zuletzt aktualisiert: 17.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Saul K. Padover über die Rolle der Kirche nach der NS-Zeit

 

 

Zeitzeuge Saul K. Padover über die Rolle der Kirche nach der NS-Zeit
Auszug (Seite 203 - 211) aus: Saul K. Padover, Lügendetektor.
Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Econ, München 2001

[Januar 1945]
Hinter Oppenhoff und dessen Verwaltung stand der Bischof von Aachen, und hinter dem Bischof stand Oberstleutnant S., der Offizier, der für die Berufung des Oberbürgermeisters und seiner Dezernenten verantwortlich war. Nach dem Fall von Aachen war dieser Oberstleutnant beauftragt worden, ein Stadtoberhaupt zu finden. Es setzte sich mit dem Bischof in Verbindung und muß ihm offenbar völlig freie Hand gelassen haben. Der Bischof schlug Oppenhoff vor und machte die beiden miteinander bekannt. Und während die Zivilverwaltung von Aachen aufgebaut wurde, unternahm der Oberstleutnant nichts ohne vorherige Absprache mit dem Bischof. Die beiden sahen sich täglich. Der Bischof genoss besondere Privilegien und stand unter dem besonderen Schutz von Oberstleutnant S. Niemand, weder Journalisten noch PWD-Mitarbeiter, noch irgendwelche anderen Offiziere, durfte ohne seine Genehmigung mit Seiner Exzellenz sprechen. Ein Offizier, der sowohl die Vermischung von Kirche und Politik als auch die Verwendung von Nazis ablehnte, meinte spöttisch: "Oberstleutnant S. behütet den Bischof wie eine Glucke ihr Küken." [...]

An einem trüben, grauen Sonntagnachmittag fuhren wir durch die verschneite Stadt, um den Bischof zu besuchen, der in einer komfortablen Etagenwohnung in einem der wenigen unzerstörten Häuser residierte. Ein Mitarbeiter empfing uns, nahm uns höflich Mantel und Helm ab, führte uns in das Wohnzimmer und erklärte, dass Seine Exzellenz gleich kommen werde. Wir setzten uns und warteten. Merkwürdige Gedanken und Erinnerungen gingen mir durch den Kopf. Ich hatte einen weiten Weg zurückgelegt. Vor Jahren hatte ich mittelalterliche Geschichte studiert und dann selber unterrichtet. Ich hatte als Historiker auf diesem Gebiet gearbeitet. Ich wusste, dass Aachen ein alter Bischofssitz war und dass ein Bischof - Repräsentant der wahrscheinlich noch immer größten Institution der Welt - eine angesehene, mächtige Figur war. Noch nie in meinem Leben hatte ich mit einem Bischof gesprochen, geschweige denn einen gesehen. Jetzt stand ich kurz davor, einen Bischof zu verhören. Ich war ungeheuer gespannt. Ein Bischof - was für ein Mensch mochte das sein? Was für ein Mensch mochte ein deutscher Bischof in Nazideutschland sein?

Ein großer, korpulenter Mann mit energischem Gesicht und starken Brillengläsern betrat das Zimmer und bedeutete uns mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen. Wir sprachen zunächst über allgemeine Dinge, und ich wusste sofort, dass unser Gespräch nicht leicht sein würde. Der Bischof war auf der Hut, offenbar hatte man ihn vor uns gewarnt. Eine ganze Weile sprachen wir über das Thema Arbeitswelt. Anders als sein Protégé Oppenhoff war er nicht gegen die Errichtung von Gewerkschaften, solange diese unter kirchlichem Einfluss standen. In Deutschland, sagte er, vertrete die Kirche in diesen Dingen eine fortschrittliche Haltung, da das Land industriell hoch entwickelt sei und eine große katholische Arbeiterklasse habe. Um diese Arbeiter nicht zu verlieren, habe die Kirche in Deutschland, anders als in Spanien und in ähnlich rückständigen Ländern, Gewerkschaften mit einem klaren Programm aufgebaut. Denn Theologie allein, bemerkte er mit einem feinsinnigen Lächeln, reiche eben nicht aus.

