zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Referat von Holger App  

 

Die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts nicht preisgeben – für die protestantische Basiskirche

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Darmstädter Wort, dessen 60tes Jubiläum den Anlass für diese Tagung bietet, versuchten die Überlebenden der Bekennenden Kirche das Versagen der evangelischen Kirche vor dem Nationalsozialismus zu verstehen. Dabei werden vier Irrwege der Kirche konkret benannt:

Ein übersteigerter Nationalismus

Eine Haltung der Reformverweigerung

Ein kompromissunfähiger Wahrheitsanspruch bei Fragen der Wirklichkeitsgestaltung

Das Versagen vor der Anfrage des Marxismus an die Gerechtigkeit im Diesseits

60 Jahre später befinden wir uns in Deutschland in einer ungleich komfortableren Lage: unser Vaterland liegt nicht in Trümmern, fast niemand muss Hunger leiden und ideologische Grabenkämpfe in der Politik sind einem Wettstreit um das bessere Management der öffentlichen Verwaltung gewichen, von dem sich das Publikum zusehends gelangweilt abwendet. Globalisierung und Klimawandel stellen uns zwar vor neue Herausforderungen, doch bei aller Widersprüchlichkeit im Handeln der politisch Mächtigen muss man zumindest für Deutschland konstatieren, dass diese Herausforderungen als solche erkannt sind und an Lösungsansätzen gearbeitet wird. Politisches Handeln von uns Bürgern findet mehr im Supermarkt als an der Wahlurne statt: die Frage, ob wir Produkte aus fairem Handel nutzen und die Ökobilanz unseres Konsums in unsere Kaufentscheidungen einbeziehen ist politisch wirkmächtiger als die Wahlentscheidung für die eine oder andere Partei. Die vollständige Niederlage des „ökonomischen Materialismus der marxistischen Lehre“ (Zitat Darmstädter Wort) als Staatsdoktrin korrespondiert historisch mit dem totalen Sieg des ökonomischen Materialismus als Lebensstil in den westlichen und fernöstlichen Gesellschaften. 

Doch dieser totale Sieg des Kapitalismus hat auch seinen Preis. Der Markt wird zur absoluten Macht, er expandiert in immer weitere Lebensbereiche. Doch überdehnte Macht trägt immer die Saat des Terrors in sich: so führte der überdehnte Machtanspruch des Nationalsozialismus zum Staatsterror und heute erleben wir, wie der überdehnte Machtanspruch des Marktes dazu beiträgt, ursprünglich spirituell motivierten Menschen den religiös begründeten Terrorismus gerechtfertigt erscheinen zu lassen.

Wenn ich hier also den Neo-Liberalismus kritisiere, dann um den Kapitalismus zu schützen. Das marktwirtschaftliche Prinzip ist die beste Möglichkeit, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und ermöglicht nicht nur den Broterwerb sondern durch seinen Anreiz zur Eigeninitiative auch Sinnstiftung. Doch wenn der Markt alles wird, wenn das Wissen darum verloren geht, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, dann droht das kapitalistische System – wie jedes absolut gesetzte System – zu implodieren. Die Opposition zu einem solchen Marktradikalismus trägt ihre Berechtigung in sich selbst, da allein das Wissen um mögliche Alternativen die Machtüberdehnung des Kapitalismus in seiner neo-liberalen Ausprägung einhegen kann.

Auch die Autoren des Darmstädter Wortes wollten nicht den absoluten Machtanspruch des Staates durch den absoluten Machtanspruch des Marktes ersetzt sehen, sondern skizzieren in der ersten und siebten These eine Gesellschaft, die Gottes Angebot der Versöhnung annimmt und so mit „freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen (...) dem Recht, der Wohlfahrt und dem inneren Frieden (...) dient“ (Zitat Darmstädter Wort). Dass Versöhnung im Widerspruch zu einem Absolutheitsanspruch steht, erlebe ich als Vater täglich im Umgang mit meinem Sohn. Nur wenn ich meinen Sohn als eigenständige Persönlichkeit mit ihren eigenen Erfahrungen und Werten respektiere und er umgekehrt akzeptiert, dass mein Leben nicht nur darin besteht, sein Vater zu sein, können wir eine Beziehung aufbauen, in der wir uns gegenseitig stärken. Die gegenwärtige Debatte um die demographische Entwicklung in Deutschland schärft das Bewusstsein dafür, dass Versöhnung nicht nur die Fürsorge des Vaters für den Sohn sondern immer auch den Respekt des Sohnes gegenüber dem Vater meint. Auch Kinder dürfen sich nicht absolut setzen, wenn Versöhnung gelingen soll. Versöhnung begründet eine Gemeinschaft Verschiedener, in der sich die gegenseitige Bereicherung der merkantilen Logik entzieht und gerade nicht im monetären Äquivalent messbar ist.

