zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
Initiative Kirche von unten

Hintergrundinformationen zum KOMMENTAR vom 31.05.06

Die Leitlinie. 
Katholische Vergangenheitspolitik 60 Jahre nach Kriegsende.

Im Sommer 2000 erschreckte ein Bericht des TV-Magazins Report die deutschen Christinnen und Christen: Auch die Kirchen hatten vom System der Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland profitiert! Reflexhaft wurden Relativierungen bemüht: Zwangsarbeit sei in kirchlichen Einrichtungen nicht so schlimm gewesen! Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit wurden bald Nachforschungen angestellt und "Entschädigungsfonds" eingerichtet, die ihre Arbeit inzwischen abgeschlossen haben.

Warum bedurfte es dieses Anstosses von außen? War der Verdacht nicht naheliegend, daß auch die Kirchen - als Teil der NS-Gesellschaft - zu den Profiteuren des Ausbeutungssystems gehören könnten? Für die römisch-katholische Kirche ist die Frage leicht zu beantworten: Verschweigen, Abwiegeln, schließlich das Reagieren erst auf unabwendbaren Druck von außen entspricht der vergangenheitspolitischen Leitlinie, die seit Kriegsende - intakt ist. 60 Jahre nach dem Ende des deutschen Faschismus steht daher noch immer und immer wieder die Vergangenheitspolitik dieser Kirche zur Debatte: die Art und Weise des Umgangs mit dem eigenen Verhalten und Versagen im Faschismus.

Drei Monate nach Kriegsende versammelten sich die deutschen Bischöfe in Fulda zu ihrer ersten Konferenz. In ihrem Gemeinsamen Hirtenbrief nach beendetem Krieg vom 23. August 1945 formulierten sie die Grundlage der Interpretation der jüngsten Vergangenheit. Angesichts der Tatsache, daß die katholische Kirchenleitung faktisch die Vorstellungen und Ziele des NS-Regimes aktiv unterstützt hatte, kommt diesem Dokument für die Entwicklung des Katholizismus eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu. Doch nicht Schuldbewusstsein und Scham über eigenes Versagen war hier zu lesen, sondern das Bewusstsein, als einzige gesellschaftliche Instanz moralisch und historisch unbelastet die Jahre der Diktatur überstanden zu haben: 1. Die Mehrheit der Katholiken hat sich in der Zeit des NS nichts zuschulden kommen lassen und sich hervorragend verhalten, und 2. allenfalls Einzelne haben versagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit jedoch keinesfalls. Hier wird ein gesellschaftspolitischer Führungsanspruch für die jetzt kommende Zeit angemeldet - und in den folgenden Jahren im Westen des Landes konsequent umgesetzt.

Sämtliche Bischofsworte von 1945 bis 1949 boten dieses Schauspiel einer Verzerrung der historischen Wirklichkeit und der Schönfärberei des eigenen Verhaltens - dies durchaus im nationalen Konsens. Anderslautende Stimmen, etwa aus dem Kreis der Frankfurter Hefte wurden bald marginalisiert: Die Publizisten Walter Dirks und Eugen Kogon traten schon unmittelbar nach dem Ende der Diktatur für eine konsequente Analyse der Erfahrung des deutschen Faschismus ein, jenseits von Verdrängen und Verschweigen; sie warnten auch vor einem sich bereits früh abzeichnenden Konsens des Schweigens in Kirche und Gesellschaft, der für die Entwicklung der jungen demokratischen Republik eine schlimme Hypothek darstellen musste und forderten Aufklärung und nachhaltige Konsequenzen ein.

