zuletzt aktualisiert: 17.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Gernot Facius über Nikolaus Groß

 

 

Allein gelassen, hingerichtet, selig gesprochen

Am 7. Oktober wird der NS- Widerstandskämpfer Nikolaus Groß selig gesprochen. Seine Erhebung stellt erneut die Frage der Schuld der katholischen Bischöfe.

In der Kölner Druckerei Luthe entsteht gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Domstadt fast in Schutt und Asche liegt, ein schlichter Totenzettel: "Zur frommen Erinnerung an den Schriftleiter Nikolaus Groß, der am 23. Januar 1945, im Alter von 46 Jahren, sein Leben in die Hand des Schöpfers zurückgab." Die Umstände des Todes des siebenfachen Familienvaters müssen verschwiegen werden. Groß ist wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden - durch den Strang. Seine Ehefrau Elisabeth erfährt davon erst eine Woche später. Da ist der Leichnam längst verbrannt, die Asche irgendwo verstreut. Der Sohn des Druckers, Hubert Luthe, ist heute Bischof von Essen, er war zuvor Weihbischof in Köln. Luthe hat mit dafür gesorgt, dass der von Nazi-Schergen ermordete Gewerkschaftsjournalist am 7. Oktober von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wird.

Ein großer Tag für die Familie und die Freunde von Nikolaus Groß. Ein großer Tag für die deutsche Ortskirche. Aber auch ein Tag, an dem noch einmal in aller Schärfe die Frage nach Schuld und Versagen der katholischen Bischöfe während der NS-Zeit aufgeworfen wird. Konkret: Wie hielt es die Kirche mit dem politischen Widerstand von Christen gegen den braunen Terror? Nikolaus Groß, 1898 in Niederwenigern an der Ruhr, heute ein Ortsteil von Hattingen, geboren, arbeitet bis 1920 als Bergmann unter Tage, später, von 1935 bis zu ihrem Verbot 1938, ist er Chefredakteur der "Ketteler-Wacht", der Zeitung der Katholischen Arbeiter-Bewegung. Für ihn steht der Nationalsozialismus zu "fundamentalen Wahrheiten des Christentums in schroffem Gegensatz". Aber der Arbeiterführer zieht aus dieser Erkenntnis andere Konsequenzen als die Kirchenmänner. Während diese die Gläubigen in Hirtenworten und Kanzelerklärungen zum Respekt vor der "rechtmäßigen Staatsführung" anhalten und für den "Führer und Reichskanzler" den Segen Gottes erflehen, ist der Gewerkschafter Groß aus dem katholischen Arbeitermilieu längst zum politischen Widerstand gegen Hitler entschlossen. Das Ziel: Sturz des Regimes. Enttäuscht kehrt er von Gesprächen mit Bischöfen zurück. Seiner Frau vertraut er an: Die haben mal wieder gekniffen.

Groß gehört dem katholischen Kölner Kreis an. Er beteiligt sich an der Vernetzung der diversen Untergrundgruppen, leistet Kurierdienste, steht in Verbindung mit Carl Friedrich Goerdeler und Jakob Kaiser in Berlin, mit dem Kreisauer Kreis des Grafen Moltke und mit den Hitler-Gegnern der Wehrmacht um General Ludwig Beck und Oberst Graf Stauffenberg. Kurz vor dem Attentat am 20. Juli 1944 äußern Vertraute Vorbehalte gegen den (moraltheologisch umstrittenen) Tyrannenmord. Ihnen hält Groß entgegen: "Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie sollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?" Der Widerständler wird am 12. August 1944 verhaftet. Nach fünfmonatiger Haft verurteilt ihn der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, zum Tode. Begründung: Hoch- und Landesverrat. Hitlers Gehilfe Martin Bormann notiert, Groß sei "genau über Einzelheiten des Goerdeler-Verrates" informiert gewesen. Die Kirchenführung hält sich während des ganzen Verfahrens bedeckt, bleibt auf Distanz zu dem treuen Katholiken, der sich zum politischen Widerstand gegen ein Unrechtssystem entschlossen hatte.

Alexander Groß (71), ein Sohn des Hingerichteten, ist darüber noch heute verbittert: "In den fünf Monaten seiner Haft gab es nicht ein einziges Zeichen von einem Bischof oder Generalvikar, das ihn in seiner Zelle erreicht hätte, obwohl ein Segensgruß oder ein kleines Zeichen der persönlichen Anteilnahme kein Staatsverbrechen für einen Bischof bedeutet hätte; schließlich erreichten ihn auch die vielen Briefe seiner Familie." Auch die Ehefrau erhält "von keinem Bischof ein Zeichen christlicher Verbundenheit". Versuche, den Nuntius in Berlin, Erzbischof Cesare Orsenigo, zu einem Gnadengesuch zu bewegen, scheitern. Der diplomatische Vertreter von Papst Pius XII. verhält sich stumm wie ein Fisch. "Für die Leute vom 20. Juli kann der Nuntius nichts tun", bedeutet man den Bittstellern. Am 30. Januar 1945 wird der legendäre Kölner Erzbischof Josef Frings bei den staatlichen Behörden vorstellig. Da ist Nikolaus Groß schon sieben Tage tot. 

