zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Andreas Seiverth, "Argumente und Anregungen"

Andreas Seiverth

Argumente und Anregungen

Zur Diskussion des EKD-Impulspapiers „Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ 

Die von der DEAE im Folgenden vorgelegten Anregungen zur Diskussion und zum praktischen Umgang mit dem EKD-Impulspapier nehmen dieses als ein Ganzes in seiner systematischen Argumentation, in seinem weitreichenden Reformimpetus und in seinen praktischen Konsequenzen in den Blick. Dabei werden die bis jetzt (15. November 2006) in der kirchlichen und außerkirchlichen Öffentlichkeit artikulierten Aspekte berücksichtigt und teilweise integriert. Das Ziel dieser Überlegungen ist es jedoch, methodische und didaktische Zugänge für eine selbständige Auseinandersetzung mit und eine kritische Urteilsbildung über das Impulspapier anzubieten.

Wir wenden uns mit diesem Vorschlag an alle diejenigen kirchlichen Gruppen, Gremien, Einrichtungen und Einzelpersonen, die sich in fairer, eigenständiger und kritischer Form mit dem Impulspapier befassen wollen oder müssen. Damit sind auch die drei Kriterien benannt, denen diese „Interpretationsanleitung“ oder (bescheidener) diese „Lesehilfe“ entsprechen soll.

Wenn im Folgenden verallgemeinernd und zugleich „subjektivierend“ von „dem Text“ (oder dem Impulspapier) gesprochen wird, dann ist dabei der reale Akteur, nämlich die AutorInnengruppe der Perspektivkommission des Rates der EKD und dieser selbst, immer mitgedacht bzw. mitzudenken.1

 

1. Beteiligt sein und betroffen sein  

Die hermeneutisch-pragmatische Grundvoraussetzung für eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Impulspapier des Rates der EKD sehen wir darin, dass es für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dieser Debatte keine Möglichkeit der bloßen Beobachtungsperspektive gibt. Vielmehr betrachten wir die Akteur- und Objektperspektive (insofern die zu treffenden Entscheidungen auch Auswirkungen auf die Beteiligten haben) und das Beteiligtsein an einem Diskurs als eine konstitutive Voraussetzung für einen durchaus von Entscheidungszwängen bestimmten Dialog. Die Beteiligung der DEAE steht dabei unter der doppelten Prämisse, dass sie zum einen als Verbandsorganisation von den Zuweisungen aus dem EKD-Haushalt unmittelbar abhängig und selbst bereits in einem organisatorischen Veränderungsprozess begriffen ist, der von strategischen Vorgaben der EKD bestimmt wird. Zum anderen steht für sie als der Dachorganisation der Evangelischen Erwachsenenbildung die Beteiligung auch unter dem Vorzeichen, nach ihren Möglichkeiten dazu beizutragen, die mit dem Impulspapier und seinen Umsetzungsstrategien verbundenen Lernaufgaben zu identifizieren und daraus abzuleitende Bildungsprozesse zu initiieren und zu ermöglichen. Ein Schritt auf diesem Weg wollen die folgenden Überlegungen und Anregungen sein.

 

2. „Strategisches Management“ und ornamentaler „biblischer Schmuck“


Der Rat der EKD ergreift mit dem Impulspapier eine Initiative, die über seinen formalen Zuständigkeits- und Regelungsbereich weit hinausgeht. Er nimmt mit dem Text nicht nur das politische Mandat in Anspruch, für „den deutschen Protestantismus“ zu sprechen, sondern gibt ihm zugleich einen pointierten Ausdruck. Er agiert als politische Führungsinstanz und bedient sich für sein Handeln einer Organisations- und Führungstheorie, die kurz zusammengefasst als „Strategisches Management“ zu charakterisieren ist. Die gesamte Argumentation des Textes ist von dieser Denkform – ergänzt um Anleihen bei einer inhaltlich in keiner Weise bestimmten „Qualitätsmanagementlogik“ – dominiert und abgeleitet. Da die damit gesetzte Handlungslogik aber, sowie ihre theoretischen Elemente und praktischen Implikationen, sich aus ihren Grundannahmen selbst hinreichend rechtfertigen kann, bedarf es daher zu ihrer Begründung auch keiner „zusätzlichen“ theologischen Reflexionen. Folgerichtig erscheinen die durch Bibelzitate eingeführten biblisch-theologischen Gedanken als ornamentaler Schmuck, dem für die Architektur und Stabilität der Argumentation keinerlei substantielle Bedeutung zukommt.


