Der Count-down läuft - nur noch wenige Monate, dann werden in Berlin über 100.000 Christinnen und Christen fünf lange Tage und Nächte das bisher größte ökumenische Happening in diesem Land zelebrieren. Wichtige Themen stehen auf der Agenda: Asyl und Entschuldung Afrikas, Gentechnik und Bildungspolitik - es wird diskutiert, gesungen, gestritten und gefeiert werden - mitleidig belächelt oder ignoriert vom Rest der Republik.
Das alles beherrschende Thema dieses Kirchentages wird jedoch leider keine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen sein - im Mittelpunkt steht vielmehr eine Frage des Kirchenfriedens: Die provozierende Weigerung des römischen Katholizismus, mit den protestantischen Schwestern und Brüdern gemeinsam Mahl zu halten. Dahinter stecken keine theologischen Fragen - diese gelten als geklärt. Auch revolutionäres Drängen kann ausgeschlossen werden, ist die gegenseitige Teilnahme am Abendmahl doch gängige Praxis, die Forderung der offiziellen Einigung Jahrzehnte alt und die Reihe der Befürworterinnen äußerst prominent.
Nein, auf dem Weg zum ökumenischen
Kirchentag erleben wir ein interessantes Schauspiel, dessen Dramatik sich
bis Ende Mai noch steigern wird und das durchaus interessante politische
Implikationen erkennen lässt.
Als die Präsidien des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am 17. Oktober 1996 in Bonn den Wunsch zum Ausdruck brachten, "dass bei gemeinsamen Veranstaltungen in Zukunft auch die Abendmahlsgemeinschaft möglich wird. Beide Präsidien sind entschlossen, sich nach Kräften dafür einzusetzen, diesem Ziel näher zu kommen" und dies mit der Absicht verbanden, "im Jahr 2003 in gemeinsamer Trägerschaft eine gemeinsame Großveranstaltung (ökumenischer Kirchentag) durchzuführen" (Protokollnotiz vom 17.10.1996), mussten sich die Verantwortlichen beider Gremien über die Folgen im Klaren sein. Worauf stützte sich der Optimismus dieser Vereinbarung, besonders auf Seiten des ZdK? Gab es eine begründete Hoffnung auf grundlegende Veränderungen? Oder handelte es sich um eine klare Überschätzung der eigenen Möglichkeiten als offizielle Laienvertretung?
Für den unabhängigen DEKT stellte eine solche Vereinbarung zunächst kein Risiko dar. Sollten sich in dem Machtgefüge, durch das der katholische Partner schon nach eigenem Selbstverständnis gebunden ist, keine wesentlichen Änderungen ergeben, würde er sich jedoch durch das Festhalten an diesem Projekt in eine Abhängigkeit manövrieren, deren Folgen damals offenbar niemand abschätzen konnte.
Dies wurde bereits wenige Wochen später deutlich. In einem Briefwechsel mit der damaligen Vorsitzenden des ZdK, Rita Waschbüsch, stellte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Bischof Karl Lehmann unmissverständlich klar: Die Verknüpfung von Kirchentag und eucharistischer Gemeinschaft sei nicht zulässig, da letztere unmittelbar den Verantwortungsbereich der Bischöfe betreffe. Zwar hielt Frau Waschbüsch dagegen, doch die Botschaft war klar - das ZdK hatte seine Kompetenzen überschritten und wurde zurückgepfiffen. Der Versuch, über die Ökumene auch innerkatholisch einen Schritt voranzukommen, war gescheitert.
An dieser Grundkonstellation hat sich bis heute nichts geändert, und das ökumenische Klima ist rauher geworden: Ungeachtet der 1999 erreichten katholisch-lutherischen Einigung in der Rechtfertigungslehre stellte der Vatikan im September 2000 mit der Erklärung "Dominus Iesus" noch einmal fest, dass auch für ein so ambitioniertes Projekt wie den ökumenischen Kirchentag im Ursprungsland der Reformation auf absehbare Zeit nicht mit einer Revision der römischen Position zu rechnen sei. In Deutschland selbst formierte sich mit der Gründung des "Forums deutscher Katholiken" im Juni 2001 eine Art "ZdK von rechts" mit offizieller Unterstützung des römischen und deutschen Episkopats und trug so zur Verschärfung der Situation bei. Disziplinierungsmaßnahmen wie der verordnete Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung 1999 führten aller Welt vor Augen, wer in dieser Kirche das Sagen hat. Die Analyse ist ernüchternd: Die deutschen Katholiken stehen so streng unter Kuratel wie lange nicht, ein Bewegungsspielraum ist praktisch nicht mehr vorhanden.
