zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Referat von Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn 

  zum "Impulspapier des Rates der EKD - Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert."

Die Ortsgemeinde im EKD-Impulspapier

Spannungsverhältnisse – Ortsgemeinde im Impulspapier – Gemeinde und Bildung – Gemeinde und Diakonie – Gemeinde und Leitung – Gemeinde und PfarrerInnen/PrädikantInnen – Schlussbemerkungen

Einleitung

Das Impulspapier stellt die Maxime „Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität“ auf, für die „Selbstorganisation“ ebenso wie für die „kirchlichen Kernangebote“. Ich verstehe meine Ausführungen auch als Beitrag zur Beförderung dessen, was Peter Glotz in seiner Autobiografie für die SPD als wirkungsmächtigen „Spiritualtransfer“ bezeichnet. Mein Beitrag dreht sich um Status und Qualität der Gemeinden im Impulspapier, wozu für mich auch Status und Qualität der Geistlichkeit, also Status und Qualität der PredigerInnen, ebenso der PfarrerInnen wie PrädikantInnen, und ihr Verhältnis zueinander gehört. Dieser Text ist ein Extrakt aus meinem Vortrag, in den ich zur Veranschaulichung viele Erfahrungen aus der Gemeindearbeit eingeflochten hatte.

Die Spannungsverhältnisse

Spannungsverhältnisse scheint mir der angemessene Begriff, wie ich das Impulspapier zum Thema Ortsgemeinde lese und in Beziehung zu meinen Erfahrungen setze:

Bild der Gemeinde: Offenheit, Aufbruch versus Verharren in Selbstbezüglichkeit, Abschottung (Wagenburg, Insel).

Beheimatung: Interessanterweise ist mehr von „geistlicher Beheimatung“ und nicht so sehr von Beheimatung in einer örtlichen Gemeindegemeinschaft die Rede. Ich sehe hier ein Spannungsverhältnis zwischen „nahe bei den Menschen sein“ und der Annahme, dass diese ihre geistliche Verortung zunehmend von persönlichen Nahebezügen abstrahieren.

Selbstorganisation: Es müsse deutlicher unterschieden werden zwischen Geschäftsführung und geistlicher Aufsicht, heißt es im Papier. Dieses Spannungsverhältnis prägt auch Gemeinden, besonders hinsichtlich der Aufgabe „geistliche Gemeindeleitung“.

Diese Spannungsfelder habe ich in Wittenberg mit Erfahrungsfacetten von Veränderungsarbeit in der alltäglichen Lebenswirklichkeit beleuchtet. Weil dies aber nicht repräsentativ sein konnte ‑ das wäre bei der mehrhundertfachen Vielfalt von Gemeinden unmöglich und es gibt wie überall „soo´ne und solche“ Gemeinden wie auch „soo´ne und solche“ VerkündigerInnen PfarrerInnen und PrädikantInnen sind eben auch nur Menschen wie ich und du und Synodale auf allen Ebenen allzumal - weil man also nicht alle Gemeinden über einen Leisten schlagen kann, ganz abgesehen von den Unterschiedsgefällen auch zwischen Stadt und Land und Ost und West, und die Facetten „von unten“, die ich mündlich geschildert habe, nur exemplarisch zu weiterer Diskussion anregen sollten, lasse ich sie hier weg.

Ortsgemeinde im Impulspapier

Die Ortsgemeinde werde „weiterhin eine Grundform von Gemeinde bleiben, aber ihre Bedeutung wird sich zugunsten anderer Gemeindeformen relativieren“ (Seite 57).  So lautet eine zentrale Aussage, die für das Ziel erwärmen soll, herausragende „Profilgemeinden“ und „Passantengemeinden“ ebenso wie „Internetgemeinden“ stärker mit Geld zu bedenken als - ja als wen? - wie würde es heißen : „normale“ oder „einfache“ – Ortsgemeinden?

Nicht beim Thema Kernangebote, sondern weit hinten, beim 12. Leuchtfeuer, wo es auch um besondere Themenkirchen als Orte für bundesweite Ausstrahlung geht (aktuell richtiger: ging), ist dieser Bekenntnissatz zu finden: 

Heimat im Glauben entsteht zuvörderst in den Ortsgemeinden und zunehmend in anderen Gemeindeformen. Hier wird der Glauben in Wort und Sakrament erlebbar. Hier wachsen persönliche, insbesondere auch pastorale Beziehungen. Diese Form der Beheimatung wird auch in Zukunft wichtig bleiben. (98) Unausgeschrieben geht diese Aussage in einen „Aber…“-Satz über, in dem dann im 12. Leuchtfeuer insbesondere die „besonderen Kirchen“ für bundesweite Ausstrahlung begründet wurden.

