Carl-Peter Klusmann:

Gemeinsam das Mahl des Herrn feiern


Einer war in der Kirche. Der andere fand nur noch auf dem Bürgersteig vor der Kirche Platz und hatte abgewunken (ähnlich wie die Vizepräsidentin des Bundestages), als man ihm ob seiner "Prominenz" doch noch einen Platz in der Kirche beschaffen wollte. Eindrücke beider von den ökumenischen Gottesdiensten mit eucharistischer Gastfreundschaft beim Kirchentag in Berlin finden sich weiter unten. Zunächst soll das Grundkonzept dieser Gottesdienste noch einmal klargestellt werden, das im Pulverdampf der gegenwärtigen Auseinandersetzungen weithin aus dem Blick geraten ist.

Entscheidendes Merkmal dieser Gottesdienste war: Das Mahl des Herrn wurde innerhalb ökumenischer Gottesdienste, das heißt gemeinsam, gefeiert. Dabei wurden die konfessionell unterschiedlichen Traditionen, Eucharistie und Abendmahl zu begehen, nicht verdrängt, sondern in ökumenischer Offenheit einbezogen. Innerhalb dieser durch und durch ökumenischen Gottesdienste wurden jeweils die verschieden geprägten Abendmahlsliturgien im Sinne eucharistischer Gastfreundschaft gefeiert, ebenso wie die Predigt ein/e Vertreter/in der jeweils anderen Konfession gehalten hat. Deshalb kam eine Interzelebration in Form einer Konzelebration nach katholischem Muster oder eine ad hoc entworfene Einheitsliturgie nicht in Betracht.

So wurde der ökumenische Gottesdienst am Donnerstag (Fest Christi Himmelfahrt) mit offener Kommunion und am Vorabend des folgenden Sonntags mit dem Abendmahl für alle gefeiert. Maßgebend für dieses Verständnis von Ökumene ist das Modell der "versöhnten Verschiedenheit". Dabei werden verschiedene theologische und liturgische Traditionen nicht geleugnet oder eingeebnet. Allerdings wird die Konsequenz daraus gezogen, dass diese nicht mehr kirchentrennend sein müssen.

Leider haben die Gottesdienste auf katholischer Seite die Missbilligung kirchlicher Instanzen gefunden, die bis zu disziplinarischen Maßnahmen gegen die an der Liturgie beteiligten Priester geführt hat. Die römische Kirchenspitze und ihre Untergebenen ignorieren bisher weitgehend die konstruktiven Gesprächsergebnisse zahlreicher, selbst der in ihrem Auftrag geführten Konsensgespräche, wofür die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia leider wieder Beweis ist. Otto-Hermann Pesch kommt in seiner gewohnt irenischen Art zu dem Ergebnis: "Jahrzehntelange theologische Klärungsbemühungen haben (in diesem Rundschreiben) keinen Eindruck hinterlassen." (Stimmen der Zeit 8/2003, S. 516)

Jetzt bestellen bei amazon.deInfolge der Dialogverweigerung von oben herrscht in der Kirche ein Notstand. Dieser äußert sich auch in der von der römischen Zentrale oft beklagten Schwierigkeit, die eigenen Auffassungen überhaupt noch verständlich zu machen. Die für die Pastoral in den Gemeinden unmittelbar Zuständigen können sich in dieser Situation nicht darauf zurückziehen, gleichsam nur Verschlußsachen auszuliefern, soweit geht das Briefgeheimnis nicht. Sofern für sie der Buchstabe des Gesetzes nicht oberster Maßstab ist, nötigt sie ihr eigenes Gewissen, sich auf die Tugend der Epikie zu besinnen. Diese gestattet ihnen, auf Grund eigener theologischer Einsicht und aus eigener Verantwortung, behutsam weiterführende Schritte zu tun. Dafür gibt es zum Glück in Form etlicher Bücher gute Hilfen, etwa die Bilanz der drei ökumenischen Institute mit dem Titel "Abendmahlsgemeinschaft ist möglich".

