die Sie mich auf irgendeine Weise um einen kirchenpolitischen und ortskirchlichen Leseschlüssel der Ereignisse gebeten haben, die zu meinem Ausschluss aus der Theologischen Fakultät in São Paulo geführt haben. Hier der Versuch einer Artikulation der Zusammenhänge.

Institutionen und ihre Verantwortlichen

An meinem Ausschluss sind drei Institutionen mit ihren jeweiligen Verantwortlichen beteiligt: 
- die Erzdiözese S
ão Paulo, mit ihrem Erzbischof Cláudio Hummes (Kardinal);
- die Päpstliche Theologische Fakultät, Nossa Senhora da Assun
ção, mit ihrem ehemaligen Direktor (bis 30.12.2001), José Benedito Simão, (ab 25.1.2002 Weihbischof von São Paulo) und ihrem jetzigen Direktor, Antonio Manzatto, der bis zum 30.12.2001 akademischer Vizedirektor war;
- das Universit
ätszentrum (Centro Universitário Assunção) UniFAI, mit ihrem Diretor Presidente Roberto Mascarenhas Roxo. “Universitätszentrum” ist eine vom Erziehungsministerium anerkannte rechtliche Vorstufe zur Universität.

Ideologische Hintergründe

Die Nachfolge von Dom Paulo Evaristo Arns, 1998, hatte die innerkirchliche Aufgabe, die theologischen Hügel und die pastoralen Täler, die er aufgebaut hatte, abzutragen. Dom Cláudio Hummes – ehemaliger Professor in Philosophie, diskret im Auftreten - war für diese Aufgabe ausgewählt worden. Der neue hegemonische Diskurs lautet: “Jetzt aber müssen wir endlich evangelisieren”.

Bei der letzten Wahl des Präsidenten der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) war D. Cláudio Kandidat des konservativen Sektors und hat die Wahl verloren. D. Cláudio wird anfangs Februar 2002 die Exerzitien für den Papst und die Römische Kurie predigen.

Im Jahr 2000 war die Theologische Fakultät von D. Cláudio in das Universitätszentrum UniFAI eingegliedert worden. Damit bekam der dortige Direktor, Mascarenhas Roxo, auch in der Lage, die Möglichkeit, Entscheidungen der Theologischen Fakultät - unter dem Vorwand von Finanzfragen - zu fördern oder abzublocken.

Wer ist Pater Mascarenhas Roxo? Er war anfangs der 70er Jahre Direktor der Theologischen Fakultät, trat dann aber, nach einer Abstimmung über die theologische Richtung der Fakultät, bei der die fortschrittliche Linie gewonnen hatte, von der Fakultätsleitung zurück. Er gründete dann am gleichen Campus die “Faculdades Associadas de Ipirange” (FAI), mit einer Vielzahl von Fakultäten (Philosophie, Verwaltung, Geschichte, Literatur, Turismus, Komputerwesen; www.fai.br), die dort in den Abendstunden funktionieren. Die ökonomisch gut florierende FAI bezahlte Licht, Wasser und Telephon der Theologischen Fakultät und erhielt im Gegenzug das Recht, die Räume der Fakultät zu einem symbolischen Preis zu nützen. Als D. Cláudio Hummes die Theologische Fakultät in die mittlererweile von der FAI zur UniFAI avancierte Institution eingliederte, hat er damit die Theologie seiner Diözese genau in die Hände gegeben, die sich schon vor 30 Jahren zum Steinwurf gegen die Befreiungstheologie erhoben haben.

D. Cláudio Hummes wurde von mir am 8.11.2001 über meinen drohenden Ausschluss an der UniFAI informiert und sagte mir am Telefon, dass er nun auch die andere Seite hören müsse. Meine Briefe hat er nie beantwortet. Nach Anhörung der “anderen Seite”, hat diese, in der Person von Roberto Mascarenhas Roxo, mir am Semesterschluss (29.11.2001) schriftlich mitgeteilt, dass ich an der UniFAI keinen Arbeitsvertrag bekommen würde. Damit ist die Postgraduierung in Missionswissenschaft aus der UniFAI praktisch eliminiert.

