Johannes Brosseder:

Mahl des Herrn
Eucharistische Gastfreundschaft, Abendmahlsverständnis, Abendmahlsgemeinschaft
Erwägungen und Anregungen des Kölner Ökumenischen Studienkreises


Zur gegenwärtigen ökumenischen Debatte

Die gegenwärtige ökumenische Debatte hat wohl wie bei kaum einem anderen theologisch strittigen Problem im Rückgriff auf die Heilige Schrift und das altkirchliche, in den Ostkirchen bewahrte umfassende Eucharistieverständnis zu einem überzeugenden theologischen Konsens im Verständnis der Eucharistie gefunden: Die Eucharistie ist die Feier des Gedächtnisses an den einmaligen Kreuzestod Jesu Christi und die darin gründende Befreiung, Errettung, Erlösung (Anamnese, memoria); sie wird gefeiert unter Anrufung des Heiligen Geistes, der auf die feiernde Gemeinde und die Elemente herabgerufen wird (Epiklese); sie ist die im Sakrament verhüllte Vorausfeier des himmlischen Freudenmahles (eschatologischer Aspekt), und sie wird gefeiert nicht nur für uns selbst, sondern für das Leben der ganzen Welt (kosmologischer Aspekt). Jedem Gottesdienst steht ein/eine von der Kirche (Gemeinde) Beauftragter/Beauftragte (Ordination) vor, der/die an Christi Statt das Wort Gottes predigt, es auslegt und die Sakramente austeilt. Gefeiert wird der Gottesdienst von der ganzen Gemeinde. Derjenige, der zum Abendmahl einlädt und Herr dieses Mahles ist, ist Jesus Christus, nicht die Kirche; die Kirchen haben nur die Aufgabe, diese Einladung konkret weiterzugeben. Für diese Einladung und für die in der Teilhabe an den Gaben gewährte Gemeinschaft mit Christus sagt sowohl die ganze Gemeinde wie auch der/die einzelne Gott Lob und Dank (eucharistia, doxologia).

Aufgrund dieses Konsenses im Verständnis des Abendmahls, der sich auch in den Liturgien und Agenden der Kirchen, teilweise erst nach erfolgten Liturgiereformen, sowie in der Lima-Liturgie wiederfindet, sahen und sehen sich viele Kirchen in der Lage, untereinander sowohl Kanzel- und Abendmahls- bzw. Gottesdienstgemeinschaft wiederherzustellen als auch ein offenes Abendmahl zu praktizieren, indem sie die Einladung Jesu Christi zum Abendmahl auch an Christen aus jenen Kirchen aussprachen und bis heute aussprechen, mit denen sie noch nicht in offizieller Abendmahlsgemeinschaft stehen. In der Diözese Straßburg ist auch in der römisch-katholischen Kirche schon 1972 der Weg in diese Richtung beschritten worden, als für konfessionsverbindende Familien diese Einladung öffentlich ausgesprochen wurde (Hinweis: "Straßburger Modell"). Solche Einladung entspricht der Intention des gefeierten Gottesdienstes, die Verweigerung der Weitergabe der Einladung Jesu Christi widerspricht diesem fundamental. (...)

Zu kirchlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen

Die gesellschaftspolitische Relevanz praktizierter eucharistischer Gastfreundschaft, in der die Kirchen sich gemeinsam als im Dienst Jesu Christi stehend begreifen und seine Einladung in seine Gemeinschaft weitergeben und dazu auch Christen aus anderen Kirchen einladen, liegt auf der Hand. Dieses Tun wäre die überzeugendste Predigt der Kirchen, die lebendigste Verkündigung des Evangeliums in den Gesellschaften der verschiedenen Länder und Kontinente. Denn auf diese Weise könnten diese Gesellschaften sehen, wie frühere Feinde durch die Kraft des Evangeliums zu Freunden werden und ihre Geschwisterlichkeit entdecken und leben. Kirchen, die im Gottesdienst durch dessen Öffnung sich ja nur auf die Dimensionen des Tuns Jesu Christi eingelassen haben, sind jedenfalls bereit, den Frieden miteinander anzunehmen, den Gott ihnen bereitet hat. Jedes heute oft mit viel Pathos geforderte Reevangelisierungsprogramm bzw. Evangelisierungsprogramm ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Kirchen selbst sich nicht evangelisieren lassen und sich auch nicht auf den Weg der Wiederherstellung des gottesdienstlichen Friedens begeben. Wenn Christen selbst nicht glauben, was Gott tut, wie und warum wollen sie es denn überhaupt anderen predigen? Wenn die Kirchen glauben, was sie sagen, haben sie keine andere Wahl, als endlich damit zu beginnen, dies auch sichtbar werden zu lassen.

Der erste realisierte Schritt der Wiederherstellung ihres Friedens untereinander ist die eucharistische Gastfreundschaft; sie ist die Öffnung der konfessionellen Gottesdienste, durch die Gastfreundschaft konkret gelebt wird. Viele Kirchen haben diesen Schritt schon getan, andere noch nicht. Aber auch diese werden sich auf Dauer dem Sog der Friedens- und Versöhnungsbotschaft Jesu Christi nicht entziehen können. Aus dieser Öffnung der konfessionellen Gottesdienste heraus wächst die künftige Abendmahlsgemeinschaft (communio, koinonia), die trotz richtiger Intention und Zielrichtung mit den bisher gebräuchlichen Begriffen "Interkommunion" und "Interzelebration" theologisch nur unzureichend beschrieben ist. Diese Abendmahlsgemeinschaft wird zur Grundlage für die amtlich und öffentlich zu vollziehende künftige geschwisterliche Gemeinschaft selbständiger und selbständig bleibender Kirchen (communio, koinonia). Dieses Ziel entschlossen anzustreben und auf es konkret zuzugehen, wäre ein weithin vernehmbares Signal der beginnenden "Konversion der Kirchen" (Le Groupe des Dombes). Es wäre ein glaubwürdiges Zeugnis der christlichen Botschaft, die von Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit und Liebe spricht, nach denen die Menschen in unserer Gesellschaft hungern. Diese warten schon lange darauf, dass die Christen der Botschaft, die sie predigen, in praktizierter Gastfreundschaft und Geschwisterlichkeit selbst Glauben schenken. Dieser so bezeugte gemeinsame Glaube befähigt die Kirchen, in ihrem Dienst glaubwürdig und in ihrer Solidarität überzeugend "Kirche für andere" zu sein (Dietrich Bonhoeffer).

Die Chance, mit dem ersten Schritt praktizierter eucharistischer Gastfreundschaft auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin im Jahre 2003 zu beginnen und sich so sichtbar auf den Weg in die künftige Gemeinschaft der Kirchen zu begeben, sollte nicht vertan werden.


Prof. Dr. Johannes Brosseder lehrt Systematische Theologie am Seminar für Katholische Theologie und Religionspädagogik der Universität zu Köln. Der hier auszugsweise zitierte Text ist vollständig abgedruckt im Buch "Eucharistische Gastfreundschaft. Ein Plädoyer evangelischer und katholischer Theologen", das Prof. Brosseder zusammen mit dem Kölner Ökumenepfarrer Dr. Hans-Georg Link herausgegeben hat.

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