zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Predigt von Dr. Uwe-Karsten Plisch zum Abschluss der Tagung in Arnoldshain 

 

Du bist Petrus

Predigt über Joh 21,15-23 am 22. April 2007 in Arnoldshain

Du bist Petrus.

Oder, in schönstem Latein: Tu es Petrus, was, missverstanden als deutscher Text, auch einen schönen Sinn ergibt.

Tu es Petrus - Du bist Petrus: Unter diesem Titel wurde am vergangenen Sonntag in Berlin eine musikalische Messe anlässlich des 80. Geburtstages des amtierenden Papstes Benedikt XVI. aufgeführt. Dieses doch etwas bizarre Ereignis hat in Berlin nicht weiter gestört, wenn auch wohl weniger aus Toleranz, denn aus Gleichgültigkeit. Schließlich hat Berlin schon schlimmere Formen des Personenkults erlebt als diese vergleichsweise milde. Vielleicht zeigt sich hieran ein nicht ganz unwichtiger aktueller Unterschied zwischen evangelischem und katholischem Christentum. Ein vergleichbares Ereignis wäre gegenwärtig evangelischerseits unmöglich - obwohl oder weil man Benedikt XVI. kaum wird nachsagen können, ein eitler Selbstdarsteller zu sein. Aber seien wir nicht allzu selbstgerecht. Als wir noch einen Kaiser hatten, sah die Sache anders aus.

Tu es Petrus - Du bist Petrus. Das ist der Anfang der berühmten Bibelstelle Mt 16,18, auf die die römische Kirche bis heute - wenn auch zu Unrecht - ihren Alleinvertretungsanspruch in der Christenheit gründet: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“

Dass nicht der Jünger Simon, dem Jesus, warum auch immer, den Beinamen „Felsbrocken“ verliehen hat, der Felsen ist, auf dem die Kirche gründet - was wäre das auch für eine heillose Überforderung eines einzelnen Menschen - kann man übrigens leicht am griechischen Text erkennen: Wortspielerisch gleitet er von Petros (Felsen) zum Feminium petra (Felsen). Der Grund, auf dem die Kirche ruht, ist also kein Petrus, sondern eine Petra - und dieser felsige Grund, auf dem die Kirche ruht, ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, das Petrus zuvor gesprochen hat. Dies ist übrigens auch die einhellige Interpretation der Kirchenväter, die Benedikt XVI. sonst so gern als Kronzeugen anführt.

Der galiläische Fischer Simon Petrus, der ja wirklich gelebt, geliebt und gelitten hat, wird rasch zum Prototypen der realen Kirche: gewalttätig, autoritär, sexistisch. Im Johannesevangelium schlägt er dem Knecht Malchus das Ohr ab (Joh 18,10); Paulus, der Erzheilige des Protestantismus, schildert ihn im Galaterbrief als wankelmütiges Weichei (Gal 2,11-14); der 1. Petrusbrief überliefert uns patriarchale Haustafeln, die nicht zu den schönsten Stücken des Neuen Testaments zählen (1.Petr 2,18-3,7); am Schluss des apokryphen Thomasevangeliums reitet Petrus eine rüde Attacke gegen Maria Magdalena: Maria soll weggehen aus dem Kreis der Jünger, „denn die Frauen sind des Lebens nicht wert“ (EvThom 114) und im ebenfalls apokryphen Evangelium nach Maria bringt Petrus Magdalena zum Weinen, weil er nicht glauben mag, dass der Erlöser Maria hat Offenbarungen zuteil werden lassen, die er den männlichen Jüngern vorenthalten hat.

Eine Petrusgeschichte der besonderen Art erzählt unser heutiger Predigttext. Eine überaus seltsame Geschichte, merkwürdig platziert, nämlich an das - zweite - Ende des Johannesevangeliums, rüde im Ton und tragisch, eine Geschichte, die viele Fragen aufwirft.

Joh 21,15-23

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde.

Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach! Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger nachfolgen, den Jesus liebte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist's, der dich ausliefert? Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was ist mit dem da? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!

Da kam unter den Geschwistern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?

Und was geht das uns an? Mal schauen.

DAS ist die letzte Geschichte des Johannesevangeliums! Für Petrus ist sie das letzte Glied einer Kette subtiler Demütigungen und zugleich deren Höhepunkt. In Joh 20 liefern sich Petrus und der Lieblingsjünger am Ostermorgen einen Wettlauf zum leeren Grab. Der Lieblingsjünger gewinnt, lässt aber, höflich wie er ist, Petrus den Vortritt. Nur von ihm, dem Lieblingsjünger, wird berichtet, dass er sah und glaubte.

In der Geschichte vom Fischzug der Jünger, unmittelbar vor unserem Predigttext, erkennt der Lieblingsjünger zuerst den Auferstandenen und teilt es Petrus mit, dem daraufhin nur bleibt, sich vor Aufregung etwas merkwürdig zu verhalten: „Da spricht der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus gehört hatte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.“ (Joh 21,7).

