zuletzt aktualisiert: 09.05.2007
Initiative Kirche von unten

Andreas Seiverth, "Jugend ohne Ende"

  Andreas Seiverth

Jugend ohne Ende - Anfragen an eine Strategieentscheidung des Rates der EKD zur Zukunft der ESG

Mit dem Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ ist in der EKD ein neuer Ton der entschlossenen Entschiedenheit angestimmt und eine neue Form und ein beachtliches Niveau rationaler strategischer Argumentation eingeführt worden. Und wenn man sich einmal auf die Logik und Zielsetzung dieses Strategieent­wurfs eingelassen und sie verstan­den hat, dann irritiert eigentlich nur noch der Titel des Impulspa­piers: Wo jeder Gedanke von der puren Notwendigkeit bestimmt ist, eine existenzielle Krise der „Or­ganisation Kirche abzuwenden, ist die Rede von einer „Kirche der Freiheit mit viel Wohlwollen als erster Schritt zur Selbstermutigung zu verstehen, aber nicht als überzeugende Programmatik. In einer ersten Anmerkung zu diesem Im­pulspapier habe ich es denn auch als einen „Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus inter­pretiert, der im Geiste einer „Re­volution von oben und mit der Haltung eines „imaginären Sou­veräns“ den Status quo der kirch­lichen Verfassung (im doppelten Sinn des Wortes) mit ziemlihc radikaler Konsequenz zur Disposition stellt. (vgl.: Andreas Seiverth: „Kirche der Freiheit und "Revolution von oben - Ein Strategieentwurf für den deutschen Protestantismus. In: DEAE (Hrsg.): Forum Er­wachsenenbildung; H 2/2006, S. 33 - 34) Strategiediskurse zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass sie auf normatives Gepäck und ethische Reflexionen verzichten; daraus erklärt sich dann auch sehr einfach der - meines Erachtens - oberflächliche Vorwurf, der gegen den Text vielfach erhoben worden ist, er folge einem rein „betriebs­wirtschaftlichen Denken. Dem Rat der EKD geht es aber nicht um Betriebswirtschaft, sondern um die Etablierung eines politischen Füh­rungsanspruchs und eines Legiti­mationszwangs aller bestehenden kirchlichen Organisationsformen.

Ehe ich meine Anfrage im Kontext des aktuellen EKD/ESG/ aej-Prozesses vortrage, sind zwei Hinweise notwendig, die das in meinen Augen beträchtliche argumentative und politische Selbstbewusstsein und den daraus resul­tierenden Gestaltungsimpetus des Rates erkennen lassen. Vor diesem hier nur angedeuteten Hintergrund hat der Text für mich auch den Charme eines Befreiungsschlages aus einer objektiv prekären, in nicht geringem Maße dazu noch selbstverschuldeten Krisensituation; denn wann hat man schon einmal eine so handfeste Selbstkritik des „obersten Managements der Kir­che über seine vorausgegangene Personalpolitk gelesen wie die im Abschnitt „Zur Analyse kirchlicher Schwachstellen. In ihm heißt es:

„Über Jahrzehnte hinweg - gleich­sam in den ,sieben fetten Jahren’ (vgl 1. Mose 4l) - wurden mehr oder weniger alle Bewerberinnen und Bewerber in den Dienst ge­nommen, zukünftige Entwicklungen wurden dabei ebenso wenig berücksichtigt wie spezifische Qualitätsansprüche. Der Bedarf wurde zu stark aus der aktuellen Situation abgeleitet und zu wenig auf künftige Anforderungen bezo­gen. Das hatte nicht nur begründete Zweifel an der Qualität und Moti­vation mancher Mitarbeitenden zur Folge, sondern führte auch zu einer strukturellen Überbesetzung.

Im gleichen Abschnitt findet sich dann freilich auch die (pro­testantische?) Variante von der „funktionalen Insuffizienz demo­kratischer Entscheidungsstrukturen und -prozesse:

„Die jetzigen synodalen Strukturen, die ganz überwiegend den Gedanken der Partizipation und Beteiligung in die Mitte stellen, sind in bewusster Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt entstanden und bedürfen - wie an­dere kirchlichen Handlungsfelder auch - einer kritischen Prüfung im Blick auf ihre Zielorientierung und Effektivität. "

Mit welcher argumentativen Eleganz hier auch gegen prote­stantische Obrigkeiten erkämpfte demokratische Steuerungsformen und eine Konkretisierungsform des „Priestertums aller Gläubigen“ auf dem Altar einer reinen Effizienzlehre dargeboten werden, hat schon auch einen besonderen Charme.

Der Rat der EKD hat durch einen Beschluss im Dezember 2005 Verhandlungen zwischen
der aej und der ESG veranlasst mit der Vorgabe, dass letztere in die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland organisatorisch eingegliedert wird. Unabhängig von den inzwischen möglicherweise im Kon­sens erreichten Ergebnissen habe ich erhebliche Zweifel, ob diese Grundsatzentscheidung des Rates seinen eigenen Rationalitätsnormen entspricht, und zwar der formalen Forderung, Entscheidungen müs­sen „den jeweiligen sachlichen Erfordernissen entsprechen und der inhaltlich-strategischen Zielvorstellung „Bildungsarbeit (als) eines der wichtigsten Arbeitsfelder der evangelischen Kirche zu ent­wickeln. In der Erläuterung zum 7. Leuchtfeuer findet sich der wun­derbare Satz: „Bildung ist nach evangelischem Verständnis immer Bildung des ganzen Menschen. Sie zielt darauf, dass Menschen Möglichkeiten dazu entwickeln können, Subjekt der eigenen Le­bensgeschichte werden zu kön­nen. Wenn man noch Bonhoeffers ebenso faszinierende Formulierung dazu nimmt, Bildung sei nur denk­bar als „Spielraum der Freiheit (in seinem Brief aus der Haft vom 23. Januar 1943) hätte man wahrschein­lich die vollendete protestantische Bildungsdefmition.