Was dahinter steckt
Als theologisch geklärt, wurde bei den Gottesdiensten am Fest Christi Himmelfahrt und folgendem Samstag in der Berliner Gethsemanekirche vorausgesetzt, dass sowohl beim evangelischen Abendmahl wie bei der katholischen Eucharistiefeier das Mahl des Herrn begangen wird. Bestehende Unterschiede in der Deutung dieser Mahlfeier wurden nicht geleugnet. Sie wurden aber nicht in dem Sinne als kirchentrennend angesehen, dass die eucharistische Gastfreundschaft ausgeschlossen gewesen wäre. Vielmehr wurden gegenseitig die Christen anderer Konfession zur Teilnahme, d.h. zur Kommunion, eingeladen.

Diese eucharistische Gastfreundschaft oder Gastbereitschaft wird inzwischen allenthalben, Sonntag für Sonntag in unzähligen Kirchen beider Konfessionen praktiziert. Der Einfachheit halber soll hier von der evangelischen Kirche als (bloß) einer Konfession gesprochen werden. Auf Grund der Überzeugung, dass Jesus Christus der eigentlich Einladende ist, sind auch Christen bei der Kommunion willkommen, die nicht der eigenen Konfession angehören. Bei den ökumenischen Gottesdiensten mit eucharistischer Gastfreundschaft in Berlin sind wir allerdings über diese verbreitete Praxis entscheidend hinausgegangen. Denn dort hat keine Konfession Christen einer anderen zu ihrem eigenen Gottesdienst eingeladen. Vielmehr wurden gemeinsame Gottesdienste gefeiert, zu dem Christen aus jeweils verschiedenen Konfessionen zusammenkamen. Lediglich hat einmal die eine Konfession und dann die andere Eigenes beigetragen, sicher wichtige Teile zu dem als Ganzes gemeinsamen Gottesdienst.

Diesen Schritt deutlich zu machen, empfinden manche Kommentatoren allerdings als Spitzfindigkeit und Streit um Worte. Zum Teil sind ihnen die theologischen Hintergründe zu wenig vertraut, so dass sie jetzt bei der harschen Reaktion einzelner Bischöfe aus allen Wolken fallen. Andererseits hatten sie bei den Berliner Gottesdiensten alles Spektakuläre vermisst, das sie erwartet hatten, so dass sich jetzt manche fast ausschließlich auf das Schicksal der beiden beteiligten Priester kaprizieren.

Festzuhalten ist vor allem: In der Berliner Gethsemanekirche fand keine katholische Messe statt, so wenig wie ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst. Wichtige Elemente aus beiden gehörten jedoch bei den ökumenischen Gottesdiensten hinzu. Eine Messfeier richtet sich in der Regel nach dem Missale Romanum, dem maßgeblichen Messbuch. Neben der Eucharistie im engeren Sinne gehört dazu der vorherige Wortgottesdienst, zu diesem, mindestens am Sonntag, auch eine Predigt. Das Ganze spielt sich nach einem sehr detailliert festgelegten Ritus ab. Auch für eine evangelische Abendmahlsfeier gilt eine entsprechende Agende. Ein ökumenischer Gottesdienst ist an solche Einzelvorschriften nicht gebunden. Und wenn innerhalb eines solchen Gottesdienstes nach katholischem Ritus das Abendmahl gefeiert wird, entsteht daraus automatisch noch keine katholische Messe.

Von den Söhnen einer Familie ist einer Bauer geworden, ein anderer Metzger, ein dritter Winzer. Von den Töchtern ist eine Musikerin, die andere Gärtnerin. Zu einem Familienfest tragen alle das Ihrige bei. Zum Beispiel besorgt einer den Wein, der andere den Festtagsbraten, die eine den Salat, die andere macht die Musik. Nur ein Tor fragt: Ist das Ganze nun ein Winzerfest, ist es gar ein Konzert oder bloß ein Grillabend?

