Bischof Kurt Koch: Eucharistie und Kirche
Theologische und ökumenische Überlegungen zur Enzyklika von Papst Johannes Paul II. über "die Eucharistie in ihrem Verhältnis zur Kirche"
(Vortrag bei der Regionaldekanenkonferenz im Bischöflichen Ordinariat in Solothurn am 22. Mai 2003)

"Ecclesia de eucharistia" - "Die Kirche lebt von der Eucharistie". Der Titel der 14. Enzyklika von Papst Johannes Paul II., die er symbolträchtig während der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag im Petersdom in Rom unterzeichnet hat, enthält ein ganzes Programm. Dem Papst geht es um den wechselseitigen und inneren Zusammenhang von Eucharistie und Kirche. Mit theologischen Grundsatzerklärungen, sehr meditativen Passagen und deutlichen Hinweisen zur pastoralen Bedeutung der Eucharistie wird die eine Grundaussage immer wieder variiert, dass die Feier der Eucharistie die kirchliche Gemeinschaft nicht nur aufbaut, sondern auch immer tiefer zu ihr hinführt und so die Mitte des Wachstumsprozesses der Kirche ist.

Wenn über das Verhältnis der Eucharistie zur Kirche nachgedacht wird, dann versteht es sich von selbst, dass dies von vorneherein in einem weiten ökumenischen Horizont geschehen muss und in diesem päpstlichen Weltrundschreiben auch geschieht. In der öffentlichen Berichterstattung und Kommentierung der Enzyklika stand bisher diese ökumenische Diskussion im Vordergrund, und die ganze Aufmerksamkeit wurde darauf gerichtet, wenn nicht gar fixiert, was der Papst zur eucharistischen Gastfreundschaft oder gar zur Abendmahlsgemeinschaft sagt. Dabei wird leicht vergessen, dass die Enzyklika in allererster Linie als ein Schreiben für die katholische Kirche verfasst ist und dass in ihr das katholische Eucharistieverständnis dargelegt wird. Da man zudem in den ökumenischen Beziehungen nur redlich und glaubwürdig handeln kann, wenn man zunächst die eigene kirchliche Identität kennt und sie in den ökumenischen Dialog einbringt, konzentriere ich mich im ersten Teil auf die Aussagen des Papstes zum katholischen Eucharistieverständnis und gehe erst im zweiten Teil auf die damit aufgeworfenen ökumenischen Fragen ein.

I. EUCHARISTISCHE MITTE DER KIRCHE

Für den Papst ist die Eucharistie nicht einfach eine Feier unter anderen und nicht einmal einfach eines der sieben Sakramente. Die Eucharistie enthält vielmehr zusammenfassend den "Kern des Mysteriums der Kirche". In ihr ist das "Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle" gegeben, und sie ist der volle Ausdruck der unendlichen Liebe Jesu Christi zu seiner Kirche. Weil die Kirche selbst aus dem Ostergeheimnis hervorgegangen ist, ist auch die Eucharistie das "Sakrament des Ostergeheimnisses par excellence" und geschieht in ihr die "immerwährende Vergegenwärtigung des Ostermysteriums". Fundament und Quelle der Eucharistie ist freilich das gesamte Triduum paschale, weshalb die Eucharistie im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens steht.

Mit seinem Rundschreiben will der Papst das "Staunen" über die Eucharistie wieder neu anregen und bringt es deshalb in Zusammenhang mit seinem Pastoralprogramm, das er zum Abschluss des Heiligen Jahres 2000 in seinem Apostolischen Rundschreiben "Novo millennio ineunte" vorgelegt und in "Rosarium Virginis Mariae" konkretisiert hat, indem er in dem von ihm vorgeschlagenen "lichtvollen Rosenkranz" auch das Geheimnis zu meditieren aufgibt, dass Christus uns die Eucharistie geschenkt hat. Dieses pastorale Grundsatzprogramm heißt: Das Antlitz Christi betrachten und es mit Maria betrachten. Dies verwirklicht sich vor allem in der Eucharistie: "Die Kirche lebt vom eucharistischen Christus. Von ihm wird sie genährt, von ihm wird sie erleuchtet."

Immer wieder greift der Papst auf seine geistlichen Erfahrungen im Heiligen Jahr zurück, vor allem auf die schöne Gelegenheit, die er hatte, als er im Zönakel in Jerusalem die Eucharistie feiern durfte. Der Papst blickt aber auch auf die verschiedenen Orte zurück, an denen er als Priester, als Bischof und als Papst Eucharistie feiern durfte, und betont deshalb stark den "universalen und sozusagen kosmischen Charakter" der Eucharistie: "Ja, kosmisch! Denn auch dann, wenn man sie auf dem kleinen Altar einer Dorfkirche feiert, wird die Eucharistie immer, in einem gewissen Sinne, auf dem Altar der Welt zelebriert. Sie verbindet Himmel und Erde. Sie erfasst und erfüllt alles Geschaffene."

Im Rückblick auf die verschiedenen Lehrschreiben, die die Päpste vor ihm verfasst haben, stellt der Papst auch fest, dass die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils viel zur tieferen Verehrung der Eucharistie und zu einer bewussteren, aktiveren und fruchtbareren Teilnahme der Gläubigen an ihr beigetragen hat. Er stellt aber auch "Schatten" fest. Diesen nimmt er vor allem in einem "bedeutungsmindernden Verständnis der Eucharistie" wahr: "Einmal seines Opfercharakters beraubt, wird das eucharistische Geheimnis so vollzogen, als ob es nicht den Sinn und den Wert eines Treffens zum brüderlichen Mahl übersteigen würde." Dieser Schatten bereitet dem Papst einen "tiefen Schmerz". Denn die Eucharistie ist ein "zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Minimalisierungen zu dulden". Deshalb möchte er mit seiner Enzyklika wirksam dazu beitragen, dass die Eucharistie wiederum im ganzen Glanz ihres Geheimnisses erstrahlen kann.

1. Eucharistisches Geheimnis des Glaubens

Mit diesem Notenschlüssel dürfte es leichter fallen, die sechs Kapitel der Enzyklika näher zu betrachten. Im ersten Kapitel umschreibt der Papst die Eucharistie als "Geheimnis des Glaubens", und zwar dadurch, dass er die Wandlungsakklamation eingehend auslegt: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bist Du kommst in Herrlichkeit." Die Eucharistie ist zuerst Gedenken des Todes Jesu und deshalb selbst ein Opfer, freilich nicht "etwas in sich selbst Stehendes", das "unabhängig vom Kreuz oder nur mit einem indirekten Bezug zum Opfer von Golgotha" verstanden werden könnte. Das Opfer Jesu versteht der Papst dabei sehr personal als "Gabe an seinen Vater" und damit als Geschenk seiner Liebe. Dieses Opfer des Gehorsams Jesu am Kreuz wird in der Eucharistie gegenwärtig, fügt ihm freilich nichts hinzu und vervielfältigt es auch nicht. Der Papst umschreibt hier mit seinen Worten, was die neuere Theologie als "Aktualpräsenz", nämlich als sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzestodes Jesu in der Eucharistie, gedeutet und damit den Opfercharakter der Eucharistie theologisch und ökumenisch verantwortet hat. Wenn man hingegen den Opfercharakter streicht oder einfach vergisst, kann man letztlich nicht mehr von der Eucharistie reden.

