zuletzt aktualisiert: 15.03.2008
Initiative Kirche von unten

Ökumenische Gemeinde(bildung) - Arbeitskreis Halle (AKH)

 

 

Erwägungen zur ökumenischen Gemeindebildung
im Zusammenhang mit unserem Vorschlag an die Adresse der Kirchen,
sich im mitteldeutschen Raum seelsorglich nicht aus der Fläche
zurückzuziehen, sondern die Ortsgemeinden ökumenisch zu gestalten

 

1. Hindernisse auf dem Weg der ökumenischen Gemeindebildung

1.1. Der gegenständliche Umgang mit den Glaubenswahrheiten. Dieses grundsätzliche Missverständnis ist die Gefahr für jede Glaubensaussage - und ist auch Jesus schon begegnet: "Anders als in Bildern und Gleichnissen redete er nicht zu ihnen". Und doch wollten es auch seine engsten Gefolgsleute schon sehr genau wissen: "Können meine Söhne zu Deiner Rechten und zu Deiner Linken sitzen?" (Ähnliches ließe sich sicher auch bei anderen seriösen Religionsstiftern nachweisen). Je mehr wir mit Änderungen des Weltbildes leben müssen und wohl am Ende lernen, mit vielen Weltbildern gleichzeitig zu leben, um so deutlicher wird, dass Glaubenswahrheiten Bilder sind, und nur als Bilder heilsam sind. Dann ist es aber auch möglich, in den Bildern der anderen Heilsames zu entdecken oder wenigstens zu respektieren, wenn ich mich auch weiter mit meinen Bildern umgeben möchte.

1.2. Die Engführung des Gemeindebegriffes auf eine Konfessionsgemeinde, das scheint ein neuzeitliches Produkt. Die frühchristlichen Gemeinden sahen sich wohl eher als die Heiligen an dem Ort, der Gemeinde Laodizäa oder Rom, die für diese Gemeinde beteten und Zeugnis gaben zum Heil der ganzen Gemeinde, des ganzen Ortes. Als die Kirche "Reichskirche" wurde, war politische und Kirchgemeinde identisch. Wenn sich heute Menschen in religiöser Verantwortung wieder auf ihren Ort einlassen, ziemlich kleinteilig als Dorf oder Wohngebiet, dann wird durch den Blick von außen die Enge und Peinlichkeit der Konfessionsgemeinde schnell als Verein neben anderen identifiziert.

2. Voraussetzungen für die ökumenische Gemeindebildung

2.1. Finanzen müssen von unten nach oben und nicht umgekehrt gesteuert werden (dabei spielt theoretisch die Art des Einzugs der Kirchenabgabe keine Rolle). Die konfessionelle Ortsgruppe muss das von ihren Gliedern gezahlte Geld verwalten mit entsprechenden Abgaben an die jeweilige Leitung. Nur auf diesem Weg kann eine ökumenische Ortsgemeinde entstehen, weil sie sonst keine Mittel hat für die allmählich wachsenden und jeweils verschiedenen Aufgaben der örtlichen Ökumene. Und dann könnte die konfessionelle Ortsgruppe befinden, wohin der Anteil der Abgaben an die Kirchenleitung zu gehen hat, je nach Traditionsherkunft ihres aktuellen Mitgliedes. Dadurch entstünde auch auf Ebene der Kirchenleitungen allmählich ein Fonds, um wiederum die Entwicklung ökumenischer Gemeinden zu unterstützen.

2.2. Allgemeine religionskundliche Unterweisung an den öffentlichen Schulen, so dass Kinder durch den schulischen Religionsunterricht nicht rekonfessionalisiert werden, sondern befähigt werden, mit verschiedenen Konfessionen umzugehen. Konfessionen bilden sich gewissermaßen von allein - aus Traditionen und Situationen. Um sie einer seriösen öffentlichen Bewertung für den Interessenten und den Kritiker zu unterwerfen, bedarf es religionskundlicher Unterweisung für alle. Der Entfaltung religiöser Konfession schadet das Tabu wie jedem anderen Lebensbereich auch. Jeder entwickelte Glaube ist konfessionell, das ist gut so, wenn er dabei auch ökumenisch (gleich katholisch) und auf Einheit bedacht ist.

2.3. Die eucharistische Gastfreundschaft. Diese hat zur Grundlage das Minimum an gemeinsamem Verständnis des Herrengedächtnisses als Erinnerung an Teilen und Hingeben, das Frucht bringt. Jede Erinnerung hat einen hohen subjektiven Anteil. Wer den Inhalt der Erinnerung dadurch schützen will, dass er sie vermeintlich objektiviert: "Das ist mein Leib" - der schadet der Frucht der Erinnerung, die in die Richtung des Teilen-Könnens, Abschiednehmens, Loslassens weist, um Neues zu gewinnen.

3. Elemente der ökumenischen Gemeinde

3.1. Sie ist konsequent Ortsgemeinde, sie wird ökumenisch gar nicht zuerst durch den Kontakt zur "Weltkirche", sondern durch das Wahrnehmen, Ertragen des anders-denkenden, -fühlenden, -geübten Nachbarn. Sie wird geprägt von der Mehrheitskonfession an diesem Ort, diese wiederum verhält sich wie ein guter Gastgeber, der den Gast in die Mitte rückt, seine Gewohnheiten berücksichtigt und auch von ihm etwas hören will.

