zuletzt aktualisiert: 27.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Lothar Evers - Deutsche Täter ohne jede Reue

 

 

Deutsche Täter ohne jede Reue
"Entschädigung" für NS-Zwangsarbeit - eine erste Bilanz

Hoffen wir, dass nach endlosen Jahren des Wartens im Sommer 2001 die ersten Gelder bei den Überlebenden ankommen. Hoffen wir, dass die für die Auszahlungen Verantwortlichen auf die Inszenierung von Dankbarkeitsgesten der Empfänger vor laufender Kamera verzichten. Zu quälend, zu peinlich war der Weg zur ersten Zahlung insbesondere in den letzten Monaten. Jahrelang hatten die Überlebenden und ihre Unterstützer als “Kritische Aktionäre” die Forderung nach Schadenersatz für die Opfer herausgeschrieen. Anlässlich runder Firmenjubiläen standen stets die gleichen Aktivisten vor den festlich geschmückten Kongreßzentren. Ein Objekt für den Werkschutz: ohne jede Aussicht auf Erfolg.

Die Mehrheit der Überlebenden lebt in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Viele wussten am Monatsersten nicht, ob sie die Miete bezahlen oder ausreichend Lebensmittel einkaufen sollten. Keine Gefahr also für Deutsche Bank, Mercedes-Benz oder Allianz. In den Chefetagen deutscher Weltfirmen hatte man die Beteiligung der Unternehmen an NS-Verbrechen längst verdrängt. Selbst als am 4. März 1998 in Newark die erste Sammelklage gegen Ford Amerika und Ford Köln eingereicht wurde, blieb man gelassen. Man stockte die Budgets für Rechtsstreitigkeiten auf. Allein Degussa um 10 Mio. DM.

In den heute veröffentlichten Chroniken der Nachrichtenagenturen ist es Bundeskanzler Schröder, dem wir verdanken, dass immerhin 56 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus gezahlt wird. Geben wir der ganzen Wahrheit die Ehre. Genannter Bundeskanzler war im Sommer 1997 (noch) niedersächsischer Ministerpräsident. Das Bundesland hält ein Drittel des Aktienbesitzes von VW. Am 4. Juni 1998 verkündet Konzernchef Piëch auf der VW-Hauptversammlung einen Rekordgewinn von 1,4 Mrd. DM nach Steuern für das Jahr 1997. Dem Vorstand sei es zum dritten Mal in Folge gelungen, den Gewinn zu verdoppeln. Trotzdem verweigert Ministerpräsident Schröder dem Fernsehmagazin “Monitor” jede Stellungnahme zu Fragen nach der überfälligen Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter bei VW.

Dann wird in den USA das Class Action-Verfahren gegen VW eröffnet. Da steht Schröder kurz vor einem Besuch bei Bill Clinton zwecks Nachweises außenpolitischer Fähigkeiten. Schröder muss eingesehen haben, dass Fragen nach der NS-Zwangsarbeit bei VW so gar nicht zum Image eines Kanzler in spe passen würden. So und nur so kommt es 1998 zu ersten Rissen in einer 53 Jahre durchgehaltenen Verweigerungshaltung der deutschen Wirtschaft, Schadensersatzansprüche der Überlebenden auch nur zu reden. VW verkündet die Einrichtung eines firmeneigenen Fonds. Und Schröder verspricht politische Intervention zum Thema, sollte er die Wahl im Oktober gewinnen.

Rechtsschutz nicht für die Opfer, sondern für die Täter ist Ziel der Stiftung

“Die neue Bundesregierung wird [...] unter Beteiligung der deutschen Industrie eine Bundesstiftung ‚Entschädigung für NS-Zwangsarbeit’ auf den Weg bringen”, heißt es denn auch erfreulich präzise einige Monate später in der rot-grünen Regierungsvereinbarung. Jeder, der das Land, seine Wirtschaft und deren Standortdebatten kennt, ahnt: In der Beteiligung der Wirtschaft liegt die eigentliche Herausforderung des Projektes. Eine Herausforderung, auf deren politische Strukturierung die neue Bundesregierung verzichtet. Statt dessen überlässt Rot-Grün die Gestaltung des Projektes ausgerechnet der Wirtschaft selbst, genauer gesagt einer Selbsthilfegruppe der 16 in den USA verklagten Unternehmen. Die nennen sich Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft”. Der hochtrabende Titel verbirgt knallharte Interessenpolitik. Die Klagen in den Vereinigten Staaten sollen vom Tisch, so kostengünstig und schnell wie möglich. Die Zahlung an die Überlebenden ist dabei lediglich Mittel zum Zweck. Späte Zeichen von Verantwortung oder gar Reue sucht man vergebens.

