zuletzt aktualisiert: 27.03.2008
Initiative Kirche von unten

Interview mit Marina Barré über Ihre Arbeit im Ikvu-Büro

 

 

Die gute Seele des IKvu-Büros

Marina Barré wurde am 3. März 1977 in Rennes (Bretagne) geboren. Ihre Leidenschaften als Schülerin waren Crêpes-backen, rechte Wahlplakate sammeln und auf Demos gehen: für die staatliche Schule und gegen die "Front national". Nach dem bac 1995 besuchte sie eine classe prépa in Angers (Anjou) und Rennes und studierte dann germanistique in Angers. Magisterarbeit mit dem Titel "Der Sturm 191o - eine Zeitschrift auf der Suche nach ihrer Identität" (1999). 1998-2000 lehrte Marina als Fremdsprachenassistentin an einer Realschule in Bonn. Aufgrund der katastrophalen Studienbedingungen für sog. "Auslandsstudierende" ist sie seit 1999 Studentin der Inlandsgermanistik und Auslandsromanistik an der Uni Bonn. Ab 2002 wartet ihre Promotion über die Filme von Wim Wenders auf sie.

Marina wohnt im Oscar-Romero-Haus und arbeitet seit Januar 2001 als gute Seele für Adress- und Finanzwesen im Büro der IKvu im Oscar-Romero-Haus in Bonn.

Qb: Marina, um Dich vorzustellen - beginnen wir doch einfach mit der Deutschen liebstem Thema: Bist du stolz, Französin zu sein?

Marina: Nein - wie soll frau auf ein Land stolz sein, in dem 15 % der Bevölkerung ganz offensichtlich rechtsradikal eingestellt sind, und in dem die Geschichte ziemlich dunkle Seiten hat? Oder sollte ich stolz sein auf Algerienkrieg, Kollaboration, Asylpolitik?

Qb: Dann ist ja klar, was du von der Nationalstolz-Debatte hier in D. hältst?

Marina: Klar - ich halte es für gefährlich, dass Menschen überhaupt auf ihre Nationalzugehörigkeit stolz sind. Nach allem, was im Namen der Nation in den letzen 200 Jahren passiert ist, scheint´s mir ethisch ziemlich unglaubwürdig, dass man sich noch immer darauf beruft.

Qb: Gut, gut - aber warum bist Du dann ausgerechnet in D. gelandet?

Marina: Weil ich mich schon immer für dieses Land interessiert habe.

Qb: Aber... das ist in F. heute unter Jugendlichen nicht mehr "in", oder?

Marina: Eben.

Qb: ???

Marina: Ja, weil es ungewöhnlich war - ich fand´s schön, etwas anderes zu machen, nicht wie alle Anderen Englisch zu lernen.

Qb: Und was hältst du von der IKvu?

Marina: Ich bin schon seit ziemlich langer Zeit überzeugte Atheistin. Allerdings ist das Einzige, was ich immer von Kirche mitbekommen hatte: "Der Papst hat gesagt..." - was meistens nicht so erfreulich ist. Dagegen befasst sich die IKvu mit Problemen, die für Nichtgläubige wie mich durchaus interessant sind.

Qb: Bei deinen Studienfächern liegt die Frage nach deinen LieblingsautorInnen nahe...?

Marina: Beckett, Thomas Bernhardt, François Bon, Jean-PhilippeToussaint und Alban Lefranc.

Qb: Wer ist der Letzte?

Marina: Ein junger Autor der Dresdner Literatur- und Filmszene, der einen sehr schönen Stil hat - zwischen Depression und Lachkrämpfen.

Qb: Kleine Seitenfrage - und wie findest du den neuen Uderzo?

Marina: Ich hab ihn immer noch nicht gelesen.

Qb: Ah ja - zurück zu den Fragen, die das Leben schrieb: Was bedeutet es für dich, ausgerechnet in einer WG im Oscar-Romero-Haus gelandet zu sein, das ja kein gewöhnliches Wohnheim ist?

Marina: Sich gegen die vorhandenen ungerechten Verhältnisse aufzulehnen, um daran etwas zu ändern. Aber dieser Anspruch sieht in der Realität oft sehr klein aus, es kommt selten dazu, dass wirklich etwas bewegt wird.

Qb: Das ist doch ein schönes Schlusswort! Danke für das Gespräch.  

Das Interview führte Bernd Hans Göhrig und erschien zuerst im Querblick. Rundbrief der IKvu 2/2001.