3.2. Die Liturgien der ökumenischen Gemeinde sind im Wesentlichen die der jeweiligen Mehrheitskonfession mit den entsprechenden Agenden. Die Funktion der Liturgen und ihre Beauftragung richten sich nach der jeweiligen Mehrheitskonfession unter Beachtung des Gesetzes der Gastfreundschaft. Man ist also bestrebt, die Gäste aktiv einzubeziehen, und liturgische Elemente der anderen aufzunehmen, um allen das Gefühl des Zuhause zu vermitteln.

3.3. Hauptanlass für Liturgien sind die regelmäßigen Sonntagsgottesdienste für den Ort, die auch dadurch ökumenisch werden, dass sie nicht von regelmäßigen Besuchern dominiert werden, sondern von gelegentlichen - gerade auf diesem Weg könnte die ökumenische Gemeinde auch öffentlicher werden. Darüber hinaus legen natürlich auch viele Gelegenheiten im örtlichen Geschehen gottesdienstliche Versammlungen nahe.

3.4. Die ökumenische Gemeinde hat einen gemeinsamen "Gegner", das ist die "Welt" im johannäischen Sinn. Das Annehmen dieser Gegnerschaft als Konsequenz aus der Nachfolge Jesu begründet wohl am meisten ökumenisches Bewusstsein in den konfessionellen Lagern und Gewohnheiten. Wenn in der DDR-Zeit sich ein stärkeres ökumenisches Bewusstsein herausgebildet hat, lag es auch in der Erfahrung dieser gemeinsamen Gegnerschaft - leider wurde diese allerdings vielfach mit dem Kommunismus identifiziert. Die "Welt" muss heute vielmehr mit Mammonismus oder Totaler Markt oder Konsumismus beschrieben werden. Rein konfessionelle Gemeinden sind in Gefahr, diese wesentliche Gegnerschaft zu übersehen und ihren Gliedern nur ein vermeintlich besseres Trainingsprogramm im Konkurrenzdruck der "Welt" zu bieten und sich dadurch von der "Welt" ununterscheidbar zu machen.

4. Fallbeispiele aus Ostdeutschland auf dem Weg und Umweg zur ökumenischen Gemeinde

4.1. In einer Stadt mit ca. 30000 Einwohnern gibt es eine große, alles überragende Hauptkirche, die lange Jahre nach dem Krieg auch von der kath. Ortsgemeinde für den sonntäglichen Hauptgottesdienst genutzt wurde, weil diese selbst nur ein winziges Diasporakirchlein hatte. Im Zuge der Valutazuwendungen der Westkirche konnte in den 70iger Jahren für die kath. Kirche eine alte Klosterkirche erworben werden. Jetzt ist die Hauptkirche für die evangelischen Gemeinde zu groß und gewaltig, und diese zieht sich mehr und mehr in einen Gemeindesaal zurück. Und für die kath. Gemeinde ist die erworbene Klosterkirche zu groß - und ihr würde längst für die konfessionellen Gottesdienste wieder ihr kleines Kirchlein genügen. Schon damals gab es genügend Stimmen, die Hauptkirche gemeinsam zu nutzen und zu tragen, und die Klosterkirche der Stadt als Museum zu lassen. Jetzt wird die Hauptkirche mehr und mehr zum "Museum".

4.2. In einer Kleinstadt soll vor 30 Jahren der neu berufene kath. Geistliche eine Kirche für die Gemeinde bauen, weil er sich schon andernorts als Bauherr bewährt hatte. Er sieht die den Ort überragende Klosterkirche, in der bisher auch die kath. Gemeinde Gottesdienst gehalten hat, und nutzt mehr und mehr dieses Gotteshaus, so dass die Kirche für den ganzen kleinen Ort wieder ein Raum des Lebens wird, den beide Konfessionen immer häufiger auch für einen gemeinsamen einzigen Sonntagsgottesdienst benutzen. Allerdings ist die Frage, wie es nach dem altersbedingten Wechsel des Seelsorgers weiter geht.

4.3. Eine kath. Rollstuhlfahrerin ist seit 15 Jahren im Berliner Osten in der unmittelbar benachbarten evangelischen Gemeinde aktiv beheimatet. Es ist ihre nächste und rollstuhlfreundlichste Kirche, in der sie vielfach - auch in der Gottesdienstgestaltung - aktiv mitwirkt. Bei anstehenden Gemeinderatswahlen wird von Gemeindegliedern bei ihr angefragt, ob sie nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle, da sie doch sowieso so vieles mache. Die evangelische Kirchenleitung reagiert zögernd und verweist sie erst einmal auf den zuständigen kath. Ortspfarrer. Der sagt natürlich, dass das nicht ginge. Da das Urteil für die Kandidatin nicht entscheidend ist, lässt sie sich doch für die Gemeinderatswahlen aufstellen. Da sagt aber die evangelische Kirchenleitung, dass dies nur nach Konfessionswechsel ginge. Diesen lehnt die Kandidatin ab, weil ihre Gemeindezugehörigkeit sich nicht aus einer traditionellen Konfessionszugehörigkeit bestimme - und bei einem Ortswechsel es durchaus auch wieder eine kath. Gemeinde sein könnte, wenn diese ihr innerlich und äußerlich näher läge.

(Josef Göbel)

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