ZWISCHENRUF vom 08.06.2007 - Bernd Hans Göhrig
Ökumene
muss gefährlich sein
Manchmal wird es einem wirklich
leichtgemacht - schon der schöne Name des kleinen Ortes weist auf etwas
hin, das uns angeht: Heiligendamm
– klingt es nicht wie eine forsche Einladung an wache Christinnen und
Christen, die nur mit Gesichtsverlust abgelehnt werden kann?
Zeitgleich zum Treffen der Großen
Acht findet auch in Köln ein scharfes Ereignis statt: Der 31. evangelische
Kirchentag meldet sich „lebendig und kräftig und schärfer“ zu Wort –
so das Motto aus dem Hebräerbrief. Dafür sorgt schon die Parallelität zum
Gipfel, und in Köln werden die Themen des G8-Treffens sicher schärfer und
ehrlicher verhandelt als an der Ostsee, zum Beispiel in der Werkstatt
Afrika, vorbereitet von ESG, KASA, IKvu und vielen anderen
Basisorganisationen. Wichtige Themen also, die die globalisierte Welt
bewegen – Themen, die Christinnen und Christen bei ihrer politischen
Verantwortung packen und scharfe Lösungen provozieren – Heiligendamm
eben!
Doch dieser Kirchentag findet im
katholischen Köln statt, wo Ortsbischof Meisner vom rechten Rand der
Bischofskonferenz über die wahre Lehre wacht. Und da an diesem Kirchentag
– auf halbem Weg vom 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin zum nächsten
ÖKT 2010 in München – selbstverständlich auch katholische Christinnen
und Christen teilnehmen werden, ist man in Köln und anderswo wachsam.
„Deutliche ökumenische Akzente“ kündigte der Präses der rheinischen
Landeskirche Nikolaus Schneider an – und lud alle Katholiken zum Abendmahl
ein. Damit war der Ball im katholischen Feld, und nach den römischen Regeln
muss dieser Verstoß mit der Räumung des Stadions geahndet werden: Von der
„unreifen Frucht“ der gemeinsamen Abendmahlsfeier fabulierte der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann, zuvor müssten
„theologische Grunddifferenzen“ überwunden werden – die
Teilnahme am Abendmahl ist den katholischen Christinnen und Christen
untersagt.
Ist es nicht im höchsten Grad
obszön, angesichts von Klimakatastrophe, AIDS und Kriegen den Streit der
Ewiggestrigen um das Abendmahl in den Vordergrund zu schieben? Ein Realitätsabgleich
tut Not, ein Geraderücken der Maßstäbe, in denen wir denken und wohl auch
leben. Theologisch gesprochen: Das Bekenntnis zu unserem Gott, der höchstpersönlich
für die Armen und Leidenden Partei ergreift – das ist der Dreh- und
Angelpunkt kirchlichen Lebens und der Ausgangspunkt theologischer Reflexion
und pastoralen Handelns aller christlichen Kirchen. Aus der Gemeinschaft im
Abendmahl im Gedächtnis an Jesus Christus erwachsen die Kraft und der Mut -
Christinnen- und Christenmut! - für das politische Engagement.
Nur wenige haben den
Zusammenhang von Globalisierung und ökumenischem Engagement so früh so
klar gesehen wie Martin Luther King 1961:
"Durch unsere technischen Fähigkeiten
haben wir diese Welt zu einem Dorf gemacht; jetzt müssen wir daraus kraft
unserer Moral und unserer geistigen Entwicklung eine Geschwisterschaft
machen. Wir müssen im direkten Wortsinn lernen, als Geschwister
zusammenzuleben, oder wir werden alle zusammen als Narren untergehen. Wir müssen
erkennen, dass kein Individuum allein überleben kann. Wir müssen
zusammenleben, wir müssen uns umeinander kümmern."
King hatte erkannt, dass das global
village uns verpflichtet. Als ihn diese Erkenntnis über den Kampf gegen
Rassismus hinausführte und er die Strukturen des Kapitalismus selbst unter
Anklage stellte, wurde er erst wirklich gefährlich. Seine Hinrichtung war
eine direkte Reaktion auf seinen Protest gegen den Vietnamkrieg und gegen
die kolonisatorische Politik der US-Regierung, die zur Einschränkung der Bürgerrechte
und zu Armut im eigenen Land führte.
