zuletzt aktualisiert: 17.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Nordelbische Kirche - Christen und Juden

 

 

"Christen und Juden"
Erklärung der Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche

Mit dieser Erklärung zur Erneuerung des Verhältnisses des Christentums zum Judentum stellen wir uns in den wachsenden Konsens evangelischer Christinnen und Christen in Deutschland und in vielen anderen Ländern hinein. Dieser Konsens wurde bereits in zahlreichen Beschlüssen von Synoden und in drei Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dokumentiert. Der Prozeß der Klärung historischer, theologischer und geistlicher Fragen muß gleichwohl fortgeführt werden. Heute erklären wir als Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, welche Einsichten uns bewegen und leiten:

Wir erkennen: Wir haben geirrt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde unter uns Christen und in unseren Kirchen vielfältig Falsches und Entwertendes über Juden und jüdischen Glauben geredet und wird es noch immer.

Als Christinnen und Christen erkennen wir: Der Antijudaismus ist weder bei uns noch weltweit gebannt, und wir haben daran ursächlich teil.

Einsichtiger geworden, sagen wir: Die Zeit ist reif, unser Verhältnis zum Judentum neu zu bestimmen. Wir wollen unser Denken und Handeln daran orientieren, daß wir von den Anfängen der christlichen Verkündigung her mit ihm verbunden sind. Wir wollen über unseren Glauben sprechen, ohne Juden zu schmähen.

Wir bekennen: Durch antijüdische Auslegungen der Bibel und durch eine entsprechende Verkündigung und Lehre ist die Kirche mitverantwortlich und mitschuldig an der Jahrhunderte langen Geschichte der Feindseligkeit gegen Juden im Abendland, ihrer Entrechtung und Verfolgung, die in der fast vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums, der Schoa, gipfelte.

Wir, Christinnen und Christen im 21. Jahrhundert, tragen Verantwortung für die zukunftsoffene Aufarbeitung dieser Schuld. Deshalb müssen wir Buße tun. Wir wollen umkehren und einen neuen Weg suchen. Wir wollen überkommene Denkmuster, welche das Judentum verzerrten, überwinden und falsche Auslegungen biblischer Texte revidieren. Christliche Verkündigung und Lehre dürfen nicht dem Antisemitismus Vorschub leisten. Wir wollen alles tun, um in unseren Gemeinden eine Haltung der Solidarität mit Jüdinnen und Juden zu stärken.

Wir danken den jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, die trotz der Schoa zur Begegnung mit uns bereit waren und sind. Wir anerkennen die Geduld, mit der sie unsere Vorurteile korrigieren und schätzen die Bereicherung unseres Glaubens durch das gemeinsame Lernen aus der Schrift und das Erleben lebendiger jüdischer Tradition.

Wir bekräftigen unsere Einsichten, die wir in der Begegnung mit Jüdinnen und Juden und beim Überprüfen unserer theologischen Rede gewonnen haben:

Die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche beabsichtigt eine Ergänzung in der Präambel ihrer Verfassung vorzunehmen:
"Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bezeugt die Treue Gottes, der an dem Bund mit seinem Volk Israel festhält. Sie ist im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit dem Volk Israel verbunden."

Wir bitten unsere Gemeinden, Dienste und Werke die Beziehung zu der jüdischen Gemeinde in Hamburg und Schleswig-Holstein sorgsam zu pflegen und in nachbarlichem Einvernehmen mit der jüdischen Gemeinschaft zu entwickeln.

Wir bitten alle in Gemeinde, Unterricht und Verkündigung Tätigen dafür zu sorgen, dass kirchliche Texte nicht dem Antijudaismus das Wort reden oder ihn begünstigen.

Wir bitten die Theologischen Fakultäten und die kirchlichen Ausbildungsstätten sowie die Kirchenleitung der NEK, dafür Sorge zu tragen, dass Judentumskunde und Fragen des christlich-jüdischen Dialogs in hinreichendem Maße in der theologischen Ausbildung und Prüfung Berücksichtigung findet. Ebenso fordern wir, weiterhin ausreichend Mittel für entsprechende Stipendien und Praktika auch in Israel bereit zu stellen.

Wir bitten die EKD und die VELKD, die fruchtbare theologische Studienarbeit der vergangenen Jahrzehnte fortzusetzen.

Wir regen an, in allen Gemeinden und Gruppen sowie in den Institutionen der NEK, die der Bildung und Fortbildung dienen, Themen der Judentumskunde und des christlich-jüdischen Dialogs intensiv zu studieren und dies als eine ständige Aufgabe zu betrachten.

Um dies zu fördern, bedarf es einer/s hauptamtlich Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog.

Dankbar für die Vertiefung unseres Glaubens preisen wir Gott mit Worten des 36. Psalms: Herr, Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.

Diese Erklärung ist ein Ergebnis des intensiven jüdisch-christlichen Dialogs in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und Teil des neueren Reflexionsprozesses auch innerhalb der weltweiten christlichen Ökumene. Die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche ist sich bewusst, dass diese Erklärung in einer Situation verabschiedet wird, in der Gewalt im Mittleren Osten eskaliert und der Terrorismus erschütternde Ausmaße angenommen hat. Die Synode ruft zum Gebet für alle von Krieg und Terrorismus unmittelbar Betroffenen ebenso wie für eine gerechte Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Die Erklärung bezieht sich insbesondere auf das biblisch begründete Verhältnis zwischen Christen und Juden. Sie ist mit der Hoffnung verbunden, dass sie die Achtung vor dem Glauben und der Würde aller Menschen fördert und zu einem friedlichen Miteinander aller Völker beiträgt.

Rendsburg, den 22. September 2001

veröffentlicht am 22.09.2001 auf www.nordelbien.de