Das Heil ist kein Besitz
Eine Einschätzung der Enzyklika von Papst Johannes Paul II. aus reformierter Sicht

"Ecclesia de Eucharistia" ist ein beeindruckendes, aber auch problematisches Dokument. Es strahlt eine tiefe Frömmigkeit aus. Wenn der Papst die Eucharistie die "heilbringende Gegenwart Jesu in der Gemeinschaft der Gläubigen und ihre geistliche Nahrung" nennt, stimmt das mit dem Glauben der evangelisch-reformierten Kirchen überein. Von Calvin bis zu Karl Barth und Emil Brunner haben viele Reformierte sich im gleichen Sinn geäußert.

Wenn der Papst davor warnt, "das unseren Händen anvertraute Mysterium" unterzubewerten, es sei "zu groß, als dass sich irgendjemand erlauben" könne, "nach persönlichem Gutdünken damit umzugehen", die Liturgie sei "niemals Privatbesitz" - "weder des Zelebranten noch der Gemeinschaft", ist ihm zuzustimmen. Zu denken gibt der Satz: "Es ist nicht möglich, einer Person, die nicht getauft ist oder die die unverkürzte Glaubenswahrheit über das eucharistische Geheimnis zurückweist, die Kommunion zu reichen." Wenn einzelne reformierte Kantonalkirchen in der Schweiz die Verbindung von Taufe und Abendmahl in ihrer Kirchenordnung aufgegeben haben, haben sie auch innerreformatorisch den ökumenischen Konsens verlassen.

Keine Würdigung des Wortes
Aus evangelisch-reformierter Sicht fehlt in der Enzyklika eine mit der Eucharistie vergleichbare Würdigung des Wortes. Schon der heilige Hieronymus sagte: "Wir essen sein Fleisch und trinken sein Blut nicht nur in der Eucharistie, sondern auch beim Lesen der Heiligen Schrift." In der Enzyklika des Papstes wird im Gegensatz dazu alles in einer großartigen, aber auch bedenklichen Engführung auf die Eucharistie zugespitzt. Die Eucharistie sei "in gewisser Weise [...] Vorwegnahme des Paradieses". "Wer sich von Christus in der Eucharistie" nähre, müsse "nicht das Jenseits erwarten, um das ewige Leben zu erlangen", er besitze "es schon auf Erden". Evangelische Theologie würde sich zurückhaltender ausdrücken. Die Sakramentsmystik des Papstes versteigt sich zu Formulierungen, in denen das Heil geradezu zu einem irdischen "Besitz" wird.

"Jeder kann Absolution erteilen"
Damit hängt zusammen, dass die Eucharistie in einer aus evangelischer Sicht nicht nachvollziehbaren Weise exklusiv an das durch die apostolische Sukzession garantierte Weihepriestertum fixiert wird. Martin Luther sah es anders: "Wenn ein Häuflein frommer christlicher Laien würde gefangen und in eine Wüstenei gesetzt, die nicht bei sich hätten einen von einem Bischof geweihten Priester und würden allda der Sache einig, erwählten einen unter ihnen [...] und würden ihm das Amt, zu taufen, Messe zu halten, die Absolution zu erteilen und zu predigen, anbefehlen, der wäre in Wahrheit ein Priester, als ob ihn alle Bischöfe und Päpste geweiht hätten. Daher kommts, dass in der Not ein jeglicher taufen und die Absolution erteilen kann, was nicht möglich wäre, wenn wir nicht alle Priester wären." Es ist kaum zu erwarten, dass die evangelisch-lutherischen und evangelisch-reformierten Kirchen an diesem Punkt die Position Roms übernehmen werden. Sie würden sich selbst verleugnen. Innerkatholisch müsste man dem Papst entgegenhalten: Gerade wenn das Priestertum so wichtig ist, müsste man es nicht auch für verheiratete Männer (viri probati) und doch wohl auch für Frauen öffnen? Der heutige Priestermangel ist unerträglich, wenn man die Eucharistie so hoch wie die Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" einstuft.

Päpstlicher Respekt
Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass analog zu früheren Verlautbarungen des Vatikans katholische Gläubige gemäß der neuen Enzyklika in einer evangelischen Abendmahlsfeier nicht kommunizieren dürfen, auch wenn die katholische Kirche - so der Papst - "die religiösen Überzeugungen ihrer getrennten Brüder" durchaus respektiert. Nur in ganz eng beschränkten Einzelfällen - wohl vor allem in Mischehen - darf der katholische Priester "die Sakramente der Eucharistie, der Busse und der Krankensalbung" auch "anderen Christen spenden", "die zwar noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber sehnlich den Empfang der Sakramente wünschen, von sich aus darum bitten und den Glauben bezeugen, den die katholische Kirche in diesen Sakramenten bekennt". (Heimlich müssen sie also streng genommen bereits katholisch geworden sein.) Die Enzyklika lässt Türen offen: Ökumenische "Wortgottesdienste" und "gemeinsame Gebetstreffen" können zwar die Sonntagsmesse nicht ersetzen. Wenn sie "bei geeigneten Anlässen" begangen werden, sind sie aber dennoch "lobenswert". Johannes Paul II. dankt "der Allerheiligsten Dreifaltigkeit für bedeutsame Fortschritte und Annäherungen". Im Vergleich mit der Verlautbarung "Dominus Iesus" der Glaubenskongregation im September 2000 fällt der versöhnlichere Ton auf. (Frank Jehle)

Frank Jehle ist evangelischer Kopräsident der Evangelisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweiz und Experte für Fragen der Ökumene.

Quelle: http://www.tagblatt.ch


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