Andreas Seiverth, "Kirche der Freiheit" und "Revolution von oben"
„Kirche der Freiheit“ und „Revolution von oben“ - Ein Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus
Eine
erste Anmerkung zum Impulspapier des Rates der EKD
"Auf
Gott vertrauen“ und der eigenen Strategie -
das sind die beiden Pole, zwischen denen sich ein
„Impulspapier“ bewegt, das eine Perspektivkommission der EKD unter
der Leitung des Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber am 6. Juli 2006
vorgelegt hat. „Impulspapier“
wird es jedoch nur deshalb genannt, da der
Rat der EKD über keinerlei „Direktionsmacht“ gegenüber den
Landeskirchen verfügt; er kann jedoch anregen und „Impulse geben“.
Denn wäre die EKD nach den Maßstäben eines Wirtschaftsunternehmens oder
eines absolutistischen Staates organisiert, dann wäre der Text als Vorgabe
der „obersten Leitung“ nichts weniger als die Aufforderung zu einer
„Revolution von oben“. Damit ist weniger der anvisierte äußere Umbau
und die Reduktion der Landeskirchen von derzeit dreiundzwanzig auf
acht bis „höchstens“
zwölf gemeint, so historisch eingreifend diese Zielperspektive
für sich schon ist. Es ist vielmehr der bedingungslose Reformimpetus und
der analytisch-theoretische
Zugriff, mit dem die Perspektivkommission vorgeht. Dieser Zugriff ist
bestimmt von einer konsequent angewandten „Logik des
Qualitätsmanagements“ und einer strategischen Managementperspektive,
beides gestützt auf
die Definition eines „kirchlichen Kernprogramms“, dessen Gehalt
geistliche Kompetenz und „Beheimatungskraft“ ist (S. 50). Mittelpunkt
und Ausgangspunkt ist eine in dieser Form bisher nicht gekannte in sich
geschlossene „diagnostische Analyse“ und eine daraus abgeleitete
„Therapie“, die in einem methodischen Dreischritt vorgenommen wird:
„die Situation beschreiben, Perspektiven eröffnen, Ziele
formulieren“. In diesem Dreischritt werden insgesamt zwölf, durchweg hoch
anspruchsvolle Zielvorgaben formuliert, die in einer ziemlich überspannt
wirkenden Metapher zuerst zu „Leuchtfeuern“ stilisiert und durch
konkretisierende Einzelbeschreibungen dann in manchmal abenteuerlich
optimistische Kennzahlen umgewandelt werden. (So soll z. B. die Zahl der
Gottesdienstbesucher von gegenwärtig 4% der
Mitglieder auf 10% bis 2030 gesteigert werden). In der Geschichte der
„Denkschriften“ des Rates der EKD gibt es keinen vergleichbaren
Text, der in dieser Form und in einer Mischung aus ökonomischem
Krisenszenario, Fundamentalkritik der bisherigen Personalpolitik und
verordnetem Optimismus zu einem nachhaltigen „Mentalitätswandel“
aller kirchlichen Mitarbeitenden und zu einem „Paradigmawechsel“ im
Führungsstil der Kirchen auffordert.
Führungsanspruch
der EKD und landeskirchlicher
Strukturwandel
Von
diesem Impuls hat die Presse - erwartungsgemäß - nur die in der Tat
groß angelegte grundsätzliche Strukturreform im deutschen Protestantismus
wahrgenommen, die sich aus einem Fusionsprozess zwischen, im einzelnen
nicht genannten, Landeskirchen ergeben soll. Diese Zielvorgabe wird im
„elften Leuchtfeuer“, dem kürzesten Kapitel überhaupt, mit pragmatisch
durchaus plausiblen Argumenten vorgetragen, weil „neben Gesichtspunkten
des historischen Herkommens, der Bekenntnisbindung und der gewachsenen
Vertrautheit zunehmend Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit eine erhebliche
Rolle (spielen) “.
Als letztes der zwölf Handlungsfelder wird eine klare
Kompetenzerweiterung der EKD gefordert. Diese Forderung steht am Ende einer
sorgfältig
aufgebauten Argumentationsarchitektur, die die künftigen Handlungsfelder
mit der Symbolzahl „zwölf“
strukturiert und darauf jeweils „drei“ Konkretisierungen
bezieht. Diese zwölfte Zielvorgabe lautet:
„Auf
Gott vertrauen und das Leben gestalten - die EKD-Ebene für ein ,Evangelisch
in Deutschland’ profilieren. Im Jahr
2030 repräsentiert die EKD im Dienst der Gemeinschaft der Gliedkirchen
den deutschen Protestantismus in der Öffentlichkeit und organisiert die
Abstimmungsprozesse nach innen, soweit die Bekenntnisfamilien und
Landeskirchen dies wünschen. In inhaltlichen Fragen
formuliert sie gemeinsame Qualitätsstandards, auf juristischfinanzieller
Ebene bemüht sie sich um annähernd gleiche Arbeitsbedingungen und in
thematischen Bereichen initiiert sie Kompetenzzentren und organisatorische
Dienstleistungszentren. Das biblische Motiv des stellvertretenden Handelns
wird in diesen Einrichtungen konkretisiert.“ (S. 97)
Die EKD
artikuliert mit dieser Zielperspektive einen weitreichenden
Kompetenzanspruch, der von dem klaren Bewusstsein und Ziel bestimmt ist,
den „deutschen Protestantismus“ als einen einflussreichen und
öffentlich sichtbaren Akteur zu profilieren und die
„Meinungsführerschaft der EKD“ zu etablieren. Das Perspektivpapier
versteht sich dabei selbst als eine erste Form, in der
dieser Anspruch eingelöst wird. Denn es wird ausdrücklich darauf
abgehoben, dass der
Diesem
Anspruch liegt ein starkes, um nicht zu sagen, ein nicht überbietbares
Argument zu Grunde, das eine berühmte These des Staatrechtlers
Ernst-Wolfgang Böckenförde in höchst eigenwilliger Weise in Dienst nimmt
und ekklesiologisch uminterpretiert:
Das Argument stützt sich darauf, dass das „Christentum in der
Moderne“ in der dreifachen Gestalt
eines kirchlichen, eines
öffentlichen und eines individualisierten Christentums
auftrete. Dabei kommt dem kirchlichen Christentum eine Schlüsselrolle
deshalb zu, weil sich die beiden anderen Formen ohne dessen Stärkung nicht
weiter entwickeln könnten. Es ist diese These, die mit dem „Böckenförde-Theorem“
begründet wird: So wie der Staat von Voraussetzungen lebe, die er
nicht selbst hervorbringen könne, so „(leben) das private und
öffentliche Christentum von Voraussetzungen, die sie selbst nicht
hervorbringen können; das kirchliche
Christentum gehört zu diesen Voraussetzungen. Gleichgültigkeit
gegenüber der äußeren Gestalt der Kirche wäre deshalb
ein Irrweg. Die gemeinsame Sorge aller Christinnen und Christen
muss vielmehr darauf gerichtet sein, die äußere Gestalt der Kirche zu
stärken“ (S. 45; Hervh. AS).
