Pfr. Dr. Hans-Georg Link:

Abendmahlserfahrungen in Berlin
Eindrücke vom Ökumenischen Kirchentag 2003


1. Berliner Dom
Am Morgen des Himmelfahrtstages komme ich auf dem Weg vom Alexanderplatz zum Gendarmenmarkt zuerst zum Berliner Dom, wo Bischof Wolfgang Huber zusammen mit dem anglikanischen Lordbischof Richard Chartres aus London einen ökumenischen Abendmahlsgottesdienst feiert. An den offenen Portalen des Domes wird morgens gegen 8.30 Uhr das Schild hoch gehalten „Kirche überfüllt“! Zum Glück wird die Feier nach draußen übertragen. Der anglikanische Bischof macht in seiner Predigt deutlich, dass das Abendmahl, „the inexhaustable source of creativity“, die Teilnehmenden zu „participants in the divine life“ macht. Ich spüre, dass er eine größere Nähe zum Abendmahl hat als die meisten mir bekannten evangelischen Bischöfe unseres Landes. Bischof Huber trägt über seinem schwarzen Talar eine weiße Stola – schon das wäre im reformierten Rheinland eine halbe Reformation ... Er singt die Abendmahlsliturgie, was für einen Ordinierten einer unierten Kirche ausgesprochen ungewöhnlich ist. Allerdings tut er es ganz allein und seine nicht ausgebildete Singstimme reicht nicht aus, um den großen Raum des Domes zu füllen. Die Gemeinde bzw. der Chor antworten etwas schwachbrüstig mit responsorischen Gesängen. In der Liturgie wird an diesem Morgen auch zum Friedensgruß eingeladen, was bei evangelischen Abendmahlsfeiern keineswegs schon selbstverständlich ist. Ich tausche ihn mit meinem englischsprachigen Nachbarn aus. Es tut unserer evangelischen Abendmahlsliturgie gut, wenn sie mit anglikanischen Elementen bereichert wird; sie kann das gut vertragen.

2. St. Hedwigskathedrale
Kurz vor dem Gendarmenmarkt komme ich auch an der St. Hedwigskathedrale hinter der Staatsoper vorbei, wo Kardinal Georg Sterzinsky die Eucharistiefeier leitet. Auch hier stehen Hunderte draußen in der Sonne, die keinen Einlass mehr in die Kirche gefunden haben. Schon von weitem höre ich den starken Chor singender Priester, die die eucharistische Liturgie gemeinsam am Altar zelebrieren. Ich frage mich: Warum geschieht das nicht auch in evangelischen Kirchen, z. B. im Berliner Dom? Wie man an der Sprachfärbung hören kann, sprechen Priester aus anderen Ländern Gedenkbitten und machen so die Weltkirche präsent. Ein Jugendchor singt mitreißende Lieder aus Lateinamerika. Die Gemeinde ist, so scheint es mir, mit ihren Gesängen und beim Friedensgruß intensiver beteiligt als im Dom. Gemeinsame Feier am Altar mit Vertretern aus der weltweiten Kirche, Gemeinschaft zwischen den Generationen, starke Einbeziehung der Gemeinde, Austausch des Friedensgrußes bis an die Rückseite der Staatsoper – das ist der Eindruck von Katholizität, den ich quasi im Vorübergehen von der Hewigskathedrale mitnehme. Als ich später einem katholischen Bekannten davon erzähle, meinte er: „Darum kämpfen wir Katholiken so für die Eucharistie, damit ihr Protestanten ihre Schätze wiederentdeckt“.

3. Evangelischer Abendmahlsgottesdienst in der Deutschlandhalle
Am Samstagabend wird in der Deutschlandhalle ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst gefeiert: “Bewahrt im Namen Gottes – gesandt in die Welt“. Hans-Jürgen Hufeisen aus Stuttgart gestaltet ihn mit seinen Flöten und Gesängen in großartiger spiritueller Sensibilität; der Berliner Probst Karl-Heinrich Lütke hat die liturgische Leitung übernommen. Der Gottesdienst ist mit Schülerinnen und Schülern evangelischer Gymnasien aus Frohnau und dem Grauen Kloster vorbereitet worden. Es gibt der Austeilung von Brot und Wein eine eigentümliche Mischung aus Tiefe und Heiterkeit, als eine Schülerin aus Frohnau dazu die d-moll-Phantasie von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Flügel vorträgt.

