Referat von Fanny Dethloff
Menschenrechte und das Impulspapier der EKD
Als
ich die „Leuchtfeuer“[1]
das erste Mal las, war mein Gefühl dazu zutiefst gespalten. Ja,
die Analyse dessen, was uns erwartet, mag in manchem richtig sein. Ja,
es ist richtig, dass Positionierung, Profilierung, Agenda-Setting und andere
Schlagworte auch für die Kirche zutreffen. Ja,
es soll aufrütteln - und das tut das Papier. Demographischer Wandel braucht
neue Antworten.
Doch
mein Unbehagen blieb. Es ist nicht klar zu erkennen, was die Theologie des
Papiers ist, was panische Reaktion, was empirische Forschung und was
Organisationsberatung eigentlich darin ist. Und ob es nicht von einem
Interesse für einen hierarchischen Strukturwandel geleitet ist, das eher
dem Zentralismusgedanken entspringt.
Statt der Kirche der Freiheit, die nicht weiter inhaltlich definiert wird,
sollten wir auf die Kirche der Befreiten und der Befreiung setzen, denn
befreiend ist der Ansatz der Bibel. Er führt heraus aus alten Bindungen und
hinein in ein neues Leben, eines, das teilt und den Anderen, den Fremden,
die Alten, die Kinder achtet. Davon ist wenig zu hören im Impulspapier. Was
Freiheit eigentlich sein soll, ist in all der Beliebigkeit nicht
auszumachen. Die politisch liberal anmutende Rede eines „Einerseits-Andererseits“
baut keine Brücken zwischen den Positionen innerhalb einer Kirche, sondern
macht gerade das obsolet, was gefordert ist: Positionierung und Profil.
Es
ist an uns, diese Positionierung jetzt vorzunehmen. Die
Evangelische Kirche ist eine, die Reformen, die Weltlichkeit will, die sich
immer weiter entwickelt und eine möglichst breite Partizipation aller
sucht. Positionieren
wir uns, damit wir ein Wort mitreden und Themen setzen, damit „auf Gott
vertrauen und das Leben gestalten“ nicht Hohlräume bleiben.
1.
Spiritualität und politisch widerständiges Engagement (und/ nicht:
oder!)
Kürzlich
war ich im Ansverus-Haus nahe Hamburg, einem Einkehrort mit einer
Spiritualin, wo die Ruhe, das Gebet und die Suche nach Gott im Vordergrund
stehen. Einige Menschen leben in einer kommunitären Gemeinschaft auf Zeit,
junge Leute auf der Suche. Die meisten auch politisch orientiert. Sie haben
sich den Slogan gegeben „Bete wild und gefährlich“ – und ich ahne,
was sie meinen.
Als
ich Bernd Göhrig schrieb und die Veranstaltung der IKvu in Wittenberg
lobte, schrieb ich :
Ich finde es eine wunderbare Idee, eine Art Parallelkonferenz zu gestalten.
Vieles lässt sich zu dieser „Kirche der Freiheit“ sagen. Unsere
institutionelle Kirche ist gerade ein bürokratisch behäbiges ängstliches
Gebilde, was sich in Strukturdebatten erschöpft und gleichzeitig eine
Spiritualität proklamiert, die nach Administration riecht, so dass der
Heilige Geist kaum Chancen hat... Die Spiritualität umgekehrt hebt dermaßen
ab in einigen Bereichen, dass sie die Bodenhaftung verliert – da helfen
auch keine Leuchtfeuer, um dem „Eigentlichen“ heimzuleuchten.
Menschenrechtsfragen kommen nicht vor. Dabei glaube ich, dass Menschen in
Not beizustehen eine Art der Gottesbegegnung sein kann. Und die Spiritualität
ist da am ehesten zu finden, wo wir das Brot teilen. Aber davon ist unsere
Kirche weit entfernt. Sie versucht etwas zu sichern und mit Jägerzäunen
einzufangen, was mit Großherzigkeit, Offenheit und Mut besser getan wäre
(s. Islamdiskussion).
Ich plädiere für eine neue Frömmigkeit, die in Kirchenasylen und Gästewohnungen
auf dem Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge und in Requiems für die
an den europäischen Grenzen Umgekommenen das Beten und Singen, das
Schweigen, Trauern und Klagen sucht. Die ernst macht damit, dass „am
Anfang das Wort war...“ und das Schweigen bricht.
2.
Menschenrechtsarbeit
als Querschnittaufgabe der Kirche der Befreiung
Vieles,
was Diakonie und Kirchengemeinden heute tun, ist eine Arbeit im Sinne der
Menschenrechte. Es ist eine Mitarbeit in dieser Welt, die von der
Menschenfreundlichkeit Gottes ausgeht, und ernst macht damit, dass jeder
Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Ohne die Menschenrechte christlich zu
vereinnahmen, stellen wir dennoch fest, dass wir als wache Christinnen und
Christen diejenigen in der Gesellschaft sind, die die Umsetzung vieler
Menschenrechte anmahnen, fordern und uns dafür einsetzen. Auch gegenüber
unserer eigenen Institution, wenn Ungerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen
oder in der Würdigung der Arbeit von Berufsgruppen Raum greifen und
Menschenrechte missachtet oder verletzt werden. Die Bibel ist ein Buch der
Befreiung, der Befreiten, der Wandernden, der Flüchtenden, der an den Rand
Gedrängten, der Beladenen. Nehmen wir diesen Blickwinkel ernst.