In der Eucharistie ist freilich nicht nur das Geheimnis der Passion und des Todes Jesu gegenwärtig, sondern auch die Auferstehung Jesu Christi, in der sein Kreuzesopfer seine Krönung findet. In diesem österlichen Zusammenhang kommt der Papst auch auf die "ganz besondere Gegenwart" Jesu Christi in der Eucharistie zu sprechen und betont dabei seine "wirkliche Gegenwart". Sie ist freilich ein "Geheimnis, das unser Denken übersteigt und das nur im Glauben erfasst werden kann": "Angesichts dieses Geheimnisses der Liebe erfährt die menschliche Vernunft ihre ganze Begrenztheit." Von daher macht der Papst auf die große Verantwortung der Theologen bei der gläubigen Durchdringung dieses Geheimnisses aufmerksam, zumal die besondere Gegenwart des auferstandenen Christus auf die innige Gemeinschaft der Gläubigen mit ihm in der Kommunion ausgerichtet ist: "Die Eucharistie ist ein wahres Mahl, in dem sich Christus als Nahrung darbietet." In der Kommunion teilt uns Christus auch seinen Geist mit, wobei die Kirche diese göttliche Gabe in der eucharistischen Epiklese erbittet.

Einen ganz besonderen Akzent legt der Papst auf das dritte Glied der Wandlungsakklamation: "bis Du kommst in Herrlichkeit." Damit erhält die eschatologische Dimension der Eucharistie eine sehr starke Betonung. Indem wir in der Eucharistie das österliche Geheimnis in uns aufnehmen, ist sie gleichsam eine Antizipation des Paradieses. In dieser eschatologischen Spannung, die die Eucharistie wachruft, kommt auch die Gemeinschaft mit der himmlischen Kirche zum Ausdruck: "Die Eucharistie ist wahrhaftig ein Aufbrechen des Himmels, der sich über der Erde öffnet."

Die Betonung der endzeitlichen Ausrichtung der Eucharistie verdunkelt aber in keiner Weise ihre tiefe Bedeutung für die irdische Geschichte und für unseren Alltag. Vielmehr hebt der Papst ebenso stark die Weltverantwortung hervor, die aus der Eucharistie hervorgeht: "Es mag genügen, an die Dringlichkeit zu denken, für den Frieden zu arbeiten, tragfähige Voraussetzungen der Gerechtigkeit und Solidarität in die Beziehungen zwischen den Völkern einzubringen und das menschliche Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende zu verteidigen." Indem der Papst daran erinnert, dass Johannes anstelle des Berichts vom Letzten Abendmahl den Bericht über die Fußwaschung bringt, zieht er daraus den Schluss, dass die Teilnahme an der Eucharistie die Verpflichtung mit sich bringt, "das Leben zu <verwandeln>, damit es in gewisser Weise ganz <eucharistisch> werde".

2. Einheitsstiftende Wirkung der Eucharistie

Das zweite kleinere Kapitel entfaltet die die Kirche aufbauende Kraft der Eucharistie. Sie ist deshalb die "Mitte des Wachstumsprozesses der Kirche". Denn im Sakrament des eucharistischen Brotes wird die Einheit der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, nicht nur dargestellt, sondern auch verwirklicht. Im eucharistischen Opfer wird die Einverleibung in Christus, die bereits in der Taufe geschehen ist, erneuert und bestärkt. In der Eucharistie empfängt nicht nur jeder einzelne Christus, sondern auch Christus empfängt jeden einzelnen. Diese einheitsstiftende Wirkung im eucharistischen Mahl kommt vor allem zum Ausdruck in der eucharistischen Kommunion, in der sich immer tiefer die Identität der Kirche verwirklicht: "Mittels der Kommunion am Leib Christi dringt die Kirche immer tiefer zu ihrem Seinsgrund vor, <in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Sakrament für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit> zu sein."

Von daher geht der Papst auf die eucharistische Anbetung ein, die eng mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden ist und die einen "unschätzbaren Wert für das Leben der Kirche" hat: "Die Eucharistie ist ein unermesslicher Schatz: Nicht nur ihre Feier, sondern auch das Verweilen vor ihr außerhalb der Messe gestattet den Gläubigen, an der Quelle der Gnade selbst zu schöpfen." In einer sehr persönlich gehaltenen Passage bekennt der Papst, dass er in der eucharistischen Anbetung immer wieder "Kraft, Trost und Stärkung" erfahren durfte.

3. Apostolizität von Eucharistie und Kirche

Das dritte Kapitel entfaltet eine zentrale Konsequenz des Verhältnisses von Eucharistie und Kirche, nämlich deren Apostolizität. Wenn nämlich die Kirche nicht nur Eucharistie feiert, sondern wenn die Eucharistie die Kirche auferbaut, dann gelten die Wesenseigenschaften der Kirche – ihre Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität – auch für die Eucharistie. Der Papst richtet dabei seine Aufmerksamkeit auf die Apostolizität der Eucharistie und der Kirche, und zwar in dreifacher Hinsicht: Eucharistie und Kirche gründen erstens auf dem Fundament der Apostel. Eucharistie und Kirche bewahren und überliefern zweitens das Erbe der Apostel. Eucharistie und Kirche sind drittens apostolisch aufgrund der Nachfolger der Apostel. Daraus zieht der Papst die Konsequenz, dass das Zurückgehen auf die Apostel in der pastoralen Sendung notwendig das Weihesakrament einschließt und dass es deshalb nur dem Priester zusteht, das eucharistische Hochgebet zu sprechen. Das Weihesakrament ist überhaupt unersetzlich, "um gültig die eucharistische Konsekration zu vollziehen". Jede Gemeinde, die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, braucht unbedingt den geweihten Priester, "um wirklich eucharistische Versammlung sein zu können". Denn im Weihesakrament kommt zum Ausdruck, dass die Feier der Eucharistie eine Gabe ist, "die auf radikale Weise die Vollmacht der Gemeinde überragt".

Auf dem Hintergrund dieser starken Betonung der Apostolizität von Eucharistie und Kirche kommt der Papst auf die damit gegebenen ökumenischen Fragen und Probleme zu sprechen, auf die ich aber erst im zweiten Teil eingehen werde. Erwähnt sei deshalb nur noch die Konsequenz, die der Papst aus seinen Darlegungen für den Dienst des Priesters selbst sieht: "Wenn die Eucharistie Mitte und Höhepunkt des kirchlichen Lebens ist, so ist sie es in gleicher Weise für das priesterliche Amt." Weil die pastoralen Aufgaben des Priesters heute sehr vielfältig sind, steht er immer wieder in der Gefahr der Zerstreuung. Damit die Eucharistie Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens sein kann, erweist sich die tägliche Eucharistiefeier für den Priester als äußerst sinnvoll: "Seine Tage werden so wahrhaftig eucharistisch werden."

Bei dieser zentralen Stellung der Eucharistie muss schließlich auch die Berufungspastoral ihren Ausgangspunkt nehmen. In diesem größeren Zusammenhang wird erst recht evident, in welch unnormalen und schmerzlichen Situation sich eine christliche Gemeinschaft befindet, wenn ihr der Priester fehlt, der "in persona Christi" die Eucharistie darbringt. In dieser Situation aber ist es dennoch sinnvoll, wenn Gläubige auf dem Fundament des gemeinsamen Priestertums sonntägliche Gottesdienste leiten. Diese können aber nur als "vorläufig" verstanden werden und sind deshalb ein bevorzugter Ort, um für Priesterberufungen zu beten. Bei sonntäglichen Gottesdiensten ohne Priester ist zudem vor allem dafür Sorge zu tragen, dass in der Gemeinde "ein wahrer <Hunger> nach der Eucharistie" lebendig bleibt.

