zuletzt aktualisiert: 17.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Josef Göbel - NS-Zeit, Kath. Kirche und DDR

 

 

Konsens des Schweigens aus dem gesellschaftlichen Konsens im Verdienst
Einige Anmerkungen zur römisch-katholischen (Nicht)-Aufarbeitung der NS-Zeit in der DDR

Der Hirtenbrief der in Fulda versammelten deutschen Bischöfe vom 23. August 1945 bestimmt sofort nach dem Krieg die Ausgangslage für alles kirchlich katholische Reden über die furchtbare Vergangenheit: zwar hätten auch einzelne von uns versagt, aber die Kirche als Ganzes habe widerstanden und viele von uns hätten das Zeugnis des Martyriums abgelegt: "Katholisches Volk, wir freuen uns, dass du dich in so weitem Ausmaße von dem Götzendienst der brutalen Macht freigehalten hast. Wir freuen uns, dass so viele unseres Glaubens nie und nimmer ihr Knie vor Baal gebeugt haben. Wir freuen uns, dass diese gottlosen und unmenschlichen Lehren auch weit über den Kreis unserer katholischen Glaubensbrüder hinaus abgelehnt wurden".

So richtig und wichtig ein Wort der Ermutigung in dieser katastrophalen Situation war - mit ganz konkreten Ermahnungen, mit Wäsche und Kleidung sich auszuhelfen, Vertriebene aufzunehmen und an den eigenen Tisch zu laden, und an die Landbevölkerung die wichtige Mahnung, die Hungersnot nicht auszunutzen, - war schon in diesem, in Deutschland vielleicht aller ersten, landesweiten Schreiben nach dem Krieg, die Retusche am Werk.

Diese Ausgangslage war gesamtdeutsch katholisch. Im Zuge der Trennung Deutschlands fand sich die kath. Kirche im Osten mit dieser Haltung in sie selbst wohl überraschender Nachbarschaft zur offiziellen DDR-Gesellschaft. Auch die Kommunisten sahen sich - natürlich aus vielen noch besseren Gründen - auf der Seite der Verdienstvollen und betonten auch, dass einzig einige christliche Kreise Widerstand geleistet hätten, nicht aber die bürgerlichen Parteien (Die Bewertung des 20. Juli war im Osten viel zurückhaltender). Dem Konsens im Verdienst im Osten entsprach vielleicht im Westen ein gesellschaftlicher Konsens im Verdrängen (bis hin zu erheblichen Ablasszahlungen) - beides führte zum gleichen Ergebnis des Nicht-Annehmenwollens des Geschehenen.

Die problematische gute Nachbarschaft im Osten war zugleich gestört durch das Erklärungsmuster der katholischen Kirche für eine gewisse Naziempfänglichkeit einiger, auch höchster Kreise in ihren Reihen: dass die Angst vor dem gottlosen Kommunismus manche missdeutbare Maßnahme der katholischen Kirche in der NS-Zeit verständlich mache. Beide im Verdienstbewusstsein starren Seiten haben in der DDR-Zeit nie reflektiert, dass die jeweilige dogmatische und hierarchische Struktur der Entwicklung zum NS-Staat zugearbeitet und dann im NS-Staat sie auf unterschiedliche Weise gelähmt hat, weil immer die Rettung der eigenen Institution den Vorrang hatte.

Wie man gerade in der jüngsten Katastrophenerfahrung durch den Terrorismus beobachten kann, bekommen in solchen Zeiten Religion und Kirchen wieder einen geachteten Platz zugewiesen, den man vielfach gern und eilfertig einnimmt. Diese heilende Rolle der Kirchen im Nachkriegsdeutschland macht auch verständlich, dass die Kirchen zunächst mehrheitlich (Ausnahme u.a. Niemöller) gar keine Notwendigkeit irgendeiner kritischen Bewertung sahen, und auch von ihrer Jugend nicht dazu gedrängt wurden, weil diese bei dem damaligen Informationsstand in ihren Kirchen den Hort der Beständigkeit und Richtigkeit nach allen Katastrophen sehen musste. (Ähnliches galt von der marxistischen Jugend.) Dieser gesellschaftliche Konsens im Verdienst führte allerdings wenigstens dazu, dass in Ostdeutschland vielleicht früher die christlichen Martyrer der NS-Zeit herausgestellt wurden, - wie Geschwister Scholl - hier galt erst ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, dass diese Gruppe aus christlicher Überzeugung Widerstand geleistet hat - Bernhard Lichtenberg, Dietrich Bonhoeffer, Max Metzger, Paul Schneider.

