zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
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VATIKAN BEREITET DIE VERURTEILUNG DES THEOLOGEN JON SOBRINO VOR



Die spanische Tageszeitung EL MUNDO veröffentlicht am 10. März 2007 folgenden Artikel:

Die von Kardinal Joseph Levada geleitete Glaubenskongregation hat eine öffentliche Verurteilung des salvadorianischen Theologen Jon Sobrino vorbereitet. Sie soll in der kommenden Woche publiziert werden. Der Vatikan bezichtigt einen der hervorragendsten Vertreter der Befreiungstheologie, das göttliche Selbstbewusstein des historischen Jesus nicht uneingeschränkt zu vertreten. Die Verurteilung hat zur Folge, dass dem Theologen verboten wird, Theologie zu lehren bzw. Bücher zu publizieren, die das Plazet der Kirche haben.

Die Verurteilung Sobrinos ist entschieden. Das Dokument ist vorbereitet. Es soll am 15. März veröffentlicht werden. Das vom Kardinal Levada, der dem heutigen Papst an der Spitze des ehemaligen "Heiligen Offiziums" nachfolgte, unterzeichnete Schriftstück bezichtigt Jon Sobrino, die Gestalt des historischen Jesus zu verfälschen, nämlich "nicht uneingeschränkt zu vertreten, dass der historische Jesus ein göttliches Selbstbewusstsein hatte".

Im Grund bezichtigt Rom den salvadorianischen Theologen, der alten Häresie des Monophysitismus zu verfallen. Das heißt, einseitig die Menschheit Jesu hervorzuheben und seine Göttlichkeit zu unterschlagen. Mit dem Verweis auf dieses Vergehen ordnet der Heilige Stuhl für den Jesuiten-Theologen folgende Strafe an: Verbot in kirchlichen Studienzentren Theologie zu lehren bzw. Bücher mit dem Plazet der kirchlichen Behörde zu veröffentlichen, also ein absolutes Schweigegebot.

Sowohl die Gesellschaft Jesu, zu der Jon Sobrino gehört, als auch der Theologe selbst kennen das vatikanische Schriftstück bereits. Unter anderem deshalb, weil Rom vor der Entscheidung über die Verurteilung den Theologen aufgefordert hatte, sich schriftlich zu korrigieren. Sobrino übergab die Angelegenheit seinem Superior Pater Kolvenbach, dem Generaloberen des Jesuitenordens, der - wie EL MUNDO erfahren hat - Sobrino antwortete: "Denk darüber nach; jegliche Entscheidung, die du triffst, wird der Orden unterstützen." Nachdem Sobrino nachgedacht hatte, entschied er sich, keine Korrektur vorzunehmen.

Der Claretianer-Theologe Evaristo Villa, Leiter der Internet-Agentur "Redes Cristianas" traf Sobrino beim Weltsozialforum in Nairobi: "Als wir davon erfuhren, was man in Rom gegen ihn plante, gaben wir eine Ehrenerklärung (http://www.itpol.de/?p=137)   für ihn ab. Er war schon niedergeschlagen, aber in der Haltung eines Propheten, der erkennt, dass man ihn zu Unrecht verfolgt."

Im Jesuitenorden schweigt man. Dort hofft man immer noch auf ein rettendes Wunder für einen der bedeutsamsten Theologen des Ordens. "Nach so vielen Jahren der Auseinandersetzung sind wir eher erschöpft als empört. Wir haben das Gefühl, es ist hoffnungslos. Aber man hat uns gebeten, nichts zu sagen, weil sich die Lage ja noch in letzter Minute ändern könnte," erklärt einer der Mitbrüder Sobrinos.

Die Theologenvereinigung Johannes XXIII macht darauf aufmerksam: "Sobrino verurteilen heißt einen Theologen von Rang und ein Symbol verurteilen." "Zweifellos ist Sobrino die wichtigste Stütze und einer der großen Lehrmeister der Spiritualität der Befreiung", erklärt der Jesuit Juan Antonio Estrada.

Quelle: http://www.redescristianas.net/  
Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz, Münster