Sohn Alexander hat darunter gelitten, dass sein Vater wegen seines politischen Widerstands allenthalben als Vertreter des "anderen Deutschland" geehrt wird, seine Kirche aber in erster Linie den "glaubensstarken Christen" und kontemplativen Menschen würdigen möchte. Er nimmt daran Anstoß, dass im Seligsprechungsverfahren unterschieden wurde zwischen dem Opfertod für den Glauben und der Hinrichtung wegen der Beteiligung an einem politischen Umsturzversuch - zwischen "wahrem Bekenner" und treuem Sohn seiner Kirche und dem "Hochverräter". Er warnt, zum Beispiel in seinem Buch "Gehorsame Kirche - Ungehorsame Christen im Nationalsozialismus" (Grünewald-Verlag, Mainz 2000), vor einer ideologischen, mystischen Erhöhung des Todes der Widerstandskämpfer und ihrer Hereinnahme in den kirchlich-sakralen Kontext - auf Kosten des wirklichen gesellschaftlichen und politischen Konflikts, in dem sie agiert haben.

Märtyrer allein des Glaubens wegen - das ist dem Sohn des Seligen in spe zu wenig. Damit, meint er, werde die Wahrheit, verdrängt. Schon die Replik auf das Wort der Bischöfe zum 50. Jahrestag des Kriegsendes zeigt 1995 einen zornigen Alexander Groß, der dem Episkopat "ausgesprochene Schönfärberei" vorwirft: Die Bischöfe bedienten sich eines Widerstandsbegriffs, der ihnen erlaube, "nicht nur die Kirche als Ganzes als einen Ort des Widerstandes zu qualifizieren, sondern auch das Schweigen der Bischöfe als eine kluge und mutige Tat hinzustellen". Politischer Widerstand habe in das hierarchische Weltbild der damaligen Hirten der Kirche nicht hineingepasst. Ein eigenständiges, also politisch waches Gewissen sei "ohne Mitwirkung der Bischöfe und letztlich auch außerhalb der hierarchischen Kirche" zu Stande gekommen.

Starke Worte. Alexander Groß, viele Jahre in der katholischen Jugendarbeit aktiv, macht sich damit nicht nur Freunde. Viele Weggenossen sagen: Alexander, du überziehst! Seine Einschätzungen sind aber im Wesentlichen gedeckt durch die (katholische) Kommission für Zeitgeschichte und den Bonner Kirchenhistoriker Konrad Repgen. Dass die oft schweren Gewissensentscheidungen einzelner Katholiken zum Widerstand gegen die Interessen und Weisungen des Episkopats zu Stande gekommen sind, bestätigt auch Professor Repgen: "Die Bischöfe haben aktiven Widerstand nicht als Sache der Kirche verstanden".

Im Vorwort einer 1998 erschienenen Schrift über "Lebenszeugnisse des Widerstands" aus der Zeit der NS-Herrschaft schreibt Kardinal Joachim Meisner: "Selten hatten Christen so viele und große Bewährungsproben zu bestehen, und sie haben sie tatsächlich bestanden." Empört äußert sich Alexander Groß über diese "Heroen-Sprache", die dazu angetan sei, sich mit den Opfern zu schmücken: "Bleibt für uns die Frage: Und wie hat die Kirche diese große Bewährungsprobe bestanden?". Heute, angesichts der bevorstehenden Seligsprechung seines Vaters, hält sich Groß mit neuerlicher Kritik zurück. Er sieht sogar einen Fortschritt gegenüber der Praxis früherer Seligsprechungsverfahren, bei denen bevorzugt Priester und Ordensleute "zur Ehre der Altäre" erhoben wurden. Und er hofft, dass solche feierlichen Ereignisse zum Nachdenken über die "unaussprechliche Tragödie" kirchlicher Geschichte herausfordern. Alexander Groß greift das Wort des Papstes von der "Kultur des Todes" auf, in der wir heute lebten. Was, so fragt er, haben die Widerstandskämpfer gegen Hitler anderes getan, als gegen diese Kultur des Todes anzugehen?

veröffentlicht in "Die Welt" vom 30.08.2001, Autor Gernot Facius