zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Andreas Seiverth, "Kirche der Freiheit" und "Revolution von oben"

  Andreas Seiverth

„Kirche der Freiheit“ und „Revolution von oben“ - Ein Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus

Eine erste Anmerkung zum Impulspapier des Rates der EKD

"Auf Gott vertrauen“ und der eigenen Strategie - das sind die beiden Pole, zwischen denen sich ein „Impuls­papier“ bewegt, das eine Perspektivkommission der EKD unter der Leitung des Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber am 6. Juli 2006 vorgelegt hat. „Impulspapier wird es jedoch nur deshalb genannt, da der Rat der EKD über keinerlei „Direktionsmacht“ gegenüber den Landeskir­chen verfügt; er kann jedoch anregen und „Impulse ge­ben“. Denn wäre die EKD nach den Maßstäben eines Wirtschaftsunternehmens oder eines absolutistischen Staates organisiert, dann wäre der Text als Vorgabe der „obersten Leitung“ nichts weniger als die Aufforderung zu einer „Revolution von oben“. Damit ist weniger der anvisierte äußere Umbau und die Reduktion der Landes­kirchen von derzeit dreiundzwanzig auf acht bis „höch­stens zwölf gemeint, so historisch eingreifend diese Ziel­perspektive für sich schon ist. Es ist vielmehr der bedin­gungslose Reformimpetus und der analytisch-theoreti­sche Zugriff, mit dem die Perspektivkommission vorgeht. Dieser Zugriff ist bestimmt von einer konsequent ange­wandten „Logik des Qualitätsmanagements“ und einer strategischen Managementperspektive, beides gestützt auf die Definition eines „kirchlichen Kernprogramms“, dessen Gehalt geistliche Kompetenz und „Beheimatungskraft“ ist (S. 50). Mittelpunkt und Ausgangspunkt ist eine in dieser Form bisher nicht gekannte in sich geschlosse­ne „diagnostische Analyse“ und eine daraus abgeleitete „Therapie“, die in einem methodischen Dreischritt vor­genommen wird: „die Situation beschreiben, Perspekti­ven eröffnen, Ziele formulieren“. In diesem Dreischritt werden insgesamt zwölf, durchweg hoch anspruchsvolle Zielvorgaben formuliert, die in einer ziemlich überspannt wirkenden Metapher zuerst zu „Leuchtfeuern“ stilisiert und durch konkretisierende Einzelbeschreibungen dann in manchmal abenteuerlich optimistische Kennzahlen umgewandelt werden. (So soll z. B. die Zahl der Gottes­dienstbesucher von gegenwärtig 4% der Mitglieder auf 10% bis 2030 gesteigert werden). In der Geschichte der „Denkschriften“ des Rates der EKD gibt es keinen ver­gleichbaren Text, der in dieser Form und in einer Mischung aus ökonomischem Krisenszenario, Fundamentalkritik der bisherigen Personalpolitik und verordnetem Optimis­mus zu einem nachhaltigen „Mentalitätswandel“ aller kirchlichen Mitarbeitenden und zu einem „Paradigma­wechsel“ im Führungsstil der Kirchen auffordert.

Führungsanspruch der EKD und landeskirchli­cher Strukturwandel

Von diesem Impuls hat die Presse - erwartungsge­mäß - nur die in der Tat groß angelegte grundsätzliche Strukturreform im deutschen Protestantismus wahrge­nommen, die sich aus einem Fusionsprozess zwischen, im einzelnen nicht genannten, Landeskirchen ergeben soll. Diese Zielvorgabe wird im „elften Leuchtfeuer“, dem kürzesten Kapitel überhaupt, mit pragmatisch durchaus plausiblen Argumenten vorgetragen, weil „neben Ge­sichtspunkten des historischen Herkommens, der Be­kenntnisbindung und der gewachsenen Vertrautheit zu­nehmend Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit eine er­hebliche Rolle (spielen). Als letztes der zwölf Handlungs­felder wird eine klare Kompetenzerweiterung der EKD gefordert. Diese Forderung steht am Ende einer sorgfäl­tig aufgebauten Argumentationsarchitektur, die die künf­tigen Handlungsfelder mit der Symbolzahl „zwölf struk­turiert und darauf jeweils „drei“ Konkretisierungen be­zieht. Diese zwölfte Zielvorgabe lautet:

„Auf Gott vertrauen und das Leben gestalten - die EKD-Ebene für ein ,Evangelisch in Deutschland’ profilieren. Im Jahr 2030 re­präsentiert die EKD im Dienst der Gemeinschaft der Gliedkirchen den deutschen Protestantismus in der Öffentlichkeit und organi­siert die Abstimmungsprozesse nach innen, soweit die Bekennt­nisfamilien und Landeskirchen dies wünschen. In inhaltlichen Fra­gen formuliert sie gemeinsame Qualitätsstandards, auf juristisch­finanzieller Ebene bemüht sie sich um annähernd gleiche Arbeits­bedingungen und in thematischen Bereichen initiiert sie Kompe­tenzzentren und organisatorische Dienstleistungszentren. Das biblische Motiv des stellvertretenden Handelns wird in diesen Einrichtungen konkretisiert.“ (S. 97)

Die EKD artikuliert mit dieser Zielperspektive einen weitreichenden Kompetenzanspruch, der von dem kla­ren Bewusstsein und Ziel bestimmt ist, den „deutschen Protestantismus“ als einen einflussreichen und öffent­lich sichtbaren Akteur zu profilieren und die „Meinungs­führerschaft der EKD“ zu etablieren. Das Perspektivpa­pier versteht sich dabei selbst als eine erste Form, in der dieser Anspruch eingelöst wird. Denn es wird ausdrück­lich darauf abgehoben, dass der „hier vorgelegte Entwurf einer Zukunftsvision (...) die perspek­tivischen Überlegungen aus den Landeskirchen aufnehmen und koordinieren, fortführen und verstärken (will)“, um „die vielen in Gang gekommenen Prozesse des Aufbruchs in einen Gesamtrah­men (zu) stellen, der die gemeinsame Verantwortung der Evange­lischen Kirche in Deutschland sichtbar macht.“ (S. 45)

