zuletzt aktualisiert: 30.09.2007
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Pressemitteilung 06 vom 26.09.07 



+ + +  i k v u - p r e s s e m i t t e i l u n g  6 / 2007  + + +

Opferschutz überfordert die deutschen Bischöfe.
Die Defizite der "Leitlinien" sexueller Gewalt müssen endlich korrigiert werden.



Bonn, 26.09.2007. Fünf Jahre nach der Verabschiedung der halbherzigen "Leitlinien" zu sexueller Gewalt am 26.09. 2002 ist die Deutsche Bischofskonferenz heute mit ihren damaligen Fehlern konfrontiert.

Schon damals reagierte die DBK nur widerwillig und erst auf öffentlichen Druck mit einer weichen Rahmenempfehlung für die deutschen Bistümer, die allerdings der Komplexität des Problems nicht gerecht wurde: Die "Leitlinien"  verfehlten eindeutig die Perspektive der - bisherigen und potentiellen - Opfer. Dies wird an dem aktuellen Fall im Bistum Regensburg sehr deutlich:

-         Sexuelle Gewalt in der Kirche ist ein gesamtkirchliches Problem - 
das Delegieren in die Zuständigkeit der Bistümer überlässt die Behandlung in letzter Instanz den Diözesanbischöfen, die damit ganz offensichtlich viel zu oft in ihrer Kompetenz und moralisch überfordert sind.

-         Sexuelle Gewalt in dieser Kirche ist ein strukturelles Problem: 
Das autoritäre und streng hierarchische Kirchenbild fördert soziale,  psychische und selbstverständlich auch sexuelle Formen von Gewalt.

"Weichgespülte Leitlinien bieten da ebenso wenig eine nachhaltige Lösung wie wohlfeiles Kopfschütteln im Vatikan - der Fehler sitzt im System, und das ist keine neue Erkenntnis.", so Bernd Hans Göhrig, Bundesgeschäftsführer der IKvu. "Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet ein konservativer Rechtsaußen wie der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller nun durch 
fehlendes Unrechtsbewusstsein die Debatte anheizt. Sein Rücktritt könnte für viele eine Entlastung darstellen - das signalisieren die verärgerten Äußerungen des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen ebenso wie das hilflose Rudern Kardinal Lehmanns."

Auf der Tagesordnung stehen jetzt energische Schritte - nicht nur im Interesse der bisherigen Opfer, sondern zur Vermeidung künftiger Verbrechen.

Die Defizite der "Leitlinien" sind jetzt zu korrigieren; gefordert ist:

1.. Eine verbindliche Regelung für den Bereich der Deutschen Bischofskonferenz.

2.. Die Einrichtung eines bundesweiten Gremiums zur Erarbeitung und Umsetzung neuer Richtlinien, besetzt mit VertreterInnen der MinistrantInnenarbeit, der Jugendverbände, der Diözesanräte, der Kirchenleitungen und mit unabhängigen Sachverständigen.

3.. Die Abkehr von der täterorientierten Ausrichtung der "Leitlinien" und Hinwendung zu einer inhaltlich präzisen und verbindlichen opferorientierten Perspektive der kirchlichen Regelungen.

4.. Die Einführung "unabhängiger Ombudsstellen" als Anwälte der Opfer anstelle der "diözesanen Beauftragten", um Einflussnahme und Parteilichkeit auszuschließen, und zwar in Kooperation mit kirchlich unabhängigen Beratungseinrichtungen.

5.. Der qualifizierter Ausbau und die umfangreiche Förderung einer Präventionsarbeit auf allen kirchlichen Ebenen, insbesondere in der Priesterausbildung, der Gemeindearbeit und MinistrantInnenarbeit sowie die Aus- und Weiterbildung kirchlicher MitarbeiterInnen.

6.. Dies schließt die Förderung von qualifizierter insbesondere jugendverbandlicher Arbeit zum Thema sexuelle Gewalt mit ein: Mädchen und Jungen stark zu machen, "Nein!" zu sagen.

7.. Die Entschädigung von Opfern sexueller Gewalt ist noch immer nicht geklärt. Die Möglichkeit "finanzieller Unterstützung therapeutischer Maßnahmen im Einzelfall" (Leitlinien 8) ist ein Almosen und verkennt völlig die Situation der Betroffenen.

8.. Die Verantwortung der Diözesanbischöfe - auch für in der Vergangenheit "intern geregelte" Fälle - muss endlich geregelt werden. Dies betrifft insbesondere den Straftatbestand der Strafvereitelung.

Letztlich sind in Fulda jetzt alle Bischöfe in der Verantwortung - ein demokratisches Leitbild von  Kirche wäre mit Partizipation, Transparenz und Machtkontrolle die wirksamste Leitlinie.

Bernd Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer

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Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 38 Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.
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Initiative Kirche von unten (IKvu)
Oscar-Romero-Haus, Heerstraße 205, 53111 Bonn

Kontakt:
Bernd Hans Göhrig, Bundesgeschäftsführer
Tel: 0179-52 44 075
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