Herzlich bittet man um Verständnis, dass ja niemand gern zweimal für dieselbe Sache zahlt. Da zahlt man besser gar nicht, bis weitere 100 000 NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nicht mehr leben. Verkündet werden derlei Plattheiten vom ersten und lange Zeit einzigen Angestellten der Stiftungsinitiative. Pressesprecher Gibowski scheint zwischen Spätsommer und Frühherbst überzeugt, dass die von ihm repräsentierten Firmenjuristen angesichts fehlender Rechtssicherheit mindestens so leiden wie die in ihren Firmen beschäftigten Sklaven vor 50 Jahren. Zur Unterstützung der verhandelnden Unternehmen kreiert das Bundeskanzleramt das Amt eines “Beauftragten des Bundeskanzlers für die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft”. Damit ist aus dem Projekt “Entschädigung für NS-Zwangsarbeit” das Projekt “Rechtsschutz für deutsche Firmen” geworden.

Dass sich der dabei erzielte Kompromiss trotzdem sehen lassen kann, verdanken die Überlebenden nicht der deutschen Wirtschaft, nicht dem deutschen Bundeskanzler, sondern einzig und allein der Kampfkraft eines historischen Bündnisses. Das besteht aus Nichtregierungsorganisationen in Europa und den USA, amerikanischen Rechtsanwälten, den zu den Verhandlungen zugelassenen Staaten und einigen engagierten Bundestagsabgeordneten. Es wird unterstützt von ca. 20 JournalistInnen im In- und Ausland und erstreitet ­ wenigstens auf dem Papier ­ 10 Mrd. DM für die Überlebenden. Im Vergleich zu den 1,5 Mrd., mit denen sich die NS-Opfer in den Staaten Mittel- und Osteuropas im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung bescheiden mussten, eine respektable Summe.

Der 17. Juli 2000, Tag der Vertragsunterzeichnung einer abschließenden Erklärung der Verhandlungen, markiert gleichzeitig den größten Triumph dieses Bündnisses und den Termin seines Zerfalls in nicht mehr zu vereinheitlichende Einzelinteressen. Während die Überlebenden über ein Jahr auf die erste Zahlung warten müssen, kümmern sich die amerikanischen Anwaltskanzleien um die Aufteilung der ihnen zugesagten Honorare von 125 Mio. DM. Aus einigen NGOs und Staaten am Verhandlungstisch werden Partnerorganisationen der deutschen Stiftung. Das schafft ökonomische Abhängigkeiten. Schließlich gelingt es den Spitzen des rot-grünen Projekts, den Kandidaten der Überlebenden für einen Sitz im Vorstand der Stiftung so zu bedrohen, dass er zur Wahl gar nicht erst antritt. Die Opfer sind seitdem ohne eigenen Vertreter in der Exekutive des Stiftungsprojektes.

Nach dieser Zersplitterung und Entmachtung können die Gründer der Wirtschaftsstiftungsinitiative die vertraglich vereinbarte Hinterlegung von 5 Mrd. DM in der Bundesstiftung verweigern. Das Parlament hat seine Forderung vom Sommer 2000 ­ “Der Deutsche Bundestag fordert die Unternehmen der deutschen Wirtschaft auf, sicherzustellen, dass der von der Stiftungsinitiative zugesagte Anteil in Höhe von 5 Mrd. Deutsche Mark ebenfalls umgehend gezahlt wird” ­ jedenfalls bis heute nicht durchsetzen können. Zwei Wochen, nachdem der Bundestag ausreichende Rechtssicherheit festgestellt hat, ist der Betrag noch nicht bei der Bundesstiftung eingegangen. Kein Vorstandsmitglied der Bundesstiftung verlangt einen rechtsverbindlichen Vertrag, als die 16 Gründer auf Druck einer amerikanischen Richterin per Presseerklärung zusagen, den vollen Stiftungsanteil von 5 Mrd. DM zu garantieren. Den Opfern entgehen Zinseinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe.