Weiter vorne finden sich eigentlich nur zwei sehr kurze Würdigungen der Ortsgemeinden: Die Lebendigkeit vieler Gemeinden in Stadt und Land bilden ein hohes Gut, das durch die Rede vom notwendigen Aufbruch nicht geschmälert oder missachtet werden soll.“(17). Und: Viele Beispiele von überzeugend gelungenen Engagements bleiben ungenutzt (27). Das kommt sehr lapidar, fast beiläufig daher. Nichts ist zu lesen von einer Wertschätzung all dessen, was „trotz alledem und immerdar“ in den Gemeinden geleistet wird. Nicht ist die Rede davon, wie „die Kirche“ Gemeinden in all ihrer Breite unterstützen könnte und sollte. Sondern davon ist die Rede, was - ehrenamtlich geführte und gestaltete ‑ Gemeinden von sich aus und aus sich selbst heraus zu tun haben. Der Eindruck kommt auf: „Die da oben“ sagen, was „Die da unten“ wollen sollen.

Unter der Überschrift „Aufbruch“ heißt es zum Beispiel: Dazu müssen Ortsgemeinden allerdings eine bewusste Wendung nach außen vollziehen, ihre Arbeit missionarisch ausrichten und auf anspruchsvollem Niveau gestalten. (55). Dazu gehört auch die Forderung nach „qualitativen und stilsicheren“ Gottesdiensten. (52)

Wer definiert, was erfolgreiche Wendung nach außen, was Niveau ist? Wenn etwa jemandem das geistliche, das gottesdienstliche Niveau – oder anders gesagt: die Kultur der Spiritualität - in seiner Gemeinde zu gering ist, aber den meisten, die mitarbeiten und auch über die Kerngemeinde hinaus dem Stadtteil zugewandt sind und so eine offene und attraktive und aktive lebendige Gemeinde bilden, hinreicht - wer wollte, dürfte da nach welchen Maßstäben richten? Gemeinden in einen Profilwettbewerb zwingen mit Benchmarking in Bezug auf „best practice“ erinnert an Unternehmen, die Teilbereiche zu Profitcentern machen, die gegeneinander um Ressourcen, Personal und Geld wetteifern müssen.

Wie auch verhält sich diese Maxime zu innerkirchlichen Debatten um eher „niedrigschwellige“ Angebote? Was wären die Maßstäbe für die Bewertung eines Gemeindeprofils, die ausschlaggebend dafür sind, ob eine Gemeinde Geld dazu bekommt oder nicht? Ist es die große Zahl der Gottesdienstbesucher oder der Besucher von Konzerten? Gehört auch gute, aber nicht so massenwirksame Flüchtlingsarbeit, ja auch Kirchenasyl dazu? Oder könnte es sein, dass eine solche Arbeit negativ als abweichendes Verhalten geahndet werden könnte? Welche Rolle spielt es, dass Gemeinde im Alltag weit mehr ist als die sonntägliche Gottesdienstgemeinde? Wenn es aktive Kindergruppen, Jugendgruppen, Familiengruppen, Seniorengruppen, Frauengruppen, ja auch Männergruppen gibt, zu deren Treffen und Freizeiten, die auf ihre Weise auch alle der Verkündigung der Botschaft Jesu Christi dienen, zusammen genommen weit mehr kommen als Sonntags in den Gottesdienst?

Dass Gemeinde im echten Leben mehr ist als Gottesdienstgemeinde, zeigt sich auch, wenn ich feststelle, dass sich die Bedeutung und Anerkennung von Gemeinde subkutan durch viele Kapitel des Impulspapiers zieht.