Die von Rom aus autoritär geleitete Denomination unseres christlichen Glaubens erhebt zwar den Anspruch auf Umfassenheit, also Katholizität, tatsächlich erlebe ich sie jedoch immer wieder als ausgrenzend, diskriminierend und engstirnig auf ihrer Deutungshoheit für Gottes Wirken in der Welt pochend. Auch hier begegnet uns wieder ein überdehnter Machtanspruch, der zum kirchlichen Terror der Inquisition führte. In der „Konkordie Reformatorischer Kirchen in Europa“ wird dagegen festgestellt, dass „zwischen unseren Kirchen  (...) beträchtliche Unterschiede in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen“ (Leuenberger Konkordie; 28. Abschnitt) bestehen. „Dennoch vermögen wir nach dem neuen Testament und den reformatorischen Kriterien der Kirchengemeinschaft in diesen Unterschieden keine kirchentrennenden Faktoren zu erblicken“ (ebd.) „Angesichts dieser Sachlage können wir heute die früheren Verwerfungen nicht nachvollziehen“ (Leuenberger Konkordie; 23. Abschnitt). Das demütige Bekennen früherer Irrtümer, der Respekt vor Unterschieden ermöglicht eine Kirchengemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit. Basis hierfür waren jahrelange Lehrgespräche der unterschiedlichen Konfessionen. Die Leuenberger Konkordie begreift sich zwar richtigerweise als wichtigen Meilenstein in der Versöhnung der unterschiedlichen reformatorischen Bekenntnisse, weiß aber zugleich um das Prozesshafte der gewonnenen Einheit in Vielfalt und führt aus „Die Kirchengemeinschaft verwirklicht sich im Leben der Kirchen und Gemeinden. Im Glauben an die einigende Kraft des Heiligen Geistes richten sie ihr Zeugnis und ihren Dienst gemeinsam aus und bemühen sich um die Stärkung und Vertiefung der gewonnen Gemeinschaft.“

Die Erkenntnis der Notwendigkeit, dass die Kirchengemeinschaft ständig neu verwirklicht werden muss und man sich um die Stärkung und Vertiefung der gewonnenen Gemeinschaft stets auf neue bemühen muss, schützt die reformatorischen Kirchen vor einer Überdehnung ihres Machtanspruches. Im Augsburger Bekenntnis und der Barmer Erklärung wendet sich die evangelische Kirche zurecht gegen die Machtüberdehnung des Staates. Doch heute ist es die Machtüberdehnung des Marktes, die uns den Raum für gelingendes Leben zu rauben droht. Wenn der Neoliberalismus die „Nutzenoptimierung“ zum eigentlichen Zweck des menschlichen Lebens erklären will, wird er zu einer neu-heidnischen Herausforderung an die kirchliche Lehre von der Erlösung durch Jesus Christus. Und wie vor der neu-heidnischen Herausforderung des Nationalsozialismus steht die Kirchenleitung in der Gefahr, diese Bedrohung nicht ernst genug zu nehmen und so vor dieser Herausforderung zu versagen. Und selbst die Evangelische Akademie ist vor einer solchen Gefahr nicht gefeit – heißt doch die parallel stattfindente Veranstaltung „Perspektiven im Gesundheitsmarkt“; vor 10 Jahren wäre noch vom Gesundheitswesen die Rede gewesen. Und dies macht einen Unterschied: im Wort Gesundheitswesen schwingt mit, dass ‚nicht marktfähige’ Elemente wie Empathie, Zuwendung und Vertrauen gerade beim Thema Gesundheit eine wichtige Rolle spielen, die bei der Konzentration auf den Gesundheitsmarkt verloren zu gehen drohen.

