Ökumenischer Kirchentag 2003 in Berlin - Ein Meilenstein?

Ökumenischer Kirchentag (ÖKT) in Berlin (28.5.-1.6.2003): "Ein Meilenstein in der bewegten Geschichte unserer Kirche", wie Präses Manfred Kock beim Schlußgottesdienst vor dem Reichstagsgebäude verkündigte? Oder: "Kein ökumenischer Meilenstein", wie die FAZ am 2.6.03 auf S. 1 meinte kritisch feststellen zu können? Beide unmittelbaren Resümees zu diesen ökumenischen Ereignis sprechen aus ihrer jeweiligen Perspektive Zutreffendes aus.

1. Erlebte Gemeinschaft
Für viele der fast 200.000 Dauerteilnehmer (61% evangelische; 36,2 % römisch-katholische; 2,8 % orthodoxe, anglikanische, freikirchliche u.a.) war es ein geistliches Ereignis in unserer Erlebnisgesellschaft. Erlebnisse haben sie gemacht: beim ökumenischen Feiern der Eröffnungs- und Schlußgottesdienste "mit allen Sinnen"; beim gemeinschaftlichen Gotteslob in den verschiedenen Gottesdiensten, Andachten, Tagzeitengebeten und geistlichen "Auszeiten"; beim gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes heiliger Schrift mit Erkenntnisgewinnen zu den Bibeltexten Eph 1,3-14; 1. Mose 32, 23-33; 1. Mose 1, 26-2,3; beim kritisch interessierten Verfolgen der Vorträge und Diskussionen zu den vier Themenbereichen: "Glauben bezeugen - im Dialog leben"; "Einheit suchen - in Vielfalt einander begegnen"; "Menschenwürde achten - die Freiheit wahren"; "Welt gestalten - in Verantwortung handeln"; weiter bei den Begegnungen an den Informationsständen der Agora, bei Theater, Besichtigung, Spiel und vor allem Musik.

Bedrängend nah war die Grenze zur Unübersichtlichkeit der 3200 Veranstaltungen auf diesem Christentreffen; auch fransten seine Ränder bisweilen aus und blieben unscharf. Gleichwohl war die Grundorientierung des ÖKT und der cantus firmus des Festes der Christen in der von Säkularisierung und Re-religionisierung gekennzeichneten Metropole Berlin erlebbar: Gemeinschaft als versöhnte Verschiedenheit durch den Glauben an den dreieinen Gott "im Gebet, Tun des Gerechten und Warten auf die Zeit Gottes" (D. Bonhoeffer). Die erlebte Gemeinschaft des ÖKT aber sollte nachhaltige ökumenische Erfahrung werden!

2. Thematische Höhepunkte
Ein gelungenes Wagnis war der ÖKT in der Hauptstadt Berlin. Zu seiner Vorgeschichte gehört das Augsburger Pfingsttreffen (1971) mit weitreichenden ökumenischen Impulsen; "Evangelische Kirchentage" und "Katholikentage" wurde danach im ökumenischen Horizont gefeiert; 1996 kam es zu einer Absichtserklärung für einen gemeinsamen Kirchentag. Nun fast sieben Jahre später wurde erstmals der ÖKT von der so unterschiedlich strukturierten evangelischen Laienbewegung des "Evangelischen Kirchentages" und dem viel stärker in die römisch-katholische Kirchenhierarchie integrierten "Katholikentag" - später auch mit den ACK-Kirchen - gemeinsam geplant, vorbereitet und durchgeführt. Nicht verschwiegen bleiben sollten allerdings die Verzichtsleistungen evangelischerseits: das Feierabendmahl in und mit den Ortsgemeinden am Freitagabend, die Feier des Schlußgottesdienstes als gemeinsames Abendmahl.

a. Entsprechend konzentrierte sich die Diskussion nicht nur im Vorfeld, sondern auch am Donnerstag des ÖKT selbst auf das Thema "Eucharistische Gastfreundschaft". Mit dem "Wittenberger Wort. Evangelisch im 21. Jahrhundert" des Evangelischen Bundes und des Gustav-Adolf-Werkes (29.4.2000) im Rücken hatte sich das Konfessionskundliche Institut (Bensheim) zusammen mit dem Institut für Ökumenische Forschung (Tübingen) und dem Centre d´Études Oecuméniques (Straßburg) nach 1 1/2-jähriger wissenschaftlicher Arbeit für die theologisch und pastoral verantwortliche "eucharistische Gastfreundschaft" ausgesprochen in einer 83seitigen Studie "Abendmahlsgemeinschaft ist möglich", die im April 2003 veröffentlicht wurde. Leider haben die Feiern "eucharistischer Gastfreundschaft" in der Berliner Gethsemane-Kirche während des ÖKT den kirchentrennenden Dissens vor Augen geführt; der römisch-katholische Pfarrer Bernhard Kroll, der am evangelischen Abendmahl teilnahm, wurde mit der Härte des römischen Kirchengesetzes suspendiert vom Eichstätter Bischof Walter Mixa. Der Skandal der uneinen christlichen Kirchen wurde deutlich. Gewiß kein ökumenischer Meilenstein.