Gemeinde und Bildung

Entscheidend für die zukünftige Entwicklung der Kirche ist  die Frage, wie weit es ihr gelingt, den Glauben an die nächste Generation zu vermitteln (23). So heißt es zum Thema Bildung. Orte der Bildung sind auch die von Gemeinden getragenen evangelischen Kindertagesstätten. Was anderes ist es denn als eine Wendung nach außen, und das auf durchaus anspruchsvollem Niveau, wenn man sich das Engagement vieler Kirchengemeinden für ihre Kindertagesstätten einschließlich der Implementierung und Pflege von religiöser Früherziehung betrachtet? Gerade wenn viele der Kinder von Haus aus gar nicht religiös sind oder aus muslimischen Familien stammen, verdient dieses Gemeindeengagement Wertschätzung und Förderung.

Gemeinde und Diakonie

Alle diakonischen Einrichtungen und Dienste stehen bis 2030 in einer definierten Kooperations- bzw. Partnerschaftsbeziehung zu den Kirchengemeinden bzw. Kirchenbezirken ihrer Region. (83). So heißt es zum Thema Diakonie. Auch hier sind Spannungsverhältnisse zu bearbeiten oder zumindest zu klären. Insbesondere vor dem Hintergrund des zunehmenden Auseinanderdriftens von unternehmerischer professioneller und zentralisierter Diakonie und ehrenamtlicher Gemeindediakonie. Beispiele sind die Entwicklung bei der ambulanten Pflege, aber auch bei Altenheimen oder Krabbelstuben.

Gemeinde und Leitung

Es müsse „eine deutliche Unterscheidung zwischen Geschäftsführung und geistlicher Aufsicht“ geben. (29). So heißt es im Impulspapier. Diese Unterscheidung gilt auch für den Kirchenvorstand (KV). Was heißt geistliche Aufsicht durch den KV? Das Spannungsverhältnis zwischen Geschäftsführung und geistlicher Gemeindeleitung ist eigentlich ständig spürbar. Zunächst ist der KV eine paradoxe Gestalt: In der Geschäftsführung eine Mischung aus Aufsichtsrat und operativem Vorstand eines mittelständischen Unternehmens mit bis zu 20 Beschäftigten und bis zu 120 Ehrenamtlichen in ganz heterogenen hauptberuflich und ehrenamtlich geführten Betriebsteilen. In diesen Anforderungen sind Überforderungen angelegt. Eine verstärkte Aus- und Fortbildung der Mitarbeitenden im Blick auf ihre christliche Sprachfähigkeit und geistliche Beheimatung ist für die Profilierung einer evangelischen Diakonie die entscheidende Voraussetzung. (83) Diese Zielsetzung: Sprachfähigkeit und die Fähigkeit, geistliche Beheimatung zu begründen, wie sie explizit im Kapitel Diakonie zu finden ist, ist ganz gewiss auch eine Aufgabe zur Wahrnehmung und Verbesserung der Qualität der geistlichen Gemeindeleitung.

Gemeinde und PfarrerInnen / PrädikantInnen

Alle Zukunftsfragen, die Gemeinden bedrücken, der andauernde Reform- und Veränderungsstress und die schrumpfenden Mitgliederzahlen führen dazu, dass Kirchengemeinden sich immer mehr in sich selbst zurückziehen, dass die Situation immer familiärer und damit auch beengter wird; dass sich das Milieu auf die kirchlich Aktiven begrenzt; und dass das Ergebnis dieser Veränderungsprozesse letztlich eine beengte, vielleicht auch verängstigte und nurmehr sehr mit sich selbst beschäftigte Kirche und Gemeinde sein könnte.

Lasst uns doch einfach mal in Ruhe ganz normal unsere Arbeit tun! Dieser beredte Stoßseufzer eines Pfarrers in einer Dekanatssynode verkennt, dass es dieses „ganz normal“ nicht mehr gibt. Viel mehr geht es darum: Beständigkeit bieten in der Unbeständigkeit. Man muss lernen, die Instabilität der Verhältnisse als Normalfall zu sehen und damit umzugehen, also eine Art von Beheimatung zu bieten, mit der man das Spannungsverhältnis stabil austarieren kann. Ich habe dazu diese Vorstellung: Das Leben ist lebenslange Wanderschaft. Leben ist Bewegung. Es geht darum, das Leben im Wege einer Wanderschaft zu meistern. An die Stelle der nachhaltigen Dauerhaftigkeit tritt die Brüchigkeit des jeweils Erreichten. Wir müssen also immer wieder lernen, aufzubrechen, neue Wege zu gehen, nicht nur gut ausgebaute Hauptwege, sondern auch Nebenwege, Wanderwege, Trampelfade. Übersetzt in kirchliche Arbeit heißt das für mich: Netzwerke bilden, Kooperationen suchen, Zusammenschlüsse erwägen und vollziehen.