Auf die naheliegende Frage, ob innerhalb eines ökumenischen Gottesdienstes katholische bzw. evangelische Elemente ein Fremdkörper seien, kann auf die offizielle Praxis "gemeinsamer Trauungen" hingewiesen werden. Diese werden gemeinsam, also ökumenisch gefeiert. Sie enthalten aber jeweils ein konfessionelles Element, insofern, als der jeweilige Trauungsakt (rein rechtlich gesehen) entweder katholisch oder evangelisch ist. Der anwesende Geistliche der anderen Konfession ist dabei völlig unbeteiligt. Beim gemeinsamen Mahl mit eucharistischer Gastfreundschaft ist der Betreffende jedoch nicht ausgeschlossen. In diesem Fall sind die unterschiedlichen Traditionen also viel eher "kompatibel". Denn beide Konfessionen wollen auf ihre Weise nur eines: das Mahl des Herrn feiern.

Interessant ist übrigens, dass bei einer gemeinsamen Trauung auf dem Papier manche Wiederholungen vorgesehen sind. Zum Beispiel halten der katholische und der/die evangelische Pfarrer(in) jeweils ihre Predigt. In der Praxis wird auf diese Verdoppelung meistens verzichtet. Ein Zeichen dafür, dass die Gemeinsamkeit nicht in erster Linie vom doppelten Auftritt der Amtsträger abhängt, sondern von der ökumenischen Offenheit, welche die Feier im ganzen prägt.

Als Quintessenz ergibt sich: Bei den ökumenischen Gottesdiensten mit eucharistischer Gastfreundschaft zum Kirchentag, die als Gottesdienste mit offener Kommunion am Donnerstag und mit Abendmahl für alle am Samstag angekündigt waren, wurde jeweils das Mahl des Herrn ökumenisch gefeiert, beide Mal nach unterschiedlicher konfessioneller Tradition. Das ist alles. Gerade wegen seiner Einfachheit ist das anscheinend manchem schwer begreiflich. Darüber sollte aber wenigstens korrekt berichtet werden.

Die aktuelle Berichterstattung hat diesen Charakter beider Gottesdienste (wenigstens verbal) in der Regel auch berücksichtigt. Es stand in beiden Fällen dick auf dem Programm- bzw. Liederheft aufgedruckt, ebenso wie die Namen aller Veranstalter.


Im Spiegel und im Zerrspiegel

Der Kirchentag in Berlin und die ökumenischen Gottesdienste der Reformgruppen haben große Resonanz ausgelöst. Etliches wurde verzerrt wahrgenommen oder gab Anlass, festgefahrene Denkgewohnheiten bloß zu reproduzieren. Einige Fragen sollen aufgegriffen werden.

1. Ohne Möchtegern-Autoritäten
Manche Zeitgenossen können sich unter dem Himmel und auf der Erde nichts vorstellen, was nicht von einer kirchlichen Autorität abgesegnet wird. Das erinnert an den Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry. Auf einem Planeten traf er einen König, dieser bildete sich ein, alles folge seinen Anordnungen, selbst die Gestirne gingen nach seinem Befehl auf und unter. Als der Kleine Prinz einen Sonnenuntergang erleben wollte, antworte der König: "In meiner Herrscherweisheit werde ich warten, bis die Bedingungen dafür günstig sind, der Sonne zu befehlen, dass sie untergehen soll."

Ähnlich haben beim Kirchentag zwei Bischöfe die nie geplante Interzelebration verhindert: Bischof Scheele wusste zu berichten und blieb dabei, erst nach einer Intervention des evangelischen Bischofs Huber, hätten die Reformgruppen davon Abstand genommen, in Berlin eine "große Interzelebration" zu veranstalten. (vgl. SOG-Papiere Nr. 4/2003). In den "Stimmen der Zeit" verlautbarten Peter Neuner und Birgitta Kleinschwärzer-Meister aus München, die Drohung des Berliner Ordinariats mit der Suspendierung der Priester, die gegen die offiziellen Regelungen verstießen, hätte entscheidend "kritische Gruppierungen" davon "überzeugt", von einer Interzelebration, wie sie noch auf dem Katholikentag in Hamburg 2000 stattgefunden hatte, abzusehen. Eine Korrektur haben beide abgelehnt.