Was in wenigen Monaten beim so hoffnungsfroh angekündigten ökumenischen Kirchentag in Berlin erlaubterweise geschieht und was nicht, darüber entscheidet also Rom allein. Diese Tatsache - für katholische Christinnen und Christen alltäglich - stellt für ihre protestantischen Schwestern und Brüder eine neue Erfahrung dar. Ironisch könnte von einer Art "Aufhebung der Kirchenspaltung" gesprochen werden, die sich so auf der Ebene der Hierarchien und Administrationen vollzieht, die seltsamer nicht sein könnte und mit der Ursprungsidee eines ökumenischen Kirchentages keinesfalls intendiert war. Während in den Vorbereitungsgremien der Groll darüber bestenfalls verdrängt wird und die zahlreichen Aktiven versuchen, in dieser Atmosphäre durch Konzentration auf die Sachthemen das Beste daraus zu machen, steht den erwarteten 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern diese Erkenntnis noch bevor.
Von der Öffentlichkeit bisher fast unbemerkt verschieben sich durch diese machtpolitische Konstellation jedoch die traditionellen Koordinaten. Das zeigt sich an vermeintlichen Kleinigkeiten, etwa in der gewachsenen Bedeutung, die den beiden Ortsbischöfen von Berlin, Dr. Wolfgang Huber und Georg Sterzinsky, zukommt. Während beim evangelischen Kirchentag das leitende Amt bisher nicht im Vordergrund stand, sondern sich auf die Rolle der gastgebenden Landeskirche beschränkte, geraten in Berlin die eigentlichen Repräsentanten des ÖKT, die Präsidentin Dr. Elisabeth Raiser und der Präsident Dr. Hans Joachim Meyer, unaufhaltsam in der Hintergrund. Verliert der Kirchentag also seinen Charakter eines unabhängigen und streitbaren Kirchentreffens? Es wird weithin von einem katholischen Kirchentag gesprochen.
Darin deutet sich an: Der Streit um das Abendmahl ist keine innerkatholische Angelegenheit mehr. Es wäre geradezu sträflich naiv, die Bringschuld allein der katholischen Seite anzulasten, nach der Devise "Die dürfen nicht - sollen sie das halt ändern!" - der Abendmahlstreit hat eine gesellschaftspolitische und eine ökumenepolitische Dimension.
Erstens zeigt er deutlich, was diese beiden Konfessionen trennt - das Abendmahl ist es offensichtlich nicht. Streitthemen, die in den Vordergrund gespielt werden, obwohl ihr Streitwert im realen Leben gegen Null geht, haben lediglich Symbolwert: sie sind Teil einer Vermeidungsstrategie und verweisen bei näherer Betrachtung auf eigentliche Friktionen. Der Verdacht liegt nahe, dass auch der Abendmahlsstreit eine solche Funktion erfüllt; die Vorgeschichte des Kirchentages weist darauf hin.
Zwei Modelle von Kirche, mithin auch von
gesellschaftlichem Zusammenleben treffen hier aufeinander, die
gegensätzlicher nicht sein könnten. Der Protestantismus praktiziert - bei
allen Schwächen - einen kommunikativen und synodalen Stil, während der
römische Katholizismus autoritär und streng hierarchisch ausgerichtet ist.
Mit einem demokratischen Gesellschaftsentwurf ist dieses Kirchenbild
schlechthin unvereinbar. Katholische Christinnen und Christen gehen - bis
auf die üblichen Ewiggestrigen - mit diesem autoritären Kirchenmodell auch
längst nicht mehr konform. Für die sich daraus ergebende Schieflage gibt es
innerkatholisch schlechthin keinen Lösungsansatz - sie bleibt eine
individuelle Belastung der und des Einzelnen; auch die gesellschaftliche
Belastung dieses Dilemmas wird jedoch zunehmend deutlicher.