Das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Perspektivkommission des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland übernimmt mit Formulierungen wie „Marktanteilsverlust im Kerngeschäft“ (ebd., S. 23) und „Unternehmensorientierung (...) der Diakonie“ (ebd., S. 82) die Begrifflichkeit der Hohepriester des Marktes, was nicht verwundern kann, waren diese doch an der Abfassung dieses Impulspapiers maßgeblich beteiligt und nach meinem Gefühl sind die kirchlichen Mitglieder der Perspektivkommission ihnen auf den Leim gegangen. Man darf wohl zurecht annehmen, dass Repräsentanten zentraler Institutionen der neoliberalen Agenda-Setzung in Deutschland wie McKinsey, Deutsche Bank und Institut für Demoskopie in Allensbach, die in der Perspektivkommission vertreten waren, solche Begriffe nicht etwa ironisch-distanzierend gebrauchen. Die Kirche, die sich im Impulspapier der Perspektivkommission präsentiert, entlarvt nicht die neu-heidnische Ideologie des Neoliberalismus, sondern macht sich mit ihr gemein; sie verbündet sich mit den Mächtigen, in dem sie „protestantische Eliten (...) bewusst (...)fördern“ (ebd., S. 80) und die „synodalen Strukturen (...) einer kritischen Prüfung im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität“ (ebd., S. 29) unterziehen will, erweisen sich diese doch als hinderlich bei der Vereinnahmung der Kirche für die Mächte des Marktes. Zurecht erwarten die Autorinnen und Autoren des Impulspapiers, dass „gerade bei kirchlich Engagierten auf Widerstand“ (ebd., S. 39) zu treffen sei, dem jedoch von vorne herein jede inhaltliche Berechtigung abgesprochen wird, handelt es sich doch um „Empfindungen“ (ebd.) – also eine rein emotionale Reaktion auf die dennoch als richtig bezeichnete „Konzentration der Kräfte wie die von ihnen erhoffte Profilierung der Inhalte“ (ebd.) Hier wird die Sprache verletzend und erzeugt damit Widerstände.

Der „notwendige Mentalitätswandel“ (ebd., S. 20), den konkreter zu beschreiben sich das Impulspapier ziert, entpuppt sich so als ein Weg weg von der nachfrageorientierten, am Wohl des Menschen orientierten Kirche des 20 Jahrhunderts, die ihren Platz gemäß des Evangeliums bei den Schwachen und Ausgegrenzten sucht, hin zu einer Kirche, die „angebotsorientiert“ (ebd., S. 59) die „Stärkung der Stärken (ebd.) vorantreibt. Aber einer solchen Kirche wird man anmerken, dass sie – wie eine Firma – von der Sorge um ihr unabhängiges Fortbestehen anstatt von Gottvertrauen und Heilszuversicht geprägt ist. Blickt man heute, anlässlich einer Tagung zum 60ten Jahrestag des Darmstädter Wortes auf diese im Impulspapier beschriebene Kirche, so fällt mir zu dieser Zielbeschreibung nur ein: Geschichte ereignet sich als Tragödie und wiederholt sich als Farce.

Aber die Wiederholung alter Fehler ist nicht zwangsläufig. Der Mensch ist nicht nur ein soziales sondern auch ein intelligentes Wesen und kann daher aus Fehlern lernen. Ein Weg, um Fehler zu erkennen und Konsequenzen daraus zu ziehen, besteht darin, ein Idealbild zu entwerfen, wie wir uns das Zusammenleben mit unseren Artgenossen vorstellen, den Ist-Zustand vor diesem Hintergrund immer wieder zu analysieren, um so Schritte definieren zu können, die den Ist-Zustand dem Ideal annähern und frühere Maßnahmen in Bezug auf ihre Wirksamkeit überprüfen zu können. Eine solche Vorgehensweise, die auch das Impulspapier ansatzweise versucht, nennt man – und hier will ich eine Ehrenrettung des Begriffs versuchen - Ideologie. Nun ist es offensichtlich, dass es sowohl im Hinblick auf das Ideal als auch auf die Analyse des Ist und nicht zuletzt bezüglich der Eignung konkreter Schritte, eine Gesellschaft vom Ist zum Ideal zu führen, Meinungsunterschiede geben kann. Das Darmstädter Wort benennt in der vierten und fünften These solche Unterschiede und die Härte des Streits, der sich an solchen Fragen entzünden kann. Wenn sich nun in einem solchen Streit eine Ideologie durchgesetzt hat, ist es also eine plausible Strategie der siegreichen Fraktion, die im Sinne ihres Idealbildes in Gang gesetzten gesellschaftlichen Prozesse als zwangsläufig und naturgesetzlich und damit über jeden Streit erhaben darzustellen. Damit wird der Sachzwang zum Euphemismus für die Unterwerfung unter die aktuell herrschende Ideologie. Nun führt der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber, in seinem Vorwort zum Impulspapier der Perspektivkommission aus: „Eine (...) Antwort auf solche Prognosen kann nur darin bestehen, gegen den Trend wachsen zu wollen“ (ebd., S. 7; Hervorhebungen durch den Autor). Diese Formulierung ist für mich eine Unterwerfungsgeste gegenüber der wachstumsfixierten Ideologie des Neoliberalismus, da die aufgestellte Behauptung quasi naturgesetzlich und damit mit dem Anspruch auf Unangreifbarkeit aufgestellt wird und der intendierte gesellschaftliche Prozess im Einklang mit den Postulaten der herrschenden Ideologie steht. Dass im weiteren Verlauf des Impulspapiers der Perspektivkommission bestehende kirchliche Aktivitäten auf den Prüfstand gestellt werden, steht nicht im Widerspruch zu der Wachstumsideologie des Neoliberalismus, gehört doch das Abstoßen von wachstumsschwachen Rand(-gruppen?)-Aktivitäten zum Repertoire des Shareholder Value, da damit die Erwartung verknüpft wird, dass eine Organisation wie ein Rosenstrauch kräftig zurückgeschnitten werden muss, um im Folgenden um so kräftiger wachsen und blühen zu können.