3. „Freiheit des Beginnens“ und symbolische Inszenierung


Das Impulspapiers zielt darauf, einen umfassenden Reformprozess der Evangelischen Kirche zu initiieren. Dieser praktische und politische Grundimpuls verdient nicht nur großen Respekt, er ist auch eindrucksvoll inszeniert: Das Vorwort des Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, gibt dem Titel des Papiers: „Kirche der Freiheit“ eine praktische Wendung dadurch, dass die Autorengruppe (und mit ihr der Rat der EKD) für sich die „Freiheit des Beginnens“ (Hannah Arendt) reklamiert und praktiziert. Er handelt mit der Veröffentlichung des Impulspapiers ohne Auftrag, aber kraft seiner Stellung und eines selbst gesetzten Auftrags, der durch die „Notwendigkeit“ bestimmt ist, die finanzökonomischen und orga­ni­sationspolitischen Entwicklungstrends (Finanzeinnahmen, Mitgliederentwicklung der Kirchen) nicht als unvermeidliche Gesetzmäßigkeiten, als unvermeidliche Sachlogik („Sachzwänge“) zu verstehen und hinzunehmen.

Stattdessen artikuliert der Rat einen politischen Gestaltungsanspruch, dessen rhetorischer und argumentativer Gestus (die imperativischen Formulierungen des „Es muss zukünftig ...“, der Anspruch einer „systematischen Zusammenschau“ und die scheinbar zwingend aus der Analyse abgeleiteten Zielvorstellungen/“Leuchtfeuer“) in einem merkwürdig disproportionalen Verhältnis zu seinen faktischen Gestaltungsmöglichkeiten steht. Vielleicht gewinnt jedoch aus diesem Missverhältnis die symbolische Inszenierung des Textes2 ihre Plausibilität, genauer: Sie bedarf ihrer.  

 

4. Rationaler Begründungsanspruch und der Macht-Blick des Strategen


Der Text bezieht seine Überzeugungskraft zu einem nicht geringen Teil aus der immanenten Stimmigkeit seiner Argumentation. Sie liegt u. a. darin, dass als ihr Ausgangspunkt eine experimentelle Position eingenommen wird, die sozusagen „probehalber“ die Fortschreibung des status quo unterstellt, um aus den dann gesetzmäßig erschlossenen Resultaten (Gestaltungsunfähigkeit und Niveauverlust der Arbeit) die Notwendigkeit eines spezifischen Handelns zu begründen, es in einem logischen Sinne also abzuleiten. Das Impulspapier reklamiert damit einen rationalen Begründungsanspruch, der auch dann noch anerkannt wird, wenn Kritiker und Kritikerinnen eine umfassendere und differenziertere Ist-Analyse einfordern oder auch mit der Kritik an der „betriebswirtschaftlichen Sprache“ des Papiers unterstellen, die Gestaltungs- und Handlungsfreiheit ließe sich in einer „anderen Sprache“ artikulieren und aus einer anderen als einer „betriebswirtschaftlichen Logik“ gewinnen. Darauf käme allerdings auch alles an, wenn die Kirche sich nicht schon durch ihre Selbstwahrnehmung zum Betrieb und Unternehmen machen will. Aber auch die Alternativen zur Sprache und Argumentationslogik des Rates müssten Antworten darauf finden, wie denn die faktische „Betriebsförmigkeit der Kirchen“ (angestelltes Personal, finanzielle Ressourcen, Organisations- und Verwaltungsstrukturen usw.) so zu gestalten wäre, dass sich Sinn, Zweck und Auftrag der Kirche nicht in der Selbstbewahrung des Betriebs erschöpft.

Man kann die unbestreitbare Stärke des Textes auch darin sehen, dass er den Mut zu einem strikt organisationspolitischen Blick auf den Betrieb Kirche nicht nur aufbringt und unbeirrt durchhält, sondern daraus auch ganz neue organisatorische Szenarien entwickelt. Ehe man diesen Mut jedoch allzu sehr bewundert, sollte man sich doch vergegenwärtigen, dass dies der Macht-Blick eines Strategen/Unternehmers ist, der Personen und materielle Ressourcen als Faktoren eines strategischen Kalküls betrachtet – und behandelt. Für diese rationale Konsequenz liefert das Papier recht anschauliche Belege.

 