Nein, nicht die rot-grüne Bundesregierung, nicht der Deutsche Bundestag hat die Wirtschaft zum Einlenken gezwungen. Wäre es nach den 16 Gründungsunternehmen der Stiftungsinitiative gegangen, so warteten die Überlebenden noch heute. Ohne jede Hoffnung. Unwidersprochen durch den Kanzlerbeauftragten Otto Graf Lambsdorff hatten Unternehmen beantragt, die für den Bereich “Banken” zuständige Richterin Shirley Wohl Kram für befangen zu erklären und entpflichten zu lassen. Nur der Weitsicht der amerikanischen Berufungsrichter ist es zu verdanken, dass dieser Befangenheitsantrag in der Versenkung verschwand. Vom Bundeskanzler, seinem Wirtschaftsbeauftragten oder dem Deutschen Bundestag hat man dazu kein Wort vernommen.

Auch nach dem Urteil des amerikanischen Berufungsgerichts war die Spitze der Stiftungsinitiative zunächst wild entschlossen, den Kampf gegen die Überlebenden fortzusetzen. Nachdenklich wurde man erst, als sich eine Opposition in der Stiftungsinitiative selbst bildete. Binnen drei Tagen gelang es dem Kölner Unternehmer Wolfgang Müller und einigen Freiwilligen des Bundesverbandes “Information und Beratung für NS-Verfolgte”, 60 Mitgliedsunternehmen der Stiftungsinitiative zur Unterschrift unter den Appell “Sofort auszahlen” zu bewegen.

Stiftungsinterne Kritiker fordern Transparenz

Immer mehr Mitglieder der Initiative bestehen inzwischen auf Transparenz und Demokratie. Sie verlangen Einblick in deren Buchhaltung. Es verdichtet sich der Verdacht, dass die Gründungsunternehmen selbst nur minimale Einzahlungen auf die Konten der Stiftungsinitiative leisteten. Die durch die Beiträge der gutwilligen und früh einzahlenden Mitglieder erzielten Zinserträge wollen die 16 Gründer selber zur Reduzierung ihrer Ausfallgarantie nutzen, statt sie an die Opfer weiterzugeben. Keines der kritischen Mitglieder der Stiftungsinitiative ist an der Wahl der Kuratoren für die Bundesstiftung beteiligt worden. Ein eindeutiger Gesetzesbruch, der von den zuständigen Ministerien der Bundesregierung gedeckt wird. Die akzeptieren als  vier von den in der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zusammengeschlossenen Unternehmen zu benennende Mitglieder” nie gewählte Kuratoren von eigenen Gnaden und auch schon mal eine in der Anwesenheitsliste als Begleitperson geführte Person. Hauptsache deren Nähe zu den Gründungsfirmen steht außer Frage. Offensichtlich hält man gerade das gute Dutzend Unternehmen, die sich am längsten und beharrlichsten gegen erste Zahlungen an die Überlebenden gesträubt haben, für besonders geeignet, über die Organisation der Auszahlungen und die Projekte des Zukunftsfonds zu entscheiden.

Das Beste daraus machen

Zwei bis drei Jahre werden die Bundesstiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” und deren Partnerorganisationen an den Auszahlungen arbeiten. Man stelle sich vor, für Leistungen z.B. des Mutterschaftsgeldes wäre statt eines Betrages pro Kind eine fixe jährliche Summe im Haushalt festgeschrieben. Nach der Geburt erhielte die Mutter zunächst einen Abschlag in Höhe von 30 bis 50% der gesetzlichen Höchstsumme. Der Restbetrag würde im Mai des Folgejahres nachgezahlt, schließlich müsse man erst feststellen, unter wie viel neugeborenen Kindern die Gelder aufzuteilen seien. Ein Aufschrei der Empörung wäre die Folge dieser nicht sachgerechten und politisch deshalb nicht durchsetzbaren Lösung. Dieser Aufschrei bleibt aus, wenn die Antragsteller Opfer nationalsozialistischer Verfolgung sind. Den Überlebenden läuft im Gegensatz zu jungen Müttern die Lebenszeit davon, und sie werden auf den zweiten Abschlag nicht einige Monate, sondern ein bis zwei Jahre warten müssen. So werden erneut zehntausende Opfer sterben, ohne die vollständige Entschädigungssumme erhalten zu haben. Weil man der Wirtschaft die Politik überließ und dabei die Überlebenden zu Objekten wurden.