2. Keine Bühne für Heroen
Der gemeinsame Arbeitskreis Ökumene der Reformgruppen habe durch die Beteiligung von Bernhard Kroll am Abendmahl "auf die prophetische Übertretung (...) des Erlaubten gesetzt", wusste Thomas Seiterich in Publik-Forum zu berichten. Wie gern wären wir Propheten, jedenfalls manchmal! Aber bei der Auswahl des katholischen Predigers für den zweiten Gottesdienst ist erst nach der Enzyklika vom Gründonnerstag die Frage aufgetaucht, ob dieser auch am Abendmahl teilnehmen werde. Das war für uns nicht die Hauptsache. So sehr das ökumenische Bekenntnis von Pfr. Kroll Anerkennung verdient, die eigentliche Botschaft dieser Gottesdienste beim Kirchentag bestand jedoch nicht im Verhalten eines einzelnen, sondern darin, dass Tausende auf ökumenische Weise sowohl die kath. Eucharistie wie das ev. Abendmahl gefeiert haben.

Ähnlich ist es bei Gotthold Hasenhüttl. Bis zur öffentlichen Drohung von Kardinal Sterzinsky gegen den beteiligten Priester hat die Frage, wer den eucharistischen Teil beim ökumenischen Gottesdienst zelebrieren würde, als unproblematisch gegolten und zunächst bei der Vorbereitung dieser Gottesdienste keine Rolle gespielt. Selbstverständlich war der zuständige Arbeitskreis schließlich froh, dass Prof. Hasenhüttl dazu bereit war. Ein "emeritierter, gut abgesicherter Hochschullehrer aus Saarbrücken", wie ihn Heike Schmoll in der FAZ süffisant beschreibt, ist jedenfalls mit einem Berufsverbot (anders als Pfr. Kroll) nicht mehr zu belangen.

Mit den Hintergründen und den angeschnittenen theologischen Fragen weniger vertrauten Journalisten kann man es nicht verübeln, wenn ihr Verständnis kirchlicher Vorgänge sich vor allem mit den Namen großer Männer verbindet, und sie fast nur Konflikte registrieren, die sich damit verbinden. Aus der engen Sicht von Hierarchen liegt es außerdem nahe, allein auf die Gesetzestreue beteiligter Priester zu achten. Wer sich von der Rolle einzelner Akteure derartig faszinieren lässt, geht jedoch unbemerkt der Oberkirche auf den Leim, wenn er dabei vor allem nach Gesetzesverstößen fragt.

3. Die Partei hat nicht immer recht
Sicher ist es nicht zu verwegen, anzunehmen, dass die FAZ, das "Zentralorgan der deutschen Bourgeoisie" (nach meiner Erinnerung ein Diktum von Karl Rahner), auf dem Frühstückstisch der meisten deutschen Bischöfe (auch in Rom) liegt. Von dieser Kanzel predigt Klaus Berger, Gastredner des "Forum deutscher Katholiken" in Fulda, unermüdlich, dass die ökumenischen Heißsporne in Berlin und sonst im Lande theologisch minderbemittelt seien und sich nur von eigenem Wunschdenken leiten ließen. Wörtlich: "Die Tendenz geht auf Wegwischen aller Theologie und Tradition." (23.5.2003) Theologische Seriosität wird grundsätzlich nur für die Doktrin der Herrschenden reklamiert, mögen ihre Argumente noch so dürftig sein. In dieses Horn stößt erleichtert auch Kardinal Meisner, der sich auf die besagte FAZ-Redakteurin Schmoll stützt: Völlige Ignoranz bezüglich der eigenen Glaubenslehre macht die Ökumene an der Basis aus!

Wie man es auch von der kirchlichen Obrigkeit gewohnt ist, deutet Berger die sozialen Gegensätze in der korinthischen Gemeinde (1 Kor 11) um. Von den Tagen ihres Kommunionunterrichtes an haben viele Ältere unter unseren Lesern die Aussage des Paulus "Denn wer davon (vom Brot und Kelch des Herrn) isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu." als Warnung vor einer "unwürdigen Kommunion" vorgehalten bekommen. Der FAZ-Startheologe Berger weiß genau, dass damit "vorhandene Spaltungen" in der Gemeinde schlechthin gemeint sind, heutzutage also vorzüglich die konfessionellen. Ein Frevel, die einfach "übertünchen" zu wollen! - Einer seiner Fachkollegen fragt sich verzweifelt, "ob die Bibel verkehrt herum auf Bergers Schreibtisch lag." (28.5.2003)