Jede weitere Detailkritik an der Statusbeschreibung, der Zielformulierung und der Angemessenheit der vorgeschlagenen Maßnahmen im Impulspapier der Perspektivkommission führt mich immer wieder zu dem einen Hauptkritikpunkt zurück: das Papier verficht eine Ideologie, in der Wachstum allein quantitativ begriffen wird und zuvorderst der finanziellen Absicherung der hauptamtlich bestallten Gralshüter dienen soll. Damit wird es Zeit für eine ideologische Auseinandersetzung; dafür eine Gegenposition zu entwickeln, die aus meiner Sicht folgende Kriterien erfüllen muss:

Die Gegenposition benennt die ihr zugrunde liegende Ideologie explizit und macht sich damit bewusst angreifbar.

Die Gegenposition fragt zuerst, was heute für die evangelische Kirche richtig und notwendig in Bezug auf das formulierte Idealbild von Kirche ist und erst dann nach der erforderlichen finanziellen Ausstattung und wie diese gesichert werden kann.

Die Gegenposition vertraut auf die spirituelle Kraft und Lebendigkeit der Gemeinden anstatt das Heil der Kirche in solide finanzierten hauptamtlichen Strukturen zu suchen.

Die Gegenposition bezieht die Fähigkeit des Menschen zu Empathie und Altruismus in ihre Überlegungen ein und verweigert sich damit der Überdehnung des kapitalistischen Prinzips der Nutzenoptimierung.

Die Gegenposition verzichtet auf quantifizierbare Zielvorgaben kurz vor dem St.-Nimmerleinstag und konzentriert sich statt dessen darauf, schnell umsetzbare Maßnahmen zu beschreiben und deren längerfristigen Auswirkungen zu skizzieren.

Die Gegenposition entstammt nicht einem anonymen Gremium sondern der Lebenswirklichkeit einer konkreten, benannten Person.

Meine Auseinandersetzung mit dem Impulspapier der Perspektivkommission wäre demnach unvollständig, hätte ich nicht versucht, eine solche Gegenposition aufzuschreiben. Dabei ist die von mir vorgelegte Erwiderung mit dem Titel „Aktive Gemeinde in gemeinsamer Verantwortung“ sicher nur eine der vielen möglichen Gegenpositionen zum Impulspapier der Perspektivkommission. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Menschen meinem Beispiel folgen und ihre Idealvorstellung von Kirche aufschreiben, ihre konkreten Vorschläge öffentlich machen und so zu einer lebendigen Diskussion beitragen, in der sicher auch das Impulspapier der Perspektivkommission einen berechtigten Platz einnehmen wird.

Meine Erwiderung fällt mit 36 Seiten zwar deutlich kürzer aus als das Impulspapier der Perspektivkommission, dennoch kann und will ich es Ihnen hier und heute natürlich nicht vorlesen. Lassen Sie mich also versuchen, einige Kernthesen exemplarisch herauszugreifen.

