Zum Ansatz und Schwerpunkt heutiger
katholischer Eucharistie-Theologie
Wer im Religionsunterricht noch nach dem Einheitskatechismus von 1925
gelernt hat, wird sich vielleicht an folgende Zweiteilung des Kapitels über
"das heiligste Sakrament des Altares" erinnern: Der erste Abschnitte
handelte über "Das heilige Messopfer", der zweite Teil über "Die
Seelenspeise (hl. Kommunion)". Im zweiten Abschnitt wurde dann die
Gegenwart Jesu Christi besprochen, und zwar ganz auf die "Gestalten"
von Brot und Wein bezogen. Eigens betont wurde, dass er "unter jeder der
beiden Gestalten ganz zugegen" ist, "mit Fleisch und Blut, mit Leib
und Seele, mit Gottheit und Menschheit" (Seite 84).
Ansätze und Akzente
Es gibt tatsächlich in der christlichen Theologie eine Vielzahl von
Ansätzen zur Eucharistie-Theologie. Man kann zum Beispiel beginnen mit dem
Wort "Eucharistie": Diese Feier sei vor allem ein Dankgottesdienst.
Man kann vom Gedanken der Anamnesis, des vergegenwärtigenden
Erinnerns ausgehen. Dieser Gedanke nimmt z.B. in der Konvergenzerklärung von
Lima einen großen Raum ein. Man kann umgekehrt mit dem eschatologischen
Aspekt beginnen: Feier der Eucharistie als "Vorspiel",
"Vorausnahme, Unterpfand" des himmlischen Hochzeitsmahles. So begann der
von der Liturgischen Bewegung inspirierte "grüne Katechismus" von
1955. Man kann den Akzent wählen, welcher der Ostkirche besonders wichtig
ist: Eucharistie als Epiklese, als Bitte um das Kommen des Geistes,
welcher nicht nur Brot und Wein, sondern auch die versammelten Menschen
verwandeln kann. Und man kann schließlich den Aspekt des Mahles zum
Ansatzpunkt und zum Akzent der Eucharistie-Theologie machen.
Von allen genannten Ansätzen und Akzentuierungen her kann man jeweils auch die anderen Aspekte entfalten. Deshalb braucht man niemanden wegen der Wahl eines anderen Ansatzes schon zu verketzern. Wohl lässt sich mit Gründen streiten darüber, welcher Ansatz heute wohl am ehesten zum Verstehen führen könnte.
Epochale Unterschiede
"Heute" - das klingt nach Relativierung. Aber unsere Generation, die
schon so viele Wandlungen in der Gestalt und wohl auch im Verständnis der
Eucharistiefeier erlebt hat, wird sich wohl kaum gegen die Einsicht wehren
können, dass es epochal unterschiedliche Akzentuierungen zumindest faktisch
gegeben hat und vielleicht (will man nicht ganze Epochen als grandiose
Irrwege bezeichnen) auch geben darf oder sogar muss. Der Münsteraner
katholische Kirchengeschichtler Arnold Angenendt spricht in seinem neuesten
Buch mit dem Titel
"Liturgik und Historik" (2001) von der "Epochenhaftigkeit, die
sich in der Liturgiegeschichte zeigt": "Im Gesamtverlauf zeigen sich
weit ausschwingende Verständnisamplituden: die altkirchliche Eucharistie und
die mittelalterliche Messe, das tridentinische Messopfer und die
Guardinische Mahlgemeinschaft. Das lässt nach dem durchgetragenen Kern
fragen". Er leitet daraus die Folgerung ab, "dass eben jede Zeit ihre
epochenspezifische Auffassung realisiert habe und es deshalb in der
Gegenwart nicht an Mut zur Verheutigung fehlen dürfe".
Der Ansatz beim Mahl
Ich gehe nun vom Gedanken des Mahles aus, von der kommunikativen
Grundstruktur der Tischgemeinschaft. Dafür gibt es gewiss epochale Gründe:
Ich bin als Jugendlicher, als Student und schließlich auch als Seelsorger
und als Hochschullehrer stark geprägt worden von den mit der Jugendbewegung
getragenen Impulsen der Liturgischen Bewegung: An die Stelle der mit Andacht
zu hörenden Messe trat die gemeinsame Feier der Eucharistie. Der Altar wurde
zum Tisch. Der Wort "Gemeinschaft" wurde zu einem Schlüsselwort, und
zu den stärksten Erfahrungen von Gemeinschaft wurde die Gruppe, die sich im
Kreis um den Tisch versammelte.
