zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Referat von Fanny Dethloff 

  zum "Impulspapier des Rates der EKD - Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert."

Menschenrechte und das Impulspapier der EKD

Als ich die „Leuchtfeuer“[1] das erste Mal las, war mein Gefühl dazu zutiefst gespalten. Ja, die Analyse dessen, was uns erwartet, mag in manchem richtig sein. Ja, es ist richtig, dass Positionierung, Profilierung, Agenda-Setting und andere Schlagworte auch für die Kirche zutreffen. Ja, es soll aufrütteln - und das tut das Papier. Demographischer Wandel braucht neue Antworten. 
Doch mein Unbehagen blieb. Es ist nicht klar zu erkennen, was die Theologie des Papiers ist, was panische Reaktion, was empirische Forschung und was Organisationsberatung eigentlich darin ist. Und ob es nicht von einem Interesse für einen hierarchischen Strukturwandel geleitet ist, das eher dem Zentralismusgedanken entspringt.
Statt der Kirche der Freiheit, die nicht weiter inhaltlich definiert wird, sollten wir auf die Kirche der Befreiten und der Befreiung setzen, denn befreiend ist der Ansatz der Bibel. Er führt heraus aus alten Bindungen und hinein in ein neues Leben, eines, das teilt und den Anderen, den Fremden, die Alten, die Kinder achtet. Davon ist wenig zu hören im Impulspapier. Was Freiheit eigentlich sein soll, ist in all der Beliebigkeit nicht auszumachen. Die politisch liberal anmutende Rede eines „Einerseits-Andererseits“ baut keine Brücken zwischen den Positionen innerhalb einer Kirche, sondern macht gerade das obsolet, was gefordert ist: Positionierung und Profil.

Es ist an uns, diese Positionierung jetzt vorzunehmen. Die Evangelische Kirche ist eine, die Reformen, die Weltlichkeit will, die sich immer weiter entwickelt und eine möglichst breite Partizipation aller sucht. Positionieren wir uns, damit wir ein Wort mitreden und Themen setzen, damit „auf Gott vertrauen und das Leben gestalten“ nicht Hohlräume bleiben.

1. Spiritualität und politisch widerständiges Engagement (und/ nicht: oder!)

Kürzlich war ich im Ansverus-Haus nahe Hamburg, einem Einkehrort mit einer Spiritualin, wo die Ruhe, das Gebet und die Suche nach Gott im Vordergrund stehen. Einige Menschen leben in einer kommunitären Gemeinschaft auf Zeit, junge Leute auf der Suche. Die meisten auch politisch orientiert. Sie haben sich den Slogan gegeben „Bete wild und gefährlich“ – und ich ahne, was sie meinen.

Als ich Bernd Göhrig schrieb und die Veranstaltung der IKvu in Wittenberg lobte, schrieb ich :
Ich finde es eine wunderbare Idee, eine Art Parallelkonferenz zu gestalten. Vieles lässt sich zu dieser „Kirche der Freiheit“ sagen. Unsere institutionelle Kirche ist gerade ein bürokratisch behäbiges ängstliches Gebilde, was sich in Strukturdebatten erschöpft und gleichzeitig eine Spiritualität proklamiert, die nach Administration riecht, so dass der Heilige Geist kaum Chancen hat... Die Spiritualität umgekehrt hebt dermaßen ab in einigen Bereichen, dass sie die Bodenhaftung verliert – da helfen auch keine Leuchtfeuer, um dem „Eigentlichen“ heimzuleuchten.

Menschenrechtsfragen kommen nicht vor. Dabei glaube ich, dass Menschen in Not beizustehen eine Art der Gottesbegegnung sein kann. Und die Spiritualität ist da am ehesten zu finden, wo wir das Brot teilen. Aber davon ist unsere Kirche weit entfernt. Sie versucht etwas zu sichern und mit Jägerzäunen einzufangen, was mit Großherzigkeit, Offenheit und Mut besser getan wäre (s. Islamdiskussion).

Ich plädiere für eine neue Frömmigkeit, die in Kirchenasylen und Gästewohnungen auf dem Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge und in Requiems für die an den europäischen Grenzen Umgekommenen das Beten und Singen, das Schweigen, Trauern und Klagen sucht. Die ernst macht damit, dass „am Anfang das Wort war...“ und das Schweigen bricht.

2. Menschenrechtsarbeit als Querschnittaufgabe der Kirche der Befreiung

Vieles, was Diakonie und Kirchengemeinden heute tun, ist eine Arbeit im Sinne der Menschenrechte. Es ist eine Mitarbeit in dieser Welt, die von der Menschenfreundlichkeit Gottes ausgeht, und ernst macht damit, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Ohne die Menschenrechte christlich zu vereinnahmen, stellen wir dennoch fest, dass wir als wache Christinnen und Christen diejenigen in der Gesellschaft sind, die die Umsetzung vieler Menschenrechte anmahnen, fordern und uns dafür einsetzen. Auch gegenüber unserer eigenen Institution, wenn Ungerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen oder in der Würdigung der Arbeit von Berufsgruppen Raum greifen und Menschenrechte missachtet oder verletzt werden. Die Bibel ist ein Buch der Befreiung, der Befreiten, der Wandernden, der Flüchtenden, der an den Rand Gedrängten, der Beladenen. Nehmen wir diesen Blickwinkel ernst.

