zuletzt aktualisiert: 15.03.2008
Initiative Kirche von unten

Ökumenische Gemeinde(bildung) - Carl-Peter Klusmann

 

 

 

Haben unsere Gemeinden Zukunft?

(aus: SOG-Papiere 2002/2, S. 6f)


Die von der AGP gestellte Frage "Ökumenische Gemeinden – eine Chance?" existiere für die "praktischen" Theologen an den Hochschulen noch gar nicht, hatte ich in den letzten SOG-Papieren (1/2002) behauptet. Norbert Mette, seit neuestem als Vertreter dieses Faches an der Uni in Dortmund, hatte die Freundlichkeit, mich unter Bezug auf diese Bemerkung auf zwei Publikationen hinzuweisen, an denen Helmut Geller maßgeblich beteiligt ist, eine Publikation von 1985 und vor allem auf das Buch "Ökumene und Gemeinde", Opladen 2002.

Ausdrücklich taucht unsere Fragestellung dort jedoch nicht auf. Dennoch illustrieren mehrere Beiträge gut die gegenwärtige Situation der Ökumene auf Gemeindebene. Zunächst muss erwähnt werden, dass es in dem Buch hauptsächlich um fünf örtliche Beispiele geht. Zum Teil waren sie schon 1985 untersucht worden. Drei sind sog. ökumenische Gemeindezentren. Im übrigen handelt es sich um soziologische Arbeiten. Mancher Leser wird den Text passagenweise theoretisch überfrachtet finden, vor allem Erläuterungen theologischer oder kirchenrechtlicher Art hier und da für verzichtbar halten.

Mir scheint das interessanteste Ergebnis eine Feststellung in dem ohnehin sehr bemerkenswerten "Ausblick" am Ende des Buches, deren methodische Konsequenzen jedoch nicht weiter verfolgt werden. Allzu pauschale Urteile über das Ende traditioneller Gemeinden, die bei namhaften Autoren zu finden sind, müssten wohl auf der Grundlage der dargebotenen Fallstudien revidiert werden, heißt es. Innerhalb einer primär pastoraltheologischen Erörterung wäre allerdings nachzufragen. Was macht die Attraktivität der Gemeinden aus? Kommt sie ihnen in ihrer spezifischen Eigenschaft als Kirchengemeinden zu? Denkbar wäre auch, daß sie vorwiegend als ein Milieu gesucht werden, das Nestwärme verspricht. Dann müsste die alte Unterscheidung von Glaube und Religion wieder Platz greifen. Eine Institution bloß zur Befriedigung diffuser religiöser Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sinn hätte in stärkerem Maße Konkurrenz zu befürchten. In diesem Fall käme auf die Dauer den eher pessimistischen "Makroanalysen" größere Plausibilität zu. Erst recht gilt das, wenn sich der "Kapitalismus als Religion" ausbreitet, so dass die ökonomistischen Zwänge und die hedonistische Atmosphäre weiter um sich greifen. Dieser Aspekt wird innerhalb der Arbeit nicht artikuliert.

Starke Aufmerksamkeit widmet das Buch der Rolle von Kirchengemeinden als "Heimat" ihrer Mitglieder. Damit ist unser Thema "ökumenische Gemeinden" berührt. Denn darin geht es vor allem um die Frage, ob und unter welchen Umständen eine Gemeinde Wahlheimat für jemanden werden kann, der einer anderen Konfession (weiterhin) angehört. Schwierig ist diese Frage, weil bisher meines Wissens nirgendwo geklärt worden ist, was es heißt, "zu einer Gemeinde zu gehören", wenn damit etwas anderes gemeint ist, als bloße administrativ oder kirchenrechtlich definierte Zugehörigkeit.

Wenn das Gesamtbild dieser Studie nicht täuscht, gewinnt unser Postulat, ökumenische Gemeinden im Sinne einer ökumenischen Öffnung von Gemeinden zu schaffen (vgl. SOG-Papiere 2002/1, S.1), besondere Aktualität. Denn darin ist die Zielsetzung enthalten, solche Gemeinden nicht in den "Zwischenräumen" anzustreben, sondern innerhalb realexistierender Gemeinden. Diesen Aspekt mögen bitte auch die Vertreter der "Oberkirche" bedenken. Denn in dem Maße wie Ökumene von oben (so fassen die Autoren gelegentlich die römischen Trends zusammen) die "von unten" behindert, das heißt pragmatische Lösungen im Sinne eines "vorauseilenden Gehorsams" unterbindet, wird schließlich die Neigung zu einer dritten Konfession gefördert. Ein weiteres Experiment nach dem Vorbild der Altkatholiken dürfte kaum erstrebenswert sein.