Dass die von Paulus vertretenen Maßstäbe dafür, wann ein Essen und Trinken als Mahl des Herrn gelten darf, auch ein rein konfessionelles Abendmahl in Frage stellen könnten, diesen Gedanken lässt Berger von vornherein nicht hochkommen. FAZ-Leser, die sich mit der globalen Spaltung zwischen arm und reich abgefunden haben und davon profitieren, brauchen sich deshalb nicht zu beunruhigen. Und die guten Christen, die Politiker wählen, denen diese "Ordnung" als unabänderlich gilt, sind ohnehin mit anderen kirchlichen Problemen beschäftigt.

4. Die angeblich "große Enttäuschung"
Noch in einem anderen Punkt führt die FAZ, näherhin ihre Redakteurin Schmoll, die sich bereits als Vorkämpferin gegen den Konsens in der Rechtfertigungslehre einen Namen gemacht hat, das große Wort. Mit großer Spannung sei auf den von der "Kirche von unten" (sic!) angekündigten Abendmahlsgottesdienst gewartet worden, berichtet sie und stellt von hoher Warte fest, dieser "war nur scheinbar revolutionär, in keinem Fall ein ökumenisches und schon gar kein historisches Ereignis." ("Die große Enttäuschung", 31.5.2003) Dass die IKvu, die "Initiative (für eine) Kirche von unten", und ihre Partner in Berlin nur das praktizieren wollten, was in vielen Gemeinden selbstverständlich ist, hat sie offenbar nicht mitbekommen. Was Frau Schmoll statt dessen in der Gethsemanekirche entdeckt hat, verblüfft: "Der angebliche Abendmahlsgottesdienst war schlicht eine römisch-katholische Messe mit Eucharistiefeier und Messopfertheologie. Gemeint ist damit die Vergegenwärtigung des Opfertodes Jesu in Golgatha durch den Priester. Luther hätte einen solchen Gottesdienst [...] als 'greuliche Messe' bezeichnet." Wo Frau Schmoll die "Messopfertheologie" gewittert hat, bleibt ihr Geheimnis.

Peter Rosien, zur Zeit Obertheologe bei Publik-Forum, weiß es noch genauer: Die "Protestfeiern" auf dem Prenzlauer Berg würden ganz im "amtlichen" Stil stattfinden, sagte er voraus: "mit den Blut- und Sühne-Einsetzungsworten und der um den Opferaltar versammelten kleinen Runde der Eingeweihten aus beiden Konfessionen". (9.5.2003) Wie Rosien die Abendmahlsworte versteht, wie banal er sich eine Abendmahlsfeier wünscht und wen er mit der kleinen Runde meint, ist seine Sache. Tatsächlich fiel während des ganzen Gottesdienstes ein einziges Mal das Wort "Opfer", nämlich in dem Gebet: "Liebender Gott, dein Sohn hat uns dieses Vermächtnis seiner Liebe anvertraut. In der Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung nehmen wir teil an seinem Opfer der Versöhnung. Wir bitten dich, nimm auch uns an in deinem Sohn und schenke uns in diesem Mahl den Geist, den er verheißen hat, den Geist der Einheit, der wegnimmt, was trennt, der uns in unseren verschiedenen Gemeinschaften und als Kirchen innerhalb der Kirche Jesu Christi zusammenhält ..."

5. Mehr wirkliche Ökumene als in Hamburg
Thomas Seiterich von Publik-Forum fand: "2000 in Hamburg wurde noch 'echt' ökumenisch zelebriert und Mahl gefeiert." (13.6.2003) Hartmut Meesmann meinte, "man hat listig eine Art Zwischenlösung für den Kirchentag gefunden" (Publik-Forum, 7.2.2003). Beide bemühen sich um eine gerechte Darstellung. In Wirklichkeit fand aber in Berlin nicht weniger, sondern mehr Ökumene statt und kein taktischer Kompromiss. Rosien sieht sogar im Konzept der Berliner Gottesdienste nur "sophistische Unterscheidungen und künstliche Umbenennungen", die "im Zusammenhang mit den Gethsemane-Gottesdiensten selbst (uns) bei Publik-Forum unwichtig" seien. Seine Kollegin Britta Baas spürte in der Vorbereitung sogar diplomatische Rücksichtnahme auf die Bischöfe, also das Gegenteil dessen, was tatsächlich geschehen ist.

