Carl-Peter Klusmann:

"Polemik, die eines Bischofs nicht würdig ist"
Brief an Bischof Scheele zum Interview in der "Tagespost"


An den Bischof von Würzburg
Herrn Dr. Paul-Werner Scheele
Postfach
97033 Würzburg

22. März 2003

Lieber Confrater,
so gern Bischöfe Ihre Priester als confratres anreden, so wenig ist es üblich, dass diese ebenso antworten. Das allein spricht schon für sich. Der Anlass für mein Schreiben ist Ihr Interview in der "Tagespost" vom 1.3.2003, in dem ich Passagen finde mit einer Polemik, die meiner Meinung nach eines Bischofs nicht würdig ist.

Ich bin Sprecher des gemeinsamen "Arbeitskreises Ökumene" der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) und der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" (WsK), der zusammen mit der evangelischen Gemeinde "Prenzlauer Berg - Nord" in Berlin zum Kirchentag zwei ökumenische Gottesdienste mit eucharistischer Gastfreundschaft vorbereitet. Ich bin also über dieses Vorhaben aus "eigener Hand" informiert und fühle mich unmittelbar betroffen. Da ich aus naheliegenden Gründen die "Tagespost" selten lese, habe ich den Text des Interviews erst jetzt kennengelernt. Ich greife die Punkte heraus, die eine Anmerkung brauchen:

  1. "Es stand ja in den Gemeinden am Prenzlauer Berg der Plan im Raum, eine große Interzelebration zu veranstalten: Katholische und evangelische Geistliche sollten gleicherweise Leiter des Abendmahles sein. Das ist jetzt in aller Form mit einer Erklärung der Kirchenleitung durch Bischof Huber sowie des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte und dieser Gemeinden abgelehnt worden."
    Das Gegenteil ist wahr. Zu keinem Zeitpunkt hatten die Gemeinden oder wir eine Interzelebration geplant.
    a) Das war dem ÖKT seit dem 30.1.2002 bekannt, als wir diese Gottesdienste für das Programm des Kirchentages vorgeschlagen haben. Dieser Sachverhalt ist in Gesprächen und Schriftwechsel danach mehrfach bestätigt worden. Da Sie sich selber auf die Beratungen im Präsidium beziehen, hätte Ihnen das nicht unbekannt sein dürfen.
    b) In der Öffentlichkeit hat unser AK nie den Eindruck erweckt, wir beabsichtigten eine Interzelebration (vgl. Imprimatur / SOG-Papiere, www.ikvu.de u.a.).
    c) Kardinal Lehmann habe ich als Vorsitzendem der DBK in einem Schreiben vom 22.2.2002 unsere Absicht präzise dargelegt. Auf Wunsch kann ich Ihnen den Text mailen.
    d) Die Erklärungen aus Berlin, auf die Sie sich beziehen, beinhalten nicht, dass zuvor eine Interzelebration beabsichtigt gewesen wäre (vgl. Gemeinsame Erklärung Kirchenleitung und Gemeinde).
    e) Bischof Huber hat mir in einem Schreiben vom 9.12.2002 bestätigt, dass er nicht erwartet hatte, wir würden an eine Konzelebration denken, zumal ihm meine persönliche Ablehnung der Konzelebration "schon seit einiger Zeit bekannt" gewesen sei (vgl. Imprimatur 33 (2000) 5/6, S. 224-231, auch als PDF-Datei: Vorschlag für ökumenische Eucharistiefeier).
    f) Am 21.2.2003 haben die am AK Ökumene beteiligten Reformgruppen ausdrücklich die Fehlinterpretation der erwähnten Erklärung aus Kreisen von "Leuten, die (nach Ihrer Einschätzung) selber absolut kein Verhältnis zu Abendmahl oder Eucharistie haben", zurückgewiesen (vgl. Reformgruppen und Gemeinde halten unverändert an gemeinsamen Abendmahlsfeiern fest).
    Ich selbst halte beide Unterstellungen für ehrenrührig, sowohl die mir aus ÖKT-Gremien berichtete, wonach wir entgegen unserer Ankündigung am Ende doch eine interkonfessionelle Konzelebration (wie beim Katholikentag 2000) veranstalten würden, wie die andere, wir hätten von vornherein etwas anderes beabsichtigt, als wir angekündigt haben.

