Hintergrundinformationen zum KOMMENTAR vom 31.05.06
Die
Leitlinie.
Katholische Vergangenheitspolitik 60 Jahre nach Kriegsende.
Im
Sommer 2000 erschreckte ein Bericht des TV-Magazins Report
die deutschen Christinnen und
Christen: Auch die Kirchen hatten vom System der Zwangsarbeit im
nationalsozialistischen Deutschland profitiert! Reflexhaft wurden
Relativierungen bemüht: Zwangsarbeit sei in kirchlichen Einrichtungen nicht
so schlimm gewesen! Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit wurden bald
Nachforschungen angestellt und "Entschädigungsfonds"
eingerichtet, die ihre Arbeit inzwischen abgeschlossen haben.
Warum
bedurfte es dieses Anstosses von außen? War der Verdacht nicht naheliegend,
daß auch die Kirchen - als Teil der NS-Gesellschaft - zu den Profiteuren
des Ausbeutungssystems gehören könnten? Für die römisch-katholische
Kirche ist die Frage leicht zu beantworten: Verschweigen, Abwiegeln, schließlich
das Reagieren erst auf unabwendbaren Druck von außen entspricht der
vergangenheitspolitischen Leitlinie, die seit Kriegsende - intakt ist. 60
Jahre nach dem Ende des deutschen Faschismus steht daher noch immer und
immer wieder die Vergangenheitspolitik dieser Kirche zur Debatte: die Art
und Weise des Umgangs mit dem eigenen Verhalten und Versagen im Faschismus.
Drei
Monate nach Kriegsende versammelten sich die deutschen Bischöfe in Fulda zu
ihrer ersten Konferenz. In ihrem Gemeinsamen
Hirtenbrief nach beendetem Krieg vom 23. August 1945 formulierten sie
die Grundlage der Interpretation der jüngsten Vergangenheit. Angesichts der
Tatsache, daß die katholische Kirchenleitung faktisch die Vorstellungen und
Ziele des NS-Regimes aktiv unterstützt hatte, kommt diesem Dokument für
die Entwicklung des Katholizismus eine kaum zu überschätzende Bedeutung
zu. Doch nicht Schuldbewusstsein und Scham über eigenes Versagen war hier
zu lesen, sondern das Bewusstsein, als einzige gesellschaftliche Instanz
moralisch und historisch unbelastet die Jahre der Diktatur überstanden zu
haben: 1. Die Mehrheit der Katholiken hat sich in der Zeit des NS nichts
zuschulden kommen lassen und sich hervorragend verhalten, und 2. allenfalls
Einzelne haben versagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit jedoch keinesfalls.
Hier wird ein gesellschaftspolitischer Führungsanspruch für die jetzt
kommende Zeit angemeldet - und in den folgenden Jahren im Westen des Landes
konsequent umgesetzt.
Sämtliche
Bischofsworte von 1945 bis 1949 boten dieses Schauspiel einer Verzerrung der
historischen Wirklichkeit und der Schönfärberei des eigenen Verhaltens -
dies durchaus im nationalen Konsens. Anderslautende Stimmen, etwa aus dem
Kreis der Frankfurter Hefte wurden bald marginalisiert: Die Publizisten Walter
Dirks und Eugen Kogon traten schon unmittelbar nach dem Ende der Diktatur für
eine konsequente Analyse der Erfahrung des deutschen Faschismus ein,
jenseits von Verdrängen und Verschweigen; sie warnten auch vor einem sich
bereits früh abzeichnenden Konsens des Schweigens in Kirche und
Gesellschaft, der für die Entwicklung der jungen demokratischen Republik
eine schlimme Hypothek darstellen musste und forderten Aufklärung und
nachhaltige Konsequenzen ein.