5. Eine politische und logische Grundentscheidung: „Kirche als strategisch behandelbare Organisation“


Dass das Impulspapier ebendiese Fokussierung auf den „betrieblichen Charakter“ und damit die Existenzbedingungen von Kirche als „Organisation“ nicht expliziert und begründet, ist zugleich eine seiner zentralen argumentativen (nicht inhaltlichen!) Schwächen. Das durchaus angestrengt wirkende Bemühen, die Legitimität dieser Fokussierung auf die Organisation („äußere Erscheinung“) der Kirche darzutun, zeigt sich im Text an vielen Stellen. Offensichtlich ist dies aber mit einem gleichsam „theoretisch schlechtem Gewissen“ verbunden. Warum sonst borgen sich die Autoren die Erlaubnis für diese analytische und praktische Fokussierung auf Kirche als Organisation – nachdem ihre Zwangsläufigkeit und Unabweisbarkeit schon aus ganz anderen, eben finanziellen und organisationspraktischen Gründen, in Anspruch genommen wurde – aus einer reformatorischen Theologie, die die an exponierter Stelle skizzierte Ekklesiologie als Legitimationsformel3 zwar gebraucht, um sie als kritischen theologischen Maßstab aber zugleich zu entkräften? (Dafür ist insbesondere die zwar sprachlich vorsichtige, aber in der Sache eindeutige Delegitimierung synodaler Leitungs- und Entscheidungsprozeduren ein sehr klares Signal. vgl. den Abschnitt: Zur Analyse kirchlicher Schwachstellen, S. 20). Die ekklesiologische Kurzformel des „semper reformanda“ würde ja genügen, um zu begründen, dass die aus kontingenten Gründen gegebene historische Organisationsgestalt von Kirche dem verändernden Zugriff „aller Glaubenden und Getauften“ offen steht, es also nur darauf ankommt, die Freiheit und Aufgabe ihrer „auftragsgemäßen“, d. h. ihrem „Zweck“ entsprechenden Gestaltung wahrzunehmen.

Dass der Text seine politische und logische Grundentscheidung, „Kirche als strategisch behandelbare Organisation“ zu betrachten, nicht begründet, sie aber mit einem reformatorischen Heiligenschein versieht, verfolgt vielleicht keinen bewussten Zweck, erzeugt aber eine spezifische Wirkung. Die Wirkung liegt darin, die Willkür der logischen Grundentscheidung und das damit verbundene strategisch-bürokratische Organisationskonzept zu verschleiern und gleichzeitig dem Diskurs zu entziehen. Dass dadurch zudem alternative Organisationskonzepte gar nicht erst „in Frage kommen“, also thematisiert und diskutiert werden, soll offensichtlich die Durchschlagskraft der Konzeption bestärken und die Plausibilität ihrer Machbarkeit bekräftigen.

 

6. Normative Entkernung und begründungsloser Imperativ


Allerdings will der Text auch nicht nur als Anleitung für eine „pragmatische Organisationspolitik“ verstanden werden, sondern sich auch auf der Höhe der aktuellen theoretischen Gegenwartsdiagnosen verorten und bewegen. Gerade hier erweist sich aber die vielleicht größte argumentative Schwäche des Impulspapiers, indem es an die Stelle einer nüchtern explizierenden Beschreibung seiner zeitdiagnostisch-theoretischen Grundannahmen und Paradigmen den begründungslosen Imperativ eines notwendigen „Paradigmen- und Mentalitätswechsels“ setzt. Zu diesen Grundannahmen gehören an erster Stelle die Erklärungs- und Deutungsmuster der säkularen und marktwirtschaftlich-kapitalistisch verfassten Moderne, die den Wandel der volkskirchlichen Institution Kirche hin zur (beliebigen?) Organisation beschreiben, einer Organisation, die wie andere auch in ihrem Kampf um Selbstbehauptung auf die Anerkennung durch Mitglieder, öffentliche Erkennbarkeit, stetige Ressourcenverfügbarkeit, eine identifikationsbereite Mitarbeiterschaft und Zielklarheit angewiesen ist. Die vielfach traktierten Pluralisierungs- und Individualisierungstheorien sowie die theoretisch und anwendungspraktisch sehr ausdifferenzierten Milieu- und Lebensstiltheorien werden ebenfalls in Anspruch genommen bzw. vorausgesetzt (und damit beispielsweise die Leuchtfeuer 1–3 „implizit begründet“).

Auf die Beschreibung von Theorien gesellschaftlicher Entwicklungen zu verzichten, gleichwohl aber und stattdessen den Imperativ eines Paradigmen- und Mentalitätswechsels zu setzen, mag zwar den Begründungs- und theoretischen Rechtfertigungsaufwand erleichtern, es führt aber auch dazu, dass die normative Entkernung4 der vorgeschlagenen kirchlichen Organisations- und Veränderungsstrategie auch gesellschaftstheoretisch besiegelt wird. Denn so fragwürdig die allenthalben geäußerten Appelle zu einer „Werteerziehung“ und die darin artikulierte Sehnsucht nach einer „Integration der Gesellschaft durch Werte“ auch sein mag, in ihnen kommt doch auch das Bewusstsein davon zum Ausdruck, dass in die realen sozialen Organisationsformen immer auch normative Wertungen und moralische Selbstverständnisse von Menschen „eingelassen sind“ und durch sie ausgedrückt werden. Das gilt für die Kirche in besonders anspruchsvoller Weise. Ihre Organisationsform ist daher selbst eine „Form der Verkündigung“, ihre Begründung daher auch eine eminent theologische und normative Frage und keineswegs nur ein Problem der funktionalen Zuordnung von „Verkündigung des Evangeliums“ und „äußerer Ordnung“, was von den Autoren indirekt eingeräumt wird, wenn konstatiert wird, die „äußere Ordnung“ solle „der Verkündigung des Evangeliums sowie dem Frieden und der Einigkeit unter den Christen in einer Weise dienen, welche die Gewissen nicht unnötig beschwert“ (S. 22).

