zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
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PRESSEMITTEILUNG des Dietrich-Bonhoeffer-Verein 14.06.2006



Kirchenmitgliedschaft ohne Beteiligung am Kirchensteuereinzugsverfahren

dbv-Initiativkreis „Gestalt und Finanzierung von Kirche“ sucht Weg für ein ökumenisches Reformmodell

Der Initiativkreis „Kirchensteuerreform“ – eine Arbeitsgruppe des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins (dbv) – hat sich umbenannt. Auf ihrem Juni-Treffen beschlossen die Mitglieder den neuen Namen „Gestalt und Finanzierung von Kirche“. Der Namenswechsel soll deutlich machen, dass es in dieser Arbeitsgruppe keineswegs nur um finanztechnische und organisatorische Fragen geht. Vielmehr stehen theologische und ekklesiologische Überlegungen im Mittelpunkt. Man möchte an die Tradition der Bekennenden Kirche und an das Wirken Dietrich Bonhoeffers anknüpfen. In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 heißt es: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

Der emeritierte Hamburger Hauptpastor und praktische Theologe Prof. Dr. Axel Denecke erläuterte dem Initiativkreis seine Reformvorstellungen. Sein Referat stand unter dem Thema „ Die ECCLESIA EXTRA MUROS ECCLESIAE wahrnehmen! – Überlegungen zu Taufe, Volkskirche, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer“. Axel Denecke berichtete von seinen Erfahrungen an den Hamburger Hauptkirchen. Viele der Menschen, die mit ihren religiösen, kulturellen und menschlichen Anliegen auf ihn zugekommen seien, hätten formell nicht mehr der Kirche angehört. Dennoch habe es sich dabei in der Mehrzahl um getaufte Christen mit hohem religiösen Engagement gehandelt.

Es sei ein Fehler, so Denecke, wenn die Kirche diese Menschen abschreibe. Auch die neueste EKD-Umfrage bestätige dies, wenn dort festgestellt wird, dass bis zu 6o% (!) der Nicht-Kirchen-Mitglieder ihr Kind gern taufen lassen würden, ohne damit die Verpflichtung, in die Kirche (neu oder erneut) einzutreten, zu verbinden. Daher müssen neue Formen einer Kirchenbindung außerhalb der traditionellen Kirchenmitgliedschaft gesucht werden. In diesem Zusammenhang brachte Denecke die Möglichkeit einer basis- und erfahrungsnahen „Gemeindemitgliedschaft“ ins Gespräch. Eine Zeitlang solle die Kirche beide Mitgliedschaftsformen („Kirchenmitgliedschaft“ und „Gemeindemitgliedschaft“) nebeneinander zulassen.

In dem Initiativkreis „Gestalt und Finanzierung von Kirche“ wurde sodann das neue Schreiben des Vatikans vom 13. März 2006 zum Thema Kirchenaustritt diskutiert. Das Schreiben klärt die zum Beispiel für katholische Eheschließungen wichtige Frage, ob Katholiken, die vor staatlichen Stellen aus der Kirche ausgetreten sind, auch nach kirchlichem Recht als Ausgetretene zu gelten haben. Es wird vom Vatikan erläutert, dass der „Kirchenaustritt“ vor staatlichen Stellen und die damit verbundene Streichung aus staatlichen Kirchensteuerlisten noch keinen Kirchenaustritt im Sinne kirchlichen Rechts darstellen. Ein nach kanonischem Recht gültiger Kirchenaustritt ist erst dann gegeben, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind: (a) die innere Entscheidung, die Katholische Kirche zu verlassen; (b) die Umsetzung und eine äußere Bekundung dieser Entscheidung, und (c) die Entgegennahme dieser Entscheidung durch die zuständige kirchliche Autorität (den zuständigen Ordinarius bzw. Pfarrer). Es gibt also nach katholischer Auffassung eine Kirchenmitgliedschaft auch noch in solchen Fällen, in denen jemand in staatlichen Listen nicht mehr als Kirchenmitglied geführt wird.

In dem Initiativkreis wird die Klarstellung aus dem Vatikan begrüßt. Es muss als Fortschritt gewertet werden, dass der Vatikan nunmehr neben dem staatlichen auch einen kirchlichen Kirchenaustritt zulässt (nachdem man bisher immer vermutete, die katholische Kirche kenne in ihrem kirchlichen Selbstverständnis überhaupt keinen Kirchenaustritt). Umgekehrt ergibt sich hier für die evangelische Kirche völliges Neuland. Die evangelische Kirche kommt aus einem völlig anderen geschichtlichen Hintergrund. Die enge Anbindung der Landeskirchen an die Landesherren hat zu einer Identifizierung von staatlichem und kirchlichem Mitgliedschaftsrecht geführt. Dass jemand der evangelischen Kirche angehört, der vor staatlichen Stellen aus ihr ausgetreten ist – mithin also ein vom Staat völlig unabhängiges Mitgliedschaftsrecht wahrnimmt, dieser Gedanke muss in der evangelischen Kirche erst ganz neu entdeckt und entwickelt werden. Der Initiativkreis vertritt die Ansicht, dass eine solche Differenzierung des Mitgliedschaftsverständnisses positiv zu werten ist, weil sich damit ganz neue Handlungsspielräume und Reformchancen eröffnen.

Ansprechpartner des Initiativkreises „Gestalt und Finanzierung von Kirche“: Dr. Karl Martin, Modersohnstr. 63, 10245 Berlin, Tel: (030) 20050867, dietrich-bonhoeffer-verein@dike.de , http://dietrich-bonhoeffer-verein.dike.de