zuletzt aktualisiert: 01.12.2008
Initiative Kirche von unten

Theologie der Befreiung 

Das Dokument der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Aparecida aus 2007 hat eine bewegende Geschichte hinter sich. Nachdem die Bischofskonferenz das Dokument verabschiedet hatte und zur Approbation nach Rom geschickt hatte, wurde es dort verändert und publiziert. 

Die Missionszentrale der Franziskaner in Bonn stellt nun in Ihrer Reihe "Grüne Hefte" unter http://www.mzf.org/webcom/show_article.php/_c-98/_lkm-107/i.html den ursprünglichen Text in einigen Passagen vor. So kann sich jeder ein Bild davon machen, wie stark basisorientiert und lebendig die lateinamerikanische Kirche eigentlich noch ist.

Befreiungstheologie bezeichnet der Sache nach eine neue Einstellung der mit Theologie Beschäftigten, nämlich aus dem Glauben, das heißt aus der Identifizierung mit dem biblischen Befreiungspotential (vor allem Exodus-Geschehen, Befreiungsbotschaft Jesu Lk 4, 18 f., Zuwendung zu den »Geringsten« Mt 25, 31–45; Freiheit der Kinder Gottes Gal 4, 4 ff.; 5, 1) sich konkret auf die Seite der Unfreien, Unterdrückten, Benachteiligten u. Armen zu stellen, aktiv für ihre Befreiung tätig zu sein u. diesen Prozess mit theol. Reflexion zu begleiten. Dieser Reflexion geht also das konkrete u. entschiedene Engagement für die Befreiung voraus. Die dabei gewonnenen Glaubenserfahrungen verändern die theol. Fragestellung wie die Erkenntnisse (»epistemologischer Bruch«) gegenüber den Perspektiven der Theologie der »atlantischen Gesellschaften«.
Die theol. Reflexion ist gekennzeichnet
a) durch eine Situationsanalyse, die sich unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden bedient,
b) durch die Konfrontation der Glaubenstradition mit der Situation der Unterdrückten. Hier wird nach der Bedeutung der biblischen Botschaft vom rettenden u. befreienden Gott u. seiner Option für die »Kleinen«, nach dem Befreiungspotential der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, nach dem Befreiungsauftrag der Kirche mit ihrer Sozialethik, nach dem Zusammenhang zwischen individueller Bekehrung u. gesellschaftlichen Veränderungen gefragt,
c) durch die Analyse der Möglichkeiten konkreten Handelns in entschiedener Parteilichkeit.
Die B. entstand in den 60er Jahren des 20. Jh. in Lateinamerika auf kath. wie auf ev. Seite. Ähnliche, wenn auch nicht in allem identische theol. Initiativen entwickelten sich von den späten 60er Jahren an in USA (gegen die Unterdrückung durch Rassismus) u. Afrika (»Schwarze Theologie«), auf den Philippinen, in Sri Lanka u. Indien (»Theologie der Dritten Welt«). Die offensiv ausgesprochene Erkenntnis der B., dass die westlichen Gesellschaften die Religion zur Stützung von Macht u. Interessen u. zur Beschwichtigung der verelendeten Massen missbrauchen, führte zu heftigen Reaktionen sowohl von politischer wie von kirchlicher Seite. Schon Ende der 60er Jahre wurden politische Strategien zum Kampf gegen die B. entwickelt (Morde, Pogrome, Verschleppungen usw.).
In kirchlichen Dokumenten werden die »Option für die Armen« u. die analytische Erkenntnis der »strukturellen Sünde« zwar von Ende der 60er Jahre bis zur Gegenwart positiv aufgenommen, doch wurden gerade von Seiten der röm. Kirchenleitung administrative Anstrengungen unternommen, um die B. zu unterdrücken. Wesentliche Punkte der amtlichen Kritik waren die Anwendung »marxistischer« Kategorien bei der Situationsanalyse (»Dependenztheorie«), der Ersatz der Erlösungstheologie durch die Befreiungstheorie, der Anspruch, durch universale Befreiung das Reich Gottes auf Erden verwirklichen zu wollen, die Option für Gewaltanwendung im Fall extremer Unterdrückung. Diese Kritik war durch gewollte Missverständnisse, Unverständnis für das Pathos der befreienden Sprache, Furcht vor marxistischer Unterwanderung der Kirche gekennzeichnet u. bekämpfte nur eine Karikatur der B.