In
der entstehenden BRD erfüllte das Beschweigen der Vergangenheit die
Funktion der Verwandlung von Nazis in BürgerInnen der Demokratie. Die
politische Legitimation des neuen Staates wurde durch Amnestie und
Reintegration erkauft, die Wahrnehmung des Unrechtscharakters des NS-Staates
beschränkte sich sehr bald auf die Kriegsjahre. In den Kirchen fand der
Versuch der Vernichtung des europäischen Judentums durch Christen in
Theologie und Kirchenpolitik keine angemessene Reaktion. Während jedoch in
den protestantischen Kirchen durch das Stuttgarter
Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 der Ansatz einer schuldreflexiven
Auseinandersetzung vorliegt, hatte in der katholischen Kirche das Versagen
vor 1945 sowie das Verdrehen dieses Versagens in sein Gegenteil nach 1945 für
die Entwicklung des deutschen Katholizismus verdeckte und nachhaltig
wirkende Konsequenzen - und dies bis in unsere Zeit, in Pastoral, Theologie
und Kirchenstruktur.
Anfang
der 60er Jahre diagnostizierte der katholische Historiker und Publizist
Friedrich Heer ein "gigantisches Verdeckungsmanöver", das
mithilfe des Mythos vom Widerstand der Kirche Geschichtsklitterung reinster
Spielart produziert hatte. In den Folgejahren wurde dies im Prinzip
durchgehalten, wie etwa in der Erklärung der deutschen Bischöfe zum 50.
Jahrestag der "Machtergreifung" vom 30. Januar 1983: "Wir dürfen
aber auch erneut bezeugen, daß Kirche und Glaube eine der stärksten Kräfte
im Widerspruch, ja Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren, in
mancher Hinsicht sogar die stärkste."
Seit
dem Pontifikat Johannes Paul II. kam ein neuer Akzent hinzu: "Die
Absicht, dieses immer noch große Defizit in der Wahrheitsfindung und
Wahrheitsbekundung über die Rolle und Praxis der Kirche im Dritten Reich
damit auszufüllen, dass man Frauen und Männer selig und heilig spricht,
die sich - gegen die Interessen und Weisungen der Kirchenleitung - auf den
politischen Widerstand eingelassen haben, (...)" beschreibt Alexander
Groß diese Strategie; sein Vater Nikolaus Groß war aus der katholischen
Arbeiterbewegung heraus im Widerstand aktiv und wurde am 23. Januar 1945
nach schwerer Folter in Plötzensee ermordet. Im Oktober 2001 wurde er von
Johannes Paul II. selig gesprochen.
Diese
Politik wird in der deutschen Kirche seit den 90er Jahren dankbar
aufgegriffen, denn sie erlaubt es, durch den Kunstgriff der
"Personalisierung von Geschichte" die Widerstandstätigkeit von
Menschen für das kirchliche Versagen zu instrumentalisieren - so z.B. im Wort
der deutschen Bischöfe zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor
50 Jahren vom 24. April 1995: Nachdem die Leitlinie des Hirtenschreibens
von 1945 noch einmal bestätigt wurde, zeichnet das Bischofswort das Bild
eines eindrucksvollen Widerstandes gegen das NS-Regime, in Übereinstimmung
mit der Kirchenleitung (!): Exemplarisch werden acht katholische Christen im
Widerstand genannt, im Kontext von "zwölftausend katholischen
Priestern" - so entsteht das statistisch unterfütterte Gemälde eines
geschlossenen Widerstandes der Kirche in ihren Protagonisten, von Bernhard
Letterhaus bis Willi Graf. Gerade Willi Graf aus dem Kreis der Weißen
Rose schrieb jedoch 1942: "Die Art und Erziehung, wie wir in der
Religion aufwuchsen, sind denkbar schlecht und voller Unmöglichkeiten.
Innerlich war dieses ganze Gebäude hohl und voller Risse."
Für
Alexander Groß lautet daher die zentrale Frage: Weshalb unternahm die
Kirchenleitung alles, um katholische Frauen und Männer davon abzuhalten,
ihrem Gewissen zu folgen und politischen Widerstand gegen das Unrechtssystem
zu leisten?
