zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Zeittafel zur Befreiungstheologie

 

Im Gefolge des auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) kirchenamtlich bestätigten aggiornamento gehen zahlreiche TheologInnen in der Welt neue Wege. Denn angesichts der Auseinandersetzungen um den Krieg der USA gegen Vietnam, der Bürgerrechtsbewegung in den USA, des Kampfes um die Dekolonisierung der "Dritten Welt" stellt sich die Frage, was Christsein heute heißt, auf neue Weise.

So entstehen im Kontext der Frauenbewegung die "feministische Theologie", in West- und Mitteleuropa die "Theologie des militant" und die "neue politische Theologie", in den USA die "schwarze Theologie", auf den Philippinen die "Theologie des Kampfes", in Lateinamerika die "Theologie der Befreiung". Wegen der Aktualität der Ereignisse um Paulo Suess soll auf letztere hier der Fokus liegen. Seit ihren ersten Anfängen wird sie von den Mächtigen in Kirche und Gesellschaft bekämpft.


1959 Mit der Vertreibung des Diktators Batista am 1.1.1959 beginnt in Kuba der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft Kuba unter Führung von Fidel Castro
1962 - 1965 Vom 11.10.1962 - 8.12.1965 tagt das Zweite Vatikanische Konzil
1964 Beginnend mit einem Putsch in Brasilien, werden in den folgenden Jahren fast überall in Lateinamerika unter aktiver Teilnahme der USA Militärdiktaturen installiert, um revolutionäre Entwicklungen wie in Kuba zu verhindern.
  Im September 1964 hält Camillo Torres in Leuven einen Vortrag zum Thema: "Die Revolution: ein christlicher Imperativ". Als Konsequenz aus seinem revolutionären Engagement schließt er sich am 10.10.1965 der Guerilla an. Am 7.1.1966 verbreitet er den "Aufruf an das kolumbianische Volk", worin er zum bewaffneten Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit aufruft. Bei einem Feuergefecht der Guerillagruppe mit eine Militärpatrouille kommt er am 7.1.1966 ums Leben.
1968 Vom 24.8. - 6.9.1968 tagt die 2. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Medellin (Kolumbien). Sie beschließt die "vorrangige Option für die Armen".
1970 Salvador Allende wird Präsident in Chile
1971 Allende gewinnt erneut die Präsidentschaftswahl
  die Reaktion gegen die Theologie der Befreiung formiert sich: Durch eine Änderung der CELAM-Statuten erhält sie maßgeblichen Einfluss im Lateinamerikanischen Bischofsrat (CELAM). Alfonso López Trujillo wird unter maßgeblicher Mitwirkung der römischen Kurie zur Leitfigur aufgebaut.
1972 erscheint das Buch, das der Theologie der Befreiung ihren Namen gibt: Gustavo Gutiérrez, "Theología de la Liberación". Ihre soziale Basis hat die Theologie der Befreiung in den Basisgemeinden, die überall in Lateinamerika entstehen. Bücher wie Ernesto Cardenal: "Das Buch von der Liebe" (1967), "Das Evangelium der Bauern von Solentiname" (1976) oder Dom Helder Camaras "Die Wüste ist fruchtbar" (1971) zeigen, dass es der Theologie der Befreiung nicht nur um Politik geht, sondern dass sie einen mystischen Kern hat.
1973 Am 11.9.1973 beginnt der Putsch in Chile unter Führung von General Augusto Pinochet. Allende und zahlreiche seine Anhänger werden von Pinochet und seinen Schergen ermordet; bis 1989 erstickt die Militärdiktatur den Versuch, eine sozialistische Gesellschaft in Chile aufzubauen in einem Meer von Blut und Tränen. Chile wird zum Modell der Regulierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche im Sinne der Hayek-Schule ("Neoliberalismus").
1976 Am 24.3.1976 putscht sich General J.R. Videla in Argentinien an die Macht.
1978 Im Herbst beginnt im nicaraguanischen Bürgerkrieg eine Offensive der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN). Diese Offensive führt schließlich zu einem Volksaufstand, in dessen Verlauf Somoza 1979 gestürzt wird.
1979 Vom 26.1. - 13.2.1979 tagt die 3. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Puebla (Mexiko). Sie bekräftigt die "vorrangige Option für die Armen"; zugleich zeigt sich das Schlussdokument als Steinbruch, in dem jede der beiden Parteien Argumente für die eigene Position finden kann.
  Im Oktober 1979 übernehmen in El Salvador die Militärs die Macht.
1980 Das Geheimdokument des Komitees von Santa Fe: "Eine neue interamerikanische Politik für die 80er Jahre", erstellt für den Interamerikanischen Sicherheitsrat der USA, fordert die Bekämpfung der Theologie der Befreiung.
  In El Salvador beginnt der Bürgerkrieg, der erst 1992 mit einem Friedensabkommen zwischen Guerilla und Regierung beendet wird.
  Am 24.3.1980 wird Bischof Oscar Arnulfo Romero während eines Gottesdienstes ermordet.
1984 Am 23.1. 1984 erscheint in der peruanischen Zeitschrift Oiga ein Artikel, der Kardinal Ratzinger, seit 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, zugeschrieben wird. Es wendet sich mit dem Vorwurf, das Christentum in Marxismus aufzulösen, gegen die Theologie der Befreiung, namentlich gegen Hugo Assmann, Gustavo Gutiérrez, Jon Sobrino und Ignácio Ellacuria.
  Kardinal Eugênio de Araújo Sales entzieht Leonardo Boff, Clodovis Boff und Antônio Moser die Lehrerlaubnis für das Erzbistum Rio de Janeiro
  Am 6.8.1984 veröffentlicht die Kongregation für die Glaubenslehre ihre "Instruktion über einige Aspekte der Theologie der Befreiung". Sie wirft der Theologie der Befreiung vor, durch unkritische Übernahme des Marxismus den Sinn für die Wahrheit zu untergraben, zur Gewalt aufzurufen und das Christentum zu verfälschen.
  Anlässlich der Herbstvollversammlung der DBK hält der damalige Vorsitzende Joseph Kardinal Höffner am 22.9.1984 ein Referat unter dem Titel "Soziallehre der Kirche oder Theologie der Befreiung?". Darin erklärt er die Theologie der Befreiung im Anschluss an den Artikel in Oiga kurzerhand zur "fundamentale(n) Gefahr für den Glauben der Kirche", was ihn nicht an der Behauptung hindert: "Richtig verstanden ist die Theologie der Befreiung ein Teil der Soziallehre der Kirche".
1985 Mit dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow beschleunigt sich der Zerfall des real existierenden Sozialismus in Mittel- und Osteuropa.
1986 Am 22.3.1986 veröffentlicht die Kongregation für die Glaubenslehre ihr Dokument "Instruktion über die christliche Freiheit und Befreiung". Darin werden zentrale Anliegen und Optionen der Theologie der Befreiung verbal übernommen, gleichzeitig aber ihrer kritischen Spitze beraubt und zu universell einsetzbaren Mehrzweckwaffen umfunktioniert.
1989 Im Herbst 1989 treten Regierung und Zentralkomitee der SED in der DDR zurück: Das Ende des Staates beginnt.
  Am 16.11.1989 zeitigt der Artikel in Oiga die absehbaren Folgen: Ein Todesschwadron unter Deckung der Militärs ermordet auf brutale Weise die Jesuitenpatres Ignácio Ellacuria, Ignacio Martin-Baro, Segundo Montes, Joaquin Lopez y Lopez, Amando Lopez, Juan Ramon Moreno, die Köchin Julia Elba Ramos und deren 15-jährige Tochter Colima Marisette Ramos: die komplette Belegschaft der Jesuitenuniversität von El Salvador, einzig Jon Sobrino überlebte das Massaker, weil er sich zu dem Zeitpunkt im Ausland aufhielt. Die mutmaßlichen Täter sind bekannt und nach wie vor auf freiem Fuß.
1990 Mit dem Beitritt der DDR zur BRD endet der "Kalte Krieg". Es beginnt eine neue Epoche "heißer Kriege" unter zunehmender Beteiligung der BRD: 1991 gegen den Irak, 1998 gegen Jugoslawien, 2001 gegen Afghanistan etc.
1992 Vom 12. - 28.10.1992 tagt die 4. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Santo Domingo (Dominikanische Republik). Die reaktionären Bischöfe setzen sich durch.
2002 Paulo Suess erhält keinen neuen Arbeitsvertrag mit der Universität in Sao Paulo.
2003 Tod von Dorothee Sölle und Horst Goldstein.
2007 Der Vatikan maßregelt und verurteilt Jon Sobrino.