Die Nachkriegszeit war "Die Stunde der Kirche" (so ein pastorales Handbuch des geschätzten Hugo Aufderbeck, veröffentlicht unter Pseudonym Hammerschmidt, gedruckt im Westen, verteilt bei internen Pastoralkonferenzen), die aber einzig als die Stunde des Kampfes gegen den gottlosen Kommunismus gedeutet wurde. Die katholische Kirche im Osten machte in den Nachkriegsjahren bis hin zum Konzil einen sehr siegreichen Eindruck: die im Regelfall winzigen Diasporagemeinden waren zahlenmäßig durch den Zustrom der Umsiedler aus dem Osten unerwartet größer geworden; sie wirkte auch attraktiver durch die größere materielle und personelle Unterstützung aus dem Westen und auch durch den Vergleich mit der vielmehr durch die Vergangenheit beschämten Evangelischen Kirche, in der lange noch Pfarrer verkraftet werden mussten, deren Reden während der NS-Zeit den Gemeinden noch gut bekannt waren. Aus der schuldbewussteren Evangelischen Kirche kamen zu Beginn der 60iger Jahren Gedanken der Sühne (Aktion Sühnzeichen wurde 1962 in Magdeburg vom Präsidenten der Synode, Lothar Kreyssig, gegründet und sofort ökumenisch und auch gesamtdeutsch in Gang gesetzt).

Kritische Kreise der evangelischen und katholischen Akademiker- und Studentenschaft übernahmen aus dem Westen in diesen 60iger Jahren auch viele Erfahrungs- und Forschungsergebnisse über die Rolle der Kirchen in der NS-Zeit - und waren dadurch nicht ganz unvorbereitet, als in diesem Jahrzehnt dann auf fast allen Bühnen der DDR Hochhuths "Stellvertreter" gebracht wurde. Allerdings galten solche Bemühungen in den offiziellen Kirchenkreisen und in den Ortsgemeinden häufig als Nestbeschmutzung.

Das in vielen Augen nicht angemessen umgesetzte Konzil (endgültig deutlich dann in der Dresdner Pastoralsynode 1972 bis 1974) war die große Enttäuschung - auch für viele evangelische Christen in der DDR - und führte zum Rückzug der kath. Kirche aus der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, auch gegenüber der Geschichte, nicht nur der Gegenwart. Der Begriff der kleinen Herde war die Formel für das Überwintern bis zu der Zeit danach. Dabei kann sich die kath. Kirche keineswegs zugute halten, sie habe sich nicht wie die evangelische Kirche durch Gründung eines eigenen Kirchenbundes zu Beginn der 70iger Jahre vom Westen getrennt. Parallel dazu erfolgte auch in der katholischen Kirche die Umstrukturierung der Kommissariate zu päpstlichen Administraturen, was in der Wirkung dasselbe war. Aber die Strategie der neuen selbständigen Berliner Ordinarienkonferenz war im Gegensatz zur Leitung des Evangelischen Kirchenbundes nahezu ausschließlich auf die Versorgung und Erhaltung der kleinen Gemeinden, nicht auf die ganze Gesellschaft gerichtet (Bernd Schäfer beschreibt dies in seiner Dissertation, "Die katholische Kirche in der DDR" als die "Berliner Linie", die sich durchgesetzt habe - oft auch im Gegensatz zur vatikanischen Ostpolitik).

Ab Mitte der 70iger Jahre hat die evangelische Kirche für alle Christen in der DDR deutlich die geistliche Führung in der Wahrnehmung der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung übernommen. Die von vielen Christen unterstützte Solidarisierung mit allen Menschen guten Willens in der Friedensfrage bedeutete auch den Abbau der Ideologiegrenzen gerade auch aus der wachsenden Kenntnis der Geschichte der NS-Zeit: dass nämlich niemand nur sein Milieu pflegen darf, um dessen willen er dann leicht zum Mitläufer in verkehrte Richtungen werden kann.

Tragisch erscheint für unsere gemeinsame Gegenwart die Nachwirkung dieser verschiedenen Kirchenstrategien: die für die Zeit danach überwinterte kleine Herde der katholischen Kirche war prädestiniert für die Unterstützung eines restaurativen Ansatzes bei der Wiedervereinigung, entsprechend proportional viel zu hoch waren die Anteile der politischen Mandate aus Kreisen dieses kleinen katholischen Bevölkerungsanteils. Die Reaktion des evangelischen - auch inzwischen kleinen - Teils ließ nicht lange auf sich warten. Man zeigt jetzt wieder "protestantisches Profil". Und beide zusammen scheinen in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung wie Vereine, die sich um sich selber sorgen, begünstigt vom Grundgesetz, und entsprechend dazu auch noch miteinander konkurrierend.

Josef Göbel