zuletzt aktualisiert: 15.03.2008
Initiative Kirche von unten

Ökumenische Gemeinde(bildung) - Johannes Brosseder

 

 

"Nur ökumenische Gemeinden können katholisch sein!"

Auf dem Studientag bei der AGP-Jahresversammlung in Heppenheim hat Prof. Johannes Brosseder (Köln) die theologischen Grundlagen für die Notwendigkeit ökumenischer Gemeinden aufgezeigt. Zunächst ging es um die "Katholizität der Kirche", im zweiten Vortrag um eine "Eucharistische Ekklesiologie". In Thesenform sollen die wesentlichen Aussagen wiedergegeben und die wichtigsten Diskussionspunkte erwähnt werden.

 

Katholizität der Kirche
  • Die Schwierigkeiten des nicht-neutestamentlichen Begriffs „katholisch“ wurden vor Jahren bei der ökumenischen Übersetzung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses deutlich. Jedenfalls ist er nicht mit der konfessionell begrenzten Bedeutung von römisch-katholisch zu verwechseln.
  • Katholisch sind Kirchen, die in Gemeinschaft mit anderen Kirchen leben. Von anderen getrennte Kirchen können die Katholizität nicht für sich beanspruchen.
  • Die 1000jährige Autokephalie (Selbständigkeit der Ortskirchen) mit wechselseitiger Gastfreundschaft und Teilnahme am Gottesdienst war eine angemessene Weise und Struktur, um als katholische Kirche zu leben.
  • Als katholisch bezeichnet man den allen Christen gemeinsamen Glauben, wie er im Glaubensbekenntnis von Nizäa formuliert wurde. Neben diesem Bekenntnis kann es legitime Sonderformen des Glaubensverständnisses in verschiedenen Teilkirchen geben.
  • Mit der Kirchenspaltung von Ost- und Westkirche im Jahre 1054 (endgültig wohl 1204: Ermordung von ca. 100.000 orthodoxen Christen durch die Kreuzfahrer) zerbricht die Catholica. Danach ändert sich das herrschende Verständnis von Katholizität der Kirche grundlegend: Die Ostkirche gilt als schismatisch, die Westkirche gibt sich als römisch und katholisch aus, die seitdem ihr Sondergut zum Inhalt des allgemein verbindlichen katholischen Glaubens machen möchte, z.B. den Primat des Papstes. Da die nach der Spaltung formulierten Dogmen lediglich Partikularglauben beinhalten, ist die Forderung nach deren allgemeiner Verbindlichkeit theologischer und kirchlicher Kolonialismus.
  • Die Reformation wiederholt die Ost-West-Spannung und -Spaltung innerhalb der Westkirche.
  • Die weitere Entwicklung der römisch-katholischen Kirche ist weitgehend von politischen und nicht von theologischen Entscheidungen abhängig. Dies gilt vor allem für die Entwicklung des Papstamtes.
  • Nicht alle Glaubensentwicklungen sind tolerierbar. Sie dürfen dem gemeinsamen Glauben aller Teilkirchen nicht widersprechen, wie z.B. das Dogma von der "Unbefleckten Empfängnis Mariens" oder von der "Unfehlbarkeit des Papstes".
  • Die christliche Identität bezieht sich auf das Evangelium und auf Christus selbst und nicht auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche als angebliche "Heimat" des Christseins, was das Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Gemeinde nicht ausschließt.

Konsequenzen / Postulate:

