zuletzt aktualisiert: 08.11.2007
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PRESSEMITTEILUNG 02 vom 27. Januar 2007



+ + + i k v u - p r e s s e m i t t e i l u n g   2 / 2007 + + +

9,5 Thesen aus Wittenberg – 490 Jahre danach.
Ergebnis der Paralleltagung „Kirche der Befreiung sein“ zum EKD-Zukunftskongress in Lutherstadt Wittenberg

Wittenberg, den 27.01.07

Seit gestern tagen Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen StundentInnengemeinden (ESG), der Evangelischen Akademikerschaft-Berlin-Brandenburg, des Ökumenischen Netzwerks Initiative Kirche von unten (IKvu) und anderer kirchlicher Verbände in der Evangelischen Akademie Wittenberg. 

Wichtigstes Ergebnis der Tagung sind die „9,5 Thesen aus Wittenberg“. Sie entstanden in einem intensiven Austausch mit Pfr. Dr. Dieter Becker, Strategieberater aus Frankfurt/Main. Die Thesen sind ausdrücklich theologisch verankert und bieten in konzentrierter Form eine evangelisch angemessene Ausgangsposition für eine Kirche der Zukunft. Sie stellen ein Gerüst zur Verfügung, anhand dessen nun alle kirchlichen Handlungsfelder konkretisiert werden können.

THESEN
9,5 Thesen aus Wittenberg – 490 Jahre danach

Fest im Glauben an Jesus Christus.        

These 1
Gottes Schöpfungshandeln konstituiert das Handeln der Christinnen und Christen in der Welt. Verantwortung für die Welt und was darinnen ist prägt evangelisches Grundverständnis.        

These 2
Menschliches Handeln, gebrochen in der eigenen Endlichkeit, lebt in der Hoffnung von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi.
Fehler machen zu dürfen, prägt evangelische Gewissheit.     

These 3
Die Hoffnungszusage in Jesus Christus bildet die konstruktive Basis für die christliche Zukunft in der Welt.
Transparenz und gerechtes Handeln prägen den evangelischen Gestaltungswillen.        

Alles ist möglich, aber nicht alles ist zuträglich.      

These 4
Kirche ist Menschenwerk und bedarf der Zuversicht Gottes.
Nichts ist ewig. Deshalb planen und gestalten wir evangelische Kirche.

These 5
Gottes Zuversicht artikuliert sich in der menschlichen Ambivalenz zwischen Bangen und Hoffen.
Nichts ist sicher. Deshalb planen und gestalten wir nur revisionsfähige Zukunft.          

These 6
Kirche ist innerweltliche Aufgabe Gottes für Christinnen und Christen, sich Form, Struktur und Inhaltsschwerpunkte zu geben.
Nichts ist stabil. Deshalb planen und gestalten wir Kirche öffentlich, strategisch und nachvollziehbar.           

Weg, Wahrheit, Leben.

These 7
Das Handeln Gottes befreit aus menschlichem Bangen; gibt Kraft, Mut und Hoffnung.
Neue Strukturen können, dürfen, müssen erprobt und bewertet werden, bevor sie in der Fläche umgesetzt werden. Strategien sind revisionsfähig.  

These 8
Menschliches Handeln gelingt und misslingt im Horizont der Zuversicht Gottes.
Zukunftsmodelle müssen, dürfen, können an- und aufregen. Ihre eigene Revisionsfähigkeit leitet Kirchenleitungen, Kommissionen und Projektgruppen.          

These 9
Wahrnehmung der Welt ist Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft.
Wirklichkeiten dürfen, müssen, können mittels empirischer Methoden erfasst und analysiert werden, um Zukunftsmodelle zu entwickeln.            

These 9,5
Im Glauben die Zukunft gestalten.

Die Tagung begann am Freitag mit einem Referat zu den theologischen Implikationen des EKD-Papiers. Dr. Uwe-Karsten Plisch, IKvu-Sprecher und Theologischer Referent der ESG, unterzog den Text einer gründlichen Analyse und stellte u.a. das biblische Konzept der Befreiung dem impliziten Freiheitsbegriff des EKD-Papiers gegenüber.

Andreas Seiverth, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE), kritisierte den Aufbau eines Angstszenarios aus kirchenpolitisch-taktischen Gründen. „Nur indem das Dunkel beschworen wird, werden die 12 Leuchtfeuer zum Leuchten gebracht.“ In seinem Vortrag „Zwischen erzwungener Fusion, institutioneller Kooperation und respektierter Autonomie“ stellte er fest, dass sich die EKD mit ihrem Impulspapier zum „imaginären Souverän des deutschen Protestantismus“ zu erklären und eine neue Gestaltungsmacht auch über Landeskirchen sowie Werke und Verbände zu gewinnen versuche.

Im Anschluss daran warnte Dr. Dieter Becker in seinem Vortrag „Kirche als Netzwerk“ davor, das Impulspapier überzubewerten – es könne letztlich vor allem deshalb keine Wirkung entfalten, weil ihm jede Legitimation in der Struktur der EKD fehle. Becker plädierte dagegen für eine netzwerkorientierte und basisverankerte Kirchenstruktur in der Fläche.

In drei Arbeitsgruppen beschäftigte sich die Tagung intensiv mit Einzelfragen des EKD-Papiers zu den Bereichen Gemeinde (Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn, Evangelische Wicherngemeinde Frankfurt/Main), Humanitäre Fragen (Fanny Dethloff, Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Landeskirche) und Finanzen (Dr. Thomas Seiterich-Kreuzkamp, Publik Forum). 

Die Tagung endet morgen in der Wittenberger Stadtpfarrkirche St. Marien mit einem Gottesdienst.

Info und Kontakt:
Dr. Uwe-Karsten Plisch: 0176-50269099; forum1@bundes-esg.de 

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Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 37 Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.
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email: presse@ikvu.de
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Initiative Kirche von unten (IKvu)
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