Ob
wir als kirchlich engagierte Menschen Platz, Lebendigkeit und Engagement für
eine kinderfreundlichere Welt versuchen umzusetzen, so ist dies zugleich
immer ein Eintreten für die volle Umsetzung der Kinderrechtskonvention.
Gerade, wenn wir dies für Kinder mit Migrationshintergrund tun. Wenn wir,
wie es etwa die Aktion „Kinder-verschwinden“ (www.kinder-verschwinden.de)
seit Jahren tut, darauf aufmerksam machen, wie Kinder, die hier geboren
wurden, dennoch aus unserem Land vertrieben und ins Nichts abgeschoben
werden. Wir schützen Kinder und ihre Rechte in einer Welt, die das
Kinderlachen als notwendige Unterbrechung nicht ernstnimmt und die
Kostbarkeit eines Kinderlachens nicht zu erkennen vermag.
Wir stellen uns schützend vor Familien, die immer zerbrechlicher werden in diesen Zeiten. Aber anders als die EKD auf ihrer Synode, setzen wir uns gerade gegen Familientrennungen bei Abschiebungen ein und rufen „Nein!“, wenn z.B. afghanische Familien nach Kabul ausgeflogen werden sollen.
Nur wer die Menschenrechte Aller ernst nimmt, wird seine eigenen schützen können. Womit wir bei den Aussichten auf unser eigenes Alter wären. Im letzten ausführlichen Bericht des DIfMR[2] vom August 2006 ist nachzulesen, wie sehr die Menschenrechte der alten und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland missachtet werden. Und leider geschieht dies auch in den eigenen kirchlichen Einrichtungen, da Pflegekräftemangel ein allgegenwärtiges Thema ist.
(Ich
selbst unterrichte Altenpflegekräfte zum Thema „Gewalt überwinden!“).
Die Dunkelziffer von freiheitsberaubenden, menschenunwürdigen Behandlungen
pflegebedürftiger Menschen nimmt zu. Hier genau hinzuschauen und unsere
eigenen Einrichtungen zu evaluieren, alte und dementiell erkrankte Menschen
nicht allein zu lassen, ist konkrete Nächstenliebe. Es ist zugleich, wenn
wir uns zu Zeugen und Anwältinnen des Lebendigen machen, aktive
Menschenrechtsarbeit in unserer Welt.
3.
Eine Kirche der Befreiten und der Befreiung in einer globalen Welt
Wir
sind nicht allein, es gibt mit uns die Familie der christlichen
Konfessionen. Hier ist es wichtig, sich ökumenisch zu vernetzen, sich
gegenseitig zu respektieren und Friedenslösungen anzuregen. Es macht keinen
Sinn, wenn die EKD bei aller Profilierung dem (Ökumenischen Rat der
Kirchen) ÖRK das Geld kürzt und anfragt, was die eigentlichen Ziele heute
seien. Gerade in einer Zeit, da die weltweiten, die globalen Themen
zunehmen, ist Provinzialität und kein Agenda-setting.
Hier
sind wir als Basis, als netzwerkorientiert Arbeitende, aufgerufen,
gegenzusteuern.
Und
auch im interreligiösen Dialog ist eher auf Toleranz und Zuhören zu
achten, als eine EKD-Schrift mit populistischen Tönen der Abgrenzung zu
begleiten. Den Dialog friedenswirksam zu stärken, heißt nicht schweigsam
und verschreckt in einen Dialog zu gehen. Aber ohne Kenntnisse laut und
halsbrecherisch die Dialogförderer der anderen Seite zu desavouieren, heißt
diesen notwendigen Prozess abbrechen helfen.
4.
Einsatz für die Demokratie
Als engagierte Christinnen und Christen, Kirchengemeinden und Basisnetzwerke steuern wir mit unserem Einsatz gegen eine Demokratieverdrossenheit der Gesellschaft und setzen uns für die Grundrechte aller ein.
Mit
Kirchenasyl und kreativen Aktionen positionieren wir uns als engagierte
Christinnen und Christen. Wir setzen uns ein für eine offene Demokratie und
Gesellschaft. Und schützen die Grundrechte auch darin, wenn wir
ordnungspolitische Konzeptionen des Staates manchmal aushebeln. Z.B. mit
offenem Widerspruch oder zivilem Ungehorsam[3].
Wir tun dies, indem wir anti-rassistische und anti-diskriminierende
Grundgedanken wach halten inmitten einer Medienlandschaft, die längst schon
die Sündenböcke in den Fremden unter uns oftmals, ausgemacht hat. Hier
gegenzusteuern ist friedensstiftende Menschenrechtsarbeit.