Nun bietet aber eben dieses „Bildungs-Leuchtfeuer ein Musterbeispiel dafür, wie den strategischen, auf die bloße Selbst­erhaltung der Organisation bezogenen Interessen das geopfert wird, was den Zweck der Organisation bestimmt und ausmacht. „Evangelische Bildung als Zeugnisdienst in der Welt zu verstehen und gleichzeitig als „Subjektwerdung“ steht, vorsichtig formuliert, in dem „berühmten Spannungsverhältnis, mit dem heute faktische und logische Widersprüche stehen.
Es ist diese Spannungsverhältnis-Formel, mit der man aber die tatsächliche Bewältigung von realen Widersprüchen eskamotiert, sie so präsentiert, dass am Ende doch nur die leidende Hinnahme dessen, was ist, herauskommt. Im Falle des Bildungskapitels ist es aber darü­ber hinaus nichts anderes als die faktische Indienstnahme von Bil­dung für den anstehenden „Mentalitäts- und Paradigmenwechsel. Die Argumentation zum Bildungs-Leuchtfeuer unterläuft die Forde­rungen und widerspricht schlicht der Einsicht, die der Rat in seiner vor kurzem veröffentlichten Denkschrift „Gerechte Teilhabe - Zur Armut in Deutschland im Blick auf „Bildung als Instrument von Armutsprävention einleuchtend bekräftigt und darauf dann seine empirische Beschreibung der prak­tischen Funktion von Bildung auf­gebaut hat.

Es ist nun aber - das ist mei­ne These und Grundlage für mei­ne Anfrage - dieses im Kern (und darauf soll man ja auch sein Den­ken und Tun zukünftig nur noch ausrichten, „Kernkompetenz, „Kernprogramm) funktionalistische und damit völlig willkür­liche Verständnis von Bildung, das den „logischen Grund dafür ab­gibt, um die ESG der aej faktisch zu inkorporieren. Dass die aej und ihre regionalen Einrichtungen für eine vorzügliche Kinder- und Ju­gendarbeit stehen, in der natürlich auch wirkliche Persönlichkeits­bildung stattfindet, steht für mich außer Frage. Warum aber nun ein Verband oder die Gemeinde der Studierenden einem Jugendver­band angeschlossen werden soll, ist entweder ein Rätsel oder Willkür. Es könnte aber auch bedeuten, dass das Bewusstsein für Bedeutung des Studiums und der entsprechenden Lebensphase für das Erwachsen­werden völlig abhanden gekom­men und bedeutungslos geworden ist. Und eine zweite kritische Ein­sicht ergibt sich aus dieser „Bin­dung an die Jugend dadurch, dass im Protestantismus offensichtlich tatsächlich das „Verhältnis von Glaube und Vernunft durch einen Hiatus (eine Kluft, einen Abgrund) getrennt ist, der nur durch einen mutigen „Sprung überwunden werden kann. Mit einem solchen Verständnis brauchen sich evan­gelische Studierende in der Tat auf dem Campus allerdings nicht blicken lassen, geschweige denn „ihren Glauben zu bekennen. Dass es eine eminente Lern- und herausfordernde Bildungsaufgabe ist, den Glauben intellektuell und praktisch rechtfertigen („ vertre­ten) zu können, und dass dies gerade in den Verunsicherungen und  Abenteuern wissenschaftlicher Bildung dran ist und bewältigt wer­den muss, verlangt dann aber auch eine andere organisationspolitische Konsequenz und Unterstützung als die, evangelische (und andere) Studierende in eine nun auch noch kirchlich sanktionierte „verlänger­te Adoleszenzphase zu bannen.

Das Impulspapier formuliert im Bildungs-Leuchtfeuer ja ganz zu Recht: „Protestantische Eliten (...) sind ein Segen für die Kirche wie für die Gesellschaft; sie sollten in ihrem Einsatz und in ihrer Be­ziehung zur evangelischen Kir­che bewusst gefördert werden. Solche richtigen Einsichten und Forderungen werden durch falsche Strategieentscheidungen zu Nichte gemacht. Die ESG ist Mitglied in der Dachorganisation der evan­gelischen Erwachsenenbildung (DEAE) - warum sollte es nicht möglich sein, bessere Alternativen zu entwickeln und praktisch zu er­proben. Die DEAE befindet sich in ihrem Kooperationsprozess mit dem Comenius-Institut ihrerseits in einem produktiven Erfahrungs­- und Entwicklungskontext. Organi­satorische Entscheidungen sind revidierbar, sie müssten es zumindest sein, wenn denn richtig bleiben soll, was das Impulspapier feststellt: „Die Zukunftschancen einer jeden Institution hängen an ihrer Lernfä­higkeit. Der Rat der EKD sollte daher seine Vorgabe zur Integration der ESG in die aej überprüfen und seine finanzielle Ressourcenmacht und Orientierungskompetenz dazu einsetzen, organisatorische Phanta­sie und bildungspolitische Kompe­tenz zu entwickeln.

zuerst in: Des Kaisers neue Kleider! - Gemeinsame Ausgabe der esg-nachrichten Ansätze 4-5/2006 und des Querblick 15. Rundbrief der IKvu, November 2006.