KIRCHE GIB 8! - Texte zur Demonstration auf dem Kirchentag - Interview mit Ulrich Duchrow
"KIRCHE GIB 8!"
Peter Bürger,
8.6.2007
Jubel über das nahende Ende der Bush-Ära vor dem Kölner
Dom: Kritik an der Globalisierung bestimmte auch den Kirchentag –
Theologieprofessor Ulrich Duchrow vertritt die Positionen der Kirche von
unten.
Der in Orange gestylte Kölner
Kirchentag stand ganz unter dem Vorzeichen des G8-Gipfels und suchte auch den
Kontakt mit dem Protest an der Ostsee. Die Botschaft: „Die Macht der Würde:
Globalisierung neu denken.“ Eine von der EKD initiierte interreligiöse
Konferenz wandte sich gegen Rüstungsexporte, monströse Rüstungshaushalte
und als Entwicklungshilfe deklarierte Schuldennachlässe und wünschte, „die
Ketten der Armut aufzubrechen“. Die Kirchenleitung fand, gemäß dem
Motto „lebendig, kräftig und schärfer“ und wohl auch inspiriert von der
ganz und gar nicht orangefarbenen Revolution der laufenden Woche, zu neue Tönen.
EKD-Ratsvorsitzender Bischof Huber versprach einen „Perspektivwechsel
an die Seite der Armen“. Kirchentagspräsident Reinhard Höppner
forderte: „Lasst nicht Geld die Welt regieren!“
Beim Thema „Klimawandel“ ist der zivilisatorische Ernst nun endgültig
auch der Kirche bewusst, so möchte man jedenfalls hoffen.
Geradezu in Jubel brachen die 6000 Zuhörenden vor dem Kölner Dom am Donnerstagabend aus, als ein Vertreter der US-Umweltbewegung das Ende der Bush-Ära für 2008 versprach und sehr blauäugig ein gleichzeitiges Ende von US-Kriegen und rücksichtsloser Klimapolitik in Aussicht stellte. Gute Botschaften hört man eben gern. In Heiligendamm mögen derweil die Magenprobleme des US-Präsidenten weiter angewachsen sein. Wie unschön von den Protestanten, der US-Opposition in Anwesenheit höchster Kirchenprominenz ein Gegenforum auf dem Kirchengipfel zu verschaffen.
Doch noch lauter und anhaltender war unmittelbar zuvor die Sympathiebekundung der Masse für den südafrikanischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu gewesen. Im Gegensatz zu anderen anglikanischen Bischöfen aus Afrika, die die anglikanische Weltgemeinschaft derzeit aufgrund einer aggressiven Homophobie zu spalten drohen und couragierte US-Bischöfe unter Druck setzen, ist Tuto übrigens ein erklärter Freund von Lesben und Schwulen. In Köln wurde der sonst meist lächelnde Gefährte von Nelson Mandela auf einmal ungewöhnlich ernst und sprach als Vertreter der Menschen seines Kontinents:
- Ich komme aus Afrika. Ich bin ein Afrikaner. Ich bin ein Mensch. Ich brauche keine Almosen. Ich bin stolz. Ich bin kein Objekt, das Mitleid braucht. Ich bin nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Wir sind geschaffen worden, um zusammenzuleben. Wir können nur zusammen überleben. Wir können nur zusammen Menschen sein. Ihr Führer mögt fragen, was ich brauche. Ich frage Euch: Was braucht ihr denn? Ich bin ein Kind Gottes, ich bin kein Stiefkind Gottes. Ich bin ein Afrikaner. Ich bin euer Bruder.
Attac, die „Evangelische StudentInnengemeinde in der Bundesrepublik
Deutschland“ (ESG) und das ökumenische Netzwerk „Initiative Kirche von
unten“ (IKvu) hatten vor dieser offiziellen Abendveranstaltung des
Kirchentages zu einer Demonstration „Kirche Gib 8!“ aufgerufen, die von
der Messe bis zum Dom führte und bei einer nur mäßigen Beteiligung von
etwa tausend Christenmenschen auch die Losungen von Heiligendamm auf der Straße
laut werden ließ: „Keine Macht für G8!“ Einer der Redner war Prof.
Ulrich Duchrow. Er ist Theologe an der Universität Heidelberg mit dem
Arbeitsschwerpunkt „Theologie und Ökonomie“, Vorsitzender von Kairos
Europa und engagiert in den ökumenischen Prozessen „Wirtschaften im Dienst
des Lebens“ und „Überwindung von Gewalt“. Im nachfolgenden Interview
beantwortet Duchrow Fragen nach dem christlichen Beitrag zur
Globalisierungskritik. Dabei treten deutliche Unterschiede zutage zum
Reformdialog mit der Politprominenz, wie er im offiziellen
Kirchentagsprogramm vorherrschte.