Das Impulspapier bewegt sich zwischen einer erbarmungslos klingenden Beschimpfung von PfarrerInnen und Anforderungen an sie, die so eigentlich niemand wirklich erfüllen kann. All das, was da an Defiziten aufgelistet wird, kommt sicherlich vor, aber in der reinen Addition zeichnet es ein sehr schiefes Bild. Diese bewusst akzentuierte Häufung kommt mir daher vor wie das Donnergrollen alttestamentarischen Gotteszornes über Pharisäer und Schriftgelehrte. Dem gegenübergestellt wird als Berufsbild die Vision eines idealen Übermenschen.

Kernsätze zu den Kernangeboten: Die Amtshandlungen sind so etwas wie der Lackmus-Test dafür, wie es um die evangelische Kirche heute bestellt ist. (23.Das heimliche Schweigegebot über die geistliche Qualität kirchlicher Angebote muss aufgebrochen und die kollegiale Team- und Kritikfähigkeit muss gestärkt werden. (51)Qualitätsstandards müssen auch für die kleinen Gottesdienstformen entwickelt werden. (52)Die Beteiligung der Mitglieder an den Kernangeboten der evangelischen Kirche ist deutlich zu erhöhen. (52)

Die Schelte: Das theologische Alleinstellungsmerkmal ist an vielen Stellen unklar und unsicher geworden, dass der Eindruck entsteht,  als stecke der kirchliche „Schlüsselberuf“ weithin in einer geistlichen und mentalen Orientierungskrise. (72).Über die Qualität der kirchlichen Arbeit, insbesondere des Pfarrdienstes, ist zu wenig bekannt (27). Bemängelt wird fehlendes gemeinsames Kirchenbewusstsein (39), Mangel an gesamtkirchlicher Verantwortung (42) wie auch eine verbreitete Selbstsäkularisierung und unzureichende Identifikation kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Einschluss von Pfarrerinnen und Pfarrern mit den Kernangeboten der Kirche. Pastoralen Separatismus kann sich die evangelische Kirche nicht leisten. (72). Es legt sich eine verhängnisvolle Unberührbarkeit über die gottesdienstliche Arbeit vieler Pfarrerinnen und Pfarrer. Man kann kollegial leichter über intime Dinge sprechen als über die letzte Predigt. (51).

Die Erwartungen: Pfarrer müssen erreichbar sein, aber zugleich ein neues Selbstbewusstsein als wandernde Prediger entwickeln (69) und missionarische Innovationskompetenz verkörpern. (73).Das geistliche Leben allein wie in Gemeinschaft mit anderen wird den Pfarrberuf in Zukunft deutlich prägen (73). – Hinzu kommt eine neue Verantwortung für die ehrenamtliche Verkündigung. Im Impulsapier wird durchgehend zum Ausdruck gebracht, dass die Gruppe der ehrenamtlich Tätigen in Zukunft genauso wichtig sein werde wie die Gruppe der hauptberuflich Tätigen. Für viele Bereiche wäre es wünschenswert, dass hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Lektorinnen und Lektoren und Prädikantinnen und Prädikanten jeweils in gleicher Zahl, also im Verhältnis 1:1:1 zur Verfügung stehen. (69). Das hieße also, dass zwei Drittel aller Gottesdienste von „Laien“ gestaltet würden. Der ehrenamtliche und nicht hauptamtliche Dienst auch in der Beteiligung am Verkündigungsauftrag erfährt eine klare Würdigung. (67) Ehrenamtliche lediglich als Aushilfen einzusetzen, missachtet ihren Einsatz (68).Wenn jede Pfarrerin und jeder Pfarrer einen Kreis von ehrenamtlichen Beauftragten um sich sammelt, werden die Pfarrerinnen und Pfarrer selbst zur oder zum leitenden Geistlichen eines Netzwerks von Ehrenamtlichen. (68). Das ist systemisch gedacht, aber nicht lebensnah. Anleitung und Begleitung des ehrenamtlichen Einsatzes werden zentrale Herausforderungen für die hauptamtlich Mitarbeitenden und in diesem Sinne als eine evangelische Grundkompetenz anerkannt. (69)