Am meisten beeindruckt mich in diesem evangelischen Abendmahlsgottesdienst in einer Halle, wo sonst Sportveranstaltungen ausgetragen werden, die Gabenbereitung der Jugendlichen zusammen mit Hans-Jürgen Hufeisen: Der Altartisch ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Darüber wird zuerst im Längsformat ein Tuch mit den „katholischen“ Farben weiß und gelb gelegt. Darüber kommt im Querformat ein Altartuch mit dem violetten evangelischen Kirchentagskreuz. Diese Verwendung der katholischen und evangelischen Kirchentagsfahnen, mit ihnen in Kreuzform einen Abendmahlstisch zuzubereiten, hat eine überaus starke Symbolkraft. Dann legen die Jugendlichen eigens für diesen Anlass gebackene, überdimensional große Brote an die vier Seiten des Altars; zwei große Tonkrüge mit Wein kommen hinzu. Ein leuchtender Blumenstrauß schmückt den einladenden Tisch des Herrn. Und schließlich werden an den vier Ecken des Altars vier große Kerzen platziert, die symbolisch die Enden der Erde beleuchten. Das Ganze geschieht mit leiser Musikuntermalung in großer Ruhe, Festlichkeit und Würde. Eine derart symbolkräftige Gabenbereitung habe ich im Rahmen eines evangelischen Abendmahlsgottesdienstes noch nie erlebt. Wie viel Verständnis, Vorbereitung, Liebe und Gestaltungskraft spricht aus einer solchen wortlosen Zubereitung!

4. Die Lima-Liturgie in Schöneberg
Erstmals ist die „eucharistische Liturgie von Lima“ am Freitagabend, dem 15. Januar 1982, in der Kirche der Oasis de los Santos Apostolos bei Lima zum Abschluss der Plenarversammlung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung gefeiert worden, auf der die berühmt gewordenen Konvergenzerklärungen zu Taufe, Eucharistie und Amt einstimmig verabschiedet worden sind. Wer damals dabei gewesen ist, wird es nicht vergessen, wie plötzlich das Licht in der Kirche ausfiel und wir bei Kerzenschein in einem Geist mit aktiver römisch-katholischer und orthodoxer Beteiligung unter anglikanischer Leitung diesen interkonfessionellen Abendmahlsgottesdienst gefeiert haben. Das liegt inzwischen über zwanzig Jahre zurück, aber es bleibt auch dann wahr und real, wenn sich nicht mehr viele daran erinnern (wollen) und Jüngere fragen: Was ist denn die Lima-Liturgie?

Im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages nahm die Hysterie um die Frage der Abendmahlsgemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche zeitweise derart groteske Formen an, dass der Angst vor einem römisch-katholischen Veto zunächst auch die Lima-Liturgie zum Opfer fiel. Es bedurfte einer energischen Intervention des altkatholischen Bischofs Joachim Vobbe, bevor die Lima-Liturgie kurz vor Toresschluss doch noch in das offizielle Kirchentagsprogramm aufgenommen werden konnte. Allerdings war es für das dicke 720-Seiten Programmheft schon zu spät, so dass dieser Gottesdienst nur noch in dem Heft vom 18. März mit „Änderungen und Ergänzungen zum Programm“ annonciert werden konnte. Da viele dieses Heft gar nicht erhalten hatten und in Berlin keine Handzettel zur Verfügung lagen, haben viele Kirchentagsteilnehmer/innen von diesem einzigen Abendmahlsgottesdienst mit offizieller Interzelebration überhaupt nichts erfahren.