Im Soziologenchinesisch heißt das: "Insofern bleiben Territorialgemeinden der unverzichtbare Ort einer alltagsbezogenen Glaubens- wie Sozialpastoral, deren Bedeutung für eine gemeinschaftsbezogene, intermed(i)äre Glaubensvergewisserung und -tradierung gegenwärtig im wissenschaftlichen wie kirchlichen Diskurs eher unterschätzt wird." (S. 363)

Insgesamt zeigt die Studie, dass in allen untersuchten Gemeinden die Sache der Ökumene stagniert. Dafür werden mehrere Gründe genannt. Offenbar werden aber vor allem die Jungpriester überall auf Respekt vor oberkirchlich definierten Tabus getrimmt. Ökumenisch Motivierte können durch eine konfessionalistische Prinzipienreiterei aber nur verprellt werden. Ob tatsächlich überall Verbote stärker urgiert werden, oder ob diese heutzutage nur ernster genommen werden, steht dahin. Dann läge evtl. das Problem in der einseitigen Auswahl der Nachwuchskräfte. Denn das desolate Image der offiziellen Kirche und die miserablen Existenzbedingungen der Priester (Arbeiten in mehreren Gemeinden bis zum Umfallen oder bis zum 70. Geburtstag) wirken sich auf die Rekrutierung von Kandidaten für das kirchliche Amt aus. Weitgehend werden solche Studenten fortbleiben, für die außer dem "geistlichen Beruf" auch noch ein anderer in Frage kommt.

Dankenswert ist in der vorliegenden Studie, dass die Auswirkungen der überall betriebenen Zusammenlegung benachbarter Gemeinden kritisch reflektiert werden. Statt unter diesen Umständen nach den Chancen zu fragen, die eine stärkere ökumenische Zusammenarbeit für die weitere Präsenz einer christlichen (!) Gemeinde am Ort böte, führt diese Entwicklung in "beiden" Konfessionen zunächst dazu, regressiv die herkömmlichen Strukturen erhalten zu wollen. Positiv wird allerdings registriert, dass auf der ideologischen Ebene kein Konfessionalismus zu entdecken war.

Der gegenwärtige, wohlwollend als "Pause in der Ökumene" beschriebene Zustand könne sich produktiv auswirken, "wenn in der Zwischenzeit der gemeinsame Faden von Ökumene und Kirchenreform wieder aufgenommen werden könnte." (389) Dem werden wir von der AGP sicher nicht widersprechen wollen. Eine Korrektur sei mir jedoch abschließend gestattet. Die immer wieder als zentral empfundene Frage nach der Möglichkeit zur gemeinsamen Eucharistie wird m.E. mit einem missverständlichen Akzent versehen:

"Betrachtet die katholische Kirchenleitung das Interkommunionverbot als Sicherung eines ihr vorgegebenen Sinnzusammenhanges, über den sie selbst nicht verfügen kann, den sie deshalb rechtlich absichern muss, so betrachten die Gemeindemitglieder die Eucharistie vorwiegend, aus dem Erlebniszusammenhang als Zeichen und Darstellungsmittel der angestrebten Einheit." (368) Oberflächlich mag der Konflikt zutreffend beschrieben sein. Vermutlich werden jedoch die Offiziellen, die "Interessen der Institutionensicherung" zu erwähnen, für eine Verkürzung ihrer edlen Motive halten. "Sinn- und Erlebnisqualität des Handelns vor Ort" als alternative Motivation scheint mir allerdings noch weniger zureichend. Aus theologischer Sicht steht auf der anderen Seite nicht minder ein "vorgegebener Sinnzusammenhang" auf dem Spiel, nämlich die Eucharistie als Ausdruck der Communio. Wo sie ernstgenommen wird, geht einer Konfession die Legimation verloren, unter Ausschluss anderer Eucharistie zu feiern. Das würde verraten, dass sie sich selbst mehr oder weniger mit der Gesamtkirche gleichsetzt, wenigstens die Spaltung auf längere Sicht für erträglich hält (vgl. SOG-Papiere 2000/3: Die Einheit feiern in einer gespaltenen Kirche?)


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