Zum Ausschluss von Paulo Suess aus der Theologischen Fakulät von Sao Paulo 2002
Paulo Suess, Erklärung der Zusammenhänge meines Ausschlusses
Sehr
geehrte Leserinnen und Leser dieser Zeilen,
die
Sie mich auf irgendeine Weise um einen kirchenpolitischen und
ortskirchlichen Leseschlüssel der Ereignisse gebeten haben,
die zu meinem Ausschluss aus der Theologischen Fakultät in São
Paulo geführt haben. Hier der
Versuch einer Artikulation der Zusammenhänge.
Institutionen und ihre Verantwortlichen
An meinem
Ausschluss sind drei Institutionen mit ihren jeweiligen Verantwortlichen
beteiligt:
- die Erzdiözese São
Paulo, mit ihrem Erzbischof Cláudio Hummes (Kardinal);
- die Päpstliche Theologische Fakultät, Nossa Senhora da Assunção,
mit ihrem ehemaligen Direktor (bis 30.12.2001), José Benedito Simão, (ab
25.1.2002 Weihbischof von São Paulo) und ihrem jetzigen Direktor, Antonio
Manzatto, der bis zum 30.12.2001 akademischer Vizedirektor war;
- das Universitätszentrum (Centro
Universitário Assunção)
UniFAI, mit ihrem Diretor Presidente Roberto Mascarenhas Roxo. “Universitätszentrum”
ist eine vom Erziehungsministerium anerkannte rechtliche Vorstufe zur
Universität.
Ideologische Hintergründe
Die
Nachfolge von Dom Paulo Evaristo Arns, 1998, hatte die innerkirchliche
Aufgabe, die theologischen Hügel und die pastoralen Täler, die er
aufgebaut hatte, abzutragen. Dom Cláudio
Hummes – ehemaliger Professor
in Philosophie, diskret im Auftreten - war für diese Aufgabe ausgewählt
worden. Der neue hegemonische Diskurs lautet: “Jetzt aber müssen wir
endlich evangelisieren”.
Bei der
letzten Wahl des Präsidenten der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB)
war D. Cláudio
Kandidat des konservativen Sektors und hat die Wahl verloren. D. Cláudio
wird anfangs Februar 2002 die Exerzitien für
den Papst und die Römische Kurie predigen.
Im Jahr
2000 war die Theologische Fakultät von D. Cláudio
in das Universitätszentrum
UniFAI eingegliedert worden. Damit bekam der dortige Direktor, Mascarenhas
Roxo, auch in der Lage, die Möglichkeit, Entscheidungen der Theologischen
Fakultät - unter dem Vorwand von Finanzfragen - zu fördern oder
abzublocken.
Wer ist
Pater Mascarenhas Roxo? Er war anfangs der 70er Jahre Direktor der
Theologischen Fakultät, trat dann aber, nach einer Abstimmung über die
theologische Richtung der Fakultät, bei der die fortschrittliche Linie
gewonnen hatte, von der Fakultätsleitung zurück. Er gründete dann am
gleichen Campus die “Faculdades Associadas de Ipirange” (FAI), mit einer
Vielzahl von Fakultäten (Philosophie, Verwaltung, Geschichte, Literatur,
Turismus, Komputerwesen; www.fai.br), die
dort in den Abendstunden funktionieren. Die ökonomisch gut florierende FAI
bezahlte Licht, Wasser und Telephon der Theologischen Fakultät und erhielt
im Gegenzug das Recht, die Räume der Fakultät zu einem symbolischen Preis
zu nützen. Als D. Cláudio
Hummes die Theologische Fakultät
in die mittlererweile von der FAI zur UniFAI avancierte Institution
eingliederte, hat er damit die Theologie seiner Diözese genau in die Hände
gegeben, die sich schon vor 30 Jahren zum Steinwurf gegen die
Befreiungstheologie erhoben haben.