 

7. Gesellschaftliche Situationsdeutung und die religiösen Marktchancen der Kirche


Gegenüber den bisherigen öffentlichkeitswirksamen Reaktionen und Kritikpunkten am Impulspapier (zuletzt beispielsweise auch die Beiträge bei der Synode der EKD vom 5.–9. Nov. in Würzburg) erscheint ein solcher theorie- und paradigmenorientierter Zugang nur auf den ersten Blick als wenig „praxisrelevant“ und „argumentations-griffig“. Doch dem Impulspapier würde man in keiner Weise gerecht, wenn sich die Auseinandersetzung nur auf die bisher erkennbaren „großen“ Themen und Konsequenzen – Fusion von Landeskirchen und Zerstörung der volkskirchlichen Strukturen, „Qualitätskontrolle für Pfarrer“ u. a. – beschränken würde. Denn die entscheidenden Weichenstellungen für die Zielformulierungen und organisationspraktischen Konsequenzen erfolgen nämlich nicht erst mit dem Kap. III. „Leuchtfeuer-Teil“, sondern schon zu Beginn und zwar insbesondere in den Passagen, in denen das Papier die gesellschaftliche Situation in unmittelbar praktischer Absicht deutet. In diesen Passagen zur Deutung der (günstigen) gesellschaftlichen Situation zeigt sich sehr eindringlich und klar, wie die „Sicht auf die Welt“ die praktischen Handlungsmöglichkeiten und -strategien so präformiert, dass dann die daraus gezogenen praktischen Konsequenzen vollkommen sinnvoll und zwingend erscheinen können. In dieser Hinsicht ist ein Schlüsselsatz in dem Papier die Feststellung: „Das aktuelle Zeitfenster für religiöse Fragen entsteht auch durch die radikalisierte Globalisierung der Gegenwart. Die enormen Umwälzungen im wirtschaftlichen und politischen Bereich führen zu großen gesellschaftlichen Umstellungen und erheblichen sozialpolitischen Herausforderungen. Je ungewisser persönliche Lebenssituationen und berufliche Wege werden und je fragwürdiger eingelebte Sinnkonstruktionen und vertraute Ideale von Leistung und Erfolg erscheinen, desto mehr suchen die Menschen nach Sinn und Bedeutung, nach Freundschaft und Liebe, nach Gemeinschaft und Wertren. Sie suchen danach, was über den Tag hinaus Hallt gibt.“ (I. 2; S. 9) Die Benennung der „radikalisierten Globalisierung“ als einer sicher zutreffenden Artikulation einer „Weltsicht“ wird in diesem Kontext lediglich (– aber höchst folgenreich und insofern alles andere als „lediglich“ –) als Voraussetzung dafür herangezogen, um den aktuellen religiösen Markt bzw. die religiösen Bedürfnisse zu erfassen. Sie münden darin, dass die Befunde „klare Anknüpfungspunkte für kirchliche Initiativen (enthalten)“ und daher für die evangelische Kirche „eine chancenreiche Ausgangsbasis“ bestehe (I. 2a; S. 10).

 

8. Kirchliche Führungsideologie und ihr neues Instrument: Qualitätsmanagement


Wenn daraus nun praktische Handlungskonsequenzen abgeleitet, die „Chancen“ damit als „Herausforderungen“ gedeutet werden, wird der Gesellschaftsbezug („Große gesellschaftspolitische Probleme werden bleiben, auch wenn deren Jeweiliges nur schwer zu erahnen ist“. S. 13) darauf reduziert, nur die Probleme zu identifizieren, mit denen sich „Kirche als Organisation“ auseinanderzusetzen hat. Es ist dies eine intellektuelle Operation, deren pragmatischer Zweck vielleicht noch plausibel zu machen ist (z. B. als „Reduktion von Komplexität“ und Bewältigung des „Unbestimmtheitsdilemmas“, das für die Autoren auch bemüht wird; vgl. I.3, S.135). Ihre systematische Legitimationsfunktion liegt aber darin, auch in der „Kirche als Organisation“ die Steuerungs- und Selbsterhaltungsimperative zu implementieren, für die das Impulspapier den pauschalen Appellativbegriff vom „notwendigen Paradigmenwechsel“ verwendet. Der Paradigmenwechsel besteht darin, die Kirche der Logik eines spezifischen Führungsmanagements zu unterwerfen, für das der Text an anderer Stelle nur den ziemlich vagen Appell bereithält „Lernen vom wirtschaftlichen Denken“. Die Praxis dieses eingeforderten Paradigmenwechsels und der ihm immanente „Mentalitätswechsel“ findet sich im Impulspapier aber darin, dass es nicht nur praktische und normative Appelle und Imperative formuliert, sondern diese „Sprachspiele“ transformiert in die Logik und Pragmatik des Qualitätsmanagements.6 Das Impulspapier vollzieht damit eine „performative Wende“; es tut, was es sagt und sagt (wenngleich nicht explizit), was es tut. Dies ist (m. E.) auch der entscheidende Grund dafür, dass eine Kritik, die sich auf einzelne Aspekte, die Sprache oder die geforderten landeskirchlichen Strukturveränderungen bezieht bzw. beschränkt, an der intellektuellen Konsequenz und dem politischen Machtwillen des Impulspapiers sozusagen „abprallt“.