Selbst im Solidaritätsaufruf für Hasenhüttl aus dem Umfeld von "Imprimatur" heißt es, "Pfarrer Bernhard Kroll nahm an einer evangelischen Abendmahlfeier teil". Fast wörtlich hatte das Eichstätter Ordinariat die gleiche Lesart als Vorwurf erhoben, dass Kroll sich einer "im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages ausdrücklich verbotene(n) Mitwirkung bei einem evangelischen Abendmahlsgottesdienst" schuldig gemacht habe. Ist es Beckmesserei, Spitzfindigkeit oder Streit um Worte, darauf hinzuweisen, dass Bernhard Kroll die Predigt in einem ökumenischen (!) Gottesdienst gehalten hat und dann bei dem folgenden Abendmahl glaubte, sich nicht ausschließen zu können?

6. Bischöfe halten Gottesdienste für Inszenierung
Deutschen Bischöfen fällt bei dem Begriff Gottesdienst offenbar sehr schnell die Kennzeichnung "Inszenierung" ein, falls dieser nicht sklavisch aus dem Messbuch abgelesen wird. Bischof Scheele fand diesen Ausdruck passend für die von der IKvu zu verantwortende Konzelebration beim Katholikentag 2000 in Hamburg. Bischof Mixa überschlug sich mit seiner Schmährede gegen den Gottesdienst beim ÖKT, in dem Pfarrer Kroll die Predigt hielt, nur weil dieser dort beim Abendmahl die Abstinenz nicht eingehalten hatte: "ein von Medien inszeniertes Spektakel. Mit einem Gottesdienst hatte das nichts mehr zu tun. Das Abendmahl wurde zur Provokation und Sensationsmache missbraucht." "Dass ein Priester meiner Diözese sich derart produziert hat," beklagt sich Mixa in der Süddeutschen Zeitung am 2.7.2003. Ähnlich bei einem Interview im Donaukurier. Ich bin der Meinung: Gottesdienste als eine "Inszenierung" oder als "Spektakel" zu bezeichnen, ist eine Blasphemie und niederträchtig.

Allein das Medieninteresse an unseren Gottesdiensten wurde häufig schon negativ verbucht. Offenbar beansprucht der deutsche Episkopat ein Monopol, nur seine Gottesdienste sollten von den Medien zur Kenntnis genommen werden. Bekanntlich ist dort keine Spur von Inszenierung oder Selbstdarstellung zu entdecken. Auf die Beschimpfung der Berliner Gottesdienste durch andere Bischöfe braucht hier nicht weiter eingegangen zu werden. Nur eine schlichte Tatsache: Bevor Kardinal Sterzinsky am 1. Oktober 2002 verkündete, dass "schwerer ökumenischer Schaden" drohe, wenn die Gottesdienste zustandekämen, welche IKvu und WsK für den Kirchentag vorgeschlagen hatten, wurden sie in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen. Der katholische Pressesprecher des ÖKT Bolzenius erkannte plötzlich in der geplanten eucharistischen Gastfreundschaft beim Kirchentag einen "Bruch katholischer Christen mit ihrer Kirche". Seitdem wurde es nicht mehr still um unser Vorhaben. Im Mai 2003 musste Sterzinsky einräumen, dass seine Befürchtung und die Androhung einer entsprechenden Strafe (Suspendierung) gegen den beteiligten Priester voreilig und unbegründet gewesen war, weil keine Interzelebration geplant wurde, wovon er stillschweigend ausgegangen war, obwohl das tatsächliche Konzept der Reformgruppen seit Beginn des Jahres 2002 auf dem Tisch lag.

Die Gottesdienste waren von uns überhaupt nicht "groß angekündigt" worden, wie uns oft nachgesagt wird. In der Regel wurden diese zusammen mit einem dritten angekündigt, der fast völlig übersehen wurde. Diesen nichteucharistischen Gottesdienst hatten wir als "Mahl der Solidarität" ebenfalls für das Programm des Ökumenischen Kirchentages vorgeschlagen. Er wurde übrigens mit den anderen abgelehnt. Gründe sind uns bis heute nicht genannt worden. Er fand am Freitag des Kirchentages vor der Deutschen Bank im Zusammenwirken mit den Ordensleuten für den Frieden statt.