Heute kann ich von der Idee der Tischgemeinschaft her am besten den immensen Wandel deuten, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Gestalt und auch im Verständnis der Eucharistiefeier vollzogen hat. Vom Gedanken der Mahlgemeinschaft her sind auch die meisten katechetischen Entwürfe für die Hinführung der Kinder zur Kommunion konzipiert. Und schließlich lässt sich von ihr her auch eine Brücke schlagen im ökumenischen Gespräch. Ich will aber gleich anmerken, dass ich den Ansatz beim Mahl nicht aus purer Irenik im interkonfessionellen Gespräch gewählt habe. Der ökumenische Aspekt kam später hinzu.
Mir scheint aber, dass es nicht nur epochale Gründe für diesen Akzent gibt. Dafür dürfte auch die biblische Tradition des Herrenmahles sprechen. Und, obwohl es in dieser Frage auch in der neueren katholischen Theologie beträchtliche Unterschiede gibt, so finde ich doch für diesen Ansatz gute Stützen, sowohl in der Liturgiewissenschaft als auch in der Dogmatik. "Die Gestalt der heiligen Messe", so betonte mein Münchner Lehrer, der Liturgiewissenschaftler Joseph Pascher, "ist die eines Mahles. ... Die ... von Christus durch seine Einsetzungsworte festgelegte Beziehung zum Passah-Opfer... [ist] ein Zug an der Gestalt des Mahles. Es ist nicht umgekehrt so, dass hier durch Brot und Wein ein Opfer dargestellt wäre und dass diesem so zustande gekommenen Gebilde sekundär auch der Mahlcharakter eingeprägt sei durch die Tatsache, dass Speisen als Symbolträger gewählt sind und dass die Speisen auch genossen werden. Das wäre, wie wenn man heute noch das Sonnensystem nach Ptolemäus erklären wollte".
Zusammenführung zur Mahlgemeinschaft:
Blick in die Bibel
Die Praxis Jesu ihrerseits wurzelt in der Mahl-Kultur Israels. In Alt-Israel
wird (ähnlich wie in vielen andere Kulturen) Mahl verstanden als
realisierendes Zeichen von Gemeinschaft, als eine Handlung, in der Menschen
(und Menschengruppen) zueinander geführt und in der sie mit Gott verbunden
werden.
Mahl-Kultur in Alt-Israel
Der biblische Befund zum Thema "Mahlgemeinschaft" ist sehr
reichhaltig. In der Bewirtung der Fremden wird Gastfreundschaft realisiert,
im Brechen des "Trauerbrotes" die Tröstung des in seiner Trauer
Isolierten. Mit gemeinsamem Essen und Trinken werden Friedensverträge
abgeschlossen. Abraham erfährt in der Bewirtung der Fremden die Nähe Gottes.
Jitro, der medianitische Priester, hält mit Aaron und allen Ältesten Israels
ein Mal "vor dem Angesicht Gottes" (Ex 18,12). Auch das alltägliche
Mahl hat eine religiöse Dimension: Es beginnt mit dem Lobspruch beim Brechen
des Brotes und endet mit dem Dankgebet. Das zentrale Gedächtnis der
Heilstaten Gottes ist das Pesach-Mahl: Es erinnert an den von Gott in Gang
gesetzten Auszug aus Ägypten, stellt ihn zeichenhaft dar und macht ihn zur
gegenwärtigen Wirklichkeit.
Die Praxis Jesu
Die Praxis Jesu wird mit Recht oft als Sammlungsbewegung beschrieben. Dieses
Wort ist geeignet, das von Jesus verkündete, mit seinem Handeln gelebte Heil
zu veranschaulichen: Sammlung der Stämme Israels, Versöhnung der
Verfeindeten, Heilung gerade von den Übeln, welche das Zueinanderfinden
erschweren; Taubheit, Stummheit, Blindheit, Lähmung, Aussatz, Schuld.
Sprechendes Zeichen dieser Bewegung ist die Mahlgemeinschaft, die von allen
Gebärden Jesu am meisten überlieferte Zeichenhandlung. Feinde wie Freunde
verstehen dieses Zeichen.