Ausgehend von einer religiös-konfessionellen Darstellung meines evangelischen Glaubens versuche ich in meiner Erwiderung auf das Impulspapier der Perspektivkommission Aufgaben und Ziele der Kirche wie dieses in 12 Thesen auszubreiten, die ich 4 Themenkreisen zugeordnet habe. Der Begriff „Leuchtfeuer“, den die Autorinnen und Autoren des Impulspapiers für ihre Thesen gewählt haben, wurde zurecht und aus berufenerem Munde als meinem kritisiert. Ich habe daher als Überbegriff das Wort „Landmarke“ gewählt – ein topographisches Merkmal in der Landschaft, das – natürlich oder vom Menschen gemacht – einen Orientierungspunkt bietet und auf ein bestimmtes Ziel hinweißt. Dabei bleibt es jeder und jedem selbst überlassen, ob er bzw. sie das von einer Landmarke angezeigte Ziel für erstrebenswert hält, oder ob er oder sie es lieber links liegen lässt.

Im ersten Themenkreis, den ich mit „Die evangelische Kirche ist eine Gemeinschaft aktiver Gemeindemitglieder“ überschrieben habe, versuche ich in drei Landmarken zu den Themenkreisen Gottesdienst, Kirchengebäude und kirchenleitende Gremien darzustellen, wie die evangelische Kirche in und durch ihre Gemeinden Beheimatungskraft für ihre Mitglieder entfaltet, in dem sie sie aktiv in die Aufgaben und Vollzüge einbezieht. Selbstverständlich spielen dabei auch die hauptamtlichen Mitarbeiter eine wichtige Rolle – nur mit Ehrenamtlichen wird die Kirche nicht auskommen. Auch das Impulspapier betont zum Beispiel im 5. Leuchtfeuer die Wichtigkeit der ehrenamtlichen Arbeit, dies wird jedoch durch einen Satz im 3. Leuchtfeuer konterkariert, in dem die Feststellung, dass hauptamtliche Arbeit aus Kostengründen reduziert werden musste und weiter reduziert werden muss in der Feststellung mündet : „Die Last der Arbeit und der Verantwortung verteilt sich dadurch auf weniger Schultern“ (ebd., S. 60). Die im fünften Leuchtfeuer versprochene Würdigung des ehrenamtlichen Engagements wird so fragwürdig, da es offensichtlich weder Arbeit noch Verantwortung beinhaltet. Im Gegensatz dazu versuche ich eine Kirche zu skizzieren, in der die Last der Arbeit und Verantwortung ganz wesentlich auf viele ehrenamtliche Schultern verteilt ist und die Hauptamtlichen sich damit einerseits auf die Verkündigung und schriftgemäße Verwaltung der Sakramente konzentrieren können und andererseits die Koordination und Organisation ehrenamtlicher Arbeit übernehmen. Dies führt mich zu der Forderung, in allen Leitungsgremien der evangelischen Kirche eine 2/3-Mehrheit der Ehrenamtlichen in den entsprechenden Kirchenordnungen festzuschreiben.

In Bezug auf die Kirchengebäude will die Perspektivkommission „die Kirche im Dorf lassen“ und bleibt so ratlos vor der Situation in den östlichen Gliedkirchen, stehen doch „auf diesem Gebiet bei knapp 8 Prozent der Mitglieder 40 Prozent aller evangelischen Kirchen“ (ebd., S. 25). Als überzeugter Stadtmensch sehe ich nach dem Wegzug des Einzelhandels aus den Dörfern und der allmählichen Ausdünnung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum durch die Schließung der Kirchen eher die Chance, die Menschen dort aus ihrer selbstgewählten Isolation zu befreien und sie in die Städte zu locken, deren Luft ja sprichwörtlich frei macht. Die zitierte Untersuchung der Kirchlichen Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa), dass lediglich 5 bis maximal 10 Prozent der Kirchengebäude aufgegeben werden könnten, kann mich nicht überzeugen, da ich mich hier ausnahmsweise mit Friedrich Merz einig fühle: wer den Sumpf trocken legen will, sollte nicht die Frösche nach ihrer Meinung fragen. Nein – für den ländlichen Raum schlägt mein Herz nicht – umso mehr wünsche ich mir eine weitere Gegenposition vielleicht gerade aus dem Bereich der Landfrauen. Mich lässt die Entscheidung, außerhalb des Zentrums einer Großstadt leben zu wollen, einfach ratlos zurück und ich würde hier gerne etwas lernen!