Wenn Sprecher der Oberkirche also gegen die Reformgruppen wegen der Resonanz, die diese Gottesdienste beim ÖKT gefunden haben, geifern, sitzen sie eigentlich vor der Suppe, die sie sich selbst eingebrockt haben. Allerdings sind die veranstaltenden Gruppen ein willkommener Sündenbock, wenigstens solange man es mit der Wahrhaftigkeit nicht besonders genau nimmt (vgl. SOG-Papiere Nr. 4). Die hat sowieso ausgedient, nachdem man sie denen abgesprochen hat, die beim Kirchentag zur eucharistischen Gastfreundschaft bereit waren (vgl. SOG-Papiere Nr. 1).

Nr. 7: Schaden für die Ökumene?
Vor dem Kirchentag ist laut geklagt worden, unsere Gottesdienste würden der Ökumene schaden. Das ist bisher jedoch nur indirekt geschehen. Der Schaden für die Ökumene war aber nicht Folge unserer Gottesdienste sondern das Echo von evangelischer Seite auf die überzogenen Maßnahmen gegen Kroll und Hasenhüttl. Möglicherweise haben beide gegen Vorschriften verstoßen, aber sie haben nichts Böses getan. Die evangelischen Partner des Ökumenischen Kirchentages haben im Interesse dieser gemeinsamen Veranstaltung manche Kröte schlucken müssen. Aber einmal ist das Maß voll! Die Unverhältnismäßigkeit der Disziplinierungsmaßnahmen bedeutet auch einen Affront gegen die in beiden Fällen mitbetroffene evangelische Kirche.

Außerdem hat sich inzwischen herausgestellt: Reaktionäre wie Meisner und Ratzinger wussten von vornherein, dass der Kirchentag nur Schlimmes bringen konnte. Und da sie selber sich für Vorreiter der Ökumene halten, war alles, was ihren Wünschen nicht entsprach, folgerichtig "schlecht für die Ökumene". Sie meinten damit jedoch das von den Bischöfen gebilligte Programm. Unsere Gottesdienste wurden in diesem Zusammenhang erst gar nicht registriert. Als dieser Text geschrieben wurde, stand noch nicht fest, ob - wie geplant - die Erwiderung von ZdK-Präsident Meyer an Ratzinger in der nächsten Ausgabe von Publik-Forum Platz findet. Es kann dem wahren Glauben nur förderlich sein, wenn ein breiteres Publikum erfährt, wie borniert der päpstliche Wächter der Orthodoxie ist.

Die gutwilligen Bischöfe können nun den Scherbenhaufen betrachten, den ihre Kollegen angerichtet haben und (zu Recht!) bedauern, dass eine breite Öffentlichkeit das vor allem von dem insgesamt gut verlaufenen Kirchentag in Erinnerung behält: die panische Angst der Hierarchen vor ein bisschen Eigenständigkeit, bevor Rom den (ökumenischen) "Sonnenaufgang" angeordnet hat.


Stimmen von Gottesdienstteilnehmern:

Gerade noch einen Platz bekommen: Bericht aus der Gruppe "Priester und ihre Frauen"

Am Himmelfahrtstag fuhr ich mit Ernst Sillmann (dem Vorsitzenden der VkPF) zum ökumenischen Gottesdienst in die evangelische Gethsemane-Kirche. Als ob wir es geahnt hätten, waren wir schon mehr als eine Stunde vorher da und fanden so gerade noch Einlass und Sitzplatz. Die Initiative Kirche von unten, die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" und die Evangelische Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord hatten eingeladen; mehr als 2000 waren dieser Einladung gefolgt. Die Veranstaltung fand außerhalb des offiziellen Kirchentagsprogramms statt, nachträglich gesehen sogar eine weise Entscheidung.