In
all den wichtigen und guten Initiativen, die sich gegen Zwangsprostitution
und für den Schutz der Frauen einsetzen, für Menschen ohne
Aufenthaltsstatus und für die Rechte von Randgruppen, spiegelt sich in
gebrochener Weise die annehmende Grundhaltung Gottes in Jesus Christus
wider.
Damit
geraten wir immer auch als Positionierende in die sich kreuzenden Interessen
von Staat und Kirche und werden dennoch dabei bleiben, auf friedlichem Weg
widerständig und friedensstiftend zu wirken.
5.
Ein konkretes Beispiel: Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge
Es
mag befremdlich sein, in einer Großstadt wie Hamburg am Karfreitag zwischen
Touristen am Hafen und kopfschüttelnden Spaziergängerinnen am Wegesrand in
einer Schar von Menschen mit einem Holzkreuz durch die Gegend zu laufen.
Es
macht auf eine paradoxe Art Sinn, sich diesen Karfreitag anders zu erschließen
und mit dem Kreuz zu „ergehen“. Den Gottesdienstraum zu verlassen und
hinauszugehen. Denn das Unrecht, das benannt wird, schlummert in den
Amtsstuben, vegetiert vor den Toren der Stadt, wird immer wieder oft
kirchlich lau im Fürbittengebet aufgegriffen, aber nie in seiner
dramatischen Schärfe, in all seiner Unmenschlichkeit benannt und angeklagt
und zwar an den Orten, wo es geschieht.
Die
Skurrilität des Zuges, dieser schweigenden und singenden Menge, die von
Touristen als Merk-Würdigkeit bestaunt oder auch begriffen wird, spiegelt
die alltägliche Arbeit gut wieder. Hier symbolisiert der Zug „der um der
Gerechtigkeit willen Leidenden“ auf eine bizarre Art die Rolle, die die Flüchtlings-
und Menschenrechtsarbeit in der Gesellschaft einnimmt.
Die
modernen Kreuze in unserer Welt werden aufgezeigt. Und zwar nicht mit dem
Fingerzeig – wir als die Besseren –, sondern als Mitleidende an der
Ungerechtigkeit in unserer Welt.
In
der Flüchtlingsarbeit, dieser Menschenrechtsarbeit, ist das Mitleiden an
ungerechten Verhältnissen Alltag. Die Ohnmacht macht vor denen, die
Menschen in Ausländerbehörden, auf Polizeistationen oder
Abschiebungshaftanstalten begleiten, nicht Halt. Die Kriminalisierung, die
Entwertung, die Herabsetzung von Menschen auf der Flucht ist alltägliche
Erfahrung. Diese Erfahrungen der Entrechtung sind elementar. Als Begleiterin
zum närrischen Gutmenschen abqualifiziert zu werden, der zu naiv ist, um zu
begreifen, wie gemeingefährlich dieser Flüchtling, wie verlogen und wie
schwer für die Gemeinschaft zu (er-) tragen er sei, hinterlässt Spuren.
Die
alltägliche Arbeit ist zudem geprägt von der Einsamkeit der in ihr Tätigen.
Oftmals bekommt man die anderen Mitstreiterinnen und –streiter nur auf
Tagungen und Fortbildungen in den Blick.
Gemeinsam
Gottesdienst zu feiern, gemeinsam diesen auf die Straße zu verlegen, hat
darum einen doppelten Effekt: Ich bleibe mit meiner Ohnmacht nicht stumm und
allein. Es sind andere da, die mich hören und mit mir den Weg gehen. Und
obendrein ist Öffentlichkeit da, die dies auch mitbekommt.
Und
unsere atheistischen Freundinnen und Freunde? Als Christinnen und Christen
stehen wir im Alltag mit ihnen zusammen. Zu dem Kreuzweg erscheinen viele
von ihnen, auch und gerade weil es eine andere Kirche ist, die da
zusammenkommt, eine andere Gemeinschaft, die innerhalb der Gesellschaft ein
anderes Gesicht von Kirche repräsentiert. Eine, die immer wieder aus der
Geborgenheit der Gotteshäuser auszieht und das Kreuz da im Alltag, da im
Dreck der Straße, vor den Abschiebungsgefängnissen, in der Trostlosigkeit
der Asylbewerberheime, angesichts der Abstumpfung in den Amtsstuben mit
aufsucht.
6.
Schluss: Welches sind unsere Leuchtfeuer ?
Ich
denke, solches konkrete Feiern des „Gottes der kleinen Leute“, des nahen
Gottes, des Gottes, der die Ohnmacht teilt und darin überwinden hilft, sind
Leuchtfeuer mit einer besonderen Strahlkraft. Es ist nicht die „Kirche der
Freiheit“ in einer breiten Beliebigkeit. Angewiesen werden wir alle sein,
auf die Kirche der Befreiung und der Befreiten, die sich in ihr sammeln können
und der Kirche insgesamt Profil verleihen. Eines, das ihr wirklich gut
steht, eines, das wirklich leuchtet, weil es Befreiung und Sinn stiftet.