Jesu letztes Abendmahl ist für uns Christen die Aufgipfelung der Höhepunkte dieser Lebenslinie. Trotz der massiven Vorwürfe seiner Gegner, im Angesicht der drohenden Verhaftung und Ermordung feiert er es mit jener Jüngergruppe, die er aus verfeindeten und theologisch gegensätzlich orientierten Kräften (Zöllner und Zeloten!) zusammengeführt hat.
Mahl und Ostererfahrung
Die Gruppe bricht in der Katastrophe von Karfreitag auseinander.
Aber die Erfahrung der Auferweckung des gekreuzigten Jesus ist eng verknüpft
mit der Sammlung der weggelaufenen, verstreuten Jünger und Jüngerinnen. Und
dabei begegnen wir wieder dem Mahl: Den verstörten Jüngern gehen die Augen
auf "beim Brechen des Brotes", beim Frühmahl am Ufer des Sees ...
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Wohlgemerkt: Das Brechen des Brotes ist nicht krönender Abschluss, Dankesfeier nach dem wiedergefundenen Glauben, sondern der Ort, an dem das Finden und Zusammenkommen geschieht. |
Das Mahl des Herrn in
neutestamentlichen Gemeinden
Zu den christlichen Gemeinden gehört fortan das Zeichen der
Tischgemeinschaft. In den Namen, die sie diesem Zeichen geben, wird schon
die kommunikative, versammelnde, gemeinschaftsstiftende, miteinander und mit
dem "Herrn" verbindende Kraft dieses Zeichens deutlich: "Brechen
des Brotes", "Mahl des Herrn", "Tisch des Herrn",
"Zusammenkommen". Fünfmal gebraucht Paulus im 11. Kapitel des 1.
Korintherbriefes (das für die Eucharistie-Theologie besonders ergiebig ist)
die Vokabel "Zusammenkommen". Dass die Korinther, obwohl sie dabei
von der Lebenshingabe Jesu sprechen, faktisch nicht zueinander kommen, das
ist für ihn der große Skandal: "Was ihr macht, ist keine Feier des
Herrenmahles mehr!" Es sind nicht einmal die konfessionellen Spaltungen
in Korinth (Paulus-Gruppe, Apollos-Gruppe, Kephas-Gruppe, Christus-Gruppe),
die wischt Paulus souverän beiseite mit dem Hinweis auf den gemeinsamen
Grund in Jesus Christus, sondern es ist das soziale Auseinanderbrechen, die
Spaltung in Arme und Reiche, die das Mahl des Herrn zerstört.
Was für uns mindestens ebenso wichtig sein dürfte: Obwohl Paulus diese Zerstörung massiv anprangert, schreibt er den Korinthern doch nicht, sie dürften das Mahl nicht mehr miteinander feiern, sondern er gibt ihnen einen praktischen Hinweis, wie sie die Gemeinschaft wiederherstellen können: Die Reichen sollen auf die Armen Rücksicht nehmen. Auf diese Weise soll die Tischgemeinschaft die auseinander gedrifteten Teile wieder zusammenführen, die zerstörte Einheit der Gemeinde wieder herstellen.
Ökumenische Abendmahlsgemeinschaf:
Krönender Abschluss oder Stärkung auf dem Weg?
Eine ähnliche Tendenz scheint mir erkennbar im Abendmahlsbericht des
Lukas-Evangeliums. Der Erfurter Neutestamentler Heinz Schürmann hat uns
deutlich gemacht, dass Lukas dieses Kapitel so konzipiert hat, dass es als
"Gottesdienstordnung, Gemeindeordnung und Lebensordnung" für die
späteren Gemeinden gelesen werden kann. Da ist die Rede vom Rangstreit der
Jünger: Ausgerechnet beim letzten Abendmahl streiten sie darüber, "wer
von ihnen als der Größte gelten könne". Offenbar haben sie immer noch
nicht die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens in der Nachfolge Jesu
verstanden. Trotzdem sagt Jesus nicht: "Mit euch kann man nun wirklich
nicht das Abendmahl feiern!", sondern er versucht ihnen zu vermitteln,
worauf es ankommt, noch beim letzten Abendmahl und gerade durch dieses Mahl.
Mit dieser Erzählung schärft Lukas seinen Leserinnen und Lesern ein, wie
wenig Karriere-Gespräche zur Feier der Eucharistie passen. Aber zu der
Botschaft dieser Perikope dürfte auch gehören, dass die Gemeinden mit solch
unpassenden, albernen Eitelkeiten rechnen müssen, und dass selbst dann noch
das Abendmahl ein Ort sein kann, die Grundregeln der Nachfolge Jesu zu
lernen.