Die zahlreichen Expertenkommissionen neben dem Parlament scheinen dessen gar nicht so heimliche Entmachtung einzuleiten. Trotzdem, stellen wir uns nur eine Minute vor: Statt eines Beauftragten für die Stiftungsinitiative wäre eine Expertenkommission “Schadenersatz für NS-Zwangsarbeit” eingesetzt worden. Wir hätten miteinander ins Gespräch kommen müssen. Die Opfer selbst wären deutlicher zu Wort gekommen. Sicher hätten wir ein einstufiges Auszahlverfahren mit festen Beträgen pro Person vereinbart. Aber wie hätten wir die Beteiligung der deutschen Wirtschaft organisiert? Und hätte die wenigstens auf dem Papier 5 Mrd. DM betragen?

Jetzt gilt es aus dem zum Gesetz gewordenen Verhandlungsergebnis das Beste zu machen. Zunächst: die Begleitung der Überlebenden durch die bürokratische Antragsprozedur zu organisieren. § 18 Absatz 3 des Stiftungsgesetzes lautet: “Antragsteller nach diesem Gesetz können von Unternehmen in Deutschland, bei denen oder deren Rechtsvorgängern sie Zwangsarbeit geleistet haben, Auskunft verlangen, soweit dies zur Feststellung ihrer Leistungsberechtigung erforderlich ist.” Dieser Rechtsanspruch will durchgesetzt und organisiert sein. Das können die Opfer nicht alleine leisten. Hoffen wir auf jene Minderheit in diesem Land, die auch in den zurückliegenden fast vier Jahren an ihrer Seite gestanden hat.

Nachtrag: Eine etwas autistische Kumpanei

Polnische Zwangsarbeiter fühlen sich bei der Auszahlung der Entschädigungsgelder durch die deutsche Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ betrogen: Jeder einzelne polnische KZ-Häftling erhält im Moment Zloty, die ungefähr 2.000,- DM weniger wert sind, als hätte man das Geld heute getauscht. Das hängt damit zusammen, dass an einem Tag, an dem der Zloty den Höchstkurs aller Zeiten hatte, die deutsche Stiftung über 10% ihrer Stiftungsmittel, nämlich 1,325 Milliarden DM in die polnische Währung Zloty umgetauscht hat. Und der Zloty hat dann das gemacht, was er gerne macht: er hat sich in den Keller begeben. Er ist heute zwischen 13 und 16% weniger wert. Nun versucht man, dieses durch das Missmanagement der deutschen Stiftung - wenn nicht sogar durch Betrug - viel zu teuer eingekaufte Zloty-Vermögen den Opfern anzudrehen. Und das bedeutet für das einzelne Opfer dann 2.000,- DM weniger. Darüber sind die Betroffenen in Polen mit Recht empört. Ich habe Klage gegen Unbekannt wegen Verdachts des Betruges und der Untreue eingereicht. Man muss sich genau anschauen, was passiert ist: Ich selbst bin ja Kurator in der Stiftung, also Mitglied in einer Art Aufsichtsgremium mit 27 Mitgliedern. Wir haben Anfang des Jahres einen Haushalt verabschiedet und dieser Haushalt lautet in DM und nicht in Zloty. Trotzdem sind über 10% unseres Vermögens einfach in Zloty umgetauscht worden, ohne mit uns zu reden. Dabei haben die beteiligten Banken, insbesondere die Deutsche Bank, einen Provisionsgewinn von fast 4 Millionen DM erzielt. Es ist außerdem höchst zweifelhaft, ob überhaupt Geld getauscht worden ist, oder ob die Banken längst bei ihnen vorhandene Zloty zum historischen Höchstkurs an die Stiftung losgeschlagen haben. Das Ganze ist so mysteriös, so unprofessionell und vor allem so zum Schaden unseres Stiftungsvermögens und damit der Zahlung an jedes einzelne Opfer, dass ich über den Sommer verschiedene Fragen gestellt habe, um aufzuklären, wie so etwas passieren konnte. Und als ich dabei mit simpelsten Fragen innerhalb des Stiftungsvorstandes auf Granit gebissen habe, erstattete ich Anzeige, weil ich glaube, dass es höchste Zeit wird, die Verantwortlichen zu nennen und dieses Geschäft aufzuklären. Wenn man das als Kurator nicht mehr schafft, ist in unserer Gesellschaft der Staatsanwalt die probate Institution, um solche Machenschaften, die letztendlich den Opfern sehr schaden, aufzudecken.