4. Eucharistie und kirchliche Gemeinschaft

Das vierte Kapitel beschäftigt sich explizit mit dem Verhältnis von Eucharistie und kirchlicher Gemeinschaft, indem der Papst die Communio-Ekklesiologie als die "zentrale und grundlegende Idee" des Zweiten Vatikanischen Konzils bezeichnet. Von daher ist es kein Zufall, dass das Wort Kommunion auch ein spezifischer Name für die Eucharistie ist. Die Eucharistie kann freilich nicht der Ausgangspunkt der kirchlichen Gemeinschaft sein; "sie setzt diese vielmehr als existent voraus, um sie zu stärken und zur Vollkommenheit zu führen". Die Eucharistie drückt ein Band der Gemeinschaft sowohl in der unsichtbaren als auch in der sichtbaren Dimension aus: Die unsichtbare Gemeinschaft setzt das Leben der Gnade voraus. Deshalb muss derjenige, der sich einer schweren Sünde bewusst ist, das Sakrament der Busse empfangen, bevor er die Kommunion empfangen kann. Denn Eucharistie und Busse sind zwei sehr eng miteinander verbundene Sakramente. Wenn die Eucharistie das Erlösungsopfer des Kreuzes Jesu sakramental gegenwärtig macht, dann folgt aus ihr eine fortwährende Herausforderung zur Bekehrung.

Die sichtbare Dimension der Communio besteht in der Gemeinschaft in der Lehre der Apostel, in den Sakramenten und in der hierarchischen Ordnung. Die Eucharistie als höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der Kirche ist deshalb auch im Kontext der Unversehrtheit der äußeren Bande der Gemeinschaft zu feiern. Auf die ökumenischen Implikationen dieser Betonung der sichtbaren Dimension der Communio werde ich noch zurückkommen. An dieser Stelle muss der Hinweis genügen, dass der Papst aus dem Verhältnis von Eucharistie und kirchlicher Gemeinschaft noch eine weitere Konsequenz zieht, dass die Eucharistie nämlich niemals Feier einer einzelnen Gemeinschaft allein sein kann und dass eine wahrhaft eucharistische Gemeinschaft "sich nicht in sich selbst zurückziehen kann, als ob sie sich selbst genügte". Die eucharistische Gemeinschaft ist vielmehr immer auch Gemeinschaft mit dem eigenen Bischof und dem Bischof von Rom: "In jeder gültigen Eucharistiefeier kommt diese universale Gemeinschaft mit Petrus und der ganzen Kirche zum Ausdruck". Die Eucharistie schafft nicht nur Gemeinschaft, sondern erzieht auch zu ihr. Darin erblickt der Papst die wesentliche Bedeutung der Sonntagsmesse. Der Tag des Herrn wird auch zum Tag der Kirche gerade durch die Teilnahme an der Eucharistie, die auf diese Weise ihre Aufgabe als Sakrament der Einheit wirksam wahrnehmen kann. Auch wenn allen Gläubigen die Verantwortung zukommt, die kirchliche Gemeinschaft zu bewahren und zu fördern, so besteht darin doch die besondere Verantwortung der Hirten der Kirche.

5. Ästhetik der Eucharistiefeier

Das fünfte Kapitel mit dem sorgfältig gewählten Titel "Die Zierde der Eucharistiefeier" entfaltet eine Ästhetik der Liturgie der Eucharistie. Der Papst sieht in der Salbung Jesu durch Maria in Bethanien eine "Vorwegnahme jener Ehre", der sein Leib "wegen seiner unlösbaren Gebundenheit an das Geheimnis seiner Person immerfort, auch nach dem Tod, würdig ist". Aber auch in der Art und Weise, wie Jesus seine Jünger beauftragt, den Abendmahlssaal vorzubereiten, erblickt der Papst "Wesenszüge einer liturgischen <Sensibilität>". Auch im Laufe der Geschichte der Kirche hat sich der Glaube an das eucharistische Geheimnis nicht nur in der inneren Haltung der Verehrung ausgedrückt, sondern auch in einer Reihe von äußeren Gestaltungsformen, vor allem in der Architektur und überhaupt in der Kunst. Einen besonderen Akzent legt der Papst dabei auf den rituellen und ästhetischen Aspekt der liturgischen Feier der Eucharistie. Von daher kommt der Papst auf die Frage der Akkulturation der Liturgie zu sprechen. Auf der einen Seite hat er vor allem in den Ländern, in denen das Christentum noch jung ist, die Lebendigkeit erfahren, die sich bei den eucharistischen Feiern in den Formen, Stilen und Sensibilitäten verschiedener Kulturen manifestieren kann: "Durch die Anpassung an die sich verändernden Bedingungen von Zeit und Raum bietet die Eucharistie nicht nur den Einzelnen, sondern den Völkern selbst Nahrung und formt christlich inspirierte Kulturen."

Auf der anderen Seite muss der Papst aber auch feststellen, dass es in der Folge einer falsch verstandenen Anpassung und Auffassung von Kreativität auch nicht an Missbräuchen fehlt. Da die Liturgie niemals "Privatbesitz irgendjemands, weder des Zelebranten, noch der Gemeinschaft, in der die heiligen Geheimnisse gefeiert werden", sein kann, appelliert der Papst, "dass in der Eucharistiefeier die liturgischen Normen mit großer Treue beachtet werden". Der Papst geht dabei auf einzelne Missbräuche nicht näher ein, sondern hat zuständige Dikasterien in der Kurie beauftragt, ein diesbezüglich spezifisches Dokument vorzubereiten.

6. Eucharistie und Maria

Das sechste Kapitel über die Eucharistie und Maria dürfte zweifellos das persönlichste sein, in dem der Papst seine eigene eucharistische und marianische Spiritualität bezeugt. Beim Bedenken der innigen Beziehung zwischen der Eucharistie und der Kirche ist es unmöglich, Maria, "Mutter und Modell der Kirche", zu vergessen. Der Papst entfaltet vielmehr die innige Beziehung zwischen der Eucharistie und Maria, ausgehend von ihrem inneren Verhalten: "In ihrem ganzen Leben ist Maria eine von der Eucharistie geprägte Frau." Denn wenn die Eucharistie ein Geheimnis des Glaubens ist, das unseren Verstand übersteigt, dann kann uns niemand besser helfen, uns in dieses Geheimnis zu vertiefen, als Maria. Hier liegt der Grund, warum der Papst in den lichtvollen Rosenkranz das Geheimnis der Einsetzung der Eucharistie eingefügt hat. Ihren eucharistischen Glauben hat Maria bereits vor der Einsetzung der Eucharistie gelebt, und zwar dadurch, dass sie ihren jungfräulichen Schoss für die Inkarnation des Wortes Gottes dargeboten hat. Der Papst sieht eine tiefe Analogie zwischen dem "Fiat", mit dem Maria dem Engel geantwortet hat, und dem "Amen", das der Glaubende spricht, wenn er den Leib des Herrn empfängt. Aufgrund des Geheimnisses der Menschwerdung des Sohnes Gottes in Maria bezeichnet der Papst Maria als den "ersten <Tabernakel> der Geschichte".