Im zweiten Themenkreis beschäftige ich mich mit der inneren und äußeren Mission und auch hier wieder vor allem mit der Frage, wie Ehrenamtliche stärker eingebunden werden und zwar so, dass sie sich nicht nur als schmückendes Beiwerk und handwerkliche Handlanger begreifen, sondern die jeweilige Aufgabenstellung zu ihrem eigenen Anliegen machen, für das sie sich nicht nur verantwortlich fühlen, sondern für das sie auch wirklich verantwortlich sind. Das erhöht das Risiko des Scheiterns, wenden Sie ein? Ja, das tut es. Aber was wäre das Christentum ohne die Erfahrung des Scheiterns? Als Christus am Kreuz hing, erlebten dies die Jünger als das absolute und totale Scheitern ihres Traums von einer besseren Welt und dann geschieht das Wunder: Gott selbst widersetzt sich diesem Scheitern und zeigt uns mit der Auferstehung wie kleingläubig wir doch sind, wenn wir uns vor dem Scheitern fürchten. Aus jedem Karfreitag kann durch Gottes Gnade und Macht ein Ostersonntag werden. Geben wir in unserer perfekt durchorganisierten Kirche dem Heiligen Geist überhaupt noch eine Chance? Daher traue ich uns Ehrenamtlichen auch zu, im Bereich der inneren Mission wesentliche Beiträge leisten zu können. Und dabei fürchte ich mich auch nicht vor „Proselytenmacherei“ – erst das Zeugnis Maria Magdalenas von der Auferstehung des Gekreuzigten lässt die Jüngerinnen und Jünger Jesu von einer jüdischen Erweckungssekte zur christlichen Kirche reifen – und was soll ich von einer Konfession halten, in dem die Geschlechtsgenossinen ihrer eigentlichen Gründerin von Ämtern ausgeschlossen bleiben?

Habe ich es mir in den ersten beiden Themenkreisen mit der Landbevölkerung und den gutmenschlichen Harmonie-Ökumenikern verscherzt, bringe ich im dritten Themenkreis nun Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Religionslehrerinnen und Religionslehrer gegen mich auf. Während ich ersteren „nur“ den Beamtenstatus wegnehmen will, plädiere ich bei den letztgenannten gleich für die Abschaffung des Berufsstandes. Und auch die Kirchenjuristen werden wohl nicht zu den euphorischen Befürwortern meines Papiers gehören, plädiere ich doch für die Abschaffung der kircheneigenen Arbeitsgerichtsbarkeit. Auch wenn viele Menschen im öffentlichen Dienst aus Artikel 33 Abs. 5 den Kernbestand des Grundgesetzes destillieren wollen, so bin ich doch der Meinung, dass die „hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums“ keine göttlich offenbarte Wahrheit darstellen und somit zumindest im Bereich der Kirche hinterfragt werden können. Die finanziellen Herausforderungen, die ja wesentlicher Anlass für die Erstellung des Impulspapiers der Perspektivkommission sind, sind nicht zuletzt auf die Pensionsverpflichtungen gegenüber den Kirchenbeamten zurückzuführen. In dem von der Perspektivkommission so häufig als Anhaltspunkt genommenem Jahr 2030 werden vielmehr diese Pensionslasten voraussichtlich höher sein als die Gehälter der dann im aktiven Dienst stehenden kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der konfessionelle Religionsunterricht ist nicht nur in den neuen Bundesländern, wo er oft nur noch weniger als 5% der Schülerinnen und Schüler erreicht, unter Begründungsdruck, vielmehr sollte sich die Kirche fragen, ob sie wirklich gut beraten ist, die Glaubenstradierung einer staatlichen Institution zu übertragen anstatt sie den Parochialgemeinden zu überlassen und so die Kinder und Jugendlichen an die Gemeinden heranzuführen. Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen meint hierzu: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“ Worin liegt die Bestimmung der Kirche, die nicht durch die staatliche Ordnung übernommen werden darf? Gehört hierzu nicht auch und vor allem die Weitergabe des Glaubens an die nachwachsenden Generationen?

