PRESSEMITTEILUNG 07 vom 26.05.2006
Klarstellung
vor dem Besuch Benedikts in Auschwitz erwartet.
IKvu
zur historischen Bedeutung der Polenreise des Papstes.
Saarbrücken,
den 26. Mai 2006.
Das
Ökumenische Netzwerk Initiative Kirche von unten (IKvu) beobachtet den
Polenbesuch von Papst Benedikt XVI. mit großer Skepsis.
"Wenn
Benedikt XVI. am Sonntag das Vernichtungslager Auschwitz besucht, ist dies
der vergangenheitspolitische Höhepunkt seines Polenbesuches." erläutert
Bernd Hans Göhrig, Bundesgeschäftsführer der IKvu, in Saarbrücken.
"Er reist ja nicht herkunftsneutral: Gerade in Polen bewegt sich Joseph
Ratzinger als deutscher Papst."
Die
Wahl eines Deutschen 60 Jahre nach Kriegsende interpretierten Karl Lehmann,
der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, und andere überzogen als
internationale Vergebungsgeste. Nun ist es an Joseph Ratzinger, diesen hohen
und doppelten Anspruch einzulösen:
Die
eindrucksvolle Geste Willy Brandts, der demütige Kniefall vor dem Mahnmal
des Warschauer Aufstands, ist für jeden Politiker deutscher Herkunft, der
Polen besucht, ein Vorbild. Auch Benedikt XVI. kann sich dieser
Herausforderung nicht entziehen.
Und
ein deutscher Papst ist in Polen mit der Tatsache konfrontiert, daß die
deutsche katholische Kirche die Vorstellungen und Ziele des NS-Regimes aktiv
unterstützt hat und nach 1945 dieses Versagen verleugnete - bis heute.
Bisherige
Äußerungen lassen jedoch wenig Veränderung erkennen. Mit den Worten
"Wir glauben, daß die Kirche heilig ist, aber es gibt Sünder unter
ihren Mitgliedern." - bestätigte Benedikt noch einmal die
vergangenheitspolitische Leitlinie, wie sie bereits am 23.8.1945 im
"Gemeinsamen Hirtenbrief nach beendetem Krieg" formuliert wurde:
1.
Die Mehrheit der Katholiken hat sich in der Zeit des NS nichts zuschulden
kommen lassen und sich hervorragend verhalten, und
2.
allenfalls einzelne haben versagt, die Kirche in ihrer Gesamtheit jedoch
keinesfalls.
Anfang
der 60er Jahre diagnostizierte der katholische Publizist Friedrich Heer
daher ein "gigantisches Verdeckungsmanöver", das mithilfe des
Mythos vom Widerstand der Kirche Geschichtsklitterung reinster Spielart
produziert hatte.
Doch
nicht für, sondern gegen den Willen der Kirche gingen Christinnen und
Christen in den Widerstand. Für Alexander Groß, dessen Vater Nikolaus Groß
am 23.1.1945 in Plötzensee ermordet und 2001 von Johannes Paul II. selig
gesprochen wurde, lautet daher die zentrale Frage: Weshalb unternahm die
Kirchenleitung alles, um katholische Frauen und Männer davon abzuhalten,
ihrem Gewissen zu folgen und politischen Widerstand gegen das Unrechtssystem
zu leisten? Der Saarbrückener Willi Graf aus dem Widerstandskreis der
"Weißen Rose" schrieb 1942: "Die Art und Erziehung, wie wir
in der Religion aufwuchsen, sind denkbar schlecht und voller Unmöglichkeiten.
Innerlich war dieses ganze Gebäude hohl und voller Risse."
"Mit
einer starken Geste, mit einem mutigen Wort müßte der deutsche Papst
Benedikt über den langen Schatten einer beschämenden Vergangenheitspolitik
springen - und dies, bevor er den Boden von Auschwitz betritt. Er könnte
dadurch die Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Besuches zerstreuen."
so Bernd Hans Göhrig. "Schließlich ist Aufklärung eine zentrale
Voraussetzung von Versöhnung. Doch ob er diese moralische Einsicht und
Kraft besitzt?"
Bernd
Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer
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Initiative
Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 37 Basisgemeinden,
kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des
politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.
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