Weshalb halte ich mich bei dieser historischen Erinnerung auf? Ich meine, dass sie einiges in der aktuellen Diskussion über die Abendmahlsgemeinschaft zurechtrücken könnte. In dieser Diskussion prallen oft zwei Positionen aufeinander:
"Zeichen", "Quelle" und "Mittel"
Vom "Ökumenischen Direktorium" her könnte man eigentlich zu
anderen Folgerungen kommen. Es sagt von der Feier des Sakramentes "in
einer konkreten Gemeinde", diese Feier sei "das Zeichen der in ihr
bestehenden Einheit im Glauben, im Gottesdienst und im gemeinschaftlichen
Leben". Aber sofort anschließend ergänzt es: "Als solche Zeichen sind
die Sakramente, besonders die Eucharistie, Quellen der Einheit der
christlichen Gemeinde... und Mittel, sie aufzubauen", und fährt dann
fort: "Folglich ist die eucharistische Gemeinschaft untrennbar an die
volle kirchliche Gemeinschaft und deren sichtbaren Ausdruck gebunden".
(Nr. 129)
Diese Bindung zwischen "eucharistischer Gemeinschaft" und "voller kirchlicher Gemeinschaft" wird im innerkatholischen Disput um die Abendmahlsgemeinschaft oft so verstanden, als dürfte das Abendmahl erst gefeiert werden, wenn die volle kirchliche Gemeinschaft erreicht sei. Das passt aber schon nicht in die Logik dieses Direktoriums: Denn erstens nennt es die Eucharistie, wie gerade gezeigt, nicht nur "Zeichen schon bestehender Einheit", sondern auch "Quelle" und "Mittel", und zweitens erlaubt und ermutigt es ausdrücklich zur sakramentalen Gemeinschaft mit den orientalischen Kirchen, obwohl diese - nach der Aussage des Direktoriums - "nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen" (Nr. 122). Die grundsätzliche Aussage über das Junktim (die "Bindung") zwischen sakramentaler Feier und Kircheneinheit kann also nicht so verstanden werden, dass die volle kirchliche Einheit vorausgesetzt werden muss, sondern nur so, dass diese Einheit im Blick der Feiernden sein muss.
Auch das Zweite Vatikanische Konzil hatte schon, wenn auch noch etwas zurückhaltender, die Notwendigkeit ausgesprochen, in der Frage der "Communicatio in sacris" nicht nur vom Zeichen, sondern auch von der Kraft des gemeinsam gefeierten Gottesdienstes zu sprechen. Es verwendet dafür im Ökumenismusdekret die Formulierung von den zwei Prinzipien: "Ausdruck" und "Mittel", "Bezeugung" und "Gnade". "Bei besonderen Anlässen, zum Beispiel bei Gebeten, die 'für die Einheit' verrichtet werden, und bei ökumenischen Versammlungen, ist es erlaubt und auch erwünscht, dass sich die Katholiken mit den getrennten Brüdern im Gebet zusammenfinden. Solche gemeinsame Gebete sind ein höchst wirksames Mittel, um die Gnade der Einheit zu erflehen, und ein echter Ausdruck der Gemeinsamkeit, in der die Katholiken mit den getrennten Brüdern immer noch verbunden sind: 'Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen' (Mt 18, 20). Man darf jedoch die Gemeinschaft beim Gottesdienst (Communicatio in sacris) nicht als ein allgemeines und ohne Unterscheidung gültiges Mittel zur Wiederherstellung der Einheit der Christen ansehen. Hier sind hauptsächlich zwei Prinzipien maßgebend: die Bezeugung der Einheit der Kirche und die Teilnahme an den Mitteln der Gnade. Die Bezeugung der Einheit verbietet in den meisten Fällen die Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in manchen Fällen". (UR, Nr. 8)
"Realisierendes Zeichen"
Was die überlieferte Sakramententheologie in der heute vielleicht
etwas fremden Begrifflichkeit von Zeichen, Ursachen und Wirkung, vom
"Enthaltensein" der Gnade im Sakrament aussagt, das formuliert die
gegenwärtige katholische Theologie, indem sie vom Sakrament als
"Realsymbol", als nicht bloß informierenden, sondern auch
"realisierendem Zeichen", als Wirklichkeit schaffender Gebärde spricht,
in der die heilende und zusammenführende Nähe Gottes nicht nur dargestellt
wird, sondern sich auch ereignet. Auch von diesen Begriffen her legt sich
nahe, die Eucharistie nicht so lange auszusetzen, bis die Einheit vollkommen
hergestellt ist, sondern im Auseinanderzugehen die ausgestreckt Hand auch
wirklich zu ergreifen.
