Ein kleiner Rebell
Gotthold Hasenhüttl, der vom Amt suspendierte Priester, gehört beileibe nicht in die Reihe der Ketzer der katholischen Kirche

FR, 1.8.2003. Er hat mit beiden zu tun gehabt, damals in Tübingen an der theologischen Fakultät. Mit dem Abweichler Hans Küng. Mit dem heutigen Hardliner Joseph Ratzinger. Damals, 1964 bis 1969, die Aufbruchstimmung der katholischen Kirche war allerorten mit Händen zu greifen, meinten alle drei noch, einer Meinung zu sein, jedenfalls im Prinzip. Die Kirche erneuern, das wollten sie. Die Fenster aufreißen und die muffige Luft rauslassen, das war ihr Slogan.

Doch dann trennten sich ihre Wege. Ratzinger bekam Angst, dass durch das offene Fenster zu viel Weltliches in die Kirche hineinziehen könnte, und änderte seinen Kurs. Er wurde Bischof, Kardinal, Teil der Hierarchie und Verteidiger der Tradition. Mühsam drückte er die Fenster wieder zu. Küng dagegen riss sie immer wieder auf. Stellte die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage, suchte neue Antworten in den Religionen der Welt. Ratzinger, der Systemagent, machte Karriere in Rom. Küng, der Systemopponent, verlor die Lehrerlaubnis. Doch beide sind sie große Theologen, jeder für seine eigene Klientel, aber jeder auch Galionsfigur für große Strömungen in der Kirche.

Der Kardinal für die, die Angst haben, dass die Kirche nichts mehr zu sagen hat, weil sie ihr eigenes Erbe verpulvert. Der Professor für die, die Angst haben, dass die Kirche nicht mehr verstanden wird, weil sie in der Vergangenheit lebt. Und auf welcher Seite man auch stehen mag, beide Ängste sind berechtigt.

Der Dritte, von dem hier die Rede sein soll, ist nicht der Dritte im Bunde. Seine Theologie war nie so glanzvoll wie die von Ratzinger und nie so sehr an die Wurzeln gehend wie die von Küng. Gotthold Hasenhüttl war Assistent von Küng, damals in Tübingen, doch später ging er seine eigenen Wege. Er wurde 1974 Professor in Saarbrücken, eher am Rand einer Landkarte der katholischen Theologie. Und heute, kurz nach seiner Emeritierung, steht er im Ruf, ein Ketzer zu sein. Ein Abweichler, einer, der sich auflehnt gegen die katholische Kirche, ein Aufmüpfiger, ein Rebell.

Gotthold Hasenhüttl hat beim Ökumenischen Kirchentag Eucharistie gefeiert und hat auch evangelische Christen eingeladen, an der Kommunion teilzunehmen. Der Trierer Bischof Reinhard Marx hat ihn aufgefordert, die Sache zu bereuen. Hasenhüttl hat das abgelehnt. Marx hat ihn daraufhin vom Priesteramt suspendiert. Eine ziemlich hohe Strafe, die nur noch von der Exkommunikation übertroffen werden kann. Und eine überzogene. Hasenhüttl hat gegen die Suspendierung Protest eingelegt beim Vatikan. Dort liegt der Fall jetzt, und so lange Rom nicht entscheidet, bleibt Hasenhüttl Priester. Das sind fürs Erste die Fakten. Und sie haben, man muss das so sagen, in der Öffentlichkeit nicht gerade für Furore gesorgt. Küng, Drewermann, Lay - die Rückzugsgefechte der katholischen Kirche gegen ihre Ketzer rufen immer seltener Empörung hervor und immer häufiger Achselzucken. Selbst in der katholischen Presse ist das Echo gering. Kein Skandal nirgends. Aber ein Symptom.

An der Person Gotthold Hasenhüttl kristallisiert sich wieder einmal die Situation der katholischen Kirche, die der Zeitströmung ziemlich hilflos ausgeliefert ist. Die einen sehnen sich zurück in goldene Jahrhunderte, in denen jeder wusste, was er zu glauben hat. Die anderen hoffen darauf, dass die Kirche sich von Dingen verabschiedet, die immer noch zu glauben für viele eine Zumutung ist. Die einen schreiben Hasenhüttl erboste Briefe, fordern ihn auf zu tun, was der Bischof befiehlt, werfen ihm vor, die Eucharistie "entehrt" zu haben, weil er sie evangelischen Christen gegeben habe. Die anderen bekunden ihre Sympathie für das, was er in Berlin getan hat.

Doch der Streit des Bischofs Marx gegen den Professor Hasenhüttl ist die falsche Adresse. Marx hat plump die Keule der Hierarchie geschwungen, hat ein Exempel statuieren wollen und einen Sündenbock gefunden. Dass es hier zu Lande gängige Praxis ist, dass evangelische Christen an der Eucharistie teilnehmen, weiß auch der Trierer Bischof. Er ahndet bloß den einen öffentlichen Regelverstoß, weil er gegen die alltägliche Aufweichung des Verbots nichts tun kann. Seine vermeintlich harte Tat zeigt nichts als Schwäche, vor allem, wenn man sich ansieht, gegen wen er hier die Keule schwingt.