Diesem Anspruch liegt ein starkes, um nicht zu sa­gen, ein nicht überbietbares Argument zu Grunde, das eine berühmte These des Staatrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde in höchst eigenwilliger Weise in Dienst nimmt und ekklesiologisch uminterpretiert: Das Argu­ment stützt sich darauf, dass das „Christentum in der Moderne“ in der dreifachen Gestalt eines kirchlichen, eines öffentlichen und eines individualisierten Christen­tums auftrete. Dabei kommt dem kirchlichen Christen­tum eine Schlüsselrolle deshalb zu, weil sich die beiden anderen Formen ohne dessen Stärkung nicht weiter ent­wickeln könnten. Es ist diese These, die mit dem „Böckenförde-Theorem begründet wird: So wie der Staat von Voraussetzungen lebe, die er nicht selbst hervorbringen könne, so „(leben) das private und öffentliche Christentum von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen können; das kirchliche Christentum gehört zu diesen Voraussetzungen. Gleich­gültigkeit gegenüber der äußeren Gestalt der Kirche wäre des­halb ein Irrweg. Die gemeinsame Sorge aller Christinnen und Chri­sten muss vielmehr darauf gerichtet sein, die äußere Gestalt der Kirche zu stärken“ (S. 45; Hervh. AS).

Delegitimierung und „Umkehrung der Beweispflicht“ - Leitidee einer Politischen Ekklesiologie

Die EKD hat eine Argumentation entwickelt, die durch die erwartbaren Ablehnungsargumente der Lan­deskirchen noch keineswegs widerlegt, sondern höch­stens unterlaufen worden ist. Denn die EKD-Akteure behaupten etwas, das die Landeskirchen nicht einfach bestreiten können bzw. erst einmal widerlegen müssten. Das heißt mit anderen Worten, sie sind es, die einem Rechtfertigungszwang ausgesetzt werden. Denn neben dem schwer widerlegbaren ökonomisch-finanzi­ellen Krisenszenario stützen die Autorinnen und Auto­ren des Impulspapiers ihre organisationspraktischen Folgerungen auch auf die Behauptung, dass der „äu­ßeren Gestalt“, also der Organisationsform, den Leitungs- und Entscheidungsstrukturen, den Vertretungs­mandaten usw. eine unverzichtbare Funktion für den Fortbestand und das Überleben einer „Kirche der Frei­heit im 21. Jahrhundert“ zukomme. Und diese These wird mit der sprachlich-rhetorisch zwar abgeschwäch­ten, der Sache nach aber ebenfalls deutlich ausgespro­chenen anderen These verknüpft, dass die bestehen­den Landeskirchen den funktionalen Anforderungen eines modernen Christentums nicht mehr genügten. Die historisch entwickelten und vertrauten Organisationsgebilde werden damit faktisch nicht nur als zufällige Produkte einer spezifisch deutschen Entwicklungsge­schichte in Frage gestellt; das Argument hebt implizit zugleich die historische Bindung ihrer Organisationsge­stalt an die deutschen Territorialfürstentümer auf und macht die Organisationsformen der Kirche zu dem, was sie nach protestantischem Verständnis ja sind, zu ei­nem „weltlich Ding“. Das heißt nichts weniger als dies, dass der deutsche Protestantismus sich um seiner Zu­kunft und seines Überlebens willen von seinen histori­schen Konstitutionsbedingungen emanzipieren muss.

Man würde die Strategie des Rates der EKD erheblich unterschätzen, würde man sich in der weiteren Ausein­andersetzung nur auf die bisher in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Konsequenzen einer Umgestaltung der Landeskirchen konzentrieren. Auch die kleinsten Landeskirchen können sich (und sie tun es hörbar) auf ihren juristisch in der Tat souveränen Status berufen. Deshalb setzt die Argumentation des Rates auch nicht an diesem Punkt an, sondern verknüpft vielmehr die mit Händen zu greifende, aber nie so ausgesprochene Leitidee einer politischen Ekklesiologie mit einer systematischen Stra­tegie der Delegitimierung aller „gewachsenen Struktu­ren hin zum Ergreifen neuer und verheißungsvoller Mög­lichkeiten“ (S. 24). Das ist Besänftigungsrhetorik; an anderer Stelle wird als der kategorische „Zukunfts-Grundsatz für den anstehenden Mentalitätswechsel und den dazugehörenden Paradigmenwechsel“ das schon im Jahr 2004 formulierte Prinzip einer „Umkehrung der Begründungspflicht" wiederholt, wonach sich alle bestehenden Aufgabenfelder nach dem Kriterium ihrer „zukünftigen Bedeutung“ selbst überprüfen bzw. überprüfen lassen müssen (S. 42). Mit dem Impulspapier hat sich der Rat der EKD definitiv und mit einem beachtlichen Argumen­tationsgewicht versehen, zum imaginären Souverän des deutschen Protestantismus erklärt, vor dem sich alle Diskutanten, wenn schon nicht erklären, so doch argumentativ behaupten müssen.

zuerst in: Forum Erwachsenenbildung. Beiträge und Berichte aus der evangelischen Erwachsenenbildung, hrsg. von der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. (DEAE), Heft 2/06, S. 33-34.