zuletzt aktualisiert: 29.05.2008
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IKvu und Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland


Frankfurt/Main, 29. Mai 2008
 
Gemeinden müssen sich neu orientieren – ökumenische Gemeindekooperation gefordert. Priestergruppen analysieren pastorale Reform in den katholischen Bistümern.
 
Die bundesweite „Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland“ (AGP) nimmt in einem prägnanten Text Stellung zu den Pastoralreformen in den deutschen Bistümern. Darin konfrontiert sie Strukturreformen von oben mit der Pastoralsituation in den Gemeinden.
 
Die Stellungnahme der AGP orientiert sich an den Vorgaben der Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ des II. Vatikanischen Konzils und setzt diese in Verbindung mit der SINUS-Kirchenstudie:
 
„Nicht die Strukturen, sondern die Menschen mit ihren Sorgen und Hoffnungen müssen im Mittelpunkt stehen.“ Dies müsse zu einer Überprüfung der bisherigen Praxis und zu einer neuen Prioritätensetzung führen. Die Zeichen der Zeit erkennen bedeute heute für Gemeinden, „die bisher eher übersehenen Teile der Gesellschaft und Gruppierungen der Gemeinden entschiedener in den Blick nehmen (zu) können. Nur dann ist eine milieusensible Pastoral als eine zeitgemäße Form der Verkündigung des Evangeliums möglich.“
 
Der Text spricht sich nachdrücklich für die Professionalisierung der Pastoral hinsichtlich kirchenferner Milieus aus, ohne die Kirche in Deutschland keine Zukunft habe.
 
Scharf kritisiert die AGP das „ängstlich-kompromisslose Festhalten an geschichtlich gewordenen Kirchenstrukturen“ und einem entsprechenden Amtsverständnis. Von den Kirchenleitungen fordert die AGP insbesondere Neuorientierung und Bekehrung: „Sie müssen in Treue zu den Aussagen des Vatikanischen Konzils die Voraussetzungen einer evangeliumsgemäßen Pastoral schaffen und Wege eröffnen, auf denen die Menschen erreicht werden können.“
 
Das schließe insbesondere „die Anerkennung eines zeitgemäßen, am Evangelium und an den berechtigten Erwartungen und Hoffnungen der Menschen orientierten Priesterbildes bzw. Amtsverständnisses“ ein.
 
Die Beauftragung von bewährten Christinnen und Christen zur Gemeindeleitung, eine größere ökumenische Offenheit und die Ermutigung zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit evangelischen Gemeinden sind für die AGP notwendige konkrete Schritte für eine zeitgemäße Pastoral und zur Sicherung der Zukunft der römisch-katholischen Kirche in Deutschland.
 
In den Priester- und Solidaritätsgruppen der AGP arbeiten seit 1971 Priester und Laien zusammen für eine Reform von Kirche und Gesellschaft. Die AGP ist eine Mitgliedsgruppe des Ökumenischen Netzwerks Initiative Kirche von unten (IKvu).
 
Kontakt:
 
Edgar Utsch, Sprecher der AGP
Tel.: 0209 - 23 7 36
E-mail: Edgar.Utsch[at]t-online.de
 
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TEXT
 
DIE VERHÄLTNISSE GEBEN ZU DENKEN
Stellungnahme der AGP zur zukünftigen Gemeindepastoral
 
Auf ihrer Jahresversammlung vom 12. bis 14. Mai 2008 in Heppenheim hat sich die „Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland“ (AGP) mit dem Thema „Disparate Lebenswelten – Herausforderung für Glauben und Kirche“ beschäftigt. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Sinus-Kirchenstudie, der Strukturreformen in vielen Bistümern und der pastoralen Situation in den Gemeinden wurde die folgende Stellungnahme beschlossen:
 
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände“. (Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“)
 
Diese Einsicht und Haltung des II. Vatikanischen Konzils sollen auch Maßstab und Leitlinie aller pastoralen Planung sein. Nicht die Strukturen, sondern die Menschen mit ihren Sorgen und Hoffnungen müssen im Mittelpunkt stehen. Damit dies geschehen kann, muss die bisherige pastorale Praxis überprüft, neue Prioritäten gesetzt und von lieb gewordenen Gewohnheiten Abschied genommen werden. Dazu wird es häufig einer „Bekehrung“ der Gemeinden bedürfen, damit sie die Zeichen der Zeit – vor allem die Globalisierung der Wirtschaft und des Geldes mit ihren zerstörerischen Konsequenzen – erkennen und die bisher eher übersehenen Teile der Gesellschaft und Gruppierungen der Gemeinden entschiedener in den Blick nehmen können. Nur dann ist eine milieusensible Pastoral als eine zeitgemäße Form der Verkündigung des Evangeliums möglich.
 
Um dieser Aufgabe angemessen gerecht werden zu können, ist auch eine stärkere Professionalisierung der Pastoral nötig. Frauen und Männer sind auszubilden, die als Kontaktpersonen gerade zu kirchenfernen Milieus dienen können. Ohne den Zugang zu diesen Milieus, zu denen insbesondere jüngere Menschen zählen, gibt es keine Zukunft für die Kirche in Deutschland.
 
Aber nicht nur auf der Ebene der Gemeinden sind Neuorientierung und mutige Schritte notwendig, sondern auch von Vertretern der Kirchenleitung – und von ihnen zuerst und in besonderer Weise – ist eine tiefgreifende „Bekehrung“ zu erwarten. Sie müssen in Treue zu den Aussagen des Vatikanischen Konzils die Voraussetzungen einer evangeliumsgemäßen Pastoral schaffen und Wege eröffnen, auf denen die Menschen erreicht werden können.
 
Allerdings herrscht der Eindruck vor, dass die Maßnahmen und Entscheidungen - und die sie angeblich begründende Theologie – des Vatikans und deutscher Bischöfe eher vom ängstlich-kompromisslosen Festhalten an geschichtlich gewordenen Kirchenstrukturen und einem ebenso zeitbedingten und darum veränderbaren Amtsverständnis bestimmt werden, als vom Vertrauen auf den erneuernden Geist Gottes und von der Sorge um das Wohl und Heil der Menschen.
 
Darum fordern wir die Anerkennung eines zeitgemäßen, am Evangelium und an den berechtigten Erwartungen und Hoffnungen der Menschen orientierten Priesterbildes bzw. Amtsverständnisses, das den vielfältigen Diensten in der Kirche entspricht, die Beauftragung zur Leitung von Gemeinden durch in ihrem kirchlichen Engagement bewährte Christinnen und Christen, eine größere ökumenische Offenheit und die Ermutigung zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit evangelischen Gemeinden.
 
Ohne Bekehrung gibt es keine Hinkehr zu den Menschen; ohne diese keine Zukunft für die Kirche in Deutschland.
 
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Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 38 Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.
 
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