Der Streit um das Abendmahl mutet an wie ein Kampf mit den Schatten der Vergangenheit, doch er ist gesamtgesellschaftlich von Interesse: Auch die Kirchen prägen durch die Art und Weise ihrer Verfasstheit nach innen und ihres Verhaltens nach außen die demokratische Kultur dieser Republik, sie sind Teil des demokratischen Systems und offerieren ein bestimmtes Angebot gelebter politischer Kultur. Der Streitwert eines demokratisch verträglichen Kirchenmodells ist nicht nur im Hinblick auf den anstehenden Kirchentag nicht hoch genug anzusetzen.
Zweitens offenbart der Abendmahlsstreit zugleich eine Veränderung des ökumenischen Klimas und der Beteiligten. Darin bestätigt sich die oft weitaus größere Durchsetzungsfähigkeit autoritärer Modelle gegenüber demokratischen - sie verfügen per se über andere Mechanismen und wissen diese zu gebrauchen.
Das Projekt eines ökumenischen Kirchentages zu unternehmen war ein Vabanquespiel mit vielen ungedeckten Schecks. Der DEKT ließ sich auf dieses Spiel mit einem unsicheren Partner ein: Über das ZdK sitzen die DBK und die römische Glaubenskongregation immer mit am Tisch. Als der unabhängigere und tolerantere Partner war er daher in der Planungsphase von vornherein in einer strategisch schwächeren Position. Indem er trotz dieser fundamentalen Schwierigkeiten am Projekt eines gemeinsamen Kirchentages festgehalten hat und für das Gelingen dieses Zieles kompromissbereit war, hat er jedoch eine Stärke bewiesen, die ihm hoch anzurechnen ist. Es ist zu wünschen, dass das ZdK dieses hohe Maß an Frustrationstoleranz angemessen zu würdigen weiß.
Damit ist unmittelbar die Frage der Deutungshoheit eng verknüpft: Wer definiert, was Ökumene ist? In der Reduktion auf die Frage der Mahlgemeinschaft wird eine Missachtung der weltweiten ökumenischen Bewegung deutlich, die seit Jahrzehnten Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung in den Mittelpunkt stellt - die wichtige Wurzel der Globalisierungsbewegung. Durch die konfessionalistische Verengung des Ökumenediskurses gelang es den Gegnern des ökumenischen Kirchentages, die erbärmlich banale kirchenrechtliche Karte zu spielen. Aus der Frage "Wie sollen wir christlich leben in dieser einen Welt?" wurde so eine ordnungspolitische Scheindebatte.
Nach dem Kirchentag wird daher sorgfältig zu diskutieren sein, ob es nicht klüger gewesen wäre, rechtzeitig und ohne Gesichtsverlust aus dem gemeinsamen Projekt auszusteigen. Dass die künftigen Kirchentage schon auf Jahre hinaus als rein konfessionelle festgelegt sind, spricht für sich und ist sehr zu bedauern. Zugegeben, die Ökumene ist zutiefst beschädigt - nach dem Kirchentag ist wahrlich nicht vor dem Kirchentag. Der Streitwert einer alltäglich praktizierten Ökumene, die nicht auf die Selbstverständlichkeit der gegenseitigen Abendmahlsgemeinschaft reduziert werden kann, hat jedoch enorm zugenommen.
Der ökumenische Kirchentag kennzeichnet einen vorläufigen Endpunkt der Ökumene von oben. Wenn dieser Kirchentag als ein ökumenischer erfolgreich wird, dann gegen den offiziellen Willen der römischen Bischöfe. Es widerspricht ihrem Kirchenbild, dass Christinnen und Christen in beiden Konfessionen, durch die Gemeinschaft im Abendmahl mit Jesus Christus verbunden, für eine gerechte Welt kämpfen. Das Gelingen dieses Kirchentages wird mit christlichem Mut von unten kommen und jenem inhumanen Kirchenbild eine klare Absage erteilen.
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Bernd H. Göhrig ist Bundesgeschäftsführer der "Initiative Kirche von unten" (IKvu); E-Mail: goehrig@ikvu.de Siehe auch seinen Beitrag: Vita oecumenica - Ökumene leben |