zuletzt aktualisiert: 27.03.2008
Initiative Kirche von unten

Zwangsarbeiter in der Kirche 

 

 

Interview der "Jungen Welt" mit Thomas Wystrach

Sollen Kirchen für Zwangsarbeiter zahlen?

jW fragte Thomas Wystrach, Pressesprecher der Initiative Kirche von unten (IKvu)

F: Die Deutsche Bischofskonferenz will auf ihrem ständigen Rat der Bischöfe am 28. August in Würzburg über die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter entscheiden. Was motiviert die Kirche nach 55 Jahren zu diesem Schritt?

Ich denke, dass der Impuls von der Presse gekommen ist. Wir finden es als kirchenkritische Gruppe beschämend, dass diese Verstrickung in das NS-Unrechtssystem bis heute innerkirchlich totgeschwiegen wurde. Die Debatte um die Entschädigung der Zwangsarbeiter wird schon seit über 20 Jahren so geführt. In der Kirche ist keiner auf die Idee gekommen, von sich aus nachzufragen, wie wir beteiligt waren.

F: Gab es also gar keine Auseinandersetzung zu diesem Thema?

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben damals über einige ihrer Hilfswerke einiges an Geld nach Polen und in die Sowjetunion gegeben. Das wurde zwar nicht direkt als Entschädigung bezeichnet, aber ich denke, dass in der Kirchenleitung ein schlechtes Gewissen eine Rolle gespielt hat. Sie haben sich vielleicht ein wenig daran erinnert, dass die Kirche, durch die Erzeugung des Feindbildes Bolschewismus in kirchlichen Aufrufen und Predigten, mit verantwortlich war. Auch hat die Kirche die Nationalsozialisten anfangs als jemand, der gegen den sogenannten gottlosen Bolschewismus kämpft, begrüßt. Ich glaube, dass sie deswegen über ihre kirchlichen Hilfswerke versucht haben, einen Teil wieder gut zumachen.

F: Die aktuelle Debatte erweckt den Eindruck, dass die katholische Kirche immer nur gerade soviel eingesteht, wie die Presse aufgedeckt hat. Auf eine ehrliche Auseinandersetzung lässt das nicht gerade schließen.

Daran ist erst mal nichts Unübliches. Die Kirche kann allerdings mit ihrem sehr hohen moralischen Anspruch nicht behaupten, richtig gehandelt zu haben, und dann, sobald man ihnen was nachweist, es doch zugeben. Es findet keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema statt, weil Verfehlungen personalisiert werden. Es werden also nur vereinzelt Fehler eingestanden. Als Ganzes wird es der Kirche nicht zugerechnet. Man kann aber die Verdienste von irgendwelchen Heiligen nicht der ganzen Kirche zurechnen und die Fehler als einzelne Fehler darstellen. Außerdem wird behauptet, dass die Zwangsarbeiter unter der Knute der Kirche eigentlich gut behandelt worden seien. Das finde ich sehr zynisch. Die Kirche als kulturprägende Kraft, die sie damals mit Sicherheit war, hat eine gewisse Verantwortung. Denn das Feindbild vom Bolschewismus, das die Kirche vertreten hat, hat dazu geführt, dass gegenüber den osteuropäischen Zwangsarbeitern eine unheimliche Brutalität geherrscht hat.

F: Gibt es eine unterschiedliche Herangehensweise an die Zwangsarbeiterdebatte bei den großen Kirchen?

Insgesamt gibt es schon eine gewisse Vergleichbarkeit, denn beide Kirchen haben sich in den letzten 50 Jahren um das Thema herumgedrückt. Die evangelische Kirche hat jedoch bereits zugesagt, sich mit zehn Millionen DM an diesem Fonds zu beteiligen. Aber wir von der IKvu-Initiative haben mit dem Entschädigungsfonds Bedenken. Denn im Moment sieht es so aus, dass dieser Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds nur dazu dient, daß die großen Firmen sich freikaufen können. In diesem Fall wäre eine Beteiligung der Kirche falsch.

F: Wieso ergreifen die Kirchen dann nicht selbst die Initiative?

Wir fordern beide Kirchen in Deutschland dazu auf, sofort ihre bestehenden Infrastrukturen zu nutzen. Denn die haben durch ihre Hilfswerke Ansprechpartner in Polen und der Sowjetunion. Dort könnte mit Kirchensteuermitteln oder durch kirchliches Vermögen über internationale Kooperation den Zwangsarbeitern sicherlich sehr gut geholfen werden. Man kann nach nach 55 Jahren nicht glauben, dass man mit Geld etwas wiedergutmachen kann. Es ist aber wichtig, den Leuten, die jetzt in sozial und gesundheitlich schlechter Verfassung leben, zu helfen.

F: Inwiefern müsste die katholische Kirche noch mehr in die politische Verantwortung genommen werden, wenn man bedenkt, dass es in der christlichen Kirche besonders in der polnischen und rumänischen katholischen Kirche antisemitische Tendenzen gibt?

Man kann die römisch-katholische Kirche in Deutschland nicht für Entwicklungen in der polnischen Kirche verantwortlich machen. Ich glaube, es es nicht Aufgabe ausgerechnet der Deutschen, den Polen zu sagen, wie sie vom Antisemitismus Abstand nehmen sollen - gerade wo wir hier in Deutschland ein Wiederaufleben zu beklagen haben.

F: In der katholischen Kirche in Deutschland spielen diese antisemitischen Tendenzen also keine Rolle?

Der Antisemitismus ist unter Mitgliedern der römisch- katholischen Kirche genauso weit verbreitet wie in der gesamten Bevölkerung. Die römisch-katholische Kirche hat spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) eine Abkehr von ihrer traditionell christlichen Judenfeindschaft verabschiedet. Da hat es in der evangelischen Kirche schon eher Tendenzen gegeben, eine arische oder deutsche Nationalkirche zu gründen. Die römisch-katholische Kirche hat sich daran nicht beteiligt. Sie haben zum Beispiel ihre getauften ehemaligen jüdischen Katholiken nicht ausgeschlossen.

Interview: Marlies Witte