Delegitimierung
und „Umkehrung der Beweispflicht“ - Leitidee einer Politischen
Ekklesiologie
Die EKD
hat eine Argumentation entwickelt, die durch die erwartbaren
Ablehnungsargumente der Landeskirchen noch keineswegs widerlegt, sondern
höchstens unterlaufen worden ist. Denn die EKD-Akteure behaupten etwas,
das die Landeskirchen nicht einfach bestreiten können bzw. erst einmal
widerlegen müssten. Das heißt mit anderen Worten, sie sind es, die einem
Rechtfertigungszwang ausgesetzt werden. Denn neben dem schwer widerlegbaren
ökonomisch-finanziellen Krisenszenario stützen die Autorinnen und
Autoren des Impulspapiers ihre organisationspraktischen Folgerungen auch
auf die Behauptung, dass der „äußeren Gestalt“, also der
Organisationsform, den Leitungs- und Entscheidungsstrukturen, den
Vertretungsmandaten usw. eine unverzichtbare Funktion für den Fortbestand
und das Überleben einer „Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert“
zukomme. Und diese These wird mit der sprachlich-rhetorisch zwar
abgeschwächten, der Sache nach aber ebenfalls deutlich ausgesprochenen
anderen These verknüpft, dass die bestehenden Landeskirchen den
funktionalen Anforderungen eines modernen Christentums nicht mehr genügten.
Die historisch entwickelten und vertrauten Organisationsgebilde werden damit
faktisch nicht nur als zufällige Produkte einer spezifisch deutschen
Entwicklungsgeschichte in Frage gestellt; das Argument hebt implizit
zugleich die historische Bindung ihrer Organisationsgestalt an die
deutschen Territorialfürstentümer auf und macht die Organisationsformen
der Kirche zu dem, was sie nach protestantischem Verständnis ja sind, zu
einem „weltlich Ding“. Das heißt nichts weniger als dies, dass der
deutsche Protestantismus sich um seiner Zukunft und seines Überlebens
willen von seinen historischen Konstitutionsbedingungen emanzipieren muss.
Man
würde die Strategie des Rates der EKD erheblich unterschätzen, würde man
sich in der weiteren Auseinandersetzung nur auf die bisher in der
Öffentlichkeit wahrgenommenen Konsequenzen einer Umgestaltung der
Landeskirchen konzentrieren. Auch die kleinsten Landeskirchen können
sich (und sie tun es hörbar) auf ihren juristisch in der Tat souveränen
Status berufen. Deshalb setzt die Argumentation des Rates auch nicht an
diesem Punkt an, sondern verknüpft vielmehr die mit Händen zu greifende,
aber nie so ausgesprochene Leitidee einer politischen Ekklesiologie mit
einer systematischen Strategie der Delegitimierung aller „gewachsenen
Strukturen hin zum Ergreifen neuer und verheißungsvoller
Möglichkeiten“ (S. 24). Das ist Besänftigungsrhetorik; an anderer
Stelle wird als der kategorische „Zukunfts-Grundsatz für den
anstehenden Mentalitätswechsel und den dazugehörenden Paradigmenwechsel“
das schon im Jahr 2004
formulierte Prinzip einer „Umkehrung der Begründungspflicht"
wiederholt, wonach sich alle bestehenden Aufgabenfelder nach dem Kriterium
ihrer „zukünftigen Bedeutung“ selbst überprüfen bzw. überprüfen
lassen müssen (S. 42). Mit dem Impulspapier hat sich der Rat der EKD
definitiv und mit einem beachtlichen Argumentationsgewicht versehen, zum
imaginären Souverän des deutschen Protestantismus erklärt, vor dem sich
alle Diskutanten, wenn schon nicht erklären, so doch argumentativ behaupten
müssen.
zuerst in: Forum
Erwachsenenbildung. Beiträge und Berichte aus der evangelischen
Erwachsenenbildung, hrsg. von der Deutschen Evangelischen
Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. (DEAE), Heft 2/06, S.
33-34.