D. Cláudio
Hummes wurde von mir am 8.11.2001 über
meinen drohenden Ausschluss an der UniFAI informiert und sagte mir am
Telefon, dass er nun auch die andere Seite hören müsse. Meine Briefe hat
er nie beantwortet. Nach Anhörung der “anderen Seite”, hat diese, in
der Person von Roberto
Mascarenhas Roxo, mir am Semesterschluss (29.11.2001) schriftlich
mitgeteilt, dass ich an der UniFAI keinen Arbeitsvertrag bekommen würde.
Damit ist die Postgraduierung in Missionswissenschaft aus der UniFAI
praktisch eliminiert.
Bis heute
habe von keiner kirchlichen Instanz eine theologische Zensur erhalten.
Freilich steht meine theologische Arbeit im Eingeborenen Missionsrat (CIMI),
bei Basisgruppen und Ordensleuten für eine klare
”Option für die Armen und Anderen”, für Ökumene und Dialog. mit
anderen Kulturen und Religionen. Die Sache der Indios, für die CIMI sich
nun schon dreißig Jahre einsetzt (ich war dort Generalsekretär und
Lateinamerikabeauftragter), ist bei einigen kirchlichen Sektoren nicht
unumstritten. In den letzten 10 Jahren war meine Aufgabe bei CIMI vor allem,
der pastoralen Arbeit theologisch den Rücken frei zu halten.
Formalitäten
1987 habe
die Postgraduierung in Missionswissenschaft gegründet und seither geleitet.
Bis heute habe ich keinerlei Vergütung für meine Vorlesungen oder
Verwaltungsarbeit erhalten. D. Paulo Arns war bei der feierlichen Eröffnungsvorlesung
(1988) mit dabei und hat die Missionswissenschaft ortskirchlich bis zu
seiner Emeritierung mitgetragen. Als die Fakultät ins Universitätszentrum
integriert wurde (2000), sagte der damalige akademische Vizedirektor, Pater
Manzatto, dass wir ab Januar 2001 Arbeitsverträge bekommen würden, so wie
es das Erziehungsministerium verlangt. Der Direktor der Theologische Fakultät,
Pater Simão, hat dann
an Pater Roxo eine Liste mit neun Professoren gegeben, die von der UniFAI
unter Vertrag zu nehmen seien.
Aus dieser Liste hat er meinen Namen – trotz gegenteiliger Abmachung mit
Manzatto - ausgeschlossen, ohne mich zu unterrichten. Nach einem halben Jahr
sagte er mir, dass mein Name nicht auf der Liste gestanden hätte, dass dies
wohl ein Fehler gewesen wäre und dass er sich bei Roxo bemühen würde, das
zu sanieren. Das Jahr 2001 ging dann zu Ende mit der Mitteilung, dass ich
mit keinem Arbeitsvertrag an der UniFAI rechnen könne. Diese
administrativen Formalitäten brauchen angesichts der Neuorientierung der
Erzdiözese São Paulo
nicht allzuernst genommen werden.
Solidarität und Perspektiven
Solidarität
und Proteste haben nur Sinn, wenn sie nicht um meine Person kreisen, sondern
die kirchenpolitische Dimension im Hinblick auf den Stellenwert von
Missionswissenschaft, theologische Ausbildung und Pastoral im Auge behalten.
Die
Postgraduierung in Missionswissenschaft war wie ein Hügel in der
theologischen Landschaft der Fakultät. Ich danke allen, Kollegen und
Studierenden, die mit mir auf diesem Hügel gearbeitet haben. Der Abstieg
ins flache Land, der uns der beschädigten Menschheit näher bringen kann,
ist ohne Bitterkeit. Fenster die sich schließen können zu Türen werden,
die sich öffnen. In den letzten Wochen haben sich für mich viele Türen
und Tore (z.B. Theologische Fakultäten) geöffnet. Die Fakultät der
Ordensleute, ITESP, wird im Jahr 2003 eine Postgraduierung in
Missionswissenschaft beginnen und würde sich über meinen dortigen Einstieg
freuen. Wo Tore sich öffnen, will ich keine verschlossenen Fenster
einrennen oder beklagen. Durch eines dieser Tore führt der “andere”
Weg, auf dem die Drei Weisen in ihr Land zurückkehrten.
Haben Sie
Dank für alles Ringen um die Sache der Armen und Anderen
Ihr
Paulo Suess