Prof. Ulrich Duchrow auf dem Kirchentag
- Wir erleben gerade ein ganz neues Ausmaß des Widerspruchs gegen die herrschende Weltpolitik, der eine intensive inhaltliche Arbeit mit breitem zivilem Ungehorsam verbindet. Welche Kritik tragen ökumenische, basiskirchliche Netzwerke am G8-Gipfel vor?
Ulrich Duchrow: Im Unterschied
zu gutmeinenden Lobbyisten protestieren die Basisnetzwerke gegen die G8 an
sich. Sie ist keine gewählte oder von der UNO gebildete Institution. In ihr
maßen sich die Regierenden von 13% der Weltbevölkerung an, für 100% aller
Menschen zu sprechen und zu entscheiden. Außerdem sind sie die
Hauptverantwortlichen für die Aufrechterhaltung des neoliberalen, imperialen
Kapitalismus, der nicht nur Hunger, Tod und Krieg produziert, sondern
psychische Destruktion bis hin zu Selbstmordwellen unter indischen Bauern
(zur Zeit 54 Suizide täglich im Durchschnitt). Wer Hauptverursacher eines
Problems ist, kann nicht den Anspruch erheben, dessen Lösung zu finden
(Einstein). Deshalb hat der Reformierte Weltbund im Accra-Bekenntnis von 2004
beschlossen: Wir „sagen wir Nein zur
gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen
Kapitalismus aufgezwungen wird. Wir weisen jeden Anspruch auf ein
wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes
Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht und dessen Handeln in
Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht.“
- Besonders auch christliche Globalisierungskritiker haben die Rede vom „Empire“ aufgegriffen? Warum? Was ist gemeint?
Ulrich Duchrow: Gemeint ist
folgendes: Der klassische Imperialismus der europäischen Nationalstaaten im
19. Jahrhundert entstand zum Schutz des hohe Renditen suchenden europäischen
Kapitals in Afrika, Asien, Lateinamerika (Hannah Arendt). Im globalen Markt
und mit einer militärischen Supermacht kommt es – trotz aller inneren
Widersprüche – entsprechend zu einem zusammenhängenden imperialen System,
das von der gegenwärtigen Bush-Administration ausdrücklich in Analogie zum
Imperium Romanum verstanden wird. Das Accra-Bekenntnis formuliert es so:
„Die Globalisierung der Märkte hatte auch eine Globalisierung der zu ihrem
Schutz eingerichteten politischen und rechtlichen Institutionen und
Regelwerke zur Folge. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und
ihre Alliierten bedienen sich – in Zusammenarbeit mit internationalen
Finanz - und Handelsinstitutionen (Internationaler Währungsfonds, Weltbank,
Welthandelsorganisation) – politischer, wirtschaftlicher oder auch militärischer
Bündnisse, um die Interessen der Kapitaleigner zu schützen und zu fördern.“
In den USA und den Kontinenten des Südens gibt es darüber bereits eine
breite Diskussion. In den europäischen Kirchen besteht offenbar u.a. die
Angst, es könnte zu Diskussionen über die Re-Imperialisierung der EU
kommen, wie sie in der neoliberalen, militaristischen EU-Verfassung
legalisiert werden sollte.
- Der alternative Nobelpreisträger Walden Bello hat in seiner Rede auf der Rostocker Demonstration betont, die Themen Armut und Krieg dürften nicht getrennt werden? Welche Positionen werden hier in der globalen ökumenischen Bewegung vertreten, in der du als Theologe mitwirkst?
Ulrich Duchrow: Diese Frage
steht oben auf der Tagesordnung der ökumenischen Bewegung, seit die
Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 2006 in Porto
Alegre beschloss, in den nächsten sieben Jahren die beiden ökumenischen
Prozesse „Wirtschaften im Dienst des Lebens“ und „Dekade zur Überwindung
von Gewalt“ in enger Wechselwirkung miteinander weiterzuführen. Kairos Europa www.kairoseuropa.de
hat dazu bereits einen Leitfaden veröffentlicht und wird vom 7.-9. Dezember
2007 dazu in Mannheim eine Konferenz veranstalten. Bis 2011 wird vom ÖRK an
einer Erklärung zu „Gerechter Friede“ gearbeitet. Der Prozess wird im
gleichen Jahr seinen Höhepunkt auf einer großen Ökumenischen Versammlung
zum Thema haben. Es geht, in einer Formulierung von Johan Galtung, um die
gleichzeitige Überwindung von direkter – u.a. militärischer,
struktureller – besonders wirtschaftlicher – und kultureller –
einschließlich religiöser – Gewalt.