Man kann das Impulspapier daher auch nicht nur „begrüßen“ und danach unterschiedlich geartete „Defizite“ benennen, ohne sich darüber verständigt zu haben, welcher Handlungslogik (inklusive welcher impliziten Theologie und Theorie) und welcher politischen Strategie (inklusive welchen angestrebten Machtverschiebungen) das Impulspapier folgt. Der Text ist in seiner rhetorischen Mischung aus „nüchterner Analyse“ und „leidenschaftlichem Veränderungspathos“ selbst ein Paradigma dafür, wie unter Bedingungen der Moderne „sozialer Wandel“ und seine „Kosten“ theoretisch-politisch legitimiert und verschleiert werden; er ist das aktuell einflussreichste Stück politischer Theologie. [In dieser Perspektive wäre sowohl der quasireligiöse Charakter der dogmatischen Prinzipien und Handlungsanweisungen des Qualitätsmanagements zu analysieren als auch die Transformation ehemals theologischer Grundbegriffe in die heutigen „Gouvernementalitäts-Diskurse“ zu beschreiben. Von einer solchen Gouvernementalitätskritik fiele sicher auch ein erhellendes Licht auf die Steuerungsideologie, die dem Qualitätsmanagement und den Konzepten eines (nichtreflexiven) „strategischen Managements“7 zu Grunde liegt und der auch das Impulspapier in bemerkenswert konsequenter Weise folgt].

 

9. Eine Organisationstheorie der Kirche – ohne Theologie und Glaube


Dass der geforderte Paradigmen- und Mentalitätswechsel durch einen Mangel an theologischer Reflexion erkauft wird und „das Verständnis der Kirche als Werk Gottes und Geschöpf des Evangeliums keine grundlegende und orientierende Bedeutung gewonnen hat“ (Winfried Härle, in Zeitzeichen, H. 8/2006, S. 23), ist in sich schlüssig, wenn die grundlegende Weichenstellung und der performative Charakter des Impulspapiers vorausgesetzt werden kann. Um dies zu gewährleisten, genügt es nun nicht, sozusagen nur die „Denkweise“ (Mentalität) umzustellen, also Logik und Pragmatik eines Qualitätsmanagements einzufordern und einzuführen. Es bedarf eines fundamentalen logischen und praktischen Prinzips, das erst den pragmatischen Wechsel begründet und rechtfertigt. Genau diese Begründungs- und Rechtfertigungsfunktion hat die eher beiläufig genannte Adaption („Anlehnung“) eines zentralen Theoriestücks zur Interpretation des historischen Säkularisationsprozesses und der Rechtfertigung des modernen säkularen Staates, das Ernst-Wolfgang Böckenförde 1967 so formulierte: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“8. Die Brisanz des Theorems liegt nun darin, dass in der liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie der Staat als die nach den europäischen religiösen Bürgerkriegen einzig verbliebene neutrale und legitime Sanktions- und Bindungsinstanz vorausgesetzt wird. Diese Instanz ist jedoch als freiheitlicher und säkularisierter Rechtsstaat in ihrer Legitimität und in ihrer Funktionsfähigkeit auf „ethische und motivationale Tiefenstrukturen“ (Bedford-Strohm) angewiesen, über die sie selbst nicht verfügt und die sie selbst nicht hervorbringen kann.

In Entsprechung dazu behauptet das Impulspapier nun, dass „dem kirchlichen Christentum“ genau die Funktion für die Erhaltung des „privaten und öffentlichen Christentums“ zukomme, die in Böckenfördes Theorem als Funktion für die Erhaltung des liberalen Staates der vor- und nichtstaatlichen Moralität und den normativen Wertüberzeugungen der Bürgerinnen und Bürger zugeschrieben wird (III.1, S. 30). Die organisierte Kirche übernimmt damit gleichsam eine Funktionsbürde für die Zukunft des Christentums (der „Christlichkeit“ sagt der Text), die eine grundsätzlich selbstbezüglich handelnde Organisation gerade nicht erfüllen kann. Dass sich die neue, konsequent organisationsförmig reorganisierte Gestalt von Kirche exakt an die logische und gesellschaftliche Stelle setzt, die nach Böckenförde der „moralischen Substanz der Bürger“ eines Staates zukommt, zeigt – über den logischen Stellenwert der These hinaus – etwas von dem autoritativen und zugleich substanziellen Anspruch, den die „Evangelische Kirche in Deutschland“ im Blick auf die Zukunft der „Christlichkeit“ insgesamt (des öffentlichen und privaten Christentums) erhebt.