  2. Sie gehen von der Richtigkeit der Behauptung des Journalisten aus, in den Erklärungen der evangelischen Gemeinden hieße es, "man könne mit der Einladung zu einem gemeinsamen Abendmahl die Einigung von Christen vorwegnehmen". In Wirklichkeit findet sich dort eine theologische Aussage. Es heißt dort, "dass in der Feier des Abendmahls die Zukunft des Reiches Gottes vorweggenommen wird", mit einem Zitat von Ernst Lange: das Mahl derer, die "ihre Einigung und ihren Frieden im Glauben vorwegnehmen". Deshalb können Sie die Auffassung unserer ev. Partner wohl kaum mit der Feststellung zurückweisen: "Ich bin gegenteiliger Überzeugung."

  3. Sie erklären: "Es geht für mich bei der Messe um das Allerheiligste, und das kann und darf man nicht manipulieren oder zum Mittel zum Zweck machen wollen." Uns eine solche Absicht zuzutrauen, finde ich skandalös. Mir scheint, unsere ev. Kollegen legen eher noch höhere Maßstäbe an, wenn sie in ihrer Erklärung feststellen: "Das Sakrament des Abendmahls als Geschenk des Herrn an seine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit nur als Folge einer erreichten Kirchengemeinschaft zu verstehen und gelten zu lassen, hieße, die Gabe des Herrn zu einem kirchenrechtlichen Instrument zu machen."

  4. Sie erklären vor allem mit Hinweis auf die Orthodoxie: "Wenn gemeinsames Abendmahl oder Interkommunion zum gegenwärtigen Zeitpunkt und unter den jetzigen Bedingungen offizielle Praxis würden, würde das eine tiefe Spaltung in der Christenheit hervorrufen...." Das ist eher ein pastorales als ein theologisches Argument, das ich aber dennoch durchaus respektiere. Im gegebenen Fall handelt es sich jedoch um etwas anderes. In einer Erklärung unseres AK wird auf die Frage: "Welche Reaktion erwarten Sie von Seiten der Kirchenleitungen?" geantwortet:
    "Beim jetzigen Stand der Dinge kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie offiziell ihren Segen geben zu allem, was einzelne und viele einzelne in ihrem Gewissen für richtig halten und entsprechend praktizieren. Gut beraten sind sie allerdings, wenn sie in der gegenwärtigen Übergangszeit keinen Konflikt heraufbeschwören wegen der Dinge, die theologisch vertretbar, aber für eine allgemeine, gesetzliche Neuregelung aus amtlicher Sicht noch nicht reif sind. Verantwortung dafür brauchen sie allerdings nicht zu übernehmen." (vgl.: FAQ Gemeinsames Abendmahl?)

  5. Auf die Rolle des Präsidiums des ÖKT bin ich oben schon eingegangen. Wenn Sie allerdings erklären, man habe beim Katholikentag in Hamburg "eine gemeinsame Abendmahlsfeier inszeniert", weiß ich nicht, wie diese Beschreibung dazu passt, dass es sich "bei der Messe um das Allerheiligste" handelt.

  6. "Es hat keiner von sich aus das Recht, die offene Kommunion anzubieten". Mit dieser Feststellung ist die Frage aber nicht beantwortet, ob jemand das Recht habe, diese zu verweigern, solange er davon überzeugt ist und zu erkennen gibt (wie wir es tun), dass "der eigentliche Gastgeber Christus selber ist". Sie erwarten von denen, die an der Kommunion teilnehmen, (in der Regel) das "katholische Verständnis". Sie wissen aber ebenso gut wie ich, dass dieses inzwischen längst nicht mehr eindeutig ist, solange es weiterhin an kaum noch verständliche Formulierungen (z.B. Transsubstantiation) gebunden wird, die selbst von Theologen nicht immer korrekt verstanden werden, geschweige denn, dass es inhaltlich auch "ganz frommen Katholiken" selbstverständlich wäre.

