KOMMENTAR vom 19.07.06
Das Schweigen der Hirten oder Sexuelle Gewalt gibt es nicht
Nun ist es fast vier Jahre her, dass die Übergriffe sexueller Art von Priestern an Kindern und Jugendlichen in den USA öffentlich wurden. Auch in Deutschland gab und gibt es immer wieder Fälle von sexueller Gewalt von Priestern, aber auch anderen kirchlichen Mitarbeitern an Schutzbefohlenen.
Die Deutsche Bischofskonferenz trat fortschrittlich auf, indem Sie schon
im Herbst 2002 als Reaktion auf die Schlagzeilen in den USA Leitlinien „Zum
Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im
Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ verabschiedete.
Schnell hatte jede Diözese einen
Beauftragten ernannt, der bei entsprechenden Meldungen aktiv werden sollte.
Wobei zu beachten ist, dass nur sieben Diözesen unabhängige Experten
beauftragten, die sich mit dem Thema und mit entsprechenden Anzeigen
befassen sollten.
Dass die Praxis anders aussieht
als die Theorie, war eigentlich schon vorab zu sehen.
Kaum ein Fall, der es bis an die
Öffentlichkeit schafft, kaum ein Fall, der wirklich beim Staatsanwalt
landet. Vielfach wird immer wieder unter den Teppich gekehrt, was nicht sein
darf. Zwar reagiert die Kirche heute bei Vorwürfen nicht mehr nur einfach
mit Versetzung, sondern fordert von den „Tätern“ eine Therapie, nach
deren Abschluss aber wieder der Einsatz für die Kirche steht.
Die Ausgestaltung der Leitlinien
sind jedem einzelnen Bistum und Bischof überlassen, es gibt keine
Kontrollinstanz oder eine übergeordnete Stelle, die deren Einhaltung überprüft.
Von daher ist aus dem anfänglichen Wirbelsturm im Kirchenturm nur ein
leichtes Lüftchen oder sogar Gegenwind geworden. Gegenwind nämlich, der
den Opfern ins Gesicht bläst und die in den seltensten Fällen wirklich
Recht, Hilfe und Entschädigung bekommen.
Aber selbst der Vatikan bremst
bei der Verfolgung solcher Straftaten. Jüngstes Beispiel ist der Gründer
der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado, seines Zeichens 86
Jahre alt. Immer wieder klagten ehemalige Ordensmitglieder ihn der
Vergewaltigung an, die Fälle reichen bis in die 50er Jahre zurück. Zuletzt
klagten 1997 neun ehemalige Seminaristen, Maciel habe sie als Kinder und
Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren in Spanien und Italien
vergewaltigt - das Verfahren wurde 1999 eingestellt. Doch der Fall Maciel
kam nicht zur Ruhe und wurde 2005 neu eröffnet. Doch wegen seines hohen
Alters wurde er nun "gebeten", "ein zurückgezogenes Leben
des Gebetes und der Buße zu führen" und gefälligst nicht mehr öffentlich
in Erscheinung zu treten. Das war´s, keine Anklage, keine Verurteilung.
(siehe auch Kommentar von
Bernd Göhrig vom 21.05.06)
Wenn sich Ende September die
Verabschiedung der Leitlinien zum 4. Mal jährt, täten die Bischöfe gut
daran, selbstkritisch zu fragen, ob diese Leitlinien das bewirkt haben, was
sie sollten oder ob es nicht endlich an der Zeit wäre, zu handeln. Nicht
nur um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen, sondern besonders um der
Opfer willen.
Georg
Pelzer