Durch ihr ganzes Leben an der Seite Christi, und nicht nur oder erst auf Golgotha, hat sich Maria auch den Opfercharakter der Eucharistie angeeignet: "Indem sie sich Tag für Tag auf Golgotha vorbereitet, lebt Maria eine Art <vorweggenommener Eucharistie". Maria ist mit der Kirche und als Mutter der Kirche in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig: "Wenn Kirche und Eucharistie ein untrennbares Wortpaar sind, so muss man dies gleichfalls von Maria und der Eucharistie sagen." Von daher liest der Papst besonders auch das Magnifikat in einer eucharistischen Perspektive. Wenn dieses die Spiritualität Mariens ausdrückt, so kann uns nichts mehr als diese Spiritualität helfen, das eucharistische Geheimnis zu leben: "Die Eucharistie ist uns gegeben, damit unser Leben ähnlich dem Mariens ganz und gar ein Magnificat sei."

Anschließend legt der Papst sein persönliches Glaubenszeugnis über die Eucharistie vor, die er täglich seit seiner Primiz am 2. November 1946 gefeiert hat. Im 25. Jahr seines petrinischen Dienstes möchte er dieses Zeugnis mit seiner Enzyklika geben, um uns anzuspornen, am Beginn des Dritten Jahrtausends mit einer erneuten Dynamik im christlichen Leben voranzuschreiten. Mit der Eucharistie-Enzyklika will der Papst zum Ausdruck bringen, dass das in "Novo millennio ineunte" von ihm vorgelegte Pastoralprogramm vor allem durch die Eucharistie geschieht.

Dem Papst ist es ein großes Anliegen, dass das eucharistische Geheimnis "weder Reduzierungen noch Instrumentalisierungen" duldet. Es muss vielmehr "in seiner Ganzheit gelebt werden, sei es im Ereignis der Feier, sei es im innigen Zwiegespräch mit Jesus, den man gerade in der hl. Kommunion empfangen hat, sei es im betenden Verweilen bei der eucharistischen Anbetung außerhalb der heiligen Messe". Von daher hebt der Papst hervor, dass die wahren Interpreten der eucharistischen Frömmigkeit die Heiligen sind und dass es deshalb naheliegt, "in die Schule der Heiligen, der großen Verkünder der wahren eucharistischen Frömmigkeit" zu gehen. Denn in ihnen gewinnt die Theologie der Eucharistie den "vollen Glanz des Erlebten".

II. EUCHARISTIEGEMEINSCHAFT UND KIRCHENGEMEINSCHAFT

Am Schluss weist der Papst darauf hin, dass es der eucharistische Schatz selbst ist, der uns "auf das Ziel des vollen Teilens mit allen Brüdern und Schwestern hin" beflügelt, "mit denen uns die gemeinsame Taufe verbindet". Um einen solchen Schatz aber nicht zu vergeuden, ist es notwendig, jene Anforderungen zu respektieren, "die aus seinem Sein als Sakrament der Gemeinschaft im Glauben und in der Apostolischen Sukzession herrühren". Damit kommen wir auf jene ökumenischen Fragen zurück, die sich mit dieser katholischen Schau der Eucharistie in ihrem Verhältnis zur Kirche von selbst stellen. Es sind dies auf der einen Seite die Frage nach einer ökumenischen Gemeinschaft in der Eucharistie und auf der anderen Seite die Frage nach der apostolischen Sukzession des der Eucharistie vorstehenden Priesters.

1. Die Eucharistie als Sakrament der kirchlichen Gemeinschaft

Wenn Eucharistiegemeinschaft und Kirchengemeinschaft unlösbar zusammengehören und wenn die Eucharistie das Sakrament der kirchlichen Gemeinschaft ist, dann ergibt sich daraus für den Papst eine besondere Verantwortung für das ökumenische Wirken auf die Einheit hin. Weil die Eucharistie das "höchste Sakrament der Einheit des Volkes Gottes" ist, steht sie aber unter dem unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft, "die durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Leitungsamtes gesichert ist". Bevor diese Bande wiederhergestellt sind, ist es deshalb unmöglich, die eucharistische Liturgie gemeinsam zu feiern: "Eine derartige Konzelebration wäre kein sinnvoller Weg und könnte sich vielmehr als ein Hindernis für das Erreichen der vollen Gemeinschaft erweisen, da sie den Sinn für die Entfernung vom Ziel verschleiert und Zweideutiges über die eine oder andere Glaubenswahrheit einführt oder dafür Vorschub leistet. Der Weg zur vollen Einheit kann nicht anders beschritten werden als in der Wahrheit." Wie eine ökumenische Konzelebration "in keinem Fall statthaft" ist, so ist auch die Interkommunion unmöglich, "solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind".

Von Interzelebration und Interkommunion unterscheidet der Papst die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und gegenüber einzelnen Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, welche nicht in der vollen Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche stehen. Denn hier besteht die Zielsetzung darin, "einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis im Hinblick auf das ewige Heil einzelner Gläubiger zu entsprechen". Umgekehrt können auch Katholiken Sakramente in jenen Kirchen empfangen, in denen sie gültig gespendet werden. In kirchlichen Gemeinschaften, die kein gültiges Weihesakrament haben, können sie jedoch die Kommunion nicht empfangen. Mit diesen Feststellungen sagt der Papst nichts Neues. Gerade deshalb ist es notwendig, den wunden Punkt in der heutigen Ökumene zwischen der Katholischen Kirche und den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu benennen und zu verdeutlichen. Dieser wunde Punkt scheint bereits im Untertitel der Enzyklika "über die Eucharistie in ihrem Verhältnis zur Kirche" auf. Während für die Katholische Kirche das Verhältnis von Eucharistie und Kirche grundlegend ist und es deshalb keine Eucharistiegemeinschaft ohne Kirchengemeinschaft geben kann, wird in der reformatorischen Tradition dieser ekklesiologische Lebensraum der Eucharistie weithin ausgeblendet.

Dass Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft unlösbar zusammengehören, war bereits in der Alten Kirche selbstverständlich (Vgl. W. Elert, Abendmahlsgemeinschaft und Kirchengemeinschaft in der alten Kirche (Berlin 1954)) und stellte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts einen ökumenischen Konsens dar. Bischof Paul-Werner Scheele, der Ökumene-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, hat mit Recht betont, dass "weit über die katholische Kirche hinaus" Christen die Überzeugung teilen, dass es ohne Eucharistie "keine volle kirchliche Gemeinschaft" und ohne kirchliche Gemeinschaft "keine wahrhaftige und wahrhafte eucharistische Gemeinschaft" geben kann (P.-W. Scheele, Eucharistie und Kirche gehören zusammen, in: Die Tagespost Nr. 59 vom 20. Mai 2003, Seite 3).

An diesem ökumenischen Konsens hatten auch die reformatorischen Kirchen Anteil, was bereits an der Tatsache abgelesen werden kann, dass es zwischen den lutherischen und reformierten Kirchen trotz der bereits bestehenden Einheit in der Rechtfertigungslehre keine Abendmahlsgemeinschaft gab. Von diesem ökumenischen Konsens haben sich die reformatorischen Kirchen erst im vergangenen Jahrhundert verabschiedet, und zwar vor allem mit der Begründung, dass Christus allein zum Abendmahl einlade, dass von dieser Einladung niemand ausgenommen werden dürfe und dass folglich auch der Kirche das Recht prinzipiell abgesprochen werden müsse, darüber befinden zu wollen, wer am Abendmahl teilnehmen darf und wer nicht.