Das Gewicht und die zentrale Funktion, die dem Böckenförde-Theorem in der Architektur der Argumentation des Impulspapiers zukommt, schließe ich – vermutlich entgegen der eher beiläufigen Analogisierung im Text und der vorsichtigen Rede von der „Anlehnung“ an das Theorem – daraus, dass nur mit dieser Denkfigur und ohne weitere theologische Bezüge der nichtökonomische, selbstbezügliche Organisationscharakter der Kirche sozusagen transzendierbar wird. Das ganze Unternehmen einer radikalen Reorganisation der Evangelischen Kirche rechtfertigt sich letztlich dadurch, dass an ihr – über die Sicherung einer hinreichenden Finanzkraft der Kirche hinaus – die Zukunft des privaten und öffentlichen Christentums hängen soll. Es ist dieser fundamentale, sowohl ekklesiologische als auch öffentliche Anspruch und die damit verbundene Funktionsbestimmung der evangelischen Kirche der Zukunft, die den Zuschnitt der „Leuchtfeuer“ präformiert und ihre Kohärenz bestimmt. Mit dieser Argumentation überbietet das Impulspapier zugleich die „Sechs Grundsätze einer mittelfristigen Finanzpolitik des Rates“ (Juli 2004 veröffentlicht9), indem es die Kirche als ganze zum Garanten der „Zukunft des deutschen Protestantismus“ macht. Was damals eine „nur“ „methodische Prüffrage“ war, ob ein einzelnes kirchliches Handlungsfeld für die Zukunftssicherung des Protestantismus unverzichtbar sei, wird nun zum organisationstheoretisch gerechtfertigten Existenzgrund und zur Funktionsbestimmung der Evangelischen Kirche erklärt. Der rhetorische und argumentative Gestus des Textes lässt keinen Zweifel daran, dass an die in den Leuchtfeuern beschriebene zukünftige Organisationsgestalt der Kirche ihre Zukunft gebunden ist. Und das Kunststück des Impulspapiers liegt darin, dass es für diese Beweisführung ganz ohne Theologie auskommt. In seinem Kern ist das Impulspapier eine organisationstheoretische Begründung von Kirche und ein zukunftsgerichtetes Reorganisationskonzept ohne Theologie und ohne Glaube. Der Erfolg dieses Begründungskonzeptes und seine Wirkungen würde sich – sollte es in der intendierten Konsequenz der Leuchtfeuer umgesetzt werden – in naher Zukunft beobachten lassen. Könnte man sich beispielsweise ernsthaft wünschen wollen, in dieser Kirche der Zukunft Pfarrerin oder Pfarrer zu sein, in der beinahe alles Gelingen und aller Segen der Kirche von diesen erwartet wird? Und auch als kirchenberuflicher Laie frage ich mich, welchen Platz und welche Aufgabe ich in einer Organisation wohl hätte, die sich allen Erfolg und jede Segenswirkung selbst zuschreibt und ihre geistliche Kraft an der Zahl ihrer (zahlenden) Mitglieder bemisst? Die Worte Glück und Gnade – die sucht man in dem Impulspapier vergeblich.

 

10. Machtfragen und „kalkulierte Souveränitätsverletzung“


Organisationstheorien setzen die Dimension der Macht als Kategorie und als Realität voraus. In welcher Weise sie dann weiter reflektiert wird, ist ein Qualitätsmerkmal des Reflexionsniveaus aller einschlägigen Theorien. Machtfragen werden im Impulspapier aber nicht explizit thematisiert, dafür aber umso wirkungsvoller inszeniert. Man sollte sich für einen Augenblick einer hermeneutischen Grundregel besinnen und einen Text immer auch von seinem Ende her, dem elften, und mehr noch dem zwölften Leuchtfeuer her lesen. Es würde dann sichtbar, dass die Perspektivkommission mit ihrer Argumentationsstrategie in der „imaginären Rolle“ eines Souveräns auftritt10. Sie ist damit freilich nur konsequent und folgt der Grundentscheidung: Kirche als Organisation und als Unternehmen zu denken und zu behandeln.

