zuletzt aktualisiert: 09.10.2007
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Pressemitteilung 07 vom 09.10.07 



+ + +  i k v u - p r e s s e m i t t e i l u n g  7 / 2007  + + +

Die "Bibel in gerechter Sprache" hat den Praxistest bestanden. Ein Jahr gelungene Inkulturation alter Texte in unsere Zeit auf hohem Niveau.


Bonn, 08.10.2007. Seit ihrer Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse 2006 löst die "Bibel in gerechter Sprache" (BigS) kontroverse Reaktionen aus - das ambitionierte Projekt stellt die vertrauten Texte in Frage und ist damit anders als die gewohnten Übersetzungen. Der zum Teil hahnebüchenen Kritik zum Trotz ist die BigS jedoch in der Praxis angenommen. Das Verdikt, die BigS sei "zum liturgischen Gebrauch wie zur privaten Lektüre ungeeignet" ist durch die Wirklichkeit längst widerlegt.

"Jede Übersetzung ist auf die Zielsprache, ihre Möglichkeiten und Grenzen, sowie auf den kulturellen Kontext angewiesen, in den hinein übersetzt wird - diese Selbstverständlichkeit übergeht die Kritik konsequent", so der Exeget und IKvu-Sprecher Dr. Uwe-Karsten Plisch, "denn keine Übersetzung gibt exakt das wieder, was im Original, in den hebräischen und griechischen heiligen Schriften steht."

Gerechtigkeit war für die Herausgeberinnen und Herausgeber der BigS ein entscheidendes Kriterium: Gerechtigkeit in Bezug auf die Darstellung und Rolle von Frauen, Ausgewogenheit bei der Darstellung Gottes jenseits einseitiger vermenschlichender (männlicher) Kategorien, Gerechtigkeit im christlich-jüdischen Verhältnis, das unsachlichen Antijudaismus vermeidet, sowie Gerechtigkeit in sozialer Hinsicht, die die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verschönt.

"Es war ein Anliegen zu überprüfen, wo Frauen in der Bibel vorkommen und bisher verschwiegen wurden. Sie kommen in der gerechten Sprache "ans Licht": Denn es gab nicht nur Söhne Israels, sondern auch Töchter. Es gab nicht nur Jünger, sondern auch Jüngerinnen Jesu, Apostelinnen und Apostel." so Dr. Plisch. Der hysterischen Kritik an der Rede der BigS von Phärisäerinnen und Pharisäern, steht die Freude gegenüber, dass nun zum ersten Mal in einer Bibelübersetzung die Apostelin Junia (Römer 16,7) erscheint, die jahrhundertelang von der westlichen Tradition zu einem männlichen Apostel "Junias" - gegen die griechische Überlieferung - verfälscht wurde.

Auch die Verwendung unterschiedlicher Namen Gottes (Ich-bin-da/ die/der Ewige/Lebendige) sowie der jüdischen Bezeichnung "Adonaj" für den eigentlich unaussprechlichen Namen Gottes wird dem Gemeinten gerechter. Sie respektiert nicht nur das Bilderverbot, indem eine Festlegung auf ein "Bild" vermieden wird, sondern sie stellt den Namen Gottes in den ursprünglich jüdischen Kontext. Genauso wurde bei der Übersetzung des "Neuen Testamentes" berücksichtigt, dass Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger jüdisch waren. Erst durch die spätere Abgrenzung der christlichen Gemeinden vom Judentum flossen Antijudaismen in diese Schriften ein.

Ein weiteres Beispiel für eine gerechtere Sprache auch in sozialer Hinsicht ist die klare Benennung gesellschaftlicher Verhältnisse: Statt verharmlosend von "Mägden" und "Knechten" zu reden, werden Sklavinnen und Sklaven auch als solche bezeichnet.

Ein Jahr nach dem Erscheinen der BigS hat sich die neue Bibel in der Praxis - in Gemeinden, Predigtvorbereitung und privater Lektüre - bewährt. Dies konnten auch die heftigen Medienkampagnen der Gegner des Projektes nicht verhindern, in denen vor Fehldarstellungen und zum Teil absurden Forderungen wie dem ausschließlichen Gebrauch der Bibel im (hebräischen und griechischen) Urtext (Peter Hahne) nicht zurückgeschreckt wurde. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Kontroverse in der Instrumentalisierung der BigS gegen den Evangelischen Kirchentag im vergangenen Juni in Köln in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Die Lektüre von Lutherbibel und Bibel in gerechter Sprache schließen sich keineswegs aus. Die Verteidiger der Lutherbibel sollten bedenken, so Plisch, "dass die Propagierung der Bibel als ,Kulturgut' an ihrem Wesen und ihrer Intention vorbei geht". Die Bewerbung der Lutherbibel als das "Original" (so die Deutsche Bibelgesellschaft) ist geradezu grotesk. Lutherbibel und BigS teilen das Schicksal heftigster Bekämpfung bei ihrem Erscheinen. "Häresieverdacht" (Ulrich Wilckens) ist für TheologInnen geradezu ein Gütesiegel: Sie wagen zu denken, was zuvor noch nicht gedacht wurde.

Die neue Übersetzung ist als ein gelungener Versuch zu bewerten, die alten Texte auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit sachgerecht in unsere Sprache und Kultur zu übersetzen - diesem Werk gebührt Lob und Anerkennung. Den ArbeiterInnen im Weinberg der Herrin gebührt Dank.


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Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 38 Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.

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Kontakt:
Dr. Uwe-Karsten Plisch
IKvu-Sprecher
Email: forum1@bundes-esg.de
Tel: 030 - 44 67 38 11
Mobil: 0176 - 50 26 90 99
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