Eine zweite Panne kam hinzu: Offenbar wegen der allzu späten „Zulassung“ dieses Gottesdienstes fand man weder einen zentralen Ort noch eine angemessene Zeit für ihn – oder wollte man beides nicht finden? Jedenfalls fand dieser Gottesdienst nicht zur vorgesehenen Zeit am Samstagabend, 18.00 Uhr, sondern mittags um 14.00 Uhr statt, nicht auf dem Messegelände oder in der Innenstadt, sondern in der Kirche Zum Guten Hirten in Schöneberg. Dennoch war die große Kirche bis zu den Emporen gefüllt! Wäre dieser einzige Abendmahlsgottesdienst mit bischöflicher Interzelebration im richtigen Programmbuch bekannt gemacht worden, hätte die Kirche die Teilnehmenden nicht mehr bewältigen können! Außer dem leitenden und predigenden altkatholischen Bischof Vobbe haben an der Liturgie die Hamburger evangelisch-lutherische Bischöfin Maria Jepsen mitgewirkt, außerdem die evangelisch-unierten Bischöfe Ulrich Fischer aus Karlsruhe und Nikolaus Schneider aus Düsseldorf, dazu der Dean der anglikanischen Kathedrale von Liverpool, Bischof Dr. Rupert Hoare, der am Sonntag zuvor in der Kölner Antoniterkirche die Lima-Liturgie geleitet hatte. Leider war der evangelisch-methodistische Bischof und ACK-Vorsitzende, Dr. Walter Klaiber, nicht mit dabei, vermutlich wegen anderweitiger Verpflichtungen.

Was hat diese Feier der Lima-Liturgie ausgezeichnet? Auch hier breitete sich der gute Geist von Berlin bis in den verborgensten Winkel hinein aus. Es lässt die bisher erreichte Gemeinschaft der Kirchen beglückend sichtbar erfahren, wenn ihre Repräsentanten um einen Altar versammelt sind und so selbstverständlich in einem guten Geist die Abendmahlsliturgie miteinander feiern, wie das in Schöneberg geschehen ist. Die große Gemeinde war mit zahlreichen Taizé-Gesängen an der Feier beteiligt. Während der lang andauernden Kommunion wuchs die Gemeinde zu einer einzigen Gott lobenden ökumenischen Gemeinschaft zusammen, wie man das nur selten erleben kann. Die anschließenden zahlreichen spontanen, meist euphorischen Reaktionen zeigten es: Diese ökumenische Interzelebration des Abendmahls vermittelte in der Tat einen Vorgeschmack von dem, was auf die Christenheit wartet, wenn sie es einmal zuwege bringt, insgesamt miteinander das Mahl ihres einen Herrn zu feiern.

5. Die offene Kommunion in der Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg
Am Himmelfahrtstag, 29. Mai 2003, fand um 18.00 Uhr in der Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg ein „ökumenischer Gottesdienst mit offener Kommunion“ unter dem Thema statt: „...was steht ihr hier und schaut nach oben?“ Er wurde vorbereitet und verantwortet vom Arbeitskreis Ökumene der Initiative Kirche von unten und der Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord. Der Medienrummel im Vorfeld hatte dafür gesorgt, dass die Kirche schon überfüllt war, als es mir eine Stunde vor Beginn noch gelang, in sie hineinzukommen. Hunderte, die später kamen, mussten draußen vor der Tür bleiben. Einen solchen Zulauf sollte man nicht mit dem Argument klein reden, es sei nur ein Prozent der Kirchentagsteilnehmenden gewesen. Hätte man dem Gethsemane-Gottesdienst im offiziellen Programm und in einer Messehalle Raum gegeben: Es wären noch wesentlich mehr gekommen!

Das Bemerkenswerte an diesem Gottesdienst ist m. E., wie undramatisch er verlief. Der katholische Zelebrant, Professor Dr. Gotthold Hasenhüttl aus Saarbrücken, vermied jeden Show-Anflug und feierte in großer Konzentration die Liturgie. Zur Begrüßung hielt er eine kleine Ansprache, die deutlich machte, dass und warum er sich für diese Feier der Eucharistie als „Zeichen der Gemeinschaft“ zur Verfügung gestellt hatte. Aus Platzgründen zitiere ich nur Anfang und Schluss seiner Rede: „Ich begrüße Sie ganz herzlich zum ökumenischen Gottesdienst mit Eucharistiefeier nach katholischem Ritus und ’offener Kommunion’. Alle sind eingeladen zum Empfang des Abendmahls als Zeichen der Gemeinschaft untereinander in Jesus Christus in den Symbolen von Brot und Wein ... Die Eucharistie will jede Spaltung beseitigen und ist vor allem Zeichen dafür, dass alle Menschen angenommen sind. So sollen wir heute der Aufforderung des Papstes in Ecclesia de Eucharistia folgen, in der er sagt: ‚Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich’– und dies gilt für uns alle“.