  • Die Erkenntnis ernst nehmen, dass alle Kirchen unter einem Katholizitätsdefizit leiden. Zur Wiedergewinnung der ursprünglichen Katholizität muss die Gemeinschaft der Kirchen hergestellt und gelebt werden.
  • Die Bruchstellen der Spaltung müssen aufgearbeitet werden; dabei muss die römisch-katholische Kirche zu ihrer Verantwortung für die Spaltungen stehen. Dazu gehört z.B. die Einführung eines Gedenktages für die Märtyrer, deren Schicksal die römische Kirche verschuldet hat; dies wäre v.a. für die Orthodoxen eine äußerst wichtige Geste.
  • Die eigenständigen Entwicklungen innerhalb der anderen Kirchen sind anzuerkennen, wenn das Sondergut nicht dem allgemeinen Glauben widerspricht und nicht gegen die anderen Teilkirchen gelebt wird.
  • Es muss eine neue Kopplung von hierarchischer und synodaler Struktur der Kirche erfolgen: kein monarchischer, sondern ein Mon-Episkopat.
  • Bei den Ämtern und im Gesamtleben der Kirchen dürfen in Zukunft Frauen nicht mehr diskriminiert werden.

Diskussion:

  • Schwierig ist es, in der Kirche zwischen „göttlichen“ und menschlichen Aspekten zu unterscheiden. Dies kann nur in einer Binnensprache geschehen, wenn z.B der Glaube die Bibel als Gottes Wort bezeichnet.
  • Hat die für die christliche Gemeinde wesentliche Gastfreundschaft eine Grenze? Wenn jemand die Einladung der Gemeinde annimmt, hat niemand das Recht, ihn zurückzuweisen. Die Sendbriefe der Gemeinden der ersten Jahrhunderte, die sie einzelnen Christen mitgaben, verweisen aber auf eine gewisse Ordnung für die Teilnahme am Gottesdienst. Eine "innere" Ordnung wird im 1. Korintherbrief genannt, wenn ein Gottesdienst dort nicht mehr als Herrenmahl bezeichnet wird, wo die Reichen keine Rücksicht auf die Armen nehmen.
  • Über die Mitgliedschaft in einer Gemeinde entscheiden nicht territoriale oder verwaltungsmäßige Kriterien, sondern die Teilnahme am Gemeindeleben und der gemeinsame christliche ("katholische") Glauben.
  • Ökumene und ökumenische Gemeinden zielen nicht auf eine 3. Konfession, aber auch nicht nur auf ein gleichgültiges Nebeneinander.
  • Gemeinden müssen überschaubare Erfahrungsräume bleiben. Ökumenische Gemeinden stellen daher eine sinnvolle Alternative zu den vielerorts geplanten großräumigen Pfarrverbänden dar.

Eucharistische Ekklesiologie

  • Der nichtssagende Begriff "Messe" sollte durch Herrenmahl, Abendmahl oder Eucharistie ersetzt werden.
  • Die grundlegenden eucharistischen Texte im 1. Korintherbrief verdeutlichen: Die Gemeinschaft mit Christus begründet die Kirchengemeinschaft und nicht umgekehrt.
  • Die Zulassung zur eucharistischen Gemeinschaft klärt letztlich der Einzelne in seinem Gewissen selbst. Hierfür ist das Herrenmahl als Fortsetzung der Tischgemeinschaften Jesu mit "Sündern" ein wichtiger Gesichtspunkt.
  • Als Leib Christi ist die Gemeinde der Raum für die verschiedenen Gnadengaben; als Ganze steht sie dadurch in der apostolischen Sukzession.
  • Die Koinonia der Gemeinde beinhaltet die Liebes- und Gottesdienstgemeinschaft, denselben Kanon der Heiligen Schrift, das gemeinsame Glaubensbekenntnis und die Beauftragung mit bestimmten Ämtern.
  • Das ursprünglich eucharistische Gemeindeverständnis veränderte sich im Laufe des Mittelalters: Kirche wird nun als Tempel verstanden, in dem der Vorsteher der Eucharistiegemeinschaft zum Opferpriester mutiert. Die Eucharistie gilt als aktuelle Opferhandlung, Brot und Wein werden zu Opfergaben. In dieser Entwicklung spiegelt sich auch der Antijudaismus der Kirche wieder.
  • Die Transsubstantiationlehre - als Kompromiss von Symbolisten und Realisten - verstärkt die vom Gottesdienstgeschehen isolierte Bedeutung der "Gestalten": einseitige Gewichtung der Konsekration durch den Priester, Realpräsenz und Realpermanenz; "eucharistische" Anbetung.
  • Die Reformation bedeutet dann die Wiederentdeckung des ursprünglichen Eucharistieverständnisses: Die Eucharistie wird nur am Sonntag gefeiert; sie ist eine Mahlfeier für alle Gemeindemitglieder; keine Verwendung von Brot und Wein außerhalb der Abendmahlsfeier - außer für die Krankenkommunion; keine Aufbewahrung der "Elemente" als Selbstzweck; Laienkelch - aber nicht, weil sonst die Eucharistie nicht vollständig wäre; Verwendung der Volkssprache und nicht der für die Gemeinde unverständlichen Kultsprache Latein.