Der vierte und letzte Themenkreis widmet sich den kirchlichen Finanzen. Wie auch das Impulspapier der Perspektivkommission halte ich die Kirchensteuer für ein unverzichtbares Instrument der Finanzierung kirchlicher Arbeit. Ich halte sie aber nicht nur für wichtig, sondern auch für gut begründet und unterziehe mich im Gegensatz zur Perspektivkommission der Mühe, eine Begründung zu liefern. Wie Herr Gundlach heute Vormittag ausführte, hat Qualität ihren Preis; warum werden dann im Impulspapier der Perspektivkommission die Kirchensteuersätze tabuisiert? Gibt es dafür einen anderen Grund als die Steuersenkungsideologie der neo-liberalen Apologeten des vermuteten Mehrheitswillens?

Aber es geht nicht nur um die Einnahmeseite der Kirche, es geht auch um die Ausgaben. Ich bin der Überzeugung, dass auch und gerade im Bereich des diakonischen Handelns der Kirche eine Prioritätensetzung erfolgen muss, nach der entschieden wird, welche Aufgabenstellungen auch weiterhin durch den Einsatz von Kirchensteuermitteln sicher gestellt werden und wo die kirchliche Trägerschaft einer Einrichtung verzichtbar ist. Das Impulspapier lässt die Frage danach, was denn künftig wegfallen soll, weitgehend unbeantwortet bzw. ergeht sich in Allgemeinplätzen, so dass jeder Widerstand dem Versuch nahe kommt, einen Pudding an die Wand nageln zu wollen; und das macht aggressiv. Ich behaupte keinesfalls, dass die von mir vorgelegte Prioritätenliste der Weisheit letzter Schluss ist, aber sie ist immerhin konkret, so dass man sich darüber streiten und ggf. zu einem abweichenden Ergebnis kommen kann. Abschließend werbe ich dann für einen Ausbau der wirtschaftlichen Aktivitäten der evangelischen Kirche, die zur Absicherung der bestehenden und künftiger Pensionsverpflichtungen einen Beitrag leisten können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich würde mich freuen, wenn Sie sich im Folgenden und heute Abend mit mir heftig über meine Thesen streiten. Denn wenn möglichst viele an einem Diskussionsprozess beteiligt sind, wächst die Chance, dass dabei die beste Lösung gefunden wird. Ich habe meinen Beitrag zu dieser Diskussion im wesentlichen während einer privaten Urlaubsreise in Asmara/Eritrea zu Papier gebracht und die Situation in diesem diktatorisch regierten Land hat mir deutlich vor Augen geführt, um wie viel schlechter Lösungen ausfallen, wenn sie von oben diktiert werden anstatt in einem Diskussionsprozess erarbeitet zu werden. Daher will ich trotz aller Kritik am Inhalt des Impulspapiers der Perspektivkommission und der Leitung der EKD vor allem auch meinen Dank aussprechen, dass dieses Papier zur Diskussion gestellt wird und so im Widerstreit mit anderen Meinungen hoffentlich Lösungen gefunden werden, die dazu beitragen, die evangelische Kirche über ihren 500ten Geburtstag hinaus als einen Ort freudig gelebter Spiritualität zu bewahren.

Die Zwiespältigkeit des von mir gewählten Titels für den heutigen Beitrag – die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts nicht preisgeben – für die protestantische Basiskirche – ist mir am heutigen Tag durchaus bewusst. Die ersten Landesbischöfe, die nach Ende des landesherrlichen Kirchenregiments zu Beginn des 20ten Jahrhunderts ins Amt kamen und ja erst langsam lernen mussten, das rein geistliche Amt des evangelischen Bischofs mit Inhalt zu füllen, konnten sich der Unterstützung einer breiten Mehrheit der evangelischen Kirchenmitglieder sicher sein, als sie sich in den 30 Jahren auf die Seite der Nazis stellten oder zumindest nach einem möglichst konfliktfreien Verhältnis zur neuen Staatsmacht suchten. Die Bekennende Kirche war nicht in erster Linie durch Ehrenamtliche geprägt sondern durch einige mutige Amtsträger, die den Irrweg des Nationalsozialismus erkannten und ihr Leben aufs Spiel setzten, um Gott die Treue zu halten. Ich denke hier insbesondere an die Märtyrer Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer, die mir bis heute in ihren überlieferten Liedern Trost und Mut spenden. Ihr Erbe verpflichtet uns, die Orientierung an den Schwachen und Verfolgten, die Verankerung der Kirche als kritisches Gegenüber und nicht Teil des Staates nicht nur nicht preiszugeben sondern weiter zu entwickeln

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.