Das Wichtigste: Einheit in der Liebe
Schließlich noch ein Aspekt zur rechten Einordnung dieses Disputs.
Die wichtigste Dimension der durch die Eucharistie dargestellten Einheit ist
die Einheit in der Liebe. Deswegen können noch sinnvoll miteinander das Brot
brechen, die einander Feind sind und Feind bleiben wollen oder die nicht
miteinander teilen wollen, einander nicht das Leben gönnen. In der
Eucharistie feiern wir gewissermaßen das Gegenbild: Eine Welt, in der man in
Dankbarkeit und Freude miteinander teilt. Uns ist bewusst, wie weit wir von
diesem Gegenbild nicht entfernt sind. Wir feiern es trotzdem schon heute -
als Zeichen der Hoffnung: Hoffnung auf die Verwandlung der Welt und unsere
eigene Verwandlung, Hoffnung darauf, dass einmal volle Wirklichkeit wird,
was wir heute zeichenhaft darstellen. Aber wenn die volle Einheit
Voraussetzung für die Eucharistie wäre, dürften wir sie wohl niemals in
unserem Leben feiern. Wann wären wir schon in der Liebe vollkommen? Deshalb
verstehen wir mit Recht die Eucharistie als Stärkung auf dem Weg zur Einheit
in Gerechtigkeit und Liebe. Warum sollte sie uns dann nicht auch auf dem Weg
zur institutionellen Einheit Stärkung sein?
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Die wichtigste Dimension der durch die Eucharistie dargestellten Einheit ist die Einheit der Liebe. |
Merkwürdiger Widerspruch?
Gegen die Vorstellung, die Eucharistie als Sakrament der Einheit
könne erst am Ende eines Weges zur vollständigen Einheit gefeiert werden,
sprechen also sowohl der biblische Befund als auch unser eben skizzierte
dogmatische Tradition. Es wäre doch merkwürdig, wenn wir Katholiken heute,
bei der Diskussion über die Frage gemeinsamer Eucharistiefeiern die Rollen
wechseln würden; wenn ausgerechnet die katholische Theologie, welche in der
Reformationszeit die Wirkkraft des Sakramentes (über die bloße
Zeichenhaftigkeit hinaus) betonte, heute nur auf die Zeichenfunktion setzen
und der Wirkkraft der Eucharistie nicht mehr trauen würde.
Konsequenzen für die Frage der
Abendmahlsgesellschaft
Wir haben also im Ringen um die Abendmahlsgesellschaft auf beides zu
achten: einerseits auf den Zeichencharakter, andererseits auf die
verwandelnde Kraft der Eucharistie.
Das Sakrament wirkt nicht magisch. Es ist wahr: Verfeindete Kirchen dürften nicht das Zeichen der Einheit zelebrieren. Verfeindete Menschen können nicht ohne weiteres miteinander zur Kommunion gehen. Sie müssten zuvor nach dem Wort Jesu handeln: "Wenn du deine Opfergabe zum Altare bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altare liegen; geh und versöhne dich erst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!" (Mt 5,23f). Reiche, welche den Armen das tägliche Brot zum Leben verweigern, können, solange sie in dieser Gesinnung verharren, nicht sinnvoll mit denen zusammen das eucharistische Brot des Lebens teilen, denen sie das Brot zum Leben verweigern. Von hierher halte ich manche Exkommunikationen für überzeugend, die von Bischöfen im Nordosten Brasiliens gegenüber jenen reichen Großgrundbesitzern ausgesprochen wurden, die mit Hilfe gedungener Pistoleros die Hütten armer Landflüchtiger und deren einzige Ernährungsmöglichkeit zerstören ließen. Wer das Zueinanderkommen grundsätzlich ablehnt, kann nicht das Sakrament der Zusammenführung feiern. Ähnliches dürfte auch gelten, wenn die potenziellen Teilnehmer sich gegenseitig den Glauben absprechen oder sich ausdrücklich, fest und beharrlich weigern, auf die ökumenische Einheit zuzugehen.