Aus: Herbert Vorgrimler, Neues Theologisches Wörterbuch,
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2000, S. 83f.

Weitere Hintergrundinformationen zur Befreiungstheologie

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Zur Verurteilung von Jon Sobrino im Jahr 2007:

Die KHG Oldenburg stellt auf ihrer Homepage eine umfangreiche Dokumentation und Materialsammlung zur Maßregelung von Jon Sobrino zur Verfügung. www.khg-oldenburg.de 
Darunter u. a. die Stellungnahme der kath. Theol. Fakultät der Uni Münster und die Pressemitteilung der KHP. 

"Moderne Qualitätssicherung? - Der Fall Jon Sobrino ist eine Anfrage an die Arbeit der Glaubenskongregation" 
Artikel von Peter Hünermann in der Herder Korrespondenz 4/2007 
Dieser Artikel steht auf der Homepage der KHG Oldenburg als PDF-Dokument zum Download bereit.

Brief von Jon Sobrino SJ an den Generaloberen des Jesuitenordens zur "Notificatio" der vatikanischen Glaubenskongregation aus dem Dezember 2006 
(zuerst veröffentlicht am 13.03. auf dem spanischen Internetportal "Atrio")  
Hier in einer Übersetzung von Norbert Arntz 
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Notificatio der vatikanischen Glaubenskongregation in spanischer Sprache auf "Atrio" und auf der Website des Vatikans (in spanischer Sprache

14.03.07 Gemeinsame Presseerklärung von CIR, ITP, IKVU u. a. 
Heute hat die vatikanische Glaubensbehörde den weltberühmten (Befreiungs)-Theologen Jon Sobrino verurteilt. ...weiter

14.03.07 Pressemitteilung der IKvu
Die Verurteilung von Jon Sobrino SJ ist eine Nagelprobe für den lateinamerikanischen Klerus. 
30 Jahre nach der Ermordung Rutilio Grandes holt Benedikt XVI. zum Schlag gegen die Befreiungstheologie aus. ...weiter

13.03.07 Vatikan bereitet Verurteilung des Befreiungstheologen Jon Sobrino SJ vor
Wie einem Beitrag der spanischen Zeitschrift El Mundo zu entnehmen ist, bereitet der Vatikan eine Verurteilung des Befreiungstheologen Jon Sobrino vor. Jon Sobrino hat als einziger die Ermordung der Jesuiten-Kommunität in San Salvador überlebt, weil er sich gerade im Ausland befand, als das Todeskommando der salvadorianischen Armee am 16. November 1989 die Kommunität überfiel. Er setzte das Werk seiner Gefährten, u.a. des Rektors der Jesuiten-Universität Ignacio Ellacuría fort. 1998 verlieh ihm die Katholisch-Theologische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster die Ehrendoktorwürde. Der persönliche Berater des ermordeten Erzbischofs von San Salvador Oscar Arnulfo Romero wurde ausgezeichnet für sein Lebenswerk "im Dienst der Gerechtigkeit und des Friedens". Sobrino genießt wegen seiner erfolgreichen Bemühungen, die lateinamerikanische und europäische Theologie ins Gespräch zu bringen, und wegen seiner Beiträge zur Befreiungstheologie hohes wissenschaftliches Ansehen. ...weiter

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Zum Tode von Dorothee Sölle und Horst Goldstein 2003

Zum Ausschluss von Paulo Suess aus der Theologischen Fakultät von Sao Paulo 2002