Höchste
Priorität für das politische kirchliche Handeln hatte die von den Bischöfen
vorgebene Linie der Geschlossenheit des katholischen Lagers. Dies führte
1933 zunächst zu einem Prozess
der Klärung und Vereinheitlichung innerhalb des deutschen Katholizismus -
die Machtergreifung der Nazis und ihre "nationale Revolution" bot
nun die Gelegenheit, eine historische und in den Augen der Bischöfe missliebige
Entwicklung zu korrigieren: Anders als in den romanischen Ländern hatte
sich im deutschen Katholizismus eine dezidiert politische Richtung
entwickelt, die in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Publikationen
lebte und die nach Meinung der kirchlichen Hierarchie viel zu unabhängig
vom Einfluss des Episkopates agierte.
Dies
kann am Beispiel der katholischen Jugendverbände sehr schön gezeigt
werden: Das spezifisch deutsche Phänomen der Jugendbewegung hatte in den
20er Jahren auch die katholischen Jugendgruppen stark geprägt und sie gegen
kirchliche Bevormundung sensibilisiert. Die Selbstbestimmung und
Eigenverantwortlichkeit von Verbänden wie Quickborn
und Bund Neudeutschland war vielen Bischöfen längst ein Dorn im Auge.
Bereits 1934 machten sie daher den Vorschlag der Überführung aller
Jugendgruppen in die HJ - vielleicht hatte ihnen die Souveränität
imponiert, mit der der evangelische "Reichsbischof" Müller Ende
1933 den gleichen Schritt für die evangelischen Verbände mit
"Reichsjugendführer" Baldur von Schirach ausgehandelt hatte. Doch
die katholischen Jugendleitungen intervenierten beim Papst, und dieser
lehnte den Vorschlag der Bischöfe ab! Zwei Jahre später löste die
Bischofskonferenz den Konflikt auf dem Verwaltungsweg: Die
vereinheitlichende Neuordnung der Jugendarbeit und die Einrichtung der
kirchlichen Jugendämter nutzte 1936 die Zwangslage der Gruppen aus, die
aufgrund des Verbotes jeglichen öffentlichen Auftretens, von Sport und
Wandern außerhalb der HJ auf die überlebensnotwendige Anbindung an eine
Pfarrei angewiesen waren - dies führte faktisch zu verstärkter kirchlicher
Kontrolle bis über 1945 hinaus, die im Grunde bis heute nicht wieder rückgängig
gemacht wurde.
Weder
in Kirche noch in Gesellschaft fand nach 1945 eine Auseinandersetzung mit
der eigenen Rolle im Faschismus statt - und dieses Versäumnis wirkt bis
heute fort. Der Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano prägte hierfür
den Begriff der "zweiten Schuld", die zum Spiegelbild der ersten
geworden war. Grundsätzlich bleibt die erschütternde Erkenntnis, dass nach
1945 in Kirche und Gesellschaft der BRD ein "Konsens des
Schweigens" über die Zeit des Nationalsozialismus funktionierte, mit
fatalen Wechselwirkungen - dieser Konsens ist bis heute intakt, denn noch
immer wird über bestimmte Themen geschwiegen. Er kann nur gewaltsam, von außen
aufgebrochen werden, wie das Beispiel der Zwangsarbeit deutlich gezeigt hat.
Eine
ganz alltägliche Erfahrung illustriert, dass das Thema
"Vergangenheitspolitik" für viele Menschen ein irritierender
Fragenkomplex zu sein scheint: Auf die Frage nach dem Umgang der Kirche mit
dem NS beantworten die meisten Menschen die nicht gestellte Frage nach dem
Verhalten der Kirche in der Zeit
des NS selbst - es liegt paradoxerweise näher, auf die weiter zurückliegende
Zeit 1933-45 zu blicken und Schuld allein dort zu identifizieren.
Das ist zum einen ein Hinweis darauf, wie virulent die offenbar unzureichende Bearbeitung und Aufklärung über dieses Thema im katholischen (Rest-) Milieu mittlerweile geworden ist, andererseits zeigt dieses Phänomen deutlich, dass das Bewusstsein der aktuellen Verantwortung für einen angemessenen Umgang mit jener Zeit erschreckend unterentwickelt ist.
Bernd Hans Göhrig
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