Peter Bürger
Von gläubigen
Großinquisitoren und notwendigen Dogmen
Warum ich mich vom neuen Papst nicht segnen lasse
"Habemus Papam!", sagt mein Schwesterherz durchs Telefon. "Beeil Dich, dass Du irgendwo vor einen Fernseher kommst!" Nach einer Radtour durch den Regen sitze ich bei Freunden im Wohnzimmer. Als der Name "Josephus" fällt, befürchten wir den denkbar schlimmsten Fall. Die Bild-Zeitung hat Recht behalten. Wenn nicht das Wunder einer großen Umkehr geschieht, werde ich für die Dauer dieses Pontifikates keinen Papstsegen annehmen. Dass die Kardinale angesichts der Verelendung auf dem Globus den Primus der Weltkirche aus einer der reichsten Nationen wählen, ist schon traurig genug. Dass sie einen Unfriedenstifter in Sachen Ökumene zum ersten Mann machen, sagt viel aus. Noch triftiger ist die Frage: Warum haben sie einen Theologen der Angst an die Kirchenspitze gesetzt und welches Programm soll uns damit als Evangelium verkündet werden?
Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger vor einiger Zeit über "Großinquisitoren" ein Filminterview gegeben. Darin sagt er sinngemäß von einigen seiner Amtsvorgänger in der Glaubensbehörde: Sie hätten eine innige Gottesbeziehung im Glauben gehabt. Er könne sich aber nicht erklären, warum sie trotzdem Gläubige verbrannt haben. Damit liegt das ganze Drama der Ratzinger-Theologie seit Mitte der 1970er Jahre schon offen auf dem Tisch. Getrennt wird zwischen Gottesbeziehung und Menschenwelt. Der hl. Augustinus, ein Lieblingstheologe Ratzingers, duldete an seiner Bischofstafel nur Liebenswürdigkeit und kein böses Wort über Abwesende. Kirchenabtrünnige aber ließ er dennoch von der staatlichen Macht mit dem Schwert verfolgen. Gegen christlichen Platonismus dieser Güte ist einzuwenden: Wer eine glaubhafte Beziehung zu Gott hat, der verbrennt keine Menschen, schon gar nicht wegen abweichender Glaubenslehren. Wer Leiber aufspießen lässt, der ist gottlos, ganz gleich welchen Katechismus er verteidigt. Erst der gewaltfreie Umgang mit anderen zeigt auch bei einem Theologen, ob Angst oder Gottvertrauen seine innere Quelle ist.
Je tiefer in Rom seit Jahrzehnten der Kurs der menschenfreundlichen Theologie eines Karl Rahner sank, desto eifriger verbreitete man den Mythos von der theologischen Genialität Joseph Ratzingers. Wissen Sie zum Beispiel, wie genial dieser Mann über die sogenannte "Jungfrauengeburt" geschrieben hat? 1968 konnte man in seiner "Einführung in das Christentum" lesen, die Geburt Jesu ohne biologisches Zutun eines menschlichen Vaters sei Glaubenslehre. Aber, so wird eingeräumt, dieser Weg sei nicht zwingend - notwendig - gewesen. Die besondere biologische Zeugung hätte auch genauso gut fehlen können. Jesu Gottessohnschaft würde an sich das "Herkommen aus einer normalen menschlichen Familie" nicht ausschließen. (Die Mystiker aller Zeiten haben sich von derlei Spekulationen über Eventualitäten ferngehalten. Für sie hatten die Glaubensbilder nichts Beliebiges und Austauschbares. Sie glaubten im Sinne des Johannes-Evangeliums - Vers 1,12-13, nicht nur Jesus, sondern jeder Vertrauende und alles wirkliche Leben könne nur "jungfräulich" geboren werden.)
Im Büchlein "Die Tochter Zion" verschlimmbessert Ratzinger 1977 seine Darlegungen. Nun heißt es: "Die irdisch vaterlose Geburt ist der innerlich notwendige Ursprung dessen, der allein zu Gott ,mein Vater‘ sagen durfte." Begründet wird dies vor allem durch den sonst unausweichlichen Konflikt einer doppelten Vaterschaft mit dem göttlichen Gebot der Elternliebe. Nun sollte man meinen, die biologische Mutterschaft Mariens würde die Sache angesichts der Übergeschlechtlichkeit Gottes ebenso berühren. Vor allem sollte man annehmen, dass die tiefste Gottesbeziehung zugleich einen Menschen hervorbringt, der wie von selbst der Weisung zur Elternliebe gerecht wird. So etwa hätte es - unter Abweisung eines unmündigen Gehorsams - Rahner gepredigt. Im zitierten Ratzinger-Text aber wird Gottesliebe gegen Elternliebe ausgespielt. In solche Verwicklungen gerät man, wenn man die "Jungfrauengeburt" partout als biologischen Vorgang lehrt und das Göttliche nicht als notwendig für das Allermenschlichste begreift. (Dergleichen hat Jesus schon im nächtlichen Gespräch mit Nikodemus als geistlos betrachtet. Nicht biologische, sondern innere Geburten wenden unsere Not.)
Schlimmer als die kaum geniale Dogmenkeule wider die Menschenwelt ist ein dunkles Kapitel der Ratzinger-Ära, dessen Untersuchung durch die Weltkirche im 25. Todesjahr von Bischof Oscar Romero immer noch aussteht. Militärregierungen in Mittel- und Südamerika haben seit einem Vierteljahrhundert die Ausführungen des Präfekten zur Theologie der Befreiung aufmerksam studiert. Die Unterstellungen seiner Kongregation dienten den Priester- und Nonnenmördern als Begründung für ihre Verbrechen. Wenn selbst Rom die prophetischen Christen als Kommunisten betrachtete, dann brauchte man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Überfällig ist ein Tribunal für die Weltkirche. Aufgeklärt werden muss, wer den Christen Lateinamerikas erbetene Hilfe versagt und durch die Absolutsetzung eigener politischer Vorurteile den Mördern seiner christlichen Geschwister fahrlässige Beihilfe geleistet hat. Vor allem die Rolle Joseph Ratzingers ist dabei zu beleuchten.
Zu fürchten bleibt aufgrund der Vorgeschichte, dass der konservative Kulturpessimismus des neuen Papstes sich nicht gegen die Arena des modernen Raubtierkapitalismus wenden wird. Im Gefolge Augustins fällt es schwer, das Irdische als Ernstfall der Botschaft Jesu zu begreifen. Bei den drängenden innerkirchlichen Fragen der Pastoral ist mit hilfreichen Antworten ohnehin kaum zu rechnen. Die lautstarke Beschwörung des "christlichen Familienbildes" und der Rückgriff auf Gefahren für die so genannte "Volksgesundheit" kennzeichnen das Problem, nicht aber mögliche Lösungswege. Ob der Benedikt-Name verhütet, dass ausgerechnet jetzt die kompromisslose Ächtung des Krieges durch Rom relativiert wird? Das wäre der wichtigste Trost. Ich versuche, trotz all dieser Fragen gelassen zu bleiben. Eine verregnete Papstwahl ist noch kein Weltuntergang.
Peter Bürger ist
römisch-katholischer Diplomtheologe und freier Publizist. Nach
13 Jahren Zugehörigkeit zum alt-katholischen Bistum ist er 2002
u.a. wegen des Friedensengagements von Johannes Paul II wieder
römisch-katholisch geworden.
