Interview mit Dr. Uwe-Karsten Plisch, ESG und Sprecher der IKvu zum Impulspapier der EKD
Die
Evangelische Kirche steht vor dramatischen Veränderungen. Weniger Geld,
weniger Gläubige, weniger Landeskirchen.
Doch mit einer Ökonomisierung ist die Kirche nicht zu kurieren, meint der
Theologe Uwe-Karsten Plisch
Philipp Gessler
(taz): Herr Plisch, heute wird ein Diskussionspapier
zur Reform der
Evangelischen Kirche EKD veröffentlicht.
Kritiker fürchten, dass
Unternehmensberater wie McKinsey
die Kirche übernehmen.
Stimmt das?
Uwe-Karsten Plisch: Übernehmen
nicht, aber McKinsey und Co.
haben deutliche Spuren hinterlassen
- das ist manchmal komisch,
häufig befremdlich.
Wo
zum Beispiel?
Wenn
da etwa von der Steigerung der
„Tauf- und Trauquote" die Rede
ist. Eine solche ökonomische
Redeweise ist unangemessen
in der Kirche.
Wird sie ökonomisiert?
Nein, aber es sind die etwas hilflosen
Versuche, mit ökonomischen
Rezepten die Probleme der Kirche
zu meistern, obwohl sie nur
bedingt auf sie übertragbar sind.
Ökonomisches Denken ist nicht
falsch, wo die Kirche auf diesem Feld tätig ist. Aber da kommt es
eher auf eine klare Kompetenz
der Leute an, die ökonomisch
wirken müssen.
Empfindet die Kirche nach, was
die Politik mit ihren Reformbestrebungen
vormacht?
Ich hatte beim Lesen den Eindruck,
hier weht wie in der Politik ein neoliberaler Zeitgeist, der ganz
unprotestantisch ist. Ärgerlich
an dem Papier ist die freihändige
Handhabung von Bibelzitaten, die in den Text eingeflochten werden,
obwohl sie an dieser Stelle
keinen Sinn haben. Das ist nicht
mehr als religiöser Firnis.
Ist die Forderung nach einer Schärfung
des evangelischen Profils
auch eine Reaktion auf die
öffentliche Aufmerksamkeit, die die kantigere katholische Kirche unter
Papst Benedikt
XVI.
erhält?
Ja und nein. Das Problem ist schon
älter als die Aufregung um Benedikt
- und schon früher erkannt worden. Und sicherlich lässt
sich die katholische Kirche medial besser darstellen und personalisieren.
Aber soll man sich
dem anpassen?
Reagiert das Papier auf die profilstärkeren
Freikirchen einerseits
und Entkirchlichung oder
Desinteresse andererseits?
Die Bedeutung der Freikirchen wird
überschätzt, auch von der EKD. Auch die erreichen nur allerkleinste
Kreise - und eben kaum
die ostdeutschen Gewohnheitsatheisten.
Ist die Finanznot das eigentliche
Motiv des Impulspapiers?
Ja, das ist der Hauptgrund. Da ist die Analyse auch am klarsten und
schonungslosesten. Man spürt
da förmlich die milde Verzweiflung
der Verantwortlichen. Das
Problem ist, dass immer wenige
Leute Kirchensteuer zahlen. Es
gibt immer mehr Rentner und Arbeitslose.
Da fällt auch das neoliberale
Totschlagargument des demografischen
Faktors. Andere Strategien
dagegen werden nur eingeschränkt
diskutiert, vielleicht
weil sie zu heikel sind, etwa ob
nicht ein Abschied von der Kirchensteuer
sinnvoll wäre.
Im
Jahr 2030 soll es dem Papier
nach nur noch 8 bis 12 Landeskirchen
geben. Ist das sinnvoll
- und zu schaffen, wenn man
an bisherige, sehr mühsamen Fusionsprozesse denkt?
Fusionen sind ein grundsätzlich richtiger
Ansatz. Zwergkirchen sind
auf die Dauer nicht lebensfähig - und wer jetzt schläft, hat bald
schlechte Karten, denn so gute
Bedingungen wie heute bekommen
kleine Kirchen bei einer
Fusion nicht mehr. Bei kleineren
Kirchen kann ein einzelner
Funktionsträger unvergleichlich
mehr Schaden anrichten
als bei großen. Problematischer
finde ich die Tendenz in dem
Papier, die EKD-Zentrale deutlich
zu stärken. Diese Zentralisierung ist bedenklich. Aber Bürokratien
haben ja immer die Neigung,
sich bei abnehmender Bedeutung
auszudehnen.
Bedeutet
nicht die Schärfung
des evangelischen Profils, dass
Kirchenferne eher abgeschreckt
werden könnten, weil die
Kirche dann wieder mehr in ihrer
eigenen Sprache spricht?
Das eigene Profil zu stärken ist richtig. Denn die große Umarmung
„Wir haben für alle was" ist nicht
attraktiv. Aber hier ist das Papier
auch inkonsistent: Einerseits
nennt man das Kirchengemeinde-Modell
als Kernkompetenz
der Kirche, andererseits wird
dieses Modell berechtigterweise
relativiert. Wenn jetzt nur noch
die Hälfte der Kräfte auf die Gemeindekirchen
konzentriert werden
soll, ist dies der endgültige
Abschied von der Volkskirche. Das ist immerhin konsequent, denn nur
noch 30 Prozent der deutschen
Bevölkerung sind überhaupt
evangelisch, und nur noch
4 Prozent gehen in den Gottesdienst.
Fühlen Sie sich übergangen, weil
diese Ideen von oben kommen
- nicht von der evangelischen
Basis, wie es protestantischer
Tradition entspricht?
Nein, das ist in Ordnung, dass solche
Diskussionspapiere von oben
Anregung geben. Problematischer
ist, dass Diskussionspunkte vorgegeben werden - und
manches nicht mehr diskutiert
werden soll, weil es gar nicht vorkommt,
etwa die Zukunft der Evangelischen
Studentinnengemeinden.
Das ist politisch gewollt. Es wundert mich nicht. Aber
es ärgert mich.
zuerst
in: tageszeitung vom 6. Juli 2006