Heute gibt es keine das Wesen der Eucharistie betreffenden Lehrunterschiede:

  • Der ganze Gottesdienst ist Eucharistiefeier, in der Gottes Geist herabgerufen und wirksam wird (Epiklese).
  • Die Eucharistiefeier ist Erinnerung an den Kreuzestod Jesu und Verkündigung der Auferstehung Christi, die in dieser Erinnerung Gegenwart werden (Anamnese).
  • Die Eucharistiefeier ist Vorausfeier der endzeitlichen Gemeinschaft im Reich Gottes (eschatologische Dimension).
  • Die Eucharistiefeier ist ein Gottesdienst für das Heil der gesamten Schöpfung (kosmologische Dimension).
  • Obwohl jede Eucharistiefeier einen beauftragten Vorsteher hat, bleibt Christus selbst der Einladende und feiert die ganze Gemeinde miteinander den Gottesdienst und antwortet im Lob und Dank auf die Einladung durch Christus (christologische Dimension).

Konsequenzen / Postulate:

  • Die offene Einladung an alle Gläubigen entspricht dem Wesen der Eucharistie. Nicht gemeinsame Eucharistiefeiern, sondern getrennte sind der Skandal!
  • Soweit Kanongebete fragwürdige Opfervorstellungen wiedergeben, müssen sie korrigiert werden.
  • Die politische Relevanz gemeinsamer Eucharistiefeiern ist zu entdecken und zu betonen; sie sind für die glaubwürdige Verkündigung der Versöhnung unerlässlich. Sie sollen ein Frieden stiftendes Zeichen für die Gesellschaft sein - mit säkularen Folgen.
  • Christen sollten an einem Ort ihren Glauben gemeinsam bezeugen - im Gottesdienst und durch ihren Dienst in der Welt.
  • Koinonia meint keine Einheitskirche, sondern eine Gemeinschaft von unterschiedlichen, aber miteinander versöhnten Kirchen.

Diskussion:

  • Ein Gemeinde wird nicht durch das Handeln Einzelner ökumenisch, sondern dadurch, dass sich katholische und evangelische Gemeinden ökumenisch öffnen. Ökumenische Gemeinden sind daher keine zusätzlichen Gemeinden.
  • Eine ökumenische Gemeinde lebt nicht aus der Gegnerschaft zur, sondern aus der Solidarität mit der Welt; in Ihr bilden Gottesdienst und Diakonie eine untrennbare Einheit.
  • Obwohl das Interesse an der Ökumene in vielen "Normalgemeinden" geringer geworden scheint, bzw. gerade deswegen muss der "ökumenische Glaubenshunger" geweckt werden, damit die ökumenische Gemeinde als Ausdruck der Taufe und des gemeinsamen Glaubensbekenntnisses erkannt und gelebt wird.
  • In Partnerschaftsverträgen, in denen evangelische und katholische Gemeinden sich gegenseitig ökumenisch in die Pflicht nehmen, sollte das neue ökumenische Bewusstsein konkrete Gestalt annehmen. Verbalökumene muss zur Realökumene werden, z.B. dadurch, dass qualifizierte Laien sich in den kirchlichen Gremien und Verbänden als Motoren ökumenischer Entwicklungen engagieren. (Ut)