 

 

Cruz de luz
von Daniel Viglietti

Donde cayó Camilo nació una cruz
pero no de madera, sino de luz.
Lo mataron cuando iba por un fusil.
Camilo Torres muere para vivir.

Cuentan que tras la bala se oyó una voz.
Era Dios que gritaba:
¡Revolución!

A revisar las sotanas, mi general,
que en la guerrilla cabe un sacristán.
Lo clavaron con balas contra una cruz.
Lo llamaron bandido como a Jesús.

Y cuando ellos bajaron por su fusil,
descubrieron que el pueblo tenia cien mil,
cien mil Camilos prontos a combatir.
Camilo Torres muere para vivir.

Dort, wo Camilo fiel, wuchs ein Kreuz empor -
doch nicht aus Holz, sondern aus Licht.
Sie töteten ihn, als er ging, sein Gewehr zu holen.
Camilo Torres stirbt um zu leben.

Als die Kugel flog, heißt es, hörte man eine Stimme.
Es war Gott, der rief:
Revolution!

Untersuchen Sie die Soutane, Herr General,
auch ein Priester hat in der Guerilla seinen Platz.
Sie nagelten ihn mit Kugeln an ein Kreuz,
sie sagten zu ihm: Bandit! Wie zu Jesus.

Als sie aber liefen, die Gewehre zu holen,
entdeckten sie, daß das Volk hunderttausend hatte,
hunderttausend Camilos, bereit zu kämpfen.
Camilo Torres stirbt, um zu leben.