Auch die Predigerin in der katholischen Eucharistiefeier, die evangelische Pfarrerin aus München, Dr. Brigitte Enzner-Probst war ein gewisses Risiko mit ihrer Beteiligung an der Abendmahlsfeier eingegangen. Sie schrieb vor dem Ökumenischen Kirchentag in einem Brief: „Ein Ärgernis scheint allerdings meine offizielle Teilnahme an der Eucharistiefeier darzustellen. Es wurde mir kirchenamtlich empfohlen, zwar zu predigen, aber der Eucharistiefeier selbst fernzubleiben! Die beiden Gottesdienste widersprächen der Vereinbarung, die die evangelische und katholische Kirche gleich zu Beginn der Vorbereitungen gemeinsam getroffen hatten, nämlich sowohl Priesterinnenweihe wie gemeinsames Abendmahl aus dem Programm zu streichen! N. N. aus meiner eigenen bayerischen Landeskirche hat allen Pfarrern und Pfarrerinnen Konsequenzen angedroht, die gegen diese Vereinbarung handeln! Ich bin von meiner Kirche sehr enttäuscht! Ich halte es jedoch für eine größere Sünde, der Einladung Christi zur Communio, zur Versöhnung und Gemeinschaft nicht Folge zu leisten, als die kirchenamtlichen Verfügungen zu übertreten ... Ich werde also das Risiko einer kirchenamtlichen Maßregelung eingehen ... Ich möchte mich nicht kampflos dieser Form von Watte-Ökumene ergeben!“

Statt Papier- oder Watte-Ökumene wurde diese Eucharistiefeier eine tiefgehende Erfahrung des Geistes und der Kraft. Die Kommunion wurde im Altarraum, im Vorraum und schließlich auch auf dem Kirchengelände ausgeteilt; sie nahm fast eine Stunde in Anspruch, während der die Gemeinde mit Brot und Wein und spirituell mit Taizé-Gesängen kommunizierte. Im Vorraum der Kirche bildeten wir Kreise um eine brennende Kerze herum; jede/r empfing Brot und Wein mit einem persönlichen Zuspruch, zum Abschluss reichten wir einander die Hände, sprachen z. B. Psalm 23 gemeinsam und gingen mit der paulinischen Zusage auseinander: „Ihr seid der Leib Christi, und jede/r einzelne ist ein Glied an ihm“ ( 1. Kor 12,27). Man konnte in lachende und weinende Gesichter sehen, nur unberührt blieb niemand von dieser Kommunionerfahrung. Das war etwas durchaus anderes als der sonst meist übliche Prozessionsempfang in katholischen Messfeiern. Wer nicht dabei gewesen ist, sollte sich lieber von Teilnehmenden berichten lassen, als diesen und den anderen Abendmahlsgottesdienst am Samstagabend als „Provokation“, „Spielerei“ und dergleichen zu denunzieren. Auch dieser Gottesdienst vermittelte einen Vorgeschmack von dem, was viele Christen ersehnen. Davon spricht das Lied, das wir zu Beginn sangen:

„Ich träume eine Kirche,
die teilt und sich verschenkt,
die wenig an sich selbst
und viel an andere denkt.
Ich träume eine Kirche,
die Mauern überspringt,
die lacht und weint und segnet
und mit den Menschen singt.“

Eine Provokation ist diese Form von eucharistischer Gastfreundschaft nur für die, die auch eine Generation nach dem Augsburger Pfingsttreffen von 1971 immer noch nicht verstanden haben oder verstehen wollen, was die ökumenische Stunde geschlagen hat.

6. Eine römisch-katholische Brüskierung
Die Zeit am Samstagabend zwischen 18.00 und 20.00 Uhr war für konfessionelle Abendmahls- und Eucharistiegottesdienste vorgesehen. Von einer römisch-katholischen Eucharistiefeier habe ich den Bericht eines altkatholischen Teilnehmers erhalten. Er soll keineswegs verallgemeinert, aber auch nicht verschwiegen werden. In dieser römisch-katholischen Eucharistiefeier sind alle, die nicht der römisch-katholischen Kirche angehören, ausdrücklich gebeten worden, nicht an der Kommunion teilzunehmen, m.a.W. vom Sakrament der Gemeinschaft expressis verbis ausgeladen worden. Der altkatholische Teilnehmer konnte es einfach nicht fassen, das ihm sein Katholisch-sein so brüsk bestritten wurde.