Ob wir als kirchlich engagierte Menschen Platz, Lebendigkeit und Engagement für eine kinderfreundlichere Welt versuchen umzusetzen, so ist dies zugleich immer ein Eintreten für die volle Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Gerade, wenn wir dies für Kinder mit Migrationshintergrund tun. Wenn wir, wie es etwa die Aktion „Kinder-verschwinden“ (www.kinder-verschwinden.de) seit Jahren tut, darauf aufmerksam machen, wie Kinder, die hier geboren wurden, dennoch aus unserem Land vertrieben und ins Nichts abgeschoben werden. Wir schützen Kinder und ihre Rechte in einer Welt, die das Kinderlachen als notwendige Unterbrechung nicht ernstnimmt und die Kostbarkeit eines Kinderlachens nicht zu erkennen vermag.

Wir stellen uns schützend vor Familien, die immer zerbrechlicher werden in diesen Zeiten. Aber anders als die EKD auf ihrer Synode, setzen wir uns gerade gegen Familientrennungen bei Abschiebungen ein und rufen „Nein!“, wenn z.B. afghanische Familien nach Kabul ausgeflogen werden sollen.

Nur wer die Menschenrechte Aller ernst nimmt, wird seine eigenen schützen können. Womit wir bei den Aussichten auf unser eigenes Alter wären. Im letzten ausführlichen Bericht des DIfMR[2] vom August 2006 ist nachzulesen, wie sehr die Menschenrechte der alten und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland missachtet werden. Und leider geschieht dies auch in den eigenen kirchlichen Einrichtungen, da Pflegekräftemangel ein allgegenwärtiges Thema ist.

(Ich selbst unterrichte Altenpflegekräfte zum Thema „Gewalt überwinden!“). Die Dunkelziffer von freiheitsberaubenden, menschenunwürdigen Behandlungen pflegebedürftiger Menschen nimmt zu. Hier genau hinzuschauen und unsere eigenen Einrichtungen zu evaluieren, alte und dementiell erkrankte Menschen nicht allein zu lassen, ist konkrete Nächstenliebe. Es ist zugleich, wenn wir uns zu Zeugen und Anwältinnen des Lebendigen machen, aktive Menschenrechtsarbeit in unserer Welt.

3. Eine Kirche der Befreiten und der Befreiung in einer globalen Welt

Wir sind nicht allein, es gibt mit uns die Familie der christlichen Konfessionen. Hier ist es wichtig, sich ökumenisch zu vernetzen, sich gegenseitig zu respektieren und Friedenslösungen anzuregen. Es macht keinen Sinn, wenn die EKD bei aller Profilierung dem (Ökumenischen Rat der Kirchen) ÖRK das Geld kürzt und anfragt, was die eigentlichen Ziele heute seien. Gerade in einer Zeit, da die weltweiten, die globalen Themen zunehmen, ist Provinzialität und kein Agenda-setting.

Hier sind wir als Basis, als netzwerkorientiert Arbeitende, aufgerufen, gegenzusteuern.

Und auch im interreligiösen Dialog ist eher auf Toleranz und Zuhören zu achten, als eine EKD-Schrift mit populistischen Tönen der Abgrenzung zu begleiten. Den Dialog friedenswirksam zu stärken, heißt nicht schweigsam und verschreckt in einen Dialog zu gehen. Aber ohne Kenntnisse laut und halsbrecherisch die Dialogförderer der anderen Seite zu desavouieren, heißt diesen notwendigen Prozess abbrechen helfen.

4. Einsatz für die Demokratie

Als engagierte Christinnen und Christen, Kirchengemeinden und Basisnetzwerke steuern wir mit unserem Einsatz gegen eine Demokratieverdrossenheit der Gesellschaft und setzen uns für die Grundrechte aller ein. 

Mit Kirchenasyl und kreativen Aktionen positionieren wir uns als engagierte Christinnen und Christen. Wir setzen uns ein für eine offene Demokratie und Gesellschaft. Und schützen die Grundrechte auch darin, wenn wir ordnungspolitische Konzeptionen des Staates manchmal aushebeln. Z.B. mit offenem Widerspruch oder zivilem Ungehorsam[3]. Wir tun dies, indem wir anti-rassistische und anti-diskriminierende Grundgedanken wach halten inmitten einer Medienlandschaft, die längst schon die Sündenböcke in den Fremden unter uns oftmals, ausgemacht hat. Hier gegenzusteuern ist friedensstiftende Menschenrechtsarbeit.

In all den wichtigen und guten Initiativen, die sich gegen Zwangsprostitution und für den Schutz der Frauen einsetzen, für Menschen ohne Aufenthaltsstatus und für die Rechte von Randgruppen, spiegelt sich in gebrochener Weise die annehmende Grundhaltung Gottes in Jesus Christus wider.