  7. Sie präzisieren das katholische Verständnis: "das heißt ja auch Gemeinschaft mit der ganzen katholischen Kirche, mit dem Papst, mit den Bischöfen, auch mit denen, die uns im Glauben und im Sterben vorausgegangen sind." Dieses Verständnis teilen wir und nehmen an, dass unsere ev. Partner dem ebenso zustimmen werden. Denn niemand von uns will etwa den Papst von der katholischen Kirche ausschließen. Allerdings sind wir auch nicht bereit, das Credo mit seinem Bekenntnis zur einen katholischen Kirche juridisch zu verengen und auf die römisch-katholische Kirche einzuschränken. Spätestens, wenn Sie von denen sprechen, "die uns im Glauben und im Sterben vorausgegangen sind", werden Sie ebenfalls die Christen nicht ausschließen wollen, die im konfessionellen Sinne nicht katholisch, also nicht römisch-katholisch waren.

  8. Ohne Vorbehalt zustimmen kann ich Ihren Bemerkungen zur Relevanz des "gemeinsamen Zeugnisses". Jedoch darf man nicht nur an die Politik denken. Weitgehend hängt die Glaubwürdigkeit unseres Christentums überhaupt davon ab, dass wir die fast nur noch historisch zu verstehenden und zu begründenden Differenzen überwinden, wenigstens, solange wir uns deshalb gegenseitig exkommunizieren.

  9. Dass der Tagespost-Redakteur sich erlaubt, die von uns geplanten Gottesdienste als "gewisse Aktionen" zu bezeichnen, fällt bei dem bekannten Niveau seiner Zeitung nicht besonders auf. Dass Sie anschließend von "Missbräuchen" sprechen, bedauere ich jedoch. Beim Stichwort "Communio sanctorum" und der Bemerkung des Redakteurs, dass "weite Kreise auf Seiten der evangelischen Kirche [...] evangelisch bleiben (wollen), so wie sie es jetzt sind" und gleichzeitig das gemeinsame Abendmahl wünschen, hätte es Ihnen gut angestanden, zu ergänzen: "nicht minder auf ihre Weise viele Katholiken". Zu welchen Änderungen die offiziellen Kirchen im Gehorsam gegen das Gebot des Herrn bereit sind, steht erst recht dahin.

  10. Zu Ihren Bedenken anlässlich der Ordinationsfrage in der EKD-Orientierungshilfe zum Abendmahl möchte ich bemerken, dass im Hinblick auf die von uns geplanten Gottesdienste Einigkeit besteht. Diese werden von Ordinierten zelebriert. Das von Ihnen anschließend aufgegriffene Thema "Segnung homosexueller Paare" sollte m.E. nicht als Hindernis der Ökumene betrachtet werden. Von "Evidenz" bezüglich Ihrer Position zu sprechen, halte ich für verwegen.

Ich nehme an, dass meine Erläuterungen von Ihnen akzeptiert werden. Bei den strittig bleibenden Fragen wünsche ich, dass meine Hoffnung, innerhalb des Episkopates die Bereitschaft zur (weiteren?) Diskussion und den Respekt vor Gegenargumenten zu finden, nicht vergeblich ist.

Ich schließe mit der Erwartung, dass Sie, im Gegensatz zu "unserem confrater" Karl Lehmann, meinen Brief nicht ohne Antwort lassen werden.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Carl-Peter Klusmann


Carl-Peter Klusmann, Dudenstraße 9, 44137 Dortmund,
Fon: 0231-147303, Fax: 0231-2866505,
E-Mail: klusmann@ikvu.de

Carl-Peter Klusmann wurde 1934 in Wanne-Eickel geboren und ist katholischer Pfarrer, seit 1996 im Ruhestand. Er ist Mitglied der SOG Paderborn seit deren Gründung 1968; von 1974 bis 1986 Sprecher, seit 1991 zweiter Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP).

Carl-Peter Klusmann


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