Eine Lektüreperspektive vom Ende her wäre nicht nur ein „gegen den Strich bürsten“, es wäre auch ein Schritt zur klaren und fairen Politisierung der Debatte. Es ginge dabei freilich um genau das Thema, das im deutschen Protestantismus immer ein Tabuthema war und blieb, nämlich das Thema der „legitimen Macht“. Der in jeder Hinsicht für den Protestantismus notwendige und konstitutive Rückbezug auf die „Reformatorische Theologie“ hat die historisch realen, politischen Bedingungen ihres faktischen Überlebens und ihrer Durchsetzung nie in gleicher Weise reflektiert, wie dies im Blick auf seine immanent-theologischen Legitimitätsgrundlagen (z. B. durch die Reflexion der „Sola-Differenzbegriffe“) geschehen ist. Dass es im und mit dem Impulspapier daher logisch primär um die Frage der Machtordnung und zugleich um erhebliche Machtverschiebungen geht, wäre wahrscheinlich gar nicht so deutlich geworden, hätte die Perspektivkommission nicht eine „kalkulierte Souveränitätsverletzung“ begangen, indem sie mit der allgemeinen Fusionsforderung die rechtlich souveränen Landeskirchen argumentativ zur Disposition stellte. Das ist freilich noch eine milde Formulierung, denn in der Qualitätsmanagement-Logik des Impulspapiers sind die Leuchtfeuer ja nichts weniger als klar definierte Zielvorgaben – ob sie auch zu Zielvereinbarungen werden ist nicht nur fraglich, sondern nach der Argumentationslogik des Textes auch „eigentlich“ unnötig.


Theologie und Praxis protestantischen Selbstbewusstseins


Mit der Zielperspektive „1517–2017“ markiert das Impulspapier einen historischen Erinnerungspunkt als ein Gründungsdatum und als Ermutigungserfahrung. Vor diesem Hintergrund liegt die Bedeutung und das Verdienst des Impulspapiers unbestreitbar darin, dass der Rat der EKD mit einer intellektuell konsequenten Konzeption und mit eindrucksvollem politischem Elan dazu auffordern, dem protestantischen Selbstbewusstsein eine öffentlich sichtbare Gestalt und einen für die Menschen attraktiven – also anziehend-einladenden – Ausdruck zu geben. Deshalb teilen wir uneingeschränkt die in diesem Sinne verstandene Intention des Impulspapiers. Aus dem gleichen Grund halten wird allerdings auch die Kritik seiner theoretischen Grundlagen und die darauf gestützten strategisch-praktischen Zielvorgaben für notwendig und und berechtigt  und verbinden damit den Vorschlag zur Umkehrung der Perspektiven – es geht vorrangig um die Entfaltung dessen, was man früher den „protestantischen Geist“ genannt hat und darum, hier und jetzt Erfahrungsräume und Erfahrungsmöglichkeiten der „bedingungslosen Gnade Gottes“ offen zu halten, und zu wissen, dass sich dies dem strategisch-planenden Zugriff entzieht. Dieses Wissen entbindet gewiss nicht davon, „seine Arbeit gut machen zu wollen und machen zu können“ – nichts anderes meint „Qualitätsorientierung“ und darüber auch Rechenschaft vor sich, Gott und den Menschen ablegen zu können.

Protestantisches Selbstbewusstsein überzeugend und öffentlich wahrnehmbar zum Ausdruck zu bringen und in diesem Sinne seinen evangelischen Glauben bekennen zu können, dazu ist Selbstvergewisserung und gegenseitige Ermutigung nicht zuletzt auch deshalb notwendig, weil sich „der deutsche Protestantismus“ und nicht nur dieser, nahezu zeitgleich mit der Veröffentlichung des Impulspapiers durch die „Regensburger Rede des Papstes“ einer ganz unzweideutigen, fundamentalen Delegitimierungsoffensive gegenübersieht. An der Argumentation des Papstes ist dabei ja besonders bemerkenswert, dass er den Protestantismus nicht nur als Abfall vom katholischen Vernunft-Glauben charakterisiert, sondern ihm damit zugleich seine theologisch-substantielle Berechtigung abspricht. Dass die evangelische Kirche dann auch nur als eine minderen Rechtes er­scheint, ist sozusagen nur noch die „organisationspolitische Konsequenz“. Für den Protestantismus und für die evangelischen Christen wird es daher vor allem darauf ankommen, überzeugende Ausdrucks- und Gestaltungsformen ihres Glaubens und der theologischen Argumentation zu entfalten, für die jedoch nicht statische „Leuchtfeuer“, sondern viele „protestantische Hoffnungsfackeln“ (Michael Welker)11 angemessener sein dürften, denn die werden von Menschen entzündet, getragen und weitergegeben.