Bis heute habe von keiner kirchlichen Instanz eine theologische Zensur erhalten. Freilich steht meine theologische Arbeit im Eingeborenen Missionsrat (CIMI), bei Basisgruppen und Ordensleuten für eine klare ”Option für die Armen und Anderen”, für Ökumene und Dialog. mit anderen Kulturen und Religionen. Die Sache der Indios, für die CIMI sich nun schon dreißig Jahre einsetzt (ich war dort Generalsekretär und Lateinamerikabeauftragter), ist bei einigen kirchlichen Sektoren nicht unumstritten. In den letzten 10 Jahren war meine Aufgabe bei CIMI vor allem, der pastoralen Arbeit theologisch den Rücken frei zu halten.

Formalitäten

1987 habe die Postgraduierung in Missionswissenschaft gegründet und seither geleitet. Bis heute habe ich keinerlei Vergütung für meine Vorlesungen oder Verwaltungsarbeit erhalten. D. Paulo Arns war bei der feierlichen Eröffnungsvorlesung (1988) mit dabei und hat die Missionswissenschaft ortskirchlich bis zu seiner Emeritierung mitgetragen. Als die Fakultät ins Universitätszentrum integriert wurde (2000), sagte der damalige akademische Vizedirektor, Pater Manzatto, dass wir ab Januar 2001 Arbeitsverträge bekommen würden, so wie es das Erziehungsministerium verlangt. Der Direktor der Theologische Fakultät, Pater Simão, hat dann an Pater Roxo eine Liste mit neun Professoren gegeben, die von der UniFAI unter Vertrag zu nehmen seien. Aus dieser Liste hat er meinen Namen – trotz gegenteiliger Abmachung mit Manzatto - ausgeschlossen, ohne mich zu unterrichten. Nach einem halben Jahr sagte er mir, dass mein Name nicht auf der Liste gestanden hätte, dass dies wohl ein Fehler gewesen wäre und dass er sich bei Roxo bemühen würde, das zu sanieren. Das Jahr 2001 ging dann zu Ende mit der Mitteilung, dass ich mit keinem Arbeitsvertrag an der UniFAI rechnen könne. Diese administrativen Formalitäten brauchen angesichts der Neuorientierung der Erzdiözese São Paulo nicht allzuernst genommen werden.

Solidarität und Perspektiven

Solidarität und Proteste haben nur Sinn, wenn sie nicht um meine Person kreisen, sondern die kirchenpolitische Dimension im Hinblick auf den Stellenwert von Missionswissenschaft, theologische Ausbildung und Pastoral im Auge behalten.

Die Postgraduierung in Missionswissenschaft war wie ein Hügel in der theologischen Landschaft der Fakultät. Ich danke allen, Kollegen und Studierenden, die mit mir auf diesem Hügel gearbeitet haben. Der Abstieg ins flache Land, der uns der beschädigten Menschheit näher bringen kann, ist ohne Bitterkeit. Fenster die sich schließen können zu Türen werden, die sich öffnen. In den letzten Wochen haben sich für mich viele Türen und Tore (z.B. Theologische Fakultäten) geöffnet. Die Fakultät der Ordensleute, ITESP, wird im Jahr 2003 eine Postgraduierung in Missionswissenschaft beginnen und würde sich über meinen dortigen Einstieg freuen. Wo Tore sich öffnen, will ich keine verschlossenen Fenster einrennen oder beklagen. Durch eines dieser Tore führt der “andere” Weg, auf dem die Drei Weisen in ihr Land zurückkehrten.

Haben Sie Dank für alles Ringen um die Sache der Armen und Anderen

Ihr 
Paulo Suess