KIRCHE GIB 8! - Texte zur Demonstration auf dem Kirchentag - Ulrich Duchrow
"KIRCHE GIB 8!"
Liebe Freundinnen und Freunde,
viele von uns haben die
schwierige Entscheidung treffen müssen: Sollen wir nach zum Kirchentag oder
nach Heiligendamm zum Protestieren fahren. Diese Demo gibt uns die Möglichkeit,
vom Kirchentag aus zu protestieren.
Wohlgemerkt: wir sind hier nicht
zusammengekommen als Lobbyisten, sondern als Protestierende. Lobby macht Sinn
gegenüber demokratisch legitimen Institutionen. Die G8 ist keine
demokratisch legitimierte Institution. In ihr maßen sich die Regierenden von
13% der Weltbevölkerung an, für 100% der Menschen und Völker zu sprechen
und zu entscheiden. Kein Beschluss der Vereinten Nationen hat sie berufen.
Sie geben vor, die Weltprobleme lösen zu wollen. Dabei sind sie die
Hauptverursacher der lebensgefährlichen Entwicklungen auf dieser Erde.
Albert Einstein sagt zu Recht:
„Probleme in dieser Welt
sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie verursacht haben“.
Die Denkweise der G8 heißt
(jeweils wiederholen):
·
Wirtschaftswachstum
– oder genauer: Wachstum des Kapitals der Kapitaleigentümer, Wachstum ohne
Arbeitsplätze, Wachstum ohne Mindestlöhne, Wachstum des Kapitals ohne
gerechte Steuer für die öffentlichen Aufgaben, Wachstum der Zerstörung der
Erde.
·
Privatisierung
– d.h. die Unterwerfung allen Lebens unter die Logik der Kapitalvermehrung,
die Zerstörung der erkämpften sozialstaatlichen Garantie der
Grundversorgung aller in Würde.
·
Liberalisierung
– also Bahn frei für die Starken, die Oligopole und Monopole im weltweiten
Markt auf Kosten derer, die hungern und dürsten müssen.
·
Deregulierung
– also Bahn frei für die großen Finanzjongleure, die Spekulanten und
Steuerhinterzieher.
·
Keine Deregulierung
der menschlichen Bewegungsfreiheit,
sondern Zäune, Mauern und Abschiebung gegen die Armgemachten: Festung
Europa.
·
Und schließlich: militärische Durchsetzung der Kapitalinteressen
bis hin zu imperialen Kriegen wie in Afghanistan und Irak.
Diese Denk- und Handlungsweise
der G8 ist hauptverantwortlich für die bedrohlichen Probleme auf diesem
Planeten. Von G8 deren Lösung zu erwarten, hieße den Bock zum Gärtner
machen – da hat Einstein Recht. Natürlich verpackt diese Denkweise sich in
schöne Worte wie „Demokratie“, „Neue soziale Markwirtschaft“,
„Armutsbekämpfung“, „Freihandel“, „humanitäre Intervention“.
Und die Medien machen mit. Aber immer mehr Menschen durchschauen den
Schwindel. Darum sind wir hier und in Heiligendamm zum Protest.
Wie äußern wir diesen Protest?
Der Kirchentag nennt die Veranstaltung, die hier um 20 Uhr beginnen soll: Ruf
an den G8-Gipfel in Heiligendamm. Also rufen sollen und wollen wir.
Es gibt auf dem Kirchentag und beim Gegengipfel in Heiligendamm
differenzierte, argumentierende Seminare, Workshops und Podien zu den
konkreten Alternativen. Hier und jetzt sollen wir rufen. Also tun wir es
gemeinsam und laut!
Rufen wir den
selbsternannten Weltherrschern zu:
·
WIRTSCHAFT NICHT FÜR’S KAPITAL –
WIRTSCHAFT FÜR DAS LEBEN!
(alle wiederholen: WIRTSCHAFT NICHT FÜR’S KAPITAL –
WIRTSCHAFT FÜR DAS LEBEN!)
·
NICHT DEM MAMMON DIENEN, SONDERN GOTT
(wh: NICHT DEM MAMMON DIENEN, SONDERN GOTT!)
·
GOTT GEHÖRT DIE ERDE, NICHT DEN REICHEN!
(wh: GOTT GEHÖRT DIE ERDE, NICHT DEN REICHEN!)
·
STOPPT DEN RAUBBAU AN DER ERDE!
(wh: STOPPT DEN RAUBBAU AN DER ERDE!)
·
RAUS AUS AFGHANISTAN! RAUS AUS IRAK!
(wh: RAUS AUS AFGHANISTAN! RAUS AUS IRAK!)
Angela
Merkel warnt wie Herr Schäuble vor Gewalt.
In
der Tat müssen und werden diejenigen unter den Globalisierungskritikern, die
sich u.a. durch polizeiliche Provokateure zu Gegengewalt verführen lassen,
lernen, dass sie der staatlichen Gewalt in die Hände arbeiten. Nur aktive
Gewaltfreiheit wird
die direkte Gewalt des Staates, die strukturelle Gewalt der Wirtschaft und
die kulturelle Gewalt der Medien und der Religionen überwinden wird. Außerdem
verdecken die Steinewerfer die Tatsache, dass die eigentlichen Gewalttäter
die sind, die das kapitalistische imperiale System stützen. Neulich deutete
ein vorzüglicher Kommentator in der Deutschen Welle den Zaun in Heiligendamm
so, dass dieser die Bevölkerung vor staatsterroristischen Gewalttätern wie
George Bush und Vladimir Putin bewahren solle.
Frau
Merkel behauptete in der Bundestagsdebatte zu Heiligendamm: „Ich werde auf
den Protest hören.“ Das wäre eine echte Überraschung.