Hier ist nun doch geschehen, wovor die ACK Köln in ihrem Brief vom 26. März 2003 an das Gemeinsame Präsidium des ÖKT gewarnt hatte: „Im Blick auf die Diskussion über die gemeinsamen Abendmahlsfeiern sind wir mit Ihnen der Meinung, dass die Zeit für eine Interzelebration zwischen evangelischen und römisch-katholischen Amtsträgern noch nicht gekommen ist. Andererseits möchte wir darum bitten, dass sich bei katholischen Eucharistiefeiern nicht wiederholt, was beim Mainzer Katholikentag 1998 geschehen ist, dass am Fronleichnamsfest und beim Abschlussgottesdienst Nicht-Katholiken ausdrücklich vom Empfang der heiligen Kommunion ausgeladen worden sind. Denn das widerspräche nach unserer Auffassung dem Geist Jesu Christi und bedeutet die Zementierung des Skandals der Spaltung zwischen unseren Kirchen.“

Ich möchte hoffen und annehmen, dass es sich bei dieser römisch-katholischen Eucharistiefeier um einen Ausnahmefall auf dem Berliner Ökumenischen Kirchentag gehandelt hat.

Zusammenfassung: Das Abendmahlsthema in Berlin und drei Konsequenzen
Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, dass die Frage nach Möglichkeiten, Hindernissen und Chancen der Abendmahlsgemeinschaft zwischen den beiden „großen“ Kirchen eines der, wenn nicht das Hauptthema des Ökumenischen Kirchentages gewesen ist. Dazu beigetragen haben die vom Präsidium zu Beginn der Vorbereitungen öffentlich geäußerten Erwartungen, die ihnen zuwiderlaufende, nicht immer glücklich gehandhabte römisch-katholische Abwehrhaltung und das unverhältnismäßig aufgebauschte Medieninteresse. Das Thema kam auf mindestens drei verschiedenen Ebenen zur Sprache: auf der diskursiven Gesprächsebene bei verschiedenen Podien, auf der spirituellen Feierebene in Gottesdiensten und in öffentlichen Verlautbarungen vor, während und nach dem Kirchentag. Damit sind zumindest drei neue Einsichten im Blick auf die Abendmahlsgemeinschaft verbunden.

  1. Ökumenegeschichtlich befinden wir uns in einer neuen Grundsituation: An die Stelle des reformatorischen Grundkonflikts ist ein ökumenischer Grundkonsens im Verständnis des Abendmahls getreten. Deshalb muss heute nicht mehr die Zulassung, sondern der Ausschluss von der Abendmahlsgemeinschaft begründet werden.
  2. Solange die volle Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft noch nicht erreicht ist, sind dem jeweiligen Maß der Annäherung entsprechende Zwischenschritte und Teil-Lösungen gefragt, die von der liturgischen Gestaltung bis zum beteiligten Personenkreis reichen.
  3. In dem Maß, in dem bei Abendmahls- und Eucharistiefeiern in Berlin Grenzüberschreitungen von konfessioneller Isolation zu ökumenischer Gemeinschaft vollzogen worden sind, haben die Teilnehmenden neue, vertiefte und zu allermeist beglückende sakramentale Erfahrungen gemacht.

Welche Folgerungen ergeben sich nun aus diesen Berliner Erfahrungen? für den künftigen Umgang mit dem Abendmahlsthema. Drei Konsequenzen scheinen mir unabweisbar zu sein:

  1. Die Fragen nach Theologie, Liturgie und Erfahrungen mit dem Abendmahl/der Eucharistie müssen nun in den Ortsgemeinden weiter verfolgt werden. Die Ergebnisse der Umfrage: „Was bedeutet mir die Feier des Abendmahls / der Eucharistie?“ zeigen an, was für ein Schatz an Einsichten, Sehnsüchten und Erfahrungen hier zu heben ist. Gute verständliche und vertiefende Literatur ist gerade in den vergangenen Monaten dazu reichlich erschienen. Wenn die wegweisenden Ansätze des Ökumenischen Kirchentages keine Eintagsfliegen bleiben sollen, deren Folgenlosigkeit schon oft genug beklagt worden ist, dann liegt es nun an jeder einzelnen Gemeinde, die Fragen nach Verständnis, Gemeinschaft und Erfahrung im Zusammenhang mit Abendmahl und Eucharistie aufzugreifen. Hier ist insbesondere die Pfarrerschaft, der Klerus beider Kirchen, angefragt, inwieweit sie Willens und in der Lage sind, sich diesem Kernthema des Christseins zuzuwenden.
  2. Man kann nicht dankbar genug dafür sein, dass es in wenigen Jahrzehnten gelungen ist, Jahrhunderte alte und Jahrhunderte lange Konflikte im Verständnis von Abendmahl und Eucharistie so aufzuarbeiten, dass heute von einem „Grundkonsens“ die Rede sein kann. Es ist aber eine offene Frage, wieweit diese neuen Erkenntnisse in Gemeinden, an Fakultäten und bei Kirchenleitungen schon angekommen und aufgenommen worden sind. Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem Rat der EKD einer ökumenischen Arbeitsgruppe den Auftrag erteilen, eine Gemeinsame Erklärung zum Verständnis des Abendmahls / der Eucharistie zu erarbeiten, wie das in den 90er Jahren mit der Rechtfertigungslehre geschehen ist.
  3. Um aber nicht nur im gemeinsamen Verstehen, sondern auch im gemeinschaftlichen Vollzug weiterzukommen, ist es – wie jede/r weiß – unerlässlich, die sog. Amtsfrage, d. h. die Aufgabe der gegenseitigen Anerkennung der jeweiligen ordinierten/geweihten Ämter, einer Lösung näher zu bringen. Man sollte sie nicht zur ökumenischen DÖKTorfrage des 21. Jahrhunderts hochjubeln. Denn Lösungsvorschläge von evangelischer und katholischer Seite liegen nicht erst seit gestern öffentlich vor. Wer aber die Amtsfrage immer als entscheidendes Hindernis auf dem Weg hin zur Abendmahlsgemeinschaft ins Feld führt – wie jüngst die Enzyklika zur Eucharistie – , der hat die unabweisbare öffentliche Verpflichtung, vorhandene Vorschläge aufzugreifen und eigene positive Schritte in Richtung auf die Partnerkirchen zu entwickeln, damit es von der schon viel zu lange andauernden Blockade zu einer Lösung in dieser Frage kommen kann. Hier sind unerledigte, längst überfällige Hausaufgaben von beiden Kirchen einzufordern. Wer sie weiterhin auf die lange Bank schiebt, darf sich nicht wundern, wenn ihm die eigene Glaubwürdigkeit abhanden kommt und die Glieder beider Kirchen sich ihre eigenen Lösungen suchen, nachdem sie schon unzumutbar lange hingehalten worden sind. Unser Leben ist endlich und die Zeit drängt! Spätestens im Zusammenhang mit dem nächsten Ökumenischen Kirchentag in fünf bis sieben Jahren wird die Frage wieder öffentlich diskutiert werden, was in der Zwischenzeit getan und unterlassen worden ist, um eine Lösung der Amtsfrage zu erreichen. Noch einmal wird den Verantwortlichen eine Schonfrist von 32 Jahren wie nach dem Augsburger Pfingstreffen nicht mehr eingeräumt werden.

Hans-Georg LinkKölner Ökumenische Beiträge Nr. 44: "Das Straßburger Modell. Eucharistische Gastfreundschaft im Elsaß. Eine Dokumentation", Herausgegeben von Hans-Georg Link. Das 85 Seiten umfassende Dokumentationsheft der Kölner Ökumenischen Beiträge Nr. 44 kann zum Preis von 3,00 Euro plus Portokosten (0,77 Euro in Form von Briefmarken) bezogen werden bei:

Evangelischer Stadtkirchenverband Köln,
Ökumene-Referat, Kartäusergasse 9-11, 50678 Köln
Tel: 02 21 / 33 82 – 102, E-Mail: Oekumene@kirche-koeln.de


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