Damit geraten wir immer auch als Positionierende in die sich kreuzenden Interessen von Staat und Kirche und werden dennoch dabei bleiben, auf friedlichem Weg widerständig und friedensstiftend zu wirken.

5. Ein konkretes Beispiel: Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge

Es mag befremdlich sein, in einer Großstadt wie Hamburg am Karfreitag zwischen Touristen am Hafen und kopfschüttelnden Spaziergängerinnen am Wegesrand in einer Schar von Menschen mit einem Holzkreuz durch die Gegend zu laufen.

Es macht auf eine paradoxe Art Sinn, sich diesen Karfreitag anders zu erschließen und mit dem Kreuz zu „ergehen“. Den Gottesdienstraum zu verlassen und hinauszugehen. Denn das Unrecht, das benannt wird, schlummert in den Amtsstuben, vegetiert vor den Toren der Stadt, wird immer wieder oft kirchlich lau im Fürbittengebet aufgegriffen, aber nie in seiner dramatischen Schärfe, in all seiner Unmenschlichkeit benannt und angeklagt und zwar an den Orten, wo es geschieht.

Die Skurrilität des Zuges, dieser schweigenden und singenden Menge, die von Touristen als Merk-Würdigkeit bestaunt oder auch begriffen wird, spiegelt die alltägliche Arbeit gut wieder. Hier symbolisiert der Zug „der um der Gerechtigkeit willen Leidenden“ auf eine bizarre Art die Rolle, die die Flüchtlings- und Menschenrechtsarbeit in der Gesellschaft einnimmt.

Die modernen Kreuze in unserer Welt werden aufgezeigt. Und zwar nicht mit dem Fingerzeig – wir als die Besseren –, sondern als Mitleidende an der Ungerechtigkeit in unserer Welt.

In der Flüchtlingsarbeit, dieser Menschenrechtsarbeit, ist das Mitleiden an ungerechten Verhältnissen Alltag. Die Ohnmacht macht vor denen, die Menschen in Ausländerbehörden, auf Polizeistationen oder Abschiebungshaftanstalten begleiten, nicht Halt. Die Kriminalisierung, die Entwertung, die Herabsetzung von Menschen auf der Flucht ist alltägliche Erfahrung. Diese Erfahrungen der Entrechtung sind elementar. Als Begleiterin zum närrischen Gutmenschen abqualifiziert zu werden, der zu naiv ist, um zu begreifen, wie gemeingefährlich dieser Flüchtling, wie verlogen und wie schwer für die Gemeinschaft zu (er-) tragen er sei, hinterlässt Spuren.

Die alltägliche Arbeit ist zudem geprägt von der Einsamkeit der in ihr Tätigen. Oftmals bekommt man die anderen Mitstreiterinnen und –streiter nur auf Tagungen und Fortbildungen in den Blick.

Gemeinsam Gottesdienst zu feiern, gemeinsam diesen auf die Straße zu verlegen, hat darum einen doppelten Effekt: Ich bleibe mit meiner Ohnmacht nicht stumm und allein. Es sind andere da, die mich hören und mit mir den Weg gehen. Und obendrein ist Öffentlichkeit da, die dies auch mitbekommt.

Und unsere atheistischen Freundinnen und Freunde? Als Christinnen und Christen stehen wir im Alltag mit ihnen zusammen. Zu dem Kreuzweg erscheinen viele von ihnen, auch und gerade weil es eine andere Kirche ist, die da zusammenkommt, eine andere Gemeinschaft, die innerhalb der Gesellschaft ein anderes Gesicht von Kirche repräsentiert. Eine, die immer wieder aus der Geborgenheit der Gotteshäuser auszieht und das Kreuz da im Alltag, da im Dreck der Straße, vor den Abschiebungsgefängnissen, in der Trostlosigkeit der Asylbewerberheime, angesichts der Abstumpfung in den Amtsstuben mit aufsucht.

6. Schluss: Welches sind unsere Leuchtfeuer ?

Ich denke, solches konkrete Feiern des „Gottes der kleinen Leute“, des nahen Gottes, des Gottes, der die Ohnmacht teilt und darin überwinden hilft, sind Leuchtfeuer mit einer besonderen Strahlkraft. Es ist nicht die „Kirche der Freiheit“ in einer breiten Beliebigkeit. Angewiesen werden wir alle sein, auf die Kirche der Befreiung und der Befreiten, die sich in ihr sammeln können und der Kirche insgesamt Profil verleihen. Eines, das ihr wirklich gut steht, eines, das wirklich leuchtet, weil es Befreiung und Sinn stiftet.


[1] www.ekd.de; Impulspapier “Kirche der Freiheit”
[2]  Deutsches Institut für Menschenrechte, Valentin Aichele und Jakob Scheider “Soziale Menschenrechte älterer Personen in Pflege” Berlin August 2006
[3] www.kirchenasyl.de; siehe: Dokumentation der Jahrestagung 9.-11.November 2006