- Nun kann man nicht gerade sagen, das Christentum sei gegenwärtig ein Motor des Friedens auf dem Globus. Der christliche Kulturkreis, allen voran die USA, verfügt über die mit Abstand größten Rüstungspotentiale, er treibt den Kriegsapparat durch Militarisierung und weltweite Rüstungsexporte voran, und eine fundamentalistische „christliche“ Kriegstheologie flankiert das ideologische Legitimationskonzept des Kulturkampfes gegen den Islam.
Ulrich Duchrow: Dieser Frage
widmet sich insbesondere das Bündnis „Peace For Life“, in dem Menschen
aller Glaubensgemeinschaften zusammen arbeiten und an dem ich persönlich
auch teilnehme. Hier geht es besonders darum, den Missbrauch und die
Instrumentalisierung der Religionen für politische, militärische und
wirtschaftliche Zwecke zu bekämpfen. Kapitalismus als solcher präsentiert
sich seit langem als Religion (Marktfundamentalismus), und der christliche
Fundamentalist George W. Bush kaschiert seine imperialen Krieg als Kreuzzüge
– um nur einige Beispiele zu nennen.
- Welche Rolle spielt bei der theologischen Selbstbesinnung auf die latente Gewalttätigkeit des real existierenden Christentums von oben die Geschlechterfrage?
Ulrich Duchrow: Eine zentrale
Rolle hat diese Frage. Einerseits baut sich seit der griechisch-römischen
Antike politische und imperiale Herrschaft auf dem Konzept des – männlichen
– Eigentümers auf: dominus-dominium. Darüber haben Franz Josef
Hinkelammert und ich im Buch „Leben ist mehr als Kapital“ geschrieben.
Andererseits hat das reichskirchliche Christentum – bis zum heutigen Tage
vor allem im römischen Katholizismus – sehr zur Festigung des Patriarchats
beigetragen. Das wird auch sehr deutlich bei der christlichen Rechten – vor
allem in den USA. Umgekehrt haben die säkularen und christlichen
Frauenbewegungen sehr zur Demokratisierung und Humanisierung des politischen
und kirchlichen Lebens beigetragen.
- Wie werden denn von Christinnen und Christen im armen Teil der Welt die Kirchen in Europa und speziell auch in Deutschland gesehen?
Ulrich Duchrow: Das hängt
davon ab, ob diese Vertreterinnen und Vertreter des Südens finanziell abhängig
von den reichen deutschen Kirchen sind oder nicht. Die unabhängigen
ChristInnen des Südens fragen z.B. wie Prof. René Krüger aus Buenos Aires
bei der Veranstaltung von Kairos Europa im Kirchentag: „Sind wir
theologisch gesehen nicht ein Leib Christi, in dem alle leiden; wenn ein
Glied leidet, leiden alle Glieder mit? Wie könnt Ihr denn sagen: >Wir
verstehen, dass die Südkirchen die neoliberale Globalisierung ablehnen. Wir
in Europa haben aber die soziale Marktwirtschaft<?“
- Christen werden heute vor allem als „fromme“ Vertreter einer Weltanschauung von gestern gesehen. Manche Christen sehen hingegen die politisch engagierten Schwestern und Brüder gar nicht mehr als richtige Christen an. Kannst du ganz persönlich dem Wort „Frömmigkeit“ etwas abgewinnen?
Ulrich Duchrow: Ja, wir verwenden allerdings an der ökumenischen Basis eher Begriffe wie „Kampf und Kontemplation“ (Taizé) oder „Spiritualität des Kampfes“ (M.M. Thomas) oder „Spiritualität des Widerstands“. Ohne eine gleichzeitige Überwindung von struktureller Ungerechtigkeit/Gewalt und einer irregeleiteten Spiritualität des status quo werden wir nicht zum Ziel kommen. Es geht um ganzheitliche – persönliche und gesellschaftliche – Heilung und Befreiung. Nicht nur eine andere Welt, auch ein anderer Mensch ist möglich. Deshalb haben wir unser letztes Buch genannt: „Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus – Wege zu ihrer Überwindung.“