„Ökumenische Gemeinden“ auf verschiedenen Ebenen

Allmählich findet das Stichwort von den ökumenischen Gemeinden größere Resonanz. Die Diskussion in den Gruppen, in der IKvu und jüngstens bei der Jahresversammlung der AGP hat die Sache weitergebracht. Vielfach werden im Zusammenhang dieses Projektes die „Partnerschaftsverträge“ zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden genannt. Und das ist gut so. Wie im Bericht von der AGP-Versammlung zu lesen war, soll versucht werden, eine Handreichung mit bisherigen Beispielen dieser Art zu erstellen. Sogar das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK), offiziell sehr auf Schulterschluß mit dem Episkopat bedacht, hat in seiner Erklärung „Ermutigung zur Ökumene“ solche Verträge „auf dem Weg zum ökumenischen Kirchentag“ empfohlen.

Jedoch wäre es nicht im Sinne des Erfinders, das Thema „ökumenische Gemeinden“ auf diesen Aspekt zu beschränken und damit primär auf die Aktivitäten der in den Gemeinden Verantwortlichen zu beziehen. Im Gegenteil: Zunächst hat bei unserem Thema die Situation einzelner, bzw. einzelner Familien, im Vordergrund gestanden. Denn mancherorts steht die Ökumene zwischen den Gemeinden keineswegs in Blüte, so daß an eine lebendige Partnerschaft zwischen den Gemeinden ohnehin nicht zu denken ist. Oft genug wird sogar nach einer Alternative zu der Pfarrei gesucht, zu der jemand nach juristischen oder bürokratischen Maßstäben, halt „offiziell“ gehört. Dafür können tausend Gründe sprechen. Außer den familiären Beweggründen ist es nicht selten die Erfahrung, der „eigenen“ Gemeinde fremd geworden zu sein. Oft ist eine konfessionelle Enge gerade ein Zeichen dafür, daß dort wenig vom Geist Gottes, dem Geist der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, zu spüren ist.

Deshalb wird es gut sein, das Frageraster zu erweitern, womit wir in den letzten SOG-Papieren versucht haben, Erfahrungen in Sachen ökumenischer Gemeinden erfassen. Dabei denken wir besonders an die Fragen unter den Ziffern 4 bis11. Mögliche Erfahrungen müßten darüberhinaus unter dem Gesichtspunkt unterschieden werden, auf welcher „Ebene“ sich jeweils die Ökumene abspielt. Sinnvoll scheint es vor allem, folgende drei Ebenen zu unterscheiden und nach Möglichkeit auf jeder eigene oder Erfahrungen anderer zu erfassen.

1. Am weitestgehenden wäre eine Vereinbarung unter Gemeinden (oder Kirchen), daß an einem Ort sonntags manchmal oder in der Regel der Gottesdienst gemeinsam gefeiert wird. Auf katholischer Seite ist eine solche Regelung vorerst nur praeter legem möglich. Aber vielfach würde die Alternative ein Sonntag ohne Gottesdienst sein. Ob das Gott wohlgefälliger wäre? Konsequent würden auch etliche anderer Aktivitäten gemeinsam unter dem Dach jeweils einer Gemeinde stattfinden. Damit berührt sich diese Praxis mit der zweiten Variante.

2. Das sind die oben bereits erwähnten Gemeinden, die miteinander Partnerschaftsverträge abgeschlossen haben, um der bewährten Zusammenarbeit mehr Dauerhaftigkeit zu geben. Auf diesem Gebiet gibt es bereits zahlreiche Beispiele, über die später ausführlicher zu berichten sein wird. In diesem Zusammenhang sind auch die Studien „Ökumene und Gemeinde“ aufschlußreich, von denen in den SOG-Papieren 02/2, S. 6f, die Rede war.

3. Schließlich bleibt noch die „unterste Ebene“, daß jemand für sich Gast oder Mitglied einer anderen Gemeinde wird. Darauf bezogen sich vor allem die erwähnten Fragen, die seit einiger Zeit kursieren, siehe oben und SOG-Papiere 02/03. (cp)