In der entstehenden BRD erfüllte das Beschweigen der Vergangenheit die Funktion der Verwandlung von Nazis in BürgerInnen der Demokratie. Die politische Legitimation des neuen Staates wurde durch Amnestie und Reintegration erkauft, die Wahrnehmung des Unrechtscharakters des NS-Staates beschränkte sich sehr bald auf die Kriegsjahre. In den Kirchen fand der Versuch der Vernichtung des europäischen Judentums durch Christen in Theologie und Kirchenpolitik keine angemessene Reaktion. Während jedoch in den protestantischen Kirchen durch das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 der Ansatz einer schuldreflexiven Auseinandersetzung vorliegt, hatte in der katholischen Kirche das Versagen vor 1945 sowie das Verdrehen dieses Versagens in sein Gegenteil nach 1945 für die Entwicklung des deutschen Katholizismus verdeckte und nachhaltig wirkende Konsequenzen - und dies bis in unsere Zeit, in Pastoral, Theologie und Kirchenstruktur.

Anfang der 60er Jahre diagnostizierte der katholische Historiker und Publizist Friedrich Heer ein "gigantisches Verdeckungsmanöver", das mithilfe des Mythos vom Widerstand der Kirche Geschichtsklitterung reinster Spielart produziert hatte. In den Folgejahren wurde dies im Prinzip durchgehalten, wie etwa in der Erklärung der deutschen Bischöfe zum 50. Jahrestag der "Machtergreifung" vom 30. Januar 1983: "Wir dürfen aber auch erneut bezeugen, daß Kirche und Glaube eine der stärksten Kräfte im Widerspruch, ja Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren, in mancher Hinsicht sogar die stärkste." 

Seit dem Pontifikat Johannes Paul II. kam ein neuer Akzent hinzu: "Die Absicht, dieses immer noch große Defizit in der Wahrheitsfindung und Wahrheitsbekundung über die Rolle und Praxis der Kirche im Dritten Reich damit auszufüllen, dass man Frauen und Männer selig und heilig spricht, die sich - gegen die Interessen und Weisungen der Kirchenleitung - auf den politischen Widerstand eingelassen haben, (...)" beschreibt Alexander Groß diese Strategie; sein Vater Nikolaus Groß war aus der katholischen Arbeiterbewegung heraus im Widerstand aktiv und wurde am 23. Januar 1945 nach schwerer Folter in Plötzensee ermordet. Im Oktober 2001 wurde er von Johannes Paul II. selig gesprochen.

Diese Politik wird in der deutschen Kirche seit den 90er Jahren dankbar aufgegriffen, denn sie erlaubt es, durch den Kunstgriff der "Personalisierung von Geschichte" die Widerstandstätigkeit von Menschen für das kirchliche Versagen zu instrumentalisieren - so z.B. im Wort der deutschen Bischöfe zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren vom 24. April 1995: Nachdem die Leitlinie des Hirtenschreibens von 1945 noch einmal bestätigt wurde, zeichnet das Bischofswort das Bild eines eindrucksvollen Widerstandes gegen das NS-Regime, in Übereinstimmung mit der Kirchenleitung (!): Exemplarisch werden acht katholische Christen im Widerstand genannt, im Kontext von "zwölftausend katholischen Priestern" - so entsteht das statistisch unterfütterte Gemälde eines geschlossenen Widerstandes der Kirche in ihren Protagonisten, von Bernhard Letterhaus bis Willi Graf. Gerade Willi Graf aus dem Kreis der Weißen Rose schrieb jedoch 1942: "Die Art und Erziehung, wie wir in der Religion aufwuchsen, sind denkbar schlecht und voller Unmöglichkeiten. Innerlich war dieses ganze Gebäude hohl und voller Risse."

Für Alexander Groß lautet daher die zentrale Frage: Weshalb unternahm die Kirchenleitung alles, um katholische Frauen und Männer davon abzuhalten, ihrem Gewissen zu folgen und politischen Widerstand gegen das Unrechtssystem zu leisten?

