Der Ökumenische Kirchentag rückt näher. Vom 28. Mai bis 1. Juni findet er in Berlin statt - und zwar unter dem Motto "Ihr sollt ein Segen sein". Ja, die Christen haben eine gemeinsame Sendung in diese Welt hinein. Aber werden sie diese Gemeinsamkeit auch glaubhaft demonstrieren können? Die größte Angst besteht bei den Bischöfen vor dem wirksamsten Zeichen - der gemeinsamen Abendmahlfeier. Die Warnung der katholischen Oberhirten lautet: Die Treue zu Gottes Wort und zur apostolischen Überlieferung dürften nicht gefährdet werden. Die Grenzen werden scharf gezogen, doch sie werden in Berlin vielfach überschritten werden, weil die Grenzziehung mit diesen Argumenten nicht mehr überzeugt, nicht hilft und nichts positiv vorantreibt.
Die Welt, die deutsche Gesellschaft, braucht den christlichen Durchbruch zur vollzogenen Einheit im Zentrum des Glaubens – das gemeinsame Mahl an dem einen Tisch. Die konfessionellen Machtfragen haben sich überlebt. Der Wunsch nach dem gemeinsamen Gebet und der gemeinsamen Eucharistiefeier ist mächtig. Er wird in Berlin sichtbar werden und die Organisatoren, die offiziellen Vertreter der Kirchen, vor Probleme stellen. Drohungen im Vorfeld des Kirchentages, die Grenzüberschreitung könnte zu ernsthaften Konflikten und Konsequenzen führen, greifen nicht. Die Mündigkeit der Laien, die Berufung auf das eigene Gewissen, auf die eigene Entscheidung sind in einem hohen Maß gewachsen. Diese Mentalitätsänderung wird unterschätzt. In wichtigen Grundüberzeugungen sind sich evangelische und katholische Kirche längst einig. Kein Pfarrer, kein Religionslehrer kann heute noch verständlich entscheidend Trennendes überzeugend formulieren.
Wahrscheinlich kann die Einheit der Christenheit letztlich nur von unten her vollzogen werden. Zweifellos haben sich evangelische und katholische Kirche auch auf hierarchischer Ebene in einem rasanten Tempo angenähert. Kaum noch eine gesellschaftliche Erklärung, die nicht von beiden Kirchen unterzeichnet und mitgetragen wird. Das ist ein Fortschritt. Doch gleichzeitig erleben beide großen Kirchen einen Schwund an gesellschaftlicher Prägekraft. Sie werden von dem Faktischen überrollt, eingeholt. Immer mehr Entwicklungen vollziehen sich in einem solch hohen Tempo, dass die Kirchen nicht mehr Schritt halten können.
Der ökumenische Kirchentag in Berlin muss in seiner Chance, Einheit im Zentrum des Glaubens zu demonstrieren, genutzt werden. Angst ist dabei ein schlechter Ratgeber. Das Wehen des Geistes lässt sich nicht aufhalten. Er durchbricht unberechenbar alle Schranken und eröffnet Neues. Offenheit ist für Berlin gefordert, Zuversicht statt Angst, Vertrauen statt berechnende Strategie. Wieviel Zweifel spricht aus dem Hirtenwort der katholischen Bischöfe, das uns glauben machen will, dass "die Einheit am Tisch des Herrn unwahrhaftig ist". Nein, wenn die Herzen richtig bereit sind, ist die Einheit am Tisch des Herrn eine wahre Freude und ein unüberhörbares Zeichen, ja ein Segen für die Welt.
|
|
Jürgen Hoeren
wurde 1946 in Duisburg geboren. Er studierte in Münster, Freiburg und
Taipeh (Taiwan) katholische Theologie, Publizistik und Sinologie. Er
arbeitete bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen, ehe er 1979
zum Südwestrundfunk in die Kirchenredaktion eintrat. Seit der Fusion
von SWR und SDR leitet er das Ressort "Kulturelles Wort / Aktuelle
Kultur" in Baden-Baden. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der Artikel wurde mit freundlicher Erlaubnis entnommen aus der Zeitschrift "KIRCHE IN", Februar 2003. |