b. Am Freitag des ÖKT stand die feierliche Unterzeichnung des Anerkennung der Charta Oecumenica im Mittelpunkt. Die Charta Oecumenica war am 22.4.2001 in Straßburg vom Präsidenten der Konferenz Europäischer Kirchen Metropolit Jérémie und von Kardinal Miroslav Vlk, Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenz, als Empfehlung zur Annahme durch die christlichen Kirchen in Europa unterschrieben worden. Viel Aufmerksamkeit fand sie seitdem. Nun wurde sie beim ÖKT durch 16 verschiedene Kirchen in Deutschland als ökumenische Selbstverpflichtung angenommen. Vorwärtsweisend heißt es darin: "Wir verpflichten uns auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegensteht" (II, 4). Unter anderem wird die "fehlende eucharistische Gemeinschaft" angemahnt (II, 5) sowie zur "gemeinsamen Verantwortung" für das multikulturelle und multireligiöse Europa im West-Ost-Geflecht und Nord-Süd-Gefälle unserer Erde aufgerufen (III). Gewiß ein ökumenischer Meilenstein.

c. Am Samstag des ÖKT dominierten die globalisierungskritischen Themen - auch mitbedingt durch den bevorstehenden G8-Gipfel in Evian - und die gesellschafts-, kultur-, religions- und kirchenpolitischen Fragen der Einigung Europas - auch mitbedingt durch die Schlußphase der Erarbeitung einer Europäischen Verfassung. Frömmigkeit und gesellschaftliches Engagement sowie Pluralität und Partizipation gaben somit dem ÖKT sein unverwechselbares Profil.

3. Ökumenischer Zugewinn: Erfahrung von Differenz und Verständigung
Die erlebte Gemeinschaft des ÖKT sollte nachhaltige ökumenische Erfahrung werden - ein Wunsch an den Zugewinn des ÖKT-Events. Damit stellt sich die Frage nach der Langzeitwirkung dieses erstmaligen ökumenischen Ereignisses, nach seiner Ausstrahlungskraft in der Zeit nach der "Auszeit", in der - wie orthodoxe Theologen sagen - "Liturgie nach der Liturgie". Bekanntlich werden Erlebnisse zu Erfahrungen, wenn jene reflektiert mitteilbar und in der Lebensgeschichte sich zu eigen gemacht werden durch ein verstehendes Deutungsmuster, das eine Grundorientierung verleiht. Der ökumenische Verstehens- und Deutungszusammenhang des ÖKT besagt: "Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt"; so verkündet ihn der "Schlußbericht" von "Lehrverurteilungen - kirchentrennend?" (26.10.1985); so erklärt ihn Papst Johannes Paul II. im vom Apostolischen Nuntius Giovanni Lajola verlesenen Grußwort zum ÖKT entsprechend der Enzyklika "Ut unum sint ", Nr. 20.

Durch den gemeinsamen Quell- und Lebensgrund des Evangeliums ist der ökumenische Weg der Kirchen unumkehrbar. Keine Kirche kann ohne die anderen Kirchen wirklich Kirche sein. Der geistliche Ökumenismus trägt und erhält die Gemeinsamkeit, und zwar in versöhnender und versöhnter Verschiedenheit, d.h. im "differenzierten Konsens" und in unterscheidender Differenzierung, im Aushalten des Strittigen und Sperrigen um der theologischen und pastoralen Klarheit und Wahrheit willen. Gegen eine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners, gegen eine Ökumene gleich gültiger Gleichgültigkeit oder selbstgenügsamer Freundlichkeiten wurden auf dem ÖKT die konfessionellen Differenzen und ökumenischen "Knackpunkte" angesprochen und verständlich gemacht. Es handelt sich um Themen wie: Abendmahl/Eucharistie, allgemeines Priestertum/Amtsverständnis, Bischofsamt/apostolische Sukzession, Papsttum/universales Sprecheramt, Kleinkind-/Gläubigentaufe, Glaubens-/Geistverständnis, Kirchenverständnis usw. Das Konfessionskundliche Institut hatte im Vorfeld des ÖKT die informatorische Handreichung für Gemeindeglieder "Was eint? - Was trennt?" erarbeitet; auf dem ÖKT brachten die Referenten bei der "Kleinen Konfessionskunde" und bei den Hauptforen zum Themenbereich 2 ebenfalls konfessionskundliche Information und ökumenische Dialogerfahrung mit ein.

Der erfahrene Lerngewinn des ÖKT liegt gerade darin, die - im Verstehenszusammenhang "Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt" - profilierten konfessionellen Unterschiede neu wahrzunehmen und Identität und Differenz, Differenz und Verständigung verantwortlich zu reflektieren und miteinander zu verbinden. Je näher sich die christlichen Kirchen kommen, um so signifikanter werden die Unterschiede - diese Erfahrung kennzeichnet ökumenischen Realismus als Profilökumenismus.

Der erfahrene Zugewinn der erlebten ökumenische Gemeinschaft des ÖKT erweist sich somit darin, die Differenzen als gegenseitige Bereicherung zu verstehen und in geistlicher Gemeinschaft versöhnender und versöhnter Verschiedenheit der Kirchen zu leben in Zeugnis und Dienst. Und diese ökumenische Erfahrung ist nachhaltig zu vertiefen. Der ÖKT "Ihr sollt ein Segen sein" hat sich als Segen erwiesen. Seine Zeitansage ist, ihn zu wiederholen, sei es in Berlin 2007 oder in Nürnberg 2008. Nach der Erfahrung von Berlin 2003 sollte der wiederholte ÖKT von Beginn an zusammen mit den ACK-Kirchen geplant, vorbereitet und durchgeführt werden.

Somit ist der ÖKT in Berlin mit dem Zugewinn erlebter ökumenischer Gemeinschaft, thematischer Höhepunkte, der Erfahrung von Identität und Differenz, Differenz und Verständigung und dem Langzeitwunsch nach Wiederholung des ÖKT ein ökumenischer Meilenstein. (Michael Plathow)

Aus: Konfessionskundliches Institut Bensheim, Materialdienst 3/2003
Quelle: http://www.ekd.de/ki/materialdienst/033leit.html


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