Höchste Priorität für das politische kirchliche Handeln hatte die von den Bischöfen vorgebene Linie der Geschlossenheit des katholischen Lagers. Dies führte 1933 zunächst zu einem Prozess der Klärung und Vereinheitlichung innerhalb des deutschen Katholizismus - die Machtergreifung der Nazis und ihre "nationale Revolution" bot nun die Gelegenheit, eine historische und in den Augen der Bischöfe missliebige Entwicklung zu korrigieren: Anders als in den romanischen Ländern hatte sich im deutschen Katholizismus eine dezidiert politische Richtung entwickelt, die in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Publikationen lebte und die nach Meinung der kirchlichen Hierarchie viel zu unabhängig vom Einfluss des Episkopates agierte.

Dies kann am Beispiel der katholischen Jugendverbände sehr schön gezeigt werden: Das spezifisch deutsche Phänomen der Jugendbewegung hatte in den 20er Jahren auch die katholischen Jugendgruppen stark geprägt und sie gegen kirchliche Bevormundung sensibilisiert. Die Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit von Verbänden wie Quickborn und Bund Neudeutschland war vielen Bischöfen längst ein Dorn im Auge. Bereits 1934 machten sie daher den Vorschlag der Überführung aller Jugendgruppen in die HJ - vielleicht hatte ihnen die Souveränität imponiert, mit der der evangelische "Reichsbischof" Müller Ende 1933 den gleichen Schritt für die evangelischen Verbände mit "Reichsjugendführer" Baldur von Schirach ausgehandelt hatte. Doch die katholischen Jugendleitungen intervenierten beim Papst, und dieser lehnte den Vorschlag der Bischöfe ab! Zwei Jahre später löste die Bischofskonferenz den Konflikt auf dem Verwaltungsweg: Die vereinheitlichende Neuordnung der Jugendarbeit und die Einrichtung der kirchlichen Jugendämter nutzte 1936 die Zwangslage der Gruppen aus, die aufgrund des Verbotes jeglichen öffentlichen Auftretens, von Sport und Wandern außerhalb der HJ auf die überlebensnotwendige Anbindung an eine Pfarrei angewiesen waren - dies führte faktisch zu verstärkter kirchlicher Kontrolle bis über 1945 hinaus, die im Grunde bis heute nicht wieder rückgängig gemacht wurde.

Weder in Kirche noch in Gesellschaft fand nach 1945 eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Faschismus statt - und dieses Versäumnis wirkt bis heute fort. Der Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano prägte hierfür den Begriff der "zweiten Schuld", die zum Spiegelbild der ersten geworden war. Grundsätzlich bleibt die erschütternde Erkenntnis, dass nach 1945 in Kirche und Gesellschaft der BRD ein "Konsens des Schweigens" über die Zeit des Nationalsozialismus funktionierte, mit fatalen Wechselwirkungen - dieser Konsens ist bis heute intakt, denn noch immer wird über bestimmte Themen geschwiegen. Er kann nur gewaltsam, von außen aufgebrochen werden, wie das Beispiel der Zwangsarbeit deutlich gezeigt hat.

Eine ganz alltägliche Erfahrung illustriert, dass das Thema "Vergangenheitspolitik" für viele Menschen ein irritierender Fragenkomplex zu sein scheint: Auf die Frage nach dem Umgang der Kirche mit dem NS beantworten die meisten Menschen die nicht gestellte Frage nach dem Verhalten der Kirche in der Zeit des NS selbst - es liegt paradoxerweise näher, auf die weiter zurückliegende Zeit 1933-45 zu blicken und Schuld allein dort zu identifizieren.

Das ist zum einen ein Hinweis darauf, wie virulent die offenbar unzureichende Bearbeitung und Aufklärung über dieses Thema im katholischen (Rest-) Milieu mittlerweile geworden ist, andererseits zeigt dieses Phänomen deutlich, dass das Bewusstsein der aktuellen Verantwortung für einen angemessenen Umgang mit jener Zeit erschreckend unterentwickelt ist.

Bernd Hans Göhrig

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