 

Anmerkungen

 

1 Der Text nimmt Überlegungen auf, die ich in zwei Beiträgen bereits veröffentlicht habe (Andreas Seiverth: „Kirche der Freiheit“ und „Revolution von oben“ – Ein Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus. In. Forum EB H 2/2006. S. 33–34 sowie Andreas Seiverth: „Ansätze“, H. 4–5/2006, erschienen in Verbindung mit „Querblick“ Nr. 15)

2 Dies zeigt sich am formalen Aufbau des Textes: Er ist in drei Kapitel unterteilt: I. Kapitel Chancen und Herausforderungen enthält drei Abschnitte: 1. Evangelische Kirche im gesellschaftlichen Wandel; 2. Gib den Chancen eine Chance und 3. Die Herausforderungen begreifen. Das II. Kapitel Ausgangspunkte der nötigen Veränderung ist wiederum in drei Abschnitte untergliedert: 1. Evangelisches Profil im Umgang mit der Zukunft; 2. Kirchliche Ebenen in den Veränderungsprozessen und 3. Aufbrüche in der evangelischen Kirche. Das III. Kapitel Perspektiven der evangelischen Kirche im Jahre 2030 erhält sein Gewicht nicht nur dadurch, dass es den gleichen Umfang wie die beiden ersten Kapitel zusammen aufweist, sondern auch durch seine offen verwendete biblische Symbolik: Zwölf „Leuchtfeuer“ werden in vier Veränderungsbereiche unterteilt, die wiederum in drei Aufgabenfelder untergliedert sind. In dieser dreigliedrigen Struktur kommt eine Akteurshaltung zum Ausdruck, die sich mit dem Dreischritt: vom Möglichkeitssinn über die Veränderungsnotwendigkeit zur Perspektivvision zusammenfassen lässt und dem Text einen Ausdruck von unwiderstehlicher Selbstwirksamkeit und glaubensfestem Optimismus verleihen soll.

3  Vgl. I. 1, S. 7: „Von diesem Grundanliegen der Erneuerung und Stärkung eines lebensdienlichen Glaubens aus hat die Reformation von Beginn an die vorhandenen kirchlichen Strukturen daraufhin befragt, ob und wie sie die Verkündigung des Evangeliums behindern oder fördern. Nach evangelischem Verständnis gibt es keine heiligen, unantastbaren, unveränderbaren Organisationsstrukturen.“

4 „Normative Entkernung“ meint in diesem Zusammenhang insbesondere den Umstand, dass das Impulspapier die normativen Prinzipien, die der reformatorischen Theologie immanent sind, substanziell relativiert. Dies zeigt sich vor allem an der subtilen, aber wirkungsvollen Infragestellung des Synodalprinzips: „Die jetzigen synodalen Strukturen, die ganz überwiegend den Gedanken der Partizipation und Beteiligung in den Mittelpunkt stellen (Herv. AS), sind in bewusster Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umbrüchen entstanden und bedürfen – wie andere kirchliche Handlungsfelder auch – einer kritischen Prüfung im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität“ (I.3, S. 20).

5 „Zukünftige Entwicklungen können nur mit einem hohen Maß an Unbestimmtheit antizipiert werden“. (I.3, S.13 und 14)

6 Um diese Behauptung zu belegen, bedürfte es eines längeren Exkurses, der aufzeigt, dass das Impulspapier in seiner Argumentationsstruktur, in seiner sprachlichen Diktion und in seiner verqueren „Leuchtfeuer“-Metaphorik in völlig affirmativer Weise Prinzipien des Qualitätsmanagements folgt und zugleich verfehlt, indem es mit seinen unrealistischen strategischen Zielvorgaben und seiner destruktiven Mitarbeiterschelte die Voraussetzungen einer jeden sinnvollen Form von Qualitätsentwicklung zerstört. (zum Beleg sei auf die Passage verwiesen, in denen die bisherige Personalpolitik in pauschaler, abschätziger Form abgefertigt wird (I.3, S.19 „Die kirchliche Personalpolitik beim Pfarrdienst ...“).

7 Vgl. dazu Dirk Fischer: Strategisches Management in der Symbolökonomie, Marburg 2005

8 E.-W. Böckenförde: Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation (In: ders.: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte. Frankfurt, 1991, S. 92–114, hier S. 112. Das Zitat lautet vollständig: „So stellt sich die Frage nach den bindenden Kräften von neuem und in ihrem eigentlichen Kern: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwangs und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

9  vgl. Andreas Seiverth: Ein hoffnungsvolles Strategiefragment für den deutschen Protestantismus, In. Forum EB, H 4/2004. S. 46–48

10 Diese These habe ich bereits in meiner ersten Anmerkung zum Impulspapier formuliert. Vgl. Fußnote 1

11 Michael Welker: Freiheit oder Klassenkirche. Mut und Blindheit im Impulspapier des Rates der EKD. In: Zeitzeichen 12/2006, S. 8–11, hier S. 11. In dem gleichen Heft findet sich auch der Beitrag von Dieter Becker: Die Kirche ist kein Supertanker (S. 12–14), der die hier entwickelte Kritik auf eindrucksvolle Weise in ein Konzept der „Kirche als Netzwerkorganisation“ übersetzt hat. Beide Beiträge enthalten die Praxisanregungen, an die wir anknüpfen und die wir aufnehmen wollen. 

zuerst in: Forum Erwachsenenbildung. Beiträge und Berichte aus der evangelischen Erwachsenenbildung, hrsg. von der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. (DEAE), Heft 3/06, S. 39-43.