Eigentlich geschah nichts Spektakuläres. Es wurde die Eucharistie nach römischem Ritus gefeiert, bei der Wiederholung am Samstag dann als evangelische Abendmahlsfeier, wobei jeweils die Predigt von einem anderen Part übernommen wurde. Nein, das war wahrlich nichts Neues, seit mehr als 20 Jahren gibt es Eucharistie- und Abendmahlsfeiern, die wesentlich deutlicher die konfessionelle Grenze durchbrechen. Das Neue aber lag in der öffentlich angekündigten Einladung zum gemeinsamen Mahl. Christinnen und Christen aus beiden Kirchen lebten die Gastfreundschaft und verwirklichten in großer Souveränität für jeweils zwei Stunden den Auftrag "Esst alle davon". Dies war zumindest für die Katholiken ein Tabu-Bruch.

Ich werde mich noch lange an diese beiden Gottesdienste erinnern. Als die große Gemeinde am Samstag zum Schluss den Choral "Nun danket alle Gott" sang, kamen manchem die Tränen.... Bei der Kommunion (ich wähle die katholische Sprache) wurde bei beiden Gottesdiensten spontan gesungen. Es lag etwas von Pfingsten in der Luft. Eine alte Dame, die vor mir saß, sagte mir beim Friedensgruß: "Wie schön, dass ich das erlebe". (Dieter Kittlauß)


Auf der Straße gelandet: Bericht von Friedrich Schorlemmer

Pfarrer Schorlemmer, Studienleiter an der Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, Lutherstadt Wittenberg, berichtet: "Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich" - mit diesem Satz des Papstes und der Versicherung "und dies gilt für uns alle" schloss die Ansprache von Professor Hasenhüttl bei der Eucharistiefeier mit offener Kommunion zur Zeit des Ökumenischen Kirchentages in Berlin am Prenzlauer Berg. Ich bin sehr gerne dieser Einladung gefolgt - so, wie ich das seit 30 Jahren pflege, wenn es sich auf natürliche Weise ergibt. Das hat für mich nichts Demonstratives oder nach außen hin Zeichenhaftes, sondern etwas geradezu Selbstverständliches. Wir sind nicht die Herren am Tisch des Herrn: Der Herr ist der Einladende. Wir sind die Gäste.

Und so habe ich natürlich mit innerer Freude an dieser Eucharistiefeier während des Kirchentages teilgenommen. (Und ich finde es herabsetzend, wenn immer gesagt wird, diese Mahlfeier hätte "am Rande des Kirchentages stattgefunden". Wer bestimmt hier, was Rand ist, und wer bestimmt, was Mitte genannt werden darf?) Es war schon ein sprechendes Symbol, dass Hunderte unmittelbar vor der Kirchentür, auf den Treppen bis auf die Straßen standen, um sehr gesammelt den Gottesdienst über Lautsprecher mitzuverfolgen. Die Elemente wurden herausgetragen. Und Prof. Hasenhüttl kam dann gar bis auf die Straße. Dort wurde - gewissermaßen mitten im Leben - Brot und Wein ausgeteilt. Niemand sollte ausgeschlossen bleiben, auch nicht die, die weitab auf den Bürgersteigen warteten.

Die beiden Mahlfeiern mit offener Kommunion richteten sich gegen niemanden. Sie richteten sich auf die Einheit in Christus. Dort wurde nichts proklamiert, sondern es wurde etwas uns Christen Angebotenes vollzogen, ohne jeden Hieb auf die Amtskirche oder gar auf des Papstes Enzyklika, die meinte, den Anfängen wehren zu müssen.

Aus: SOG-Papiere 5/2003


Carl-Peter Klusmann, Dudenstraße 9, 44137 Dortmund,
Fon: 0231-147303, Fax: 0231-2866505,
E-Mail: klusmann@ikvu.de

Carl-Peter Klusmann wurde 1934 in Wanne-Eickel geboren und ist katholischer Pfarrer, seit 1996 im Ruhestand. Er ist Mitglied der SOG Paderborn seit deren Gründung 1968; von 1974 bis 1986 Sprecher, seit 1991 zweiter Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP).

Carl-Peter Klusmann


<== Zurück zum IKvu-SPECIAL

<== Zurück zur IKvu-Startseite