In unserem Predigttext erreicht die Demütigung des Petrus ihren Höhepunkt. Unwillkürlich fragt man sich, warum Jesus Petrus derart triezt, bis dieser beinahe weint: „Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? Die Antwort liegt wiederum im griechischen Text verborgen. Petrus wird dreimal gefragt, weil er zweimal die Frage nicht versteht. Jesus fragt: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Und beim zweiten Mal: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ Jesus benutzt beide Male das Verb agapan: Er fragt nach der Agape des Petrus, nach einer umfassenden Haltung - und Petrus antwortet beide Male mit seiner Philia, mit affektiver Zuneigung: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe (philein). Im dritten Anlauf kommt Jesus Petrus entgegen, er begibt sich auf dessen Niveau: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb (philein)?“ 

Immerhin, Petrus wird zugestanden, dass er Jesus liebt - Petrus ist der Jünger, der Jesus liebt. Diese Liebe hat zwei Konsequenzen: Den Auftrag, Jesu Schafe zu weiden und die Ansage des Martyriums, zusammengefasst in dem Imperativ: Folge mir nach!

Der Jünger, der Jesus liebt, der Prototyp der real existierenden Kirche, er soll Jesus nachfolgen.

Nun erreicht die Demütigung des Petrus ihren Höhepunkt: Er, der Jesus nachfolgen soll, er, der Jünger, der Jesus liebt, erblickt den Jünger, der nachfolgt, den Jünger, den Jesus liebt: „Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger nachfolgen, den Jesus liebte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist's, der dich ausliefert?“ Der hier eigentlich überflüssige Hinweis auf das das letzte Mahl kann, ebenso wie die dreimalige Frage Jesu auch als Anspielung auf die Verleugnung des Petrus gelesen werden (Joh 18,12-27).

Der geliebte Jünger (er wird mit dem Verb agapan bezeichnet) hat im Johannesevangelium keinen Namen. Es ist in kirchlicher Tradition wie Exegese viel darüber spekuliert worden, welche konkrete Gestalt sich dahinter verbirgt und ob überhaupt, oder ob der Lieblingsjünger nicht vielmehr die idealtypische Projektion des wahren Jüngers, der wahren Kirche darstellt. Kaum ein Name bleib ungenannt und die Alternativen „konkrete Gestalt“ oder „Idealtypus“ schließen sich auch gar nicht aus. So wie Petrus die reale Kirche repräsentiert, so repräsentiert der Lieblingsjünger die imaginäre wahre Kirche. Ob die johanneische Kirche sich als die wahre Kirche verstanden hat, muss uns nicht kümmern. Wir sind Petrus und wir müssen uns fragen, was es bedeutet, seine Schafe zu weiden. Genauer: Zu fragen, wer sind die Schafe und was heißt es, sie zu weiden?

Das Johannesevangelium stellt die Frage: „Wer ist mein Nächster?“ gar nicht und das einzige konkrete Gebot, das Jesus den Jüngern im Johannesevangelium mit auf den Weg gibt, dass sie sich untereinander lieben (Joh 13,34). Das ist wenig und doch viel. Es wäre ja wirklich schon viel gewonnen, wenn die Christen sich untereinander liebten.

Wer also sind die Schafe und was heißt es, sie zu weiden?

Sind es die verbliebenen Treuesten der Treuen, die vertraute Formen brauchen, damit sie nicht verschreckt werden und auch noch ausbleiben? Ist es der Trinker vor Lidl am Bahnhof Lichtenberg in Berlin, der meine Spende, meinen Loskauf, unverzüglich in Dosenbier umsetzt? Ist es der von Abschiebung bedrohte „Wirtschaftsflüchtling“ (was für ein infames Wort!), der dringend Kirchenasyl benötigt? Ist es mein Nachbar auf der Suche nach Beheimatung in Gemeinschaft, dem unsere binnenkirchlichen Codes ein Buch mit sieben Siegeln sind und dem ich unsere Sprache erst einmal übersetzen muss? (Warum lernt er nicht einfach die Codes? Ist das zuviel verlangt?) Sind es die Frauen, die wir vor kirchlichen Ämtern bewahren sollten, damit sie nicht den Verstand verlieren? Sind es die deutschen Soldaten in Afghanistan, die - bereit zu töten und getötet zu werden - seelsorgerlich betreut werden wollen, während sie unseren Zugriff auf die Energiereserven des Nahen Ostens sichern (und nebenbei den Drogennachschub nach Westen)? Sind die Lämmer unsere Kinder, denen wir konfessionelle Privatschulen bieten sollen, damit ihre Klassenkameraden nicht zu 80% aus Türken, Russen und Arabern bestehen?

Antworten gibt es vermutlich so viele, wie es sprachfähige Christinnen und Christen gibt. Einige Antworten sind vermutlich falsch.

Wir sind Petrus.

Unsere Aufgabe ist: Unseren Herrn zu lieben, seine Schafe zu weiden und zu hoffen, dass wir noch da sind, wenn er kommt.

Seine Gnade und Wahrheit walte über uns in Ewigkeit. Amen

Dr. Uwe-Karsten Plisch ist theologischer Referent der Bundes-ESG. Die Predigt wurde zum Abschluss der Tagung „Das Erbe der bekennenden Kirche und die ‚Kirche der Freiheit’. 60 Jahre Darmstädter Wort und das EKD-Impulspapier Kirche 2030“ am 22. April 2007 in der Ev. Akademie Arnoldshain gehalten.