Eine der mysteriösesten Geschichten in diesem ganzen Zloty-Umtauschgeschäft ist, dass ich in einer einzigen Nacht Internet-Recherche vier bis fünf Quellen allein bei der Deutschen Bank gefunden habe, in denen die Deutsche Bank bereits seit Januar vor der Volatilität des Zloty warnt. Volatilität heißt nichts anderes, als ein extremes auf und ab des Kurses. Der Zloty ist nun einmal eine Weichwährung und er ist bereits bei leichten Verschnupfungen des Marktes zu extremen Ausschlägen nach oben und nach unten fähig. Wie die Banken, denen natürlich ganz andere Rechercheinstrumente zur Verfügung stehen, dieses gegenüber der Stiftung bewusst vertuscht haben, geheim gehalten haben, oder wie man das gemeinsam geflissentlich übersehen hat, ist eine der spannenden Geschichten in diesem Zusammenhang. Ich glaube, die Deutsche Bank hätte keinem zweiten ihrer Kunden geraten, 10% seines Vermögens in diese Weichwährung Zloty zu tauschen, nur weil die Zinsen dort etwas höher sind. So dass sich der Verdacht aufdrängt, dass bei der Deutschen Bank ein ganz anderes Interesse, nämlich das Interesse an Provisionsgewinnen von fast 4 Millionen DM, vielleicht aber auch das Interesse, durch Billigeinkauf und späteres teures Losschlagen des Zloty einen Gewinn im zweistelligen Millionenbereich zu machen, ausschlaggebend dafür war, dass man die deutlichen Warnungen der eigenen Rechercheabteilung übersehen hat.

Der einzige Vorschlag zur Kompensation für die Opfer, den die Stiftung bisher selber gemacht hat, ist meiner Meinung nach mit vielen Haken und Ösen versehen. Der lautet ungefähr so: wir haben jetzt diese Milliarde in Zloty umgetauscht und der Zloty verzinst sich höher als die DM, nämlich mit 14 %, statt 4 bis 5% bei der DM. In einem Jahr kann man also theoretisch bis zu 10% mehr Zinsen erwirtschaften. Man weiß aber überhaupt nicht, wie in diesem Jahr der Zloty weiter fällt. Das Kompensationsgeschäft basiert auf dem Liegenlassen des Zloty und der Hoffnung, dass der Zloty nicht weiter fällt. Ich empfinde das als eine absolute Zockerei.

Wenn der einzige Gewinner bei dem ganzen Geschäft nicht die deutsche Stiftung, nicht das polnische Opfer, aber vehement die Banken waren, dann wird man den Druck auf diese Banken so verstärken müssen, dass sie mindestens ihre eigenen Gewinne abgeben. Darüber hinaus muss man prüfen, wie man die Banken in eine Art Beratungshaftungsrisiko reinnimmt. Der bekannte US-Opferanwalt Michael Hausfeld fordert sogar eine internationale Aufsicht über die Arbeit der Stiftung. Offensichtlich ist also das Vertrauen, das dem Stiftungsvorstand entgegen gebracht wurde, aufgebraucht.

Ein Stiftungsvorstand, der nicht dazu in der Lage ist, seinen eigenen Betrieb so zu kontrollieren, dass nicht ein Schaden von 130 bis 180 Millionen DM für die Opfer entsteht, hat sicherlich seine Aufgabe verfehlt. Er sollte dann, wenn ihm das schon passiert, nicht auch noch auf den simpelsten Informationen hocken, um sich nicht zusätzlich dem Verdacht auszusetzen, er sei vielleicht an der ganzen Geschichte beteiligt und hätte deswegen einen Grund, bewusst die Sachverhältnisse zu vertuschen.

