KOMMENTAR vom 31.05.06
Zwei Päpste
in Polen
Auf den Spuren
Johannes Paul II. bewegte sich Benedikt XVI., der deutsche Papst, in Polen -
und wurde auf seiner Reise überall mit einer Vergangenheit konfrontiert,
die sein eigenes Herkunftsland bis heute von der Heimat seines Vorgängers
trennt: durch Krieg und Besetzung, rassistische Unterdrückung und Völkermord.
War Joseph Ratzinger bewusst, dass es diese Vergangenheit ist, die ihn auch
von Karol Wojtyła trennt?
Es muss ihm
klar gewesen sein, denn bei aller Begeisterung, die ihm im katholischsten
aller europäischen Länder entgegengebracht wurde: Polen ist ein
geschichtsbewusstes Land, zutiefst geprägt von einer fragilen
Nationalgeschichte, weil es durch die Jahrhunderte immer wieder Teilungen
unterworfen war, die vornehmlich von deutschen Staaten ausgingen - zuletzt
1939. Und Karol Wojtyła war nicht nur ein polnischer Papst, sondern
ebenfalls zutiefst geprägt von seinen Erfahrungen während der Besetzung
und im Widerstand.
Dass Joseph
Ratzinger dieser Konfrontation nicht ausweichen wollte, war offensichtlich -
er hätte um die Vernichtungslager in Auschwitz einen großen Bogen machen können,
doch er hat es nicht getan. Und er fand in seiner Rede an diesem Ort Worte,
die hier und aus seinem Mund wichtig waren. Doch das, was er nicht
sagte, wog weit schwerer als anderswo, und durch die Art und Weise seiner
historischen Einordnung des Geschehenen zog er erneut Gräben, während er
von Versöhnung sprach - es provozierte zu Recht entschiedenen Widerspruch
nicht nur jüdischer Gemeinden.
Denn es war
keine "Schar von Verbrechern", die "unser Volk zum Instrument
ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht"
haben - das ist Rechtfertigungshistorie reinsten Wassers, wie sie nach 1945
etabliert wurde und lange Zeit Gültigkeit hatte: Wie Außerirdische von
einem anderen Stern seien die Nazis über das deutsche Volk hergefallen und
hätten seine Gutmütigkeit für ihre verbrecherischen Absichten missbraucht.
Es ist
schon auffällig, dass diese Argumentation nahezu identisch mit der
Leitlinie ist, die in dem "Gemeinsamen Hirtenbrief nach beendetem
Krieg" vom 23. August 1945 von den deutschen Bischöfen festgeschrieben
wurde:
1. Die
Mehrheit der Katholiken hat sich in der Zeit des NS nichts zuschulden kommen
lassen und sich hervorragend verhalten, und
2. allenfalls Einzelne haben
versagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit jedoch keinesfalls.
Joseph
Ratzinger stellte schon vor seinem Besuch in Auschwitz noch einmal klar, dass
diese Position nach wie vor Gültigkeit besitzt: "Wir glauben, dass die
Kirche heilig ist, aber es gibt Sünder unter ihren Mitgliedern."
Nicht nur über 50 Jahre historische Forschung zum Nationalsozialismus sind an Herrn Ratzinger offensichtlich spurlos vorübergegangen - er vermochte zudem nicht, über seinen eigenen biographischen Schatten zu springen. Als Katholik deutscher Herkunft, der 1945 gerade 18 Jahre alt war, wartete auf den Papst in Polen eine doppelte Herausforderung - er hat sie nicht bestanden.
Bernd
Hans Göhrig