Was kommt da nicht alles zusammen, was einzelne Menschen sein sollen: Verwaltende und strategische Manager zum einen, Verkündiger und Seelsorger zum anderen und zum dritten Rundum-Animateure für nachhaltiges Engagement von Ehrenamtlichen in der Verkündigung. Der neu definierten Berufsrolle steht es entgegen, wenn Alltag bleibt, was Alltag ist, dass nämlich Stellen gehälftet, gedrittelt und geviertelt werden, etwa eine Pfarrerin mit einer halben Stelle in der einen Gemeinde wirkt, mit einer viertel Stelle Konfiunterricht in einer anderen erteilt und mit einer viertel Stelle Religionsunterricht an der Grundschule. Noch fürchterlicher sind die Anstellungsverhältnisse für Kirchenmusiker. Richtig ist aus meiner Kenntnis, dass viele PfarrerInnen weder sich selbst noch andere organisieren und strukturieren können. Richtig wäre aus meiner Sicht aber auch, dass sie den Rücken für ihre Kernaufgaben frei haben – die Kultur der Spiritualität zu gestalten (Verkündigung, Seelsorge). Es kann aber nicht sein, wie es auf der EKD-Konferenz angeregt wurde, dass „alles andere“ in der Gemeinde wirklich nur auf Ehrenamtlichen lastet.

Neues kollegiales Reden über die Qualität der Arbeit, auch von Predigten: Das muss auch für Ehrenamtliche gelten, denn es lebt sich als ehrenamtlicher Prediger ganz gut ohne jede Aufsicht. Aber es geht doch um authentische Glaubwürdigkeit. Da darf es nicht bei dem Rat bleiben: Machen Sie sich doch nicht so viel Mühe, ziehen Sie sich doch einfach eine Predigt aus dem Internet.

Schlussbemerkungen

Ich meine, dass die Autoren des Impulspapiers Gemeinden in ihrer Vielgestaltigkeit und in ihrem Entwicklungspotenzial unterschätzen. Die verfasste Kirche muss sich den Gemeinden wertschätzender zuwenden. Im Papier sehe ich das Spannungsverhältnis zwischen dem von den Gemeinden her aufgebauten synodalen Vollmachtsprinzip und dem Werben für „schlankere“ und „effektivere“ Strukturen, die schnellere Entscheidungen – mit welcher Legitimation dann? – möglich machen. Ein weiterer Punkt: Dem Protestantismus eigentümlich ist ja ein angeborenes Misstrauen gegen die Personifizierung von Macht und jegliche Art von Klerikalismus. Kirche will den Menschen nahe sein. Aber dem EKD-Impuls wohnt nach wie vor eine Richtung inne, die diesen Eindruck erwecken kann: Hauptberuflich besoldete Kirchenbeamte geraten in immer größere Distanz zu Gemeinden. (Stoßseufzer eines jungen Katholiken: Da hoffen wir nun, dass wir von euch lernen und etwas evangelischer werden und nun scheint es so, dass ihr katholischer werdet.) Oder schärfer: Die „Amtskirche“ verselbstständigt sich und lässt Gemeinden zunehmend alleine. Und noch schärfer formuliert: Zentralisierte Professionalisierung oben, Ehrenamtlichkeit unten, das wäre wie bei Greenpeace ‑ oben bilden Profis eine medial schlagkräftige, aber eigenständig agierende Organisation und unten sichern Ehrenamtliche die gesellschaftliche Akzeptanz ab.

Allerdings meine ich: Viele Gemeinden sehen sich zu sehr und unberechtigt – als Opfer, sollten sich viel mehr als schöpferische „Täter des Wortes“ verstehen, sich den Herausforderungen aktiv stellen, sich auch über „den eigenen Kirchturm hinaus“ für die Gesamtkirche verantwortlich sehen. Immerhin kommen die Synodalen, die alle wegweisenden Entscheidungen zu treffen haben, aus ihren Reihen und sind letztlich ihnen Rechenschaft schuldig. Und wie heißt es im Impulspapier: Landeskirchen sind kein Selbstzweck, sondern dienen letztlich der Arbeit der Gemeinden und den kirchlichen Handlungsfeldern, die nahe bei den Menschen sind. (37)

Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn
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