Nachdem mehr Nazi-Opfer als geplant Ansprüche an den Entschädigungsfond stellen, bemüht sich die Bundesregierung nun darum, die Legitimität mancher Forderungen in Frage zu stellen. Die noch lebenden ca. 90 000 italienischen Militärinternierten, die nach der Kapitulation Italiens 1943 von der Wehrmacht nach Deutschland verschleppt und zum Arbeitseinsatz gezwungen wurden, sollen von jeglichen Entschädigungszahlungen ausgeschlossen werden. Dass die italienischen Militärinternierten nun mit einem höchst fragwürdigen Rechtsgutachten aus der Entschädigung heraus katapultiert werden sollen, hat im wesentlichen zwei Gründe: Erstens ist es eine relativ große Gruppe. Es sind wahrscheinlich über 70.000 Menschen, die man so - salopp gesagt - quitt werden kann. Der zweite Punkt ist, sie gehören zu einer Opfergruppe, nämlich den nicht-jüdischen Opfern außerhalb von Mittel- und Osteuropa, intern als 'Rest der Welt' deklariert, die in eine Zuständigkeit fällt, für die zu wenig Geld da ist. Man hat, als man die Stiftungsmittel aufgeteilt hat, bestimmte Opfergruppen nicht beteiligt, darunter auch die Italiener und einige andere Opfergruppen. Wenn man jetzt nicht auf irgendeine diskrete oder brutale Art die Opfer loswerden kann, würde sich diese Unterfinanzierung am Ende herausstellen. Wenn es aber gelingt, die Opfer auf geschickte Art aus dem Gesetz heraus zu manipulieren, sieht es so aus, als würde das Geld reichen.

Die Bundesregierung argumentiert bei der Verweigerung der Entschädigungsleistungen, dass die Nazis bei Umdeklarierung dieser Kriegsgefangenen in Zivilgefangene gegen Völkerrecht verstoßen hätten, und dass deswegen im Nachhinein diese Maßnahme für ungültig erklärt werden kann. Diese Argumentationsstrategie der Bundesregierung und des vom Bundesfinanzministerium mit einem "Gutachten" beauftragten Berliner Völkerrechtlers Professor Christian Tomuschat ist einfach abenteuerlich. Dass es nicht zulässig war, Menschen in KZ's zu verschleppen, dass es nicht zulässig war, Soldaten die Rechte als Kriegsgefangene nach der Genfer Konvention zu verweigern, das weiß nun wirklich jedes Kind. Es bleibt aber der neuen Strategie der Bundesregierung und von Prof. Tomuschat vorbehalten, zu sagen, weil die Nazis das Recht gebrochen haben, haben sie dich zwar real missachtet, in Wirklichkeit bist du aber Kriegsgefangener geblieben. Da konntest du dir zwar schon damals nichts für kaufen, wir sorgen aber mit diesem Trick dafür, dass du dir auch heute nichts dafür kaufen kannst. Indem wir dir nämlich bescheinigen, dass Kriegsgefangene nicht Leistungsberechtigte im Sinne dieses Gesetzes sind. Das sind nur Zwangsarbeiter. Real hast du zwar Zwangsarbeit geleistet, in Wirklichkeit, als rechtliches Subjekt, warst du laut Prof. Tomuschat Kriegsgefangener. Bingo: hiermit bist du aus dem Gesetz rausgeflogen. Das ist ein ganz besonderer Zynismus, der nur in dieser etwas autistischen Kumpanei zwischen Bundesfinanzministerium und einem gedungenen, wahrscheinlich sehr gut bezahlten Völkerrechtler passieren kann. Der schreibt sich damit um sein ganzes Renomee, weil er meint, das guckt sich keiner an. Es ist ein übles Auftragsmachwerk, das so durchsichtig dem Zweck dient, eine Opfergruppe los zu werden, dass es für diesen eigentlich nicht unrenommierten Menschen absolut peinlich ist, so etwas geschrieben zu haben.

Lothar Evers war 2001 Geschäftsführer des Bundesverbandes “Information und Beratung” für NS-Verfolgte. Er war Mitglied der tschechischen Delegation bei den Verhandlungen über die Zwangsarbeiter-Entschädigung und Kuratoriumsmitglied in der Bundesstiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft”.

Der Text erschien zuerst in leicht veränderter Form im Querblick. Rundbrief der IKvu 4/2001.