Beim Kirchentag in Hannover spitzte der namibianische Bischof Zephania
Kameeta die Verantwortung der Kirchen bei einem zentralen Tabu radikal zu:
„Die Kirche hat AIDS“ lautete seine Botschaft – das diskreditiert
jedes machtsymbolische Geplänkel um die Interpretationsshoheit im
Abendmahlsstreit. Doch statt diese Verantwortung energisch und gemeinsam zu
übernehmen und der Welt ein Beispiel der Einheit zu geben, huscht das Wort
von der „Ökumene der Profile“ durch kirchenoffizielle Texte und
verdeckt kaum, was eigentlich gemeint ist: Konfessionelle Profilierung,
flankiert durch den beschwörenden Rückzug auf zeichenhafte Handlungen wie
das Taufsakrament, das doch erstmal als gemeinsame Basis genüge – eine
Vermeidungsstrategie. Auch Zwischenschritte anderer Art – etwa eine
gemeinsame Handauflegung statt Abendmahl oder eine intensivere Gestaltung
des Friedensgrußes – sind nicht nur hilflose Versuche, den Bremsern
entgegenzukommen – sie bremsen denjenigen aus, der der eigentlich
Einladende des Abendmahls ist: Jesus von Nazareth. Der
Skandal liegt darin: Die Unfähigkeit der kirchlichen Amtsträger zu ökumenischer
Kreativität und Mut und emanzipativer Selbstüberwindung auf beiden Seiten
wird extrapoliert zur Unmöglichkeit von Ökumene schlechthin, zu einem
grauenhaft schlechten Verständnis von Ökumene. Vielleicht ist es auch
schlicht naiv, in Zeiten von Bistumspleiten und einer verdeckten Sehnsucht
nach Führung diese reflexive Fähigkeit zu erwarten.
Doch Ökumene wächst bekanntlich von unten – sie ist längst gewachsen
in Jahrzehnten auch einschneidender Erfahrungen: sie beginnt mit den
Carepaketen amerikanischer Kirchengemeinden kurz nach Kriegsende und geht über
das Engagement im Konziliaren Prozess
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bis hin zu ökumenischen
Gemeindepartnerschaften. Die evangelische Kirche verfügt wegen ihrer
synodalen Verfassung hier über einen strategischen Vorteil – sie ist näher
an dieser Ökumene von unten. Trotzdem folgt sie der römischen Kirche
unverständlicherweise immer weiter auf das dünne Eis der „Ökumene von
oben“, droht sie diesen Vorteil zu verspielen: Dann wird Ökumene zum
Event, zum dekorativen aber inhaltsleeren Element besonderer Anlässe –
und das Ziel rückt in weite Ferne. Der Versuch einer Übernahme des Ökumeneprozesses
durch die Kirchen, wie wir ihn derzeit erleben,
bedeutet Festschreibung eines bestimmten Niveaus, das das Bewusstsein
der Protagonisten abbildet – Ökumene aber ist eine Beziehungsgeschichte,
und Beziehungen sind ständig in Fluss und auf Gelingen angelegt. Der
Versuch ihrer Reglementierung führt zu Stillstand und damit zum
Beziehungstod.
Man mag es drehen, wie man will: Die reichen Kirchen in der BRD tragen
Verantwortung dafür, dass der ökumenische Diskurs nicht selbstreferentiell
in einer Endlosschleife vor sich hin plätschert, sondern auf das Ziel der
Einheit zusteuert – und zwar durch ein Engagement in der Welt, das einem
aufgrund seines Zeugnischarakters den Atem nimmt! Davon sind wir weit
entfernt, doch das gilt es mitzubedenken bei allem, wie Ökumene bei uns
betrieben wird.
Vor 35 Jahren wagte Karl Rahner einen kühnen Entwurf für eine ökumenische
Kirche. Statt theologische Klärungen abzuwarten, lautete Rahners Vorschlag:
Ziehen wir doch die institutionelle Einigung vor – die theologische
Einheit wird sich als Konsequenz dann einstellen. Abgesehen davon, dass die
theologische Aufarbeitung des einmal Trennenden längst geleistet wurde –
die Entwicklung gibt Rahner recht, wenn auch unter Umgehung einer
offiziellen institutionellen Wiedervereinigung. Denn tatsächlich sind die
katholischen Bischöfe in ihren öffentlichen Aussagen vom ökumenischen
Leben an der Kirchenbasis längst abgekoppelt – die Gemeinden sind ihnen
meilenweit voraus, die ökumenischen Früchte sind längst bunt und saftig.
Das zeigen nicht nur gemeinsame Reformationstage und
Fronleichnamsprozessionen, auch die sakramentalen Grundvollzüge beider
Kirchen weisen heute schon eine gemeinsame Praxis auf, die endlich auch zur
Kenntnis zu nehmen ist – von der Taufe über Trauungen bis hin zur
Teilnahme an Priesterweihen resp. Ordinationen – das gemeinsame Abendmahl
ist da längst geübte Praxis. Was die Kirchenoberen unter Ausschluss der Öffentlichkeit
sagen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Sätze wie „Wenn Ihr mich
fragt, muss ich nein sagen – tut es einfach!“, die nicht nur von
Kardinal Lehmann kolportiert werden, provozieren daher berechtigten Ärger.
Doch sie weisen paradoxer Weise in die richtige Richtung: Die
hellsichtigeren unter den deutschen Oberhirten lassen sich von Rom – noch!
– die Hände binden, also müssen es die richten, die es angeht: die mündigen
Christinnen und Christen. Es wäre doch absurd, den Weg wieder zurückzugehen,
um ausgerechnet das kirchliche Leitungspersonal nicht zu überfordern
… die Bischöfe werden schon folgen.
Als Kurzfassung in Publik Forum, 11-2007 vom 08.06.07, S. 65 unter dem
Titel "Wieviel Schärfe darf´s denn sein?" erschienen.