Gotthold Hasenhüttl ist ein freundlicher Mensch. Hat einen Kamin im Arbeitszimmer, ein Fell im Flur, Urkunden an der Wand und an der Haustür ein Klingelschild, auf dem "Prof. Dr. Hasenhüttl" steht. Er hat jahrzehntelang Theologie gelehrt und dicke Bücher geschrieben. Einen großen Namen hat er sich dabei nicht erworben. Anders als Küng, Drewermann und Lay ist er nicht durch seine Bücher zum Ketzer geworden, sondern nur dadurch, dass er medienöffentlich das getan hat, was sehr viele Priester sehr häufig tun: den Papst in Rom einen guten Mann sein lassen und mit evangelischen Christen gemeinsam Eucharistie feiern.

Dabei ist es nicht so, dass Hasenhüttl nur brave Dinge geschrieben hat. Im Gegenteil. In seiner zweibändigen Dogmatik "Glaube ohne Mythos" verabschiedet er sich so ziemlich von allem, was katholische Theologie ausmacht. Gott ist nur noch das Ereignis zwischenmenschlicher Liebe. Ob Jesus gelebt hat oder nicht, macht letztlich keinen Unterschied. Die Eucharistie ist nur ein "himmlisches Bild", so wie Hunger ein Bild für "höllisches Dasein" ist. Undsoweiterundsofort. Nicht, dass man das nicht so sehen kann. Aber was das noch mit Christentum auch nur im Entferntesten zu tun haben soll, darf schon gefragt werden. Der Theologe Klaus Berger stellte fest: "Die Selbstbanalisierung des Christentums hat hier ihre Talsohle erreicht." Bei der Lektüre der 1600 Seiten muss es sogar Hans Küng frösteln.

Doch hat das Buch kaum jemanden interessiert. In der theologischen Buchhandlung sagt man, dass der Autor nur sehr selten nachgefragt werde. Und unter Theologieprofessoren gilt Hasenhüttl als "Außenseiter, den man nicht mehr liest". Nicht weil er "den Ballast der dogmatischen Mythenbildung abwirft", sondern weil er mit dem Ballast auch gleich noch die Substanz über Bord gehen lässt. Hasenhüttl selbst nennt das ein "postmodernes adäquat christliches Selbstverständnis". Im Grunde ist es aber nur ein Dokument religiöser Sprachlosigkeit.

Jetzt sitzt Hasenhüttl in seiner Wohnung in Saarbrücken, schenkt Kaffee nach und erzählt von seiner Vision einer Art nachchristlichen Kirche. Auch wenn er das nicht so nennt. Er ist sehr erstaunt, dass sein Bischof ihn dermaßen hart maßregelt. "Nach 500 Jahren findet zum ersten Mal ein gemeinsamer Kirchentag statt, und statt sich gegenseitig einzuladen, sollen sich evangelische und katholische Christen gegenseitig ausladen. Das ist falsch. Ich bereue nichts", sagt Hasenhüttl.

Er wirkt wie einer, der mit seiner Kirche trotz 44 Jahren Priesterseins ohnehin abgeschlossen hat. Rupert Lay hat in seinem Buch "Die Ketzer" geschrieben: "Christliche Ketzer übernehmen eine wichtige Aufgabe: Sie befragen das ideologische Zentrum, ob es noch die Jesusbotschaft lebe." Hasenhüttl hat jahrelang versucht, solch ein Ketzer zu sein, auch wenn er selbst vielleicht keine besonders überzeugende Lesart der Jesusbotschaft anzubieten hatte. Auf die Fragen hat kein Bischof geachtet. Erst als sich Hasenhüttl daran machte, an einer Ecke des Kirchenrechts zu säbeln, wird einem Bischof angst und bange. Und auf einmal wird aus einem, der gern Ketzer wäre, tatsächlich ein Ketzer.

Hasenhüttl, das ist keine Frage, wurde viel zu hart bestraft. Aber, das ist leider auch wahr, Hasenhüttl ist die falsche Galionsfigur für das ökumenische Anliegen vieler Katholiken. In einem Zeitungsinterview hat er den Bischöfen vorgeworfen, sie verlangten einen "Eichmann-Gehorsam". Damit, sagt Hasenhüttl im Gespräch, habe er nur einen seiner geistlichen Lehrer zitiert, der gesagt habe, man solle nie einen "Eichmann-Gehorsam" schwören, sondern nur seinem Gewissen folgen. Was bleibt, ist das Bild von einem, der ein kleiner Rebell ist und kein großer Ketzer. (Markus Brauck)

Aus: Frankfurter Rundschau, 1.8.2003
Quelle: http://www.fr-aktuell.de


<== Zurück zum IKvu-SPECIAL

<== Zurück zur IKvu-Startseite