zuletzt aktualisiert: 19.01.2008
Initiative Kirche von unten

Das Schweigen der Hirten oder Sexuelle Gewalt gibt es nicht


Georg Pelzer:

Die Deutsche Bischofskonferenz trat 2002 dem öffentlichem Druck nachgebend, „sehr fortschrittlich“ auf, indem Sie als Reaktion auf die damaligen Schlagzeilen in den USA Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ verabschiedete. Doch was sind fortschrittliche Leitlinien, wenn sie - wie im aktuellen Fall in Riekofen im Bistum Regensburg - ignoriert werden und überhaupt nicht fortschrittlich sind.

Die Ausgestaltung der Leitlinien wurde und sind jedem einzelnen Bistum und Bischof überlassen, es gibt keine Kontrollinstanz oder eine übergeordnete Stelle, die deren Einhaltung oder Umsetzung überprüft. Von daher ist aus dem anfänglichen Wirbelsturm im Kirchenturm nur ein leichtes Lüftchen oder sogar Gegenwind geworden. Gegenwind nämlich, der den Opfern ins Gesicht bläst und die in den seltensten Fällen wirklich Recht, Hilfe und Entschädigung bekommen.

5 Jahre danach berieten die Bischöfe auf ihrer Herbstvollversammlung in Fulda eben aus aktuellem Anlass wieder über das Thema. Doch statt nun endlich aus den Leitlinien eine verbindliche Weisung für alle Bistümer zu machen oder eine Selbstverpflichtung der Bistümer zur zukünftigen Einhaltung dieser Leitlinien zu forcieren, blieb alles so wie es ist. Tradition ist ein starkes Argument, auch wenn diese erst sehr jung ist, die Hirten schweigen lieber oder fühlen sich nicht verantwortlich. Zwar kritisierten einige Bischofskollegen ihren Mitbruder Gerhard Ludwig Müller und versprachen, so etwas könne in ihrem Bistum nicht vorkommen und würde von ihnen anders behandelt, aber es sind eben nur Ratschläge unter Kollegen und keine Weisungen, denn eine Weisungsbefugnis der Bischöfe untereinander gibt es nicht. Diese hat alleine der Papst gegenüber den Bischöfen und nur diese lässt der Bischof von Regensburg gelten, wie er noch Ende Oktober in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk bekräftigte. Er wäscht seine Hände weiterhin in Unschuld.

Dass der Vatikan und entsprechende Kongregationen nicht in der Lage sind, Fälle von sexueller Gewalt adäquat zu behandeln, zeigt z. B. die Reaktion im Mai 2006, als man den Gründer der Legionäre Christi, statt die sogenannten „Verfehlungen“ aufzuklären und endlich zum Abschluss zu bringen, nur dazu aufforderte, in Zukunft ein zurückgezogenes Leben im Gebet und der Buße zu führen. Oder daran, dass man auf die „großen“ Skandale wie z. b. in Irland und in den USA erst nachträglich mit großer Betroffenheit und Leitlinien reagierte. Seit 2001 ist die Glaubenskongregation mit der kirchenrechtlichen Bearbeitung der Fälle beauftragt.

Eine Weisung, wie das 2005 veröffentlichte Schreiben der Kongregation für die katholische Erziehung zur Berufungsklärung von Menschen mit homosexuellen Neigungen hat seinen Niederschlag in der Priesterausbildung gefunden. So ein Dokument fehlt im Umgang mit sexueller Gewalt in der Kirche völlig und damit zeigt die Kirche eine Verkennung der Realität. Priester mit homosexuellen Neigungen sind vielleicht ein Ärgernis für die Kirche, Priester mit pädophilen Neigungen schaden aber nicht nur der Kirche, sondern auch vielen anderen Menschen. Pädophilie wird nur selten angesprochen, obwohl dies sicherlich angezeigt wäre.

Es ist schade, dass die Päpste (sowohl Benedikt XVI. als auch sein Vorgänger Johannes Paul II.) das Thema sexuelle Gewalt zwar auf den regionalen Bischofskonferenzen angesprochen haben, aber nichts weiter unternahmen. Manche Bischofskonferenzen haben als Reaktion darauf, regional gültige „Leitlinien“ verabschiedet; aber das reicht längst nicht aus, denn wie der aktuelle Fall im Bistum Regensburg zeigt, sind die nationalen Bischofskonferenzen damit überfordert.

Aus den Forderungen, die die IKvu in einer Pressemitteilung am 26.09.07 veröffentlicht hat (in ähnlicher Weise auch Wir sind Kirche), möchte ich einen möglichen ersten Schritt herausgreifen. Die Einrichtung einer unabhängigen Anlaufstelle für alle Bistümer und nicht die Ernennung von Beauftragten, die in der Personalabteilung arbeiten und damit sicherlich nicht geeignet sind, solche Vorfälle mit der entsprechenden Notwendigkeit und Nachdruck zu bearbeiten. Nach der Recherche von Wir sind Kirche nennen einige Bistümer immer noch keinen Ansprechpartner.

Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche hat schon 2002 ihr Zypresse-Not-Telefon, erreichbar unter 0180-3000862 und unter zypresse@wir-sind-kirche.de, eingerichtet, wo sich Menschen auch anonym melden können, wenn sie von einem Fall von sexueller Gewalt von Priestern Kenntnis erhalten bzw. darüber sprechen möchten.

Nicht nur um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen, sondern besonders um der Opfer willen, ist es dringend erforderlich, dass die Bischöfe und die Kirchenleitung ihren Umgang mit diesem Thema überdenken, damit es in Zukunft nie mehr zu solchen Fällen wie in Riekofen kommt. Die Diskussion und die Beschäftigung mit dem Thema sexuelle Gewalt durch Priester und kirchliche Mitarbeiter muss daher weitergehen und darf nicht mit dem Erstellen bzw. Bestätigen von Leitlinien abgeschlossen werden. Ein kleiner Schritt ist die Ankündigung von Kardinal Lehmann nach der letzten Vollversammlung, sich im Frühjahr 2008 erneut mit dem Thema beschäftigen wollen.

Da immer noch viele, zu viele Fälle von sexueller Gewalt nicht öffentlich gemacht werden, ist es endlich an der Zeit, dass der Papst oder die zuständige Glaubenskongregation ein gesamtkirchliches Schreiben zum Umgang mit Priestern oder kirchlichen Mitarbeitern, die sexuelle Gewalt ausüben oder ausgeübt haben veröffentlicht.

Viele weitere Informationen zum Thema auch unter: www.ikvu.de/missbrauch und auf der Website von Wir sind Kirche unter www.wir-sind-kirche.de

Georg Pelzer

Erstabdruck in Querblick 17, November 2007