Der Grund für diese pointiert protestantische Sicht besteht vor allem darin, dass die kirchliche Dimension der Eucharistie weit hinter ein glaubensindividualistisches Verständnis zurücktritt. Demgemäß wird das Abendmahl prioritär verstanden als das Angebot Jesu Christi und der Gnade seiner Vergebung für den einzelnen Sünder. Historisch lässt sich durchaus aufzeigen, dass die kirchliche Dimension des Abendmahles vor allem deshalb in den Hintergrund getreten ist, weil sich in der Folge des Verlustes eines eigenen Instituts des Bussakramentes in der reformatorischen Tradition die Bußspiritualität weithin auf das Abendmahl verlagert und weil sich die Vielfalt der theologischen Aspekte des Abendmahls auf den Zentralaspekt der Sündenvergebung eingeengt hat, von der eben niemand ausgeschlossen werden darf.

Hier dürfte der entscheidende Grund dafür liegen, dass im protestantischen Abendmahlsverständnis die kirchliche Dimension weithin unberücksichtigt ist und das Heil des einzelnen Gläubigen im Vordergrund steht. Demgegenüber ist es für die katholische Kirche grundlegend, dass die eucharistische Gemeinschaft der Glaubenden mit Christus zugleich auch die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander ist, nämlich die Gemeinschaft in seinem Leib, der die Kirche ist. Die eucharistische Communio wird deshalb nicht nur personal als Anteilhabe der Glaubenden an Christus und als intime persönliche Gemeinschaft mit ihm verstanden, sondern auch ekklesial als Gemeinschaft der Glaubenden untereinander in Christus. Beide zusammen bilden das Sakrament der Eucharistie.

Diese untrennbare Verbindung von Eucharistie und Kirche hat dabei elementare biblische Wurzeln. Vor allem Paulus hat für den engen Zusammenhang von Eucharistie und Kirche einen prägnanten Ausdruck gefunden, wenn er das Wort "Leib Christi" sowohl für den eucharistischen Leib Christi als auch für die kirchliche Gemeinschaft verwendet: "Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot (1 Kor 10. 16-17). Wie wichtig Paulus der unlösbare Zusammenhang zwischen Eucharistie und Kirche ist, wird an seinem Vorgehen deutlich, dass er – im Unterschied zu allen anderen neutestamentlichen Abendmahlstraditionen – Brot- und Kelchwort umstellt, genauerhin das Kelchwort dem Brotwort voranstellt.

Der Grund für dieses eigenwillige Verfahren liegt darin, dass Paulus auf diesem Weg den Zusammenhang zwischen Eucharistie und Kirche besser verdeutlichen kann. Unmittelbar wechselt Paulus vom "Leib Christi", der uns im eucharistischen Brot geschenkt wird, über zum "Leib Christi", der die Kirche ist. Paulus macht so verständlich, dass der Aufbau der Kirche durch die Eucharistie geschieht und dass die Einheit der vielen Glaubenden in der einen Kirche von dem einen eucharistischen Brot und damit von dem einen Christus herkommt: Weil Christus nur einer ist, ist auch das eucharistische Brot nur eines. Und weil umgekehrt durch dieses eine eucharistische Brot die Glaubenden an dem einen Christus Anteil erhalten, kann auch die Kirche als Leib Christi nur eins sein. Diesen unlösbaren Lebenszusammenhang zwischen der Teilhabe am eucharistischen Leib Christi und dem Leben der Kirche als Leib Christi hat der Heilige Augustinus auf die schöne Kurzformel gebracht: "Wenn ihr selbst also Leib Christi und seine Glieder seid, dann liegt auf dem eucharistischen Tisch euer eigenes Geheimnis... Ihr sollt sein, was ihr seht, und sollt empfangen, was ihr seid." (Augustinus, Sermo 272)

Diese elementare kirchliche Dimension der Eucharistie ist es, die in der Ökumene zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation nach wie vor sehr unterschiedlich gesehen wird. Weil die reformierte Sicht den ekklesialen Zusammenhang von Eucharistie und Kirche weithin ausblendet, deshalb kann sie sagen, Jesus Christus sei im Abendmahl der Einladende und die Kirche habe keine Berechtigung, jemand von dieser Einladung auszuschließen. Es versteht sich von selbst, dass die katholische Sicht die erste Aussage, dass Christus zum Abendmahl einlädt, voll und ganz teilt. Weil ihr aber der Zusammenhang von Eucharistie und Kirche wichtig ist, muss sie präzisieren: Weil Christus der Einladende ist, deshalb wird diese Einladung von der Kirche ausgesprochen und die Eucharistie von einem Amtsträger geleitet, dessen Ordination und Sendung auf Christus zurückweist. Damit kommen wir auf einen noch grundlegenderen konfessionellen Unterschied. Die reformatorische Sicht, dass allein Christus einlädt und dass diese Einladung ohne kirchliche Vermittlung ist, setzt eine Verhältnisbestimmung von Jesus Christus und Kirche voraus, die die sakramentale Sicht der Kirche von vorneherein ausblendet. Sobald man aber die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug Jesu Christi versteht, ist es unmöglich, Christusgemeinschaft und Kirchengemeinschaft voneinander zu trennen. Denn ein sakramentales Kirchenverständnis muss Christus-, Eucharistie- und Kirchengemeinschaft in ihrer inneren Einheit wahrnehmen. Damit wird der Primat Jesu Christi in allen Sakramenten keineswegs geleugnet, wohl aber die auf reformierter Seite betonte Trennschärfe zwischen dem sakramentalen Zeichen und seinem Urheber in Frage gestellt. Denn es ist auch biblisch nicht einsehbar zu machen, dass man gerade bei der Eucharistie zwischen Jesus Christus und der Kirche eine derart weitgehende Trennung vornehmen sollte und dürfte, wie sie der Position reformatorischer Kirchen heute entspricht.

Mit Recht hat Kardinal Karl Lehmann davor gewarnt, "einen gewissen Gleichklang und ein Miteinander von Kircheneinheit und Gemeinschaft im Herrenmahl aufzulösen und gleichsam zu zerstückeln". Daraus hat er die Konsequenz gezogen: "Das gemeinsame Mahl gehört insgesamt an das Ende und nicht an den Anfang ökumenischer Bestrebungen." (K. Lehmann, Einheit der Kirche und Gemeinschaft im Herrenmahl. Zur neueren ökumenischen Diskussion um Eucharistie- und Kirchengemeinschaft, in: Th. Söding (Hrsg.), Eucharistie. Positionen katholischer Theologie (Regensburg 2002) 141-177, zit. 171-172) Und unter direkter Bezugnahme auf das Votum der EKD "Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis" hat Kardinal Walter Kasper betont, wenn man Eucharistiegemeinschaft wolle, komme man nicht umhin, auch die Frage der Kirchengemeinschaft in einer dialogoffenen Weise zu stellen: "Man kann also nicht einerseits Eucharistiegemeinschaft – und d.h. auch Kirchengemeinschaft - fordern und andererseits die Inkompatibilität der katholischen und protestantischen Vorstellungen von Kirchengemeinschaft behaupten." (Kardinal W. Kasper, Kirchengemeinschaft als ökumenischer Leitbegriff. Manuskript (2002) 4)