Die einheitsstiftende Dynamik der
Feier
Das dürfte aber für die gegenwärtige ökumenische Situation nicht
zutreffen. Die Lage scheint mir vielmehr gekennzeichnet zu sein durch eine
starke Sehnsucht nach Einheit, durch viele - mal mehr behutsame, mal mehr
energische - Bemühungen, zueinander zu kommen, durch ungezählte Gespräche,
durch gemeinsames Beten, gemeinsames Engagement für soziale Ziele, und das
ausdrücklich im Bewusstsein der Verbundenheit mit Jesus Christus und der in
ihr begründeten Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden. Deshalb
plädiere ich dafür, in dieser Situation auf die Wirkkraft des Sakraments zu
setzen, auf die einheitsstiftende Dynamik der Feier der Eucharistie.
"Skandal der Trennung " -
"Wegbereiter christlicher Einheit"
Schon vor dreißig Jahren sprach Karl Lehmann von einem Weg und vom
"möglichst gleichzeitigen Miteinander", von Lebenspraxis und
eucharistischer Praxis. "Die eucharistische 'Sammlung der
Zerstreuten' sollte möglichst in einem gleichzeitigen Miteinander auf dem
Weg des Glaubens und des Gottesdienstes, der tätigen Liebe, der kirchlichen
Ordnung und einer gegenseitigen Anerkennung vorankommen". Er sah (ganz
realistisch) unterschiedliche Geschwindigkeiten der auf diesem Wege
Gehenden: "Im besonderen Situationen, wo trotz der Trennung der
Christenheit die Einheit eines gemeinsamen Lebens in besonders intensiver
Weise real erfahren wird (zum Beispiel gemeinsam getragene Notlagen:
Verfolgung, Gefängnis, Katastrophen; die wirklich christlich gelebte Ehe
bekenntnisverschiedener Paare), wird das alltäglich im Glauben miteinander
Errungene im sakramentalen Zeichen gegenwärtig. Hier sind vermutlich die
wahren Vorzeichen und Wegbereiter christlicher Einheit zu finden, weil für
solche 'Fälle' Abendmahlsgemeinschaft die Vollendung einer mühsam,
ehrlich und oft verborgen durchkämpften und durchlittenen Wegstrecke
gemeinsame christlicher Existenz bedeutet".
Walter Kasper (damals ebenfalls Dogmatik-Professor, heute römischer Kardinal und Leiter des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen) sagte in derselben Schrift: "Die eigentliche Irregularität sind nicht solche offene Kommunionfeiern, sondern die Spaltung und gegenseitige Exkommunikation der Kirchen. Die nicht positiv genug zu würdigende Funktion einzelner Gruppen, welche hier vorpreschen, ist es, dass sie den Kirchen den Skandal ihrer Trennung im Sakrament der Einheit immer wieder vor Augen führen und dafür sorgen, dass wir uns nicht bequem mit dem Status quo abfinden. Deshalb können einzelne gemeinsame Eucharistiefeiern, wenn sie in christlicher Verantwortung begangen werden, ein Zeichen der Hoffnung sein, dass die trennenden Gräben der Vergangenheit durch gemeinsame Anstrengung überwunden werden können, indem sich alle im Glauben an den einen Herrn um den einen Tisch versammeln, um das eine Brot zu teilen und sich zu einem Leib verwandeln zu lassen".
Aus mindestens zwei Gründen ist es mir wichtig, an diese Stimme heute zu erinnern:
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Wer das Zueinanderkommen grundsätzlich ablehnt, kann nicht das Sakrament der Zusammenführung feiern. |
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Prof. Dr. Franz-Josef Nocke, geboren 1932 in Bochum. Studium der Philosophie, der Germanistik und der Katholischen Theologie in Paderborn, Innsbruck, Münster, München und Paris. 1962 Promotion in München (Dr. theol.), 1965 Kaplan in Essen, 1968 Studentenseelsorger in Gelsenkirchen. 1970 Dozent an der Pädagogischen Hochschule Ruhr, seit 1972 an der Gesamthochschule Duisburg. 1978 Habilitation in Duisburg (Systematische Theologie), 1981 Professor für Systematische Theologie / Dogmatik an der Universität Duisburg, 1993 Professor für Systematische Theologie / Dogmatik an der Universität Essen. 1998 emeritiert.
Weitere Infos: http://www.uni-essen.de/Kath-Theologie/nocke.htm |