Wer aber sicher auf ernsthafte
Rufe und auf Schreie des Schmerzes hört, wie wir aus den biblischen
Zeugnissen wissen, ist Gott. Gott hörte die Schreie der hebräischen
Sklaven in Ägypten. Gott zeigte dem Propheten Daniel im Gebet, dass das bis
an die Zähne bewaffnete, unterdrückerische Imperium zusammenbrechen und
Gottes menschlicher, herrschaftsfreier Ordnung Platz machen wird. Gott hörte
die Gebete der Jüngerinnen und Jünger Jesu, nachdem dieser vom Imperium
Romanum als Rebell am Kreuz ermordet wurde. Gott sandte am ersten Pfingsten
die heilige Geistkraft Gottes. Sie ermöglichte es ihnen, mitten im Imperium
ein Leben des Teilens, der Freude und einer neuen solidarischen Gemeinschaft
zu beginnen. Darum rufen wir zu Gott mit den Worten der Vollversammlung des
ÖRK in Porto Alegre:
·
GOTT IN DEINER GNADE VERWANDLE DIE WELT
(wh: GOTT IN DEINER GNADE VERWANDLE DIE WELT!)
Dazu braucht Gott aber sein Volk.
Darum haben wir auch unseren Kirchen etwas zuzurufen, besonders
den Kirchenleitenden. Seit 1983 im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit,
Frieden und Befreiung der Schöpfung hat sich die ökumenische Bewegung bemüht,
Kirchen, Gemeinden und Basisgruppen in allen Kontinenten zur Absage an Geist,
Logik und Praxis der neoliberalen und imperial-militaristischen Weltordnung
zu bewegen. Diese aber wird geführt durch die G7/8 und ihre plutokratischen
Einrichtungen wie z.B. IWF, WB und WTO. Unter dem Einfluss vor allem der
Kirchen des Südens wurden erstaunliche Beschlüsse gefasst. Die
Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra z.B. verabschiedete
ein Bekenntnis, in dem es heißt:
„Wir
glauben,
dass Gott über die ganze Schöpfung regiert. „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist“ (Ps 24,1).
Darum
sagen wir Nein zur
gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen
Kapitalismus aufgezwungen wird. ... Wir weisen jeden Anspruch auf ein
wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes
Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht, und dessen Handeln in
Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht.“
Leider ist die Mehrheit der europäischen
Kirchen diesen klaren Bekenntnissen nicht gefolgt. Sie träumt davon, wir hätten
noch die soziale Marktwirtschaft, die Herrschenden müssten nur ihr aufgeklärtes
Eigeninteresse wahrnehmen und sie auf Weltebene übertragen. Gerade dies aber
wollen die Eliten nicht, wie wir an der neoliberalen und militaristischen
EU-Verfassung sehen, die unser gutes Grundgesetz aushebeln soll. In
Deutschland hat sich die EKD sogar den Marketing Firmen ausgeliefert und schwärmt
von einer markt-effektiven „Kirche der Freiheit“, statt dem
biblischen Gott an die Seite der Armgemachten und Unterdrückten zu folgen.
Dort wäre ihr Ort.
Konkret heißt das: Die Kirchen
gehören klar an die Seite der Verlierer und vor allem Verliererinnen der
G8-Globalisierung, an die Seite der Erwerbslosen, der prekär lebenden
Lohnabhängigen, der solidarischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften.
Dass eine solche Umkehr möglich ist, zeigt z.B. Heiner Geißler. In den
1980ern führte er als Generalsekretär der CDU gemeinsam mit Helmut Kohl den
Neoliberalismus in Deutschland ein. Heute sagt er nicht nur: „Wenn Jesus
heute lebte, träte er Attac bei“, sondern er tritt auch selbst ein.
Denn nur durch Bündnisse von
unten und einen gemeinsamen hartnäckigen Kampf der Betroffenen werden wir
die zerstörerische kapitalistische Globalisierung von oben überwinden,
werden wir solidarisches Wirtschaften für das Leben lernen, werden wir die
Kriege für Wirtschaftsinteressen durch Verweigerung aushungern.
Dazu müssen wir uns aber
auch gegenseitig zurufen:
Überwinde Deine Ohnmachtgefühle
und Trägheit.
Beteilige Dich hartnäckig an den
solidarischen Bewegungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Ändere Deinen Lebensstil so,
dass alle leben können.
Ja, mach auch in der Nachfolge
Gandhis und Martin Luther Kings Boykotte und Blockaden mit. Auch Jesus ging
in das damalige Wirtschaftszentrum, den Tempel, und stürzte die Tische und
Kassen der Händler um. Wann wird der Rat der EKD wenigstens zusammen mit den
Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank Mahnwachen halten? Er müsste
in Deutschland nicht einmal die Kreuzigung fürchten, obwohl Herr Schäuble
Protestler gern kriminalisiert.
Also: lassen wir uns selbst
verwandeln durch den Pfingstgeist. Dann können wir solidarisch Mensch werden
und unseren Teil dazu beitragen, unsere Kirche und sogar die G8-Weltordnung
zu verwandeln.
Wir brauchen nicht Heiligendamm,
wir brauchen Heiligen Geist. Darum singt immer wieder unser Pfingstlied:
„O komm, du Geist der Wahrheit,
und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit,
verbanne allen Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer,
rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher getreuer
den Herrn bekennen kann.
Unglaub und Torheit brüsten
Sich frecher jetzt als je;
Darum musst du uns rüsten
Mit Waffen aus der Höh.
Du musst uns Kraft verleihen,
Geduld und Glaubenstreu
Und musst uns ganz befreien
Von aller Menschenscheu.“
Das wünsche ich uns.
Ulrich Duchrow, Prof. für systematische Theologie an der Uni Heidelberg und Vorsitzender von Kairos Europa