Dann wandten wir uns dem Thema Jugend zu. Ich fragte den Bischof, wie er sich die Entwicklung der deutschen Jugend nach dem Sturz Hitlers vorstelle. Der Nationalsozialismus, sagte er düster, habe der Jugend alles soziale Denken ausgetrieben. "Er hat lackierte Individuen hervorgebracht, junge Leute, die innerlich tot sind und sich von der Kirche entfernt haben." Er hoffe, mit einem Kern von Jugendlichen neu anfangen und ihnen christliche Ideale einpflanzen zu können. Mit Worten allein werde man allerdings nichts bewirken. Man müsse die jungen Leute motivieren. Was ihm da so vorschwebe? Ganz egal, es dürfe nur nicht mit Zwang und Uniformen einhergehen. Da die Deutschen einen fatalen Hang zu Uniformen hätten, dürfe man sie nie in Uniformen stecken, nicht einmal in etwas so Harmloses wie eine Pfadfinderuniform. "Man gebe ihnen eine Uniform, und schon hat man Unteroffiziere für den nächsten Krieg", sagte er mit einem grimmigen Lächeln. Er denke eher an Freizeitveranstaltungen, Spiel und Sport, aber ohne Vorschriften und Zwang. "Die Freiheit bist das höchste Gut. Hitler hat sich geirrt, wenn er glaubte, dass der Totalitarismus eine Stärke sei. Er ist vielmehr ein Zeichen von Schwäche, er trägt seinen eigenen Sprengstoff in sich." Er gab zu verstehen, dass der Totalitarismus in Deutschland deswegen für die katholische Kirche so gefährlich sei, weil sie als Minderheitenreligion immer ein potentielles Opfer totalitärer Bewegungen sei. Vermutlich war er der Ansicht, dass die Kirche in Deutschland, obschon im Grunde selber totalitär, im eigenen Interesse für ein gewisses Maß an politischer Freiheit eintreten müsse. In diesem Punkt waren der Bischof und Oppenhoff durchaus konträrer Meinung.

Das Gespräch wurde immer abstruser, so dass wir zu persönlichen Themen übergingen. Wir baten den Bischof, uns von seiner ersten Begegnung mit den Amerikanern zu erzählen. Die Nazis, sagte er, hätten ihn zum Verlassen der Stadt aufgefordert, doch er sei geblieben. "Ein Kapitän verlässt nicht das sinkende Schiff." Während der Belagerung habe er sechs Wochen in verschiedenen Bunkern und Kellern gelebt. Eines Tages sein ein amerikanischer Jeep vor dem Münster vorgefahren. Beim Anblick dieses merkwürdigen Fahrzeugs sei er herausgetreten und habe dem Offizier erklärt: "Ich bin der Bischof von Aachen." Der Offizier habe geantwortet: "Ich bin Katholik", habe ihm die Hand geschüttelt und ihm eine Zigarre angeboten. Dann habe man ihn ins Hauptquartier gebracht, wo er mit einer Reihe hochrangiger Offiziere gesprochen habe.

Der Bischof wurde nun erkennbar vorsichtig. Er bestritt, irgend etwas mit dem Aufbau der Aachener Zivilverwaltung zu tun zu haben. Gegenüber Oberstleutnant S. habe er nur den Namen Oppenhoff erwähnt. Der Bischof legte großen Wert auf die Feststellung, dass er neutral sei und sich nicht in die Politik einmische. Er wusste, dass die Stadtverwaltung heftig attackiert wurde, und war bestrebt, die Kirche vor Kritik in Schutz zu nehmen. Allerdings sagte er oft "Wir", wenn er von Oppenhoffs Verwaltung sprach. Er befand sich insofern in einer schwierigen Lage, als er die Kirche vor schwierigen Angriffen schützen wollte, die gegen Oppenhoff gerichtet waren, gleichzeitig Oppenhoff selbst jedoch verteidigen wollte. Der Bischof bemühte sich sehr, den Oberbürgermeister in einem positiven Licht darzustellen. "Oppenhoff ist ein mutiger Mann und ein tüchtiger Rechtsanwalt. Gewiss, er ist kein Tugendbold, aber glauben Sie mir, er ist ein feiner Kerl. Die anderen Bürgermeister sind ebenfalls prächtige Leute. Ich kenne sie persönlich, auch Dr. Pfeiffer, der ein Protestant ist. Sie müssen Oppenhoff vertrauen. Sie können ihm ruhig alles überlassen. Wenn er sagt, dass jemand zuverlässig ist, glauben Sie mir, er weiß, wovon er spricht. Das Parteiabzeichen allein bedeutet noch gar nichts. Je weiter Sie nach Deutschland kommen, desto schwieriger wird es für Sie sein, unbelastete Leute zu finden."

Wenn dem so sei, was würde er dann vorschlagen? Wie sollten wir vorgehen? Der Bischof freute sich, uns einen Rat geben zu können. Unsere Besatzungsoffiziere, sagte er, sollten sich bei dem Pfarrer des jeweiligen Ortes nach "zuverlässigen Leuten" erkundigen. Die Amerikaner sollten volles Vertrauen in die Kirche haben, auch wenn er von Propagandaappellen an den Klerus vorerst abraten würde. Wir fragten den Bischof, wer aus seiner Sicht "zuverlässig" und für eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern geeignet sei. "Leute mit Charakter und Persönlichkeit", sagte er. Da nicht selten auch Nazis Charakter und Persönlichkeit besäßen, wollten wir es etwas genauer wissen. Welche geschichtliche Figuren er beispielsweise als Vorbild bezeichnen würde? Doch darauf fiel der Bischof nicht herein. Er dachte eine Weile nach und sagte dann: "Eine solche Frage kann ich nicht an einem Nachmittag beantworten. Das bedarf reiflicher Überlegung."

Allmählich wurde es dunkel im Zimmer, und viele wichtige Themen hatten wir noch immer nicht angesprochen. Der Bischof saß da, rauchte und musterte uns. Sein Blick schien zu sagen: Ich beantworte alle Fragen, aber ich sage euch nicht alles. Manchmal blitzte es in seinen Augen auf, als wollte er sagen: Na, wie findet ihr mich?

Nach einigem Hin und Her brachten wir ihn so weit, über Politik und den Krieg zu sprechen. Aus seinen Äußerungen ging hervor, dass er gemäßigt deutschnationale Positionen vertrat. Wie fast alle Deutschen führte er den Krieg auf den Versailler Vertrag zurück. "Versailles war sehr hart". Und wie fast alle Deutschen behauptete er, dass Deutschland bedauerlicherweise ein Volk ohne Raum sei, ein armes, übervölkertes Land, das einfach habe expandieren müssen. Er sprach jetzt genauso larmoyant wie seine Landsleute. Ich war überrascht, dass ein so gutinformierter Mensch an diesem weitverbreiteten Irrtum (Deutschlands Armut war eines der wirkungsvollsten Argumente in der deutschen Propagandakiste) festhielt, und wies darauf hin, dass das Reich schon lange den höchsten Lebensstandard in Europa genossen habe. Doch er wiederholte nur "armes Deutschland!", machte eine ausholende Handbewegung und seufzte: "Schauen Sie mich an, wie ich lebe, ich habe nichts, nichts!". Der Bischofsring an seinem Zeigefinger, groß wie ein Vogelei, schimmerte im Dämmerlicht, und ich musste an den heiligen Franziskus denken.

Die deutsche Armut und die enorme Bevölkerungsdichte hätten den Aufstieg Hitlers ermöglicht, der seinerseits zum Krieg geführt habe. "Hitler wurde von den Armen unterstützt, von armen Bauern und Arbeitslosen". Kein Wort über Thyssen, die anderen Industriellen, die bürgerliche Mitte und den rechten Flügel der Zentrumspartei. Die Verhältnisse, die zum Krieg geführt hätten, existierten noch immer, und es würde sie noch lange Zeit geben. Ganz gleich, wer als Sieger aus dem Krieg hervorgehe, die deutsche Frage müsse unbedingt gelöst werden. Kurz gesagt, Deutschland brauche Arbeit und Raum. Um die Ernährung der Bevölkerung zu gewährleisten, müsse man expandieren, aber es gebe keinen Raum in Europa. Was der Bischof da erklärte, entsprach den Forderungen der ewigen deutschen Imperialisten, die innerhalb von drei Generationen fünf Kriege angezettelt hatten. Der Imperialismus interessierte ihn aber nicht an sich, sondern nur als Instrument im Kampf gegen den Kommunismus. Übervölkerung, so der Bischof, führe zu Armut, Armut führe zu Revolution und Revolution zu Kommunismus. Zur Abwendung der roten Gefahr müsse Deutschland expandieren. In der Logik heißt so etwas Trugschluss. Und am Ende stand der Bischof genau dort, wo der Kaiser und Hitler gestanden hatten. "Eines ist sicher: Ein verarmtes Proletariat wird sich dem Kommunismus zuwenden. Wenn der Mensch keine gesicherte Existenz hat - kann man dann etwas anderes erwarten?" Er warf die Arme in die Höhe.

Die Entstehung eines Lumpenproletariats zu verhindern - das sei die vorrangige Aufgabe im Nachkriegsdeutschland. Eine Möglichkeit sei Auswanderung, aber wer wolle schon Deutsche haben? Die Deutschen würden von der Welt viel zu sehr gehasst, und mit bitterer, fast anklagender Stimme fügte der Bischof, plötzlich auf Französisch, hinzu: "Les Allemands sont devenus les Boches".

Das war das Stichwort, auf das wir schon lange gewartet hatten. Rasch fragte ich, ob ihm bekannt sei, was die Deutschen in Europa angerichtet hätten, daß man sie so hasse und als Boches bezeichne. Ruhig erwiderte er, dass er von den Greueltaten wisse. Ob er dann nicht dafür sei, daß an den deutschen Schulen darüber berichtet werde, damit die Jugend die Wahrheit über das Naziregime erfahren könne? Der Bischof antwortete umständlich: "Wir müssen den Mut haben, die geschichtliche Wahrheit zu verbreiten, aber wir müssen warten, bis die Kinder reif sind, alles zu verstehen. Wahrheiten dieser Art müssen vorsichtig verabreicht werden, wie die Wahrheit über das Geschlechtsleben. Ich bin nicht für relative Wahrheiten. Wenn die Wahrheit, genau wie das Recht, das heutzutage in Deutschland praktiziert wird, der Politik dient, dann ist es keine Wahrheit".

Wenn der Bischof ein so eifriger Verfechter der Wahrheit sei, warum haben dann weder er noch seine Kirche, noch die meisten anständigen Deutschen offenen Widerstand gegen die faschistischen Lügner und Mörder geleistet? Ah, man habe überhaupt nichts tun können, sagte der Bischof und hob die Hände zur Decke, denn es habe so großer Terror geherrscht. Bedauerlicherweise hätten die Menschen 1933 nicht mit Nein gestimmt. Selbst die Kirche habe in dieser Angelegenheit versagt. Sie hätte sich mutig auf die Seite der protestantischen Regimegegner schlagen sollen. Jeder, räumte er ein, habe gefehlt, und niemand sei besonders mutig gewesen. Er zuckte mit den Schultern und fragte: "Wie kann man von dem kleinen Mann auf der Straße Heldentum erwarten?" Wir sagten, dass Widerstand gegen die Nazis gewiss Mut erfordert habe, dass es in Frankreich, Belgien und Holland, Polen, Jugoslawien und Norwegen aber nicht an mutigen Menschen gefehlt habe. Warum in Deutschland?

In Deutschland, antwortete er, hätte Widerstand den Märtyrertod bedeutet. Hunderttausende, entgegneten wir, seien außerhalb Deutschlands den Märtyrertod gestorben. Ob es in der Kirche keine mutigen Leute gegeben habe, die im Kampf gegen die Nazis hätten vorangehen können? Der Bischof murmelte nur noch: "Die Kirche wollte keine Märtyrer..."

Ich erklärte ihm, dass ich mittelalterliche Geschichte unterrichtet hätte und dass es meines Wissens einst Märtyrer gegeben habe, stolze Märtyrer, die sich furchtlos für Wahrheit und Gerechtigkeit geopfert hätten. Der Bischof schwieg. Ich sagte: "Jesus, der Begründer Ihrer Kirche, hatte keine Angst, die Wahrheit zu sagen, die in ihm war". Es wurde ganz still in dem dunklen Zimmer. Schließlich sagte der Bischof ganz ruhig: "Ja, das stimmt, aber schauen Sie, was man mit ihm gemacht hat!"