Als weiteres Argument für eine bereits mögliche Abendmahlsgemeinschaft wird gerne angeführt, dass dafür die gegenseitige Anerkennung der Taufe bereits eine ausreichende Grundlage biete. Dagegen ist geltend zu machen, dass das gemeinsame Band der Taufe zwar eine grundlegende, aber unvollkommene Gemeinschaft gewährt. Man darf deshalb nicht von einer materiellen Gleichsetzung der Wirkung von Taufe und Eucharistie ausgehen. Die Taufe ist zwar durchaus das Band der Einheit und die Grundlage der Gemeinschaft, sie ist aber auf das Bekenntnis des Glaubens und die Eucharistie hingeordnet. Während die Taufe Anfang und Ausgangspunkt des christlichen Lebens und der kirchlichen Existenz ist, ist die Eucharistie deren Fülle und Höhepunkt. Die eucharistische Gemeinschaft bildet deshalb das Fundament der Kirche und den Höhepunkt der Kirchengemeinschaft, die auch das Amt und die Gemeinschaft der Bischöfe einschließt. Wiederum geht es damit um die Bewährung des sakramentalen Tauf- und des sakramentalen Kirchenverständnisses. Daraus hat Kardinal Walter Kasper mit Recht gefolgert, dass "nach der Einigung über Grundfragen der Rechtfertigungslehre und nach dem Grundkonsens in der Lehre von der Taufe nun die ekklesiologischen Implikationen der Tauflehre auf der Tagesordnung des ökumenischen Dialogs" stehen müssen (W. Kardinal Kasper, Ekklesiologische und ökumenische Implikationen der Taufe, in: A. Raffelt (Hrsg.), Weg und Weite. Festschrift für Karl Lehmann (Freiburg i. Br. 2001) 581-599, zit. 599).

Wir befinden uns ökumenisch heute deshalb auf dem Weg von der gemeinsamen Taufe zur noch nicht möglichen Abendmahlsgemeinschaft. Dies aber kann nur bedeuten, dass es in katholischer Sicht keine Eucharistiegemeinschaft geben kann ohne Klärung des Verständnisses der Kirche und ihrer Einheit und des Verhältnisses von Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft. Denn die Eucharistie ist sehr viel mehr als ein geschwisterliches Mahl, zu dem Jesus nach den Regeln der allgemeinen Gastfreundschaft einladen würde. Sie setzt vielmehr den gemeinsamen Glauben voraus. Dies festzustellen und ehrlich auszusprechen, ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Herausforderung, die im ökumenischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften (zu) lange vernachlässigten ekklesiologischen Fragen entschieden anzugehen. Dieses Urteil impliziert konkret, dass sich das ökumenische Gespräch mit den Kirchen der Reformation inskünftig nicht mehr mit den Fragen der Eucharistiegemeinschaft und des Amtes allein, sondern in erster Linie mit dem unterschiedlichen Kirchenverständnis und dem Verständnis von Kirchengemeinschaft wird befassen müssen. Unter dieser Rücksicht hat Weihbischof Peter Henrici die Enzyklika des Papstes mit Recht als "enttäuschend hilfreich" für die Ökumene beurteilt.

2. Eucharistie und apostolische Sukzession

Die Frage des Kirchenverständnisses spitzt sich dennoch in der Frage des Ämterverständnisses nochmals radikal zu. Diesbezüglich stellt der Papst zunächst dankbar fest, dass in den ökumenischen Dialogen über die Lehre der Katholischen Kirche über das priesterliche Amt in seiner Beziehung zur Eucharistie im allgemeinen und über das eucharistische Opfer im speziellen in den vergangenen Jahrzehnten "bedeutsame Fortschritte und Annäherungen" erzielt werden konnten. Dennoch muss im Blick auf die seit der Reformation von der Katholischen Kirche getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften die Feststellung des Zweiten Vatikanischen Konzils weiterhin zutreffend bleiben: "Obgleich bei den von uns getrennten kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle Einheit mit uns fehlt und obgleich sie nach unserem Glauben vor allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht gewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl, dass hier lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft." (Unitatis redintegratio, Nr. 22).

Hier liegt der Grund dafür, dass sich katholische Gläubige bei den getrennten kirchlichen Gemeinschaften von der Teilnahme an der Kommunion fernhalten müssen. Denn die Teilnahme würde zu einer "Verzögerung des Weges zur vollen sichtbaren Einheit" führen. Auch diese Sicht bedarf heute der Vertiefung. Denn die Amtsfrage hängt mit der ekklesialen Dimension der Eucharistie in katholischer Sicht unlösbar zusammen. Nach katholischem – und erst recht nach orthodoxem – Verständnis setzt die Gemeinschaft in der Eucharistie als Sakrament der kirchlichen Einheit das Leben des Glaubens in der vollen Kirchengemeinschaft voraus. Diese findet ihren sichtbaren Ausdruck vor allem in der Gemeinschaft mit dem jeweiligen Ortsbischof und mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger des Petrus. Von daher ist es keineswegs eine belanglose Äußerlichkeit und eine unter Umständen auch zu vernachlässigende Nebensächlichkeit, dass im eucharistischen Hochgebet der Name des jeweiligen Ortsbischofs und des Bischofs von Rom genannt wird. Diese liturgische Praxis ist vielmehr "Ausdruck der communio, innerhalb derer die einzelne eucharistische Feier von ihrem innersten Wesen her allein sinnvoll ist" (W. Kasper, Einheit und Vielfalt der Aspekte der Eucharistie. Zur neuerlichen Diskussion um Grundgestalt und Grundsinn der Eucharistie, in: Ders., Theologie und Kirche (Mainz 1987) 300-320, zit. 316).

Von diesem größeren Zusammenhang her wird verständlich, dass sich die Frage der eucharistischen Gemeinschaft vor allem in der Amtsfrage nicht zufällig ärgerlich zuspitzt. Denn die Katholische Kirche kann nicht auf der einen Seite überzeugt sein, dass nur der geweihte Priester der Eucharistie gültig vorstehen kann, und zugleich davon ausgehen, dass dieses Kriterium bei anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vernachlässigt werden könne, zumal dieses Kriterium in den Kirchen der Reformation nach wie vor in Frage gestellt oder zumindest sehr relativiert wird. Die neue "Orientierungshilfe" der EKD "zu Verständnis und Praxis des Abendmahls in der evangelischen Kirche" hält beispielsweise ausdrücklich fest: "Nach evangelischem Verständnis ist die Ordination zum Pfarramt keine Weihe, die eine besondere Fähigkeit im Blick auf das Abendmahl und seine Elemente vermittelt." Es wird vielmehr festgehalten, dass jeder Christenmensch "die Feier leiten und die Einsetzungsworte sprechen" könnte, "weil er durch die Taufe Anteil an dem ganzen Heilswerk Christi bekommt und ohne einen besonderen priesterlichen Mittler Zugang zu Gott hat". Es wird lediglich festgehalten, dass, weil die öffentliche Wortverkündigung und die Leitung des Abendmahls "nur denen zukommt, die dazu beauftragt, d.h. ordiniert sind", "in aller Regel ein ordinierter Pfarrer bzw. eine Pfarrerin" die Abendmahlfeier leitet. (Das Abendmahl. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Abendmahls in der evangelischen Kirche. Vorgelegt vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (Gütersloh 2003) 53.)

Angesichts solcher Äußerungen kann unsere Kirche nicht auf der einen Seite überzeugt sein, dass das eucharistische Geheimnis und die apostolische Sukzession im Bischofsamt zum Wesen der Kirche Jesu Christi gehören, und auf der anderen Seite zugleich sagen, dass das Amt in Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die eben diese Wirklichkeiten nicht, zumindest nicht im gleichen Sinn, zum Wesen der Kirche zählen, in gleicher Weise anerkannt sein könne. Denn eine Kirche, die im eigenen Haus anders redet als im ökumenischen Haus, macht sich auch und gerade ökumenisch unglaubwürdig. Das entscheidende Problem, um das es hier geht, ist die Frage der apostolischen Sukzession der Ämter in den verschiedenen Kirchen. Diesbezüglich spricht das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils bei den reformatorischen Kirchen von einer Defizienz des eucharistischen Mysteriums aufgrund des Fehlens des Weihesakramentes. Genau hierin sieht das Konzil die Defizienz des Amtes in den protestantischen Kirchen darin, dass es nicht in der apostolischen Sukzession steht, und zwar in dem Sinne, dass in diesen kirchlichen Gemeinschaften an die Stelle der episkopalen Sukzession eine presbyterale Sukzession getreten ist. Von daher versteht es sich leicht, dass dann, wenn es bei dieser Feststellung des Zweiten Vatikanischen Konzils bleiben muss, es niemals zu einer gegenseitigen Anerkennung der kirchlichen Ämter und deshalb auch nie zur eucharistischen Gemeinschaft kommen wird. Denn es gibt nun einmal keinen Weg, diese Defizienz des Amtes, die im 16. Jahrhundert eingetreten ist, heilen zu wollen.

Oder doch? Wenn der Rückblick in die Vergangenheit und das Festschreiben der damals eingetretenen Defizienz in eine bleibende Aporie führt, stellt sich demgegenüber die Frage, ob nicht ein Ausblick in die Zukunft über diese entscheidende ökumenische Sackgasse hinausführen könnte. Anzusetzen wäre dabei mit der Feststellung, dass die Reformatoren selbst sorgfältig bemüht waren, ihre Abweichung von der traditionellen Regel der bischöflichen Ordination der Pfarrer zu rechtfertigen unter Berufung auf die damalige Notlage, dass die inzwischen entstandenen evangelischen Gemeinden mit Pfarrern versorgt werden mussten und nicht ohne Verkündigung des Evangeliums bleiben durften, und insofern durchaus unter Berufung auf die Grundlagen der traditionellen Amtstheologie. Vor allem Martin Luther sah sich verpflichtet, die mittelalterlichen theologischen Anschauungen über die Nottaufe und die Notbeichte auch auf die Ordination auszudehnen. So konnte er beispielsweise im Jahre 1523 schreiben: "Nu aber zu unsern zeytten die nott da ist und keyn Bischoff nicht ist, der euangelisch prediger verschaffe, gillt hie das exempel von Tito und Timotheo nichts, sondern man muss beruffen aus der gemeyne, gott gebe er werde von Tito bestetiget odder nicht." (M. Luther, WA 11, 413-414.)

Luther hat also selbst die Regel der apostolischen Amtssukzession auf dem Wege über die Bischöfe als Träger des von den Aposteln herkommenden Amtes bejaht und sie sogar für unabänderlich gehalten. Selbst die Notsituation seiner Zeit, die eine Einsetzung von Amtsträgern auf anderem Wege erzwungen hat, änderte für Luther nichts an der Gültigkeit dieser allgemeinen Regel. Von daher wäre zu überlegen, ob nicht den reformatorischen Kirchen, die ursprünglich nicht die Bildung von neuen Kirchen intendiert haben, sondern die notwendige Erneuerung der ganzen Kirche und diese am liebsten mit dem gegebenen Amt erreicht hätten, für die damalige Zeit der "Notstand" zugestanden und eine "Notstandsweihe" anerkannt werden könnte. Diesen Vorschlag hat bereits der katholische Ökumeniker Otto Karrer gemacht; er hat dabei aber auch eingeschärft, dass sich eine Notstandsordnung nie zu einem Dauerprinzip verfestigen dürfe. Deshalb hat er seinen ökumenischen Gesprächspartnern gegenüber nie verhehlt, dass die katholische Einheitshoffnung auch das Wiedergewinnen der christusgemäßen Gestalt der Kirche bei den reformatorischen Kirchen einschließt; und zu dieser zählte er auch das apostolische Bischofs- und Petrusamt.

In derselben Sinnrichtung hält auch der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg eine Anerkennung des Amtes in den reformatorischen Kirchen durch die römisch-katholische Kirche nur unter der Voraussetzung für möglich, "dass die evangelischen Kirchen ihre Ordinationspraxis im Sinne der lutherischen Bekenntnisschriften als Ausdruck eines Notrechtes verstehen und nicht etwa auf das allgemeine Priestertum der Gläubigen als Quelle einer durch Delegation begründeten Amtsvollmacht zurückführen; denn dadurch würden sie ein alternatives Konzept von Amt und Ordination entwickeln, das mit der in dieser Sache durch die römisch-katholische Kirche repräsentierten Tradition nicht vereinbar ist. Andererseits sollten die reformatorischen Kirchen nicht nur aus ökumenischen Gründen, sondern um ihres eigenen Ordinationsverständnisses willen strikt daran festhalten, die selbständige öffentliche Wortverkündigung und die Sakramentsverwaltung an die Bedingung einer vorher vollzogenen Ordination zu binden." (W. Pannenberg, Systematische Theologie. Band 3 (Göttingen 1993) 440).

Auch und gerade in ökumenischer Gesinnung hat die römisch-katholische Kirche durchaus das Recht, den reformatorischen Kirchen zuzumuten, sich auf die Bedeutung und den ekklesialen Stellenwert der Ordination und auch auf ihre konkrete Form, nämlich auf das uralte Zeichen der bischöflichen Handauflegung als das sichtbare und wirksame Zeichen der Einbindung in die kirchliche Gesamttradition zurückzubesinnen. Dies ist in römisch-katholischer Sicht die unabdingbare Voraussetzung für die Anerkennung des Amtes in den reformatorischen Kirchen. Diese Anerkennung kann aber in katholischer Sicht nur von der Universalkirche ausgesprochen und kann deshalb nicht durch den einzelnen Seelsorger in einer letztlich unkirchlichen Haltung vorweggenommen werden.

III. ÖKUMENISCHE WEGWEISUNGEN

Abschließend sei nochmals betont, dass der Papst mit den genannten Konsequenzen, die sich aus dem katholischen Eucharistieverständnis in den ökumenischen Beziehungen ergeben, nichts Neues sagt. Ebenso ist klar, dass er auch nichts vom ökumenischen Engagement der katholischen Kirche zurücknimmt, sondern es verstärkt. Immer wieder zitiert er seine große Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" und zeigt damit, dass sich das ökumenische Anliegen gleichsam wie ein roter Faden durch seinen ganzen Pontifikat hindurchzieht. Er möchte den Elan der Hoffnung auf dem ökumenischen Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche in keiner Weise mindern, wenn er im Blick auf eine Gemeinschaft aller Christen beim Herrenmahl vor einem übereilten Vorgehen warnt und die geltenden Bestimmungen des kirchlichen Rechtsbuches und des Ökumenischen Direktoriums in Erinnerung ruft und dabei jede Schärfe im Ton vermeidet. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Weltrundschreiben über die Eucharistie die zweifellos persönlichste Enzyklika von Papst Johannes Paul II. ist, in der er uns sein persönliches Glaubenszeugnis schenkt. Gerade  als solches ist es aber zugleich ein Zeugnis für das katholische Eucharistieverständnis. Von daher geht es dem Papst um die notwendige Klarheit, und er lässt sich dabei leiten von drei Perspektiven, die auch wir uns zu eigen machen sollten:

Der Papst ist erstens der Überzeugung, dass sich das ökumenische Anliegen aus der Eucharistie selbst ergibt und dass sie auf die Einheit der Kirchen hin zielt. Hier liegt der tiefste Grund, dass der Papst eine ökumenische Eucharistiegemeinschaft heute für noch keinen sinnvollen und verantwortbaren Weg hält. Sie könnte sich vielmehr als ein Hindernis für das Erreichen der vollen kirchlichen Gemeinschaft erweisen, da sie den Sinn für die heutige Entfernung vom ökumenischen Ziel verschleiert. Das Ziel der Einheit der Christen sieht der Papst noch nicht in einer gemeinsamen Abendmahlsfeier von Kirchen, die ansonsten weiterhin getrennt bleiben, sondern in einer verbindlichen Gemeinschaft der Kirchen selbst.

Demgegenüber hat sich heute auch unter Katholiken die Meinung vieler reformatorischer Kirchen durchgesetzt, das große ökumenische Ziel sei nicht mehr die wirkliche Einheit in einer verbindlichen Kirchengemeinschaft, sondern das gemeinsame Abendmahl, wobei die getrennten Kirchen durchaus weiterbestehen können. Sie meinen, wenn das Ziel der gemeinsamen Feier des Herrenmahles erreicht sei, könne alles weiter so bleiben wie es ist. Dies ist freilich ein fataler Trugschluss. Denn der eigentliche Skandal besteht nicht nur darin, dass wir noch nicht gemeinsam die Eucharistie feiern können, sondern vielmehr darin, dass wir als Kirchen nach wie vor getrennt und als Christenheit gespalten sind. Dieses Ärgernis zu überwinden, ist und muss das Ziel der Ökumene bleiben. Deshalb besteht die große Gefahr, dass man dieses Ziel aus den Augen verliert und sich über die konkrete Realität im Alltag hinwegtäuscht, wenn man meint, jetzt schon gemeinsam das Abendmahl zu feiern, aber ansonsten die Gespaltenheit der Christen so bleiben zu lassen, wie sie jetzt ist. Denn wer Einheit feiert, ohne dass sie besteht, könnte sich an der Wirklichkeit vorbeimogeln.

Dies ehrlich festzustellen, ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Herausforderung, den ökumenischen Weg mutig weiterzugehen – zusammen mit dem Papst. Er ist überzeugt, dass wir uns heute auf dem Weg von der gemeinsamen Taufe zur noch nicht gemeinsamen Eucharistiefeier befinden. Und er möchte diesen Weg konsequent weitergehen und nicht nach dem heute beliebten, aber in sich paradoxen Motto handeln, dass der Weg bereits das Ziel sei. Dem Papst liegt das Ziel der Einheit der Kirchen am Herzen und deshalb will er sich nicht mit gelegentlichen gemeinsamen Abendmahlsfeiern zufrieden geben, die das Ziel aus dem Auge verlieren und deshalb letztlich Ausdruck von ökumenischer Resignation sind. Der Papst ist zu ehrlich und zu realistisch und möchte deshalb mehr Ökumene, als heute selbst etwelche Katholiken sich offensichtlich begnügen zu dürfen meint. Auch diesbezüglich ist der Papst eine Herausforderung.

Für den Papst ist die ökumenische Diskussion zweitens auf das Gespräch zwischen Katholiken und Protestanten weder konzentriert noch fixiert. Ihm geht es um die ganze und größere Ökumene, und dazu gehören vor allem die Orthodoxen Kirchen. Es ist eindrücklich, wie der Papst in seiner Enzyklika immer wieder wertvolle und sprechende Zeugnisse aus dem christlichen Orient anführt, die das Gesagte vertiefen und vom gemeinsamen Glauben mit den Ostkirchen Zeugnis geben. Es ist auch und gerade in ökumenischer Sicht höchst dringlich, dass die Ökumene auch hierzulande nicht nur zwischen Westkirchen geführt wird, sondern dass Ost- und Westkirchen einander näher kommen. Dies ist nicht nur notwendig, um die großen Probleme der westlichen Kirchenspaltung lösen zu können; dies ist vielmehr auch in politischer Hinsicht für die Gestaltung eines neuen Europa unabdingbar. (Vgl. W. Kardinal Kasper, Ökumene zwischen Ost und West. Stand und Perspektiven des Dialogs mit den orthodoxen Kirchen, in: Stimmen der Zeit 128 (2003) 151-164). Deshalb ruft der Papst immer wieder dazu auf, dass wir lernen müssen, mit zwei Lungen, einer westkirchlichen und einer ostkirchlichen, zu atmen. In der Tat haben wir auch und gerade hierzulande eine "Ost-Erweiterung" auch in ökumenischer Sicht dringend nötig. Denn wahrhafte Ökumene bedeutet, weltweit zu denken und nicht nur national.

Der Papst ist drittens überzeugt, dass man in der Ökumene zusammensehen muss, was unlösbar zusammengehört, nämlich Liebe und Wahrheit. Denn Wahrheit ohne Liebe kann brutal werden, weil sie die weise Empfehlung nicht beherzigt, die Max Frisch in seinem "Tagebuch" so ausgedrückt hat, man solle die Wahrheit einem Menschen nicht sagen, indem man sie ihm wie einen Waschlappen um die Ohren schlägt, man solle die Wahrheit einem Menschen vielmehr hinhalten wie einen Mantel, in den er schlüpfen kann. Auf der anderen Seite aber kann Liebe ohne Wahrheit banal werden, weil sie dem Menschen das Kostbarste vorenthält, das es gibt, nämlich die Wahrheit. Wahrheit ohne Liebe ist brutal und blind; aber Liebe ohne Wahrheit ist banal und leer. Jenseits von liebloser Wahrheit und wahrheitsleerer Liebe zeichnet sich der Eros der Ökumene durch eine sensible Liebe zur Wahrheit und durch wahrhaftige Liebe aus. Deshalb hebt auf der einen Seite eine ökumenische Diskussion, die nicht mehr im Kontext des realen kirchlichen Lebens verwurzelt ist, ab und verliert ihren festen Grund und Boden. Auf der anderen Seite aber gleitet eine ökumenische Praxis, die zur reinen Pragmatik wird, ab und wird seicht. Es gilt, die Wahrheit in Liebe zu sagen und zu tun. In dieser Grundhaltung ist die Eucharistie-Enzyklika des Papstes, die theologische Klärung, spirituelle Ermutigung und ökumenische Wegweisung zusammensieht, geschrieben.

Quelle: http://www.kath.ch (PDF-Datei)


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