zuletzt aktualisiert: 17.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche - Stellungnahme von Prof. Stegemann

 

 

Was ist eigentlich los im Vatikan?

RNA. Mit seiner «unerhörten öffentlichen Schmähung international renommierter Wissenschaftler» möchte der Vatikan jegliche Fortsetzung der Arbeit der Historikerkommission zur Untersuchung der Rolle des Vatikans während des Holocuast unterbinden, vermutet der namhafte evangelische Theologe und Basler Universitätsprofessor Ekkehard W. Stegemann, Präsident der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Basel.

Wortlaut der Stellungnahme:

In der christlich-jüdischen Verständigungsarbeit hat der Vatikan eine bahnbrechende Rolle gespielt. Die Erklärung Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils war nicht nur eine Wende im Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zum Judentum, sondern damals vorbildlich für die Reform der christlichen Beziehungen zum jüdischen Volk überhaupt. Die Früchte dieser Veränderung sind etwa im Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Synagoge von Rom und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Staat Israel sichtbar geworden. Die neue Ära, die dies für christlich-jüdische Gespräche bedeutete, war unter anderem durch kritische Selbstwahrnehmung, Respekt vor dem Partner und vertrauensvolle Kooperation in der Aufarbeitung der Last der Geschichte ausgezeichnet. Auch nichtkatholische christliche Teilnehmer an der christlich-jüdischen Verständigungsarbeit haben dies mit Sympathie und Dankbarkeit begleitet.

Umso irritierender ist der seit einiger Zeit zunehmend sich verhärtende Kurs im Vatikan hinsichtlich des Umgangs mit der problematischen Vergangenheit. Unsensibel waren schon so manche Formulierung im sogenannten «Shoah-Papier»; und geradezu peinlich war die Seligsprechung eines nachweislich antisemitischen Papstes, Pius IX. Nun scheint der Vatikan jedoch auch noch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den jüdischen Partnern aufs Spiel zu setzen, die er in einer aus drei katholischen und drei jüdischen Historikern gebildeten Kommission eigentlich bewähren wollte. Diese sollte die Rolle des Vatikans zur Zeit des Nationalsozialismus untersuchen. Die Kommission hat ihre Arbeit jedoch Ende Juli suspendiert, da der Vatikan sich weigerte, offene Fragen aus den Archiven zu beantworten, die aufgrund der lückenhaften Publikation der Dokumente nach 1923 nicht beantwortbar, aber zur historischen Beurteilung der Rolle des Vatikans und insbesondere von Papst Pius XII. entscheidend waren. Es ging der Kommission keinesfalls um eine umfassende Sichtung des Archivmaterials, sondern um ganz konkrete und gezielte Fragen.

Drei Wochen nach der Einstellung der Kommissionsarbeit attackiert nun eine Erklärung diese Kommission und insbesondere jüdische Mitglieder in einer derart verletzenden und rüden Weise, dass es schwer fällt zu glauben, dies sei eine vom Vatikan autorisierte Stellungnahme. Sie ist es jedoch; und sie wurde verfasst von einem deutschen Jesuitenpater, Dr. Peter Gumpel, der schon einmal wegen antisemitischer Äußerung von sich reden gemacht hat. Pater Gumpel ist zudem im Vatikan der Berater des Papstes unter anderem in der Angelegenheit des Prozesses der Seligsprechung von Papst Pius XII.

Nicht der Vatikan habe sich geweigert, so der Text unter anderem, sondern jüdische Mitglieder der Kommission hätten sich «durch Verletzung der elementaren akademischen und menschlichen Normen eines unverantwortlichen Verhaltens schuldig gemacht». Der Verdacht liegt nahe, dass Pater Gumpel namens des Vatikans mit dieser ungezogenen, ja, unerhörten öffentlichen Schmähung international renommierter Wissenschaftler nicht nur ablenken möchte vom eigenen Versäumnis, sondern überhaupt jegliche Fortsetzung einer Kommissionsarbeit unterbinden möchte. Denn wer könnte auf jüdischer Seite fortan bereit sein, in einer historischen Kommission mitzuwirken, ohne Gefahr zu laufen, vom Vatikan diffamiert zu werden, wenn er oder sie elementare wissenschaftliche Ansprüche an historische Arbeit einfordert?

Dieser Vorgang hat eine innerkatholische Dimension, sofern hier offenbar von Protagonisten für die Seligsprechung Pius' XII. auch in Kauf genommen wird, das mühsam erarbeitete Vertrauen zum jüdischen Gesprächspartner leichtfertig in Frage zu stellen. Er ist darum auch auf innerkatholische Kritik gestoßen. Doch kann es im Zeitalter der Ökumene und angesichts der Tatsache, dass alle christlichen Kirchen mit einer schweren Last der Geschichte im Verhältnis zum jüdischen Volk sich rückhaltlos auseinander zu setzen haben, auch nichtkatholischen christlichen Dialogteilnehmern nicht gleichgültig sein, was im Vatikan los ist.

(Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann ist Präsident der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Basel und Neutestamentler an der Theologischen Fakultät der Universität Basel)

veröffentlicht von